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Neue Freie Presse, 2.01.1896 - Die Vorgänge in der Türkei
Konstantinopel, 31. December. Auf das von den Botschaftern gesteckte Anerbieten, die Herstellung des Friedens in Zeitun zu vermitteln, wie dies 1862 und 1879 geschehen war, hat die Pforte noch nicht geantwortet, und man nimmt daher an, daß die türkische Regierung ausweichend oder ablehnend antworten werde.
Konstantinopel, 31. December. Die vorige Woche hier verbreitet gewesenen Gerüchte über die Beschießung von Mersina [Mersin] durch ein amerikanisches Kriegsschiff entbehren jeder Begründung und illustriren blos die Leichtgläubigkeit und Erregbarkeit des hiesigen Publicums. Es befinden sich derzeit im Golf von Mersina und Alexandrette je ein Schiff des amerikanischen Geschwaders, welcher aber zu keinerlei Action Anlaß hatten.
Konstantinopel, 31. December. Nach Consularberichten aus Aleppo fanden am Samstag den 28. December und gestern, Sonntag, in Urfa abermals Massacres statt. Die Zahl der Opfer ist nicht bekannt. Es ist das zweite mal binnen kurzem, daß Urfa der Schauplatz von Gräuelthaten ist. Die Zahl der in den letzten drei Monaten gefallenen Armenier wurde vor einigen Wochen mit sechsigtausend angegeben. Jetzt wird die Zahl der Opfer auf nahezu hundertausend geschätzt. Das Elend der Ueberlebenden ist groß. Man spricht in sonst gut unterrichteten Kreisen davon, daß gegen zweihunderttausend Menschen, aller Habseligkeiten und Existenzmittel entblößt, der bitteren Armuth preisgegeben sind, was indes nicht zu controlliren ist und wol übertrieben sein dürfte. Die Hilfsaction der Regierung erweist sich nur an einzelnen Orten von Wirkung. Die Organisation von Hilfe in großem Style wäre dringend nothwendig.Konstantinopel, 31. December. Nach nicht genauer beglaubigten Berichten aus Aleppo wären in Aintab [Gaziantep] und Urfa im Vilajet Aleppo am 28. und 29. d. M. neue Gewaltthätigkeiten vorgekommen, bei denen sich die Localbehörden theilnahmslos verhalten hätten; eine Bestätigung bleibt abzuwarten. Das kretenische Comite theilte dem Consularcorps seien Weigerung, sich zu unterwerfen, mit; auch die empfohlene Abreise lehnte das Comite ab.
Konstantinopel, 31. December. Das Ergebnis der Mission des Gouverneurs von Marasch [Kahramanmaras], die Aufständischen in Zeitun zur freiwilligen Unterwerfung zu bewegen, ist bisher nicht bekannt. Im vierten Armeecorps wurden, da einige Redif-Bataillone der XXX mit der Bevölkerung verdächtig erschienen, Dislocations-Veränderungen und Transferirungen von Officieren verfügt. Die Verpflegung der Redifs stößt andauernd auf große Schwierigkeiten, so daß das Kriegsministerium größere Entlassungen beauftragte, wogegen jedoch mehrere Provinzbehörden, namentlich unter Hinweis auf die noch nicht bewerkstelligte Beruhigung der Kurden, opponiren.
Köln, 1. Januar. Wie die Kölnische Zeitung aus Erzurum meldet, sei der dortige armenischen Bischof am 30. December v. J. auf Befehl der Regierung verhaftet und nach Konstantinopel befördert worden. Demselben werde sein Wohnsitz zur Verhütung von Unruhen ergriffen worden, doch blieb die Stadt nach kurzer Erregung ruhig. Der Bischof habe bei den Behörden als Führer der Bewegung gegolten.
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