DIE ZEIT, 29.05.1958 - Zurück zum Fez?

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Thursday, 29. May 1958
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DIE ZEIT, 29.05.1958 Nr. 22 - 29. Mai 1958 http://www.zeit.de/1958/22/Zurueck-zum-Fez
Zurück zum Fez ?
Die Türkei scheint sich vom Laizismus abzuwenden S.C., Ankara, im Mai
Die türkische Polizei hat unlängst einige Dutzend Leute verhaftet, die durch die Verteilung religiöser Traktate unliebsam aufgefallen waren. Gleichzeitig hat sie in den großen Städten Razzien gegen die 7/;<r-(„Licht")-Sektedurchgeführt, die angeblich eine Million Mitglieder zählt und deren Oberhaupt, ein Neunzigjähriger kurdischer Abstammung, in der südwesttürkischen Stadt Isparta lebt. Diese Vorgänge rühren an die Achilles-Ferse der Türkei: die religiöse Frage. Grundlage der Verhaftungen war ein Gesetz, das jedwede religiöse Propaganda durch Wort oder Schrift — bei Strafandrohung von Gefängnis bis zu siebeneinhalb Jahren — verbietet. Die Strenge dieses Gesetzes entspricht der Furcht, von der viele Türken der modernen Generation besessen sind — der Furcht vor „Irtija", der religiösen „Reaktion", die sich der Verwestlichung des Landes und der — in die zwanziger Jahre zurückdatierenden — Säkularisierung Kemal Atatürks widersetzt. Kemal hatte 1923 das Kalifat abgeschafft, jenes geistliche Amt, das die türkischen Sultane jahrhundertelang innehatten und das ihnen zu ihrer weltlichen die geistliche Würde eines Oberhauptes aller Moslems gab. In der neuen Verfassung wurde dann 1928 jede Erwähnung des Islams als Staatsreligion gestrichen; seitdem ist die Türkei ein laizistischer Staat. „Laizismus" definieren die Türken als „Verbot religiöser Einmischung in die Politik". Solcherlei Laizismus ist freilich leichter zu postu- Heren als zu erzwingen. Fast die ganze Türkei vergaß im vergangenen Monat ihren Ärger über Zypern, vergaß die sowjetische Bedrohung, die Gipfelgespräche, die Atomraketen und selbst die ernste Wirtschaftslage: sie feierte Sugar Bayram, das religijse Fest, mit dem der Fastenmonat Ramadan ausklingt. Während des Ramadan aber drängten sich in den Moscheen die Gläubigen. Und es wurde weder einmal deutlich: die Türkei, obwohl nach dem Gesetz laizistisch, ist noch immer muselmanisch. Zwar hatte Atatürks Revolution mit den althergebrachten Sitten und Gebräuchen aufgeräumt. Es wirde verboten, den Fez — die traditionelle Kopfbedeckung — zu tragen; die Religionsstunden in den Schulen wurden abgeschafft, die Orden und Logen der Derwische aufgelöst, und die Muezzins wirden gezwungen, auf Türkisch statt auf Arabisch zum Gebet zu rufen. Die Freiheit der Religionsausübung wurde zwar garantiert, aber praktizierender Maslem zu sein — das wurde von der Generation, di: unter Atatürk heranwuchs, doch ganz unverhchlen als altmodisch und rückschrittlich verworfen. Nun hat die Demokratische Partei jedoch, seit sie 1950 an die Macht kam, die Religion still aber entschieden wieder gefördert. Die Etat-Summe, die dem Direktorat für religiöse Angelegenheiten zur Virfügung steht, ist seitdem verfünffacht worden; in den Schulen wird wieder Religionsunterricht erteilt; im
Rundfunk werden regelmäßig Lesungen aus dem Koran übertragen, und die Muezzins rufen die Gläubigen wieder in arabischer Sprache zum Gebet. Damit ist es zu erklären, daß die Opposition jetzt die Regierung beschuldigt, den Frommen im Lande - T or allem der bäuerlichen Bevölkerung -rim Hinblick auf die Wahlurnen um den Bart zu gehen. So dricken es jedenfalls die oppositionellen Politiker au>. Aber die Intellektuellen atatürkscher Prägung, die aus Überzeugung das Prinzip des Laizismus vertreten, sind ernstlich beunruhigt: sie befürchten nämlich, daß es sich bei alledem nicht etwa um eine religiöse Erneuerung, sondern um die Machenschaftei religiöser Reaktionäre handelt. Sie befürchten, daß dies nicht nur den Sekten und Fanatikern — wis der iV«r-Gememschaft — frischen Wind zuführen wird, sondern daß hier die Axt an die Fundam<nte der ganzen westlichen Orientierung der Türke, gelegt werden könnte. tn ihnen sitzt die Angst, daß nun, da ebensoviele Moscheen wie Schulen gebaut werden, die Moschee zun Ort werden könnte, an den sich die Gläubigen aus der -westlichen Technologie flüchten, die seit 1918 das Land überschwemmt — die Angst, daß nun alles wiederkehren wird: der Schleier der Fnuen, die Starrheit der islamischen Gesetze und dit Verschlossenheit gegenüber allem Neuen. „Was wir brauchen, ist nicht der Wissenschaftler, der binnen zwölf Monaten einen Amerikaner auf den Mond befördern kann, sondern der Staatsmann mit tiefem Verständnis für den Menschen und seine Welt." Earl J.McGrath, amerikanischer Pädagoge „Es ist unmöglich, Foster nicht zu respektieren. Aber es ist verflucht schwer, ihn zu lieben." Ein US-Diplomat über John F. Dullet „Drum denke stets daran, wenn du durch Frankfurts Straßen fährst, du bist das Gaswerk!" Wir vom Gaswerk, Werkzeitschrift der Main-Gaswerke AG.
ZEIT ONLINE 1958

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