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DIE ZEIT, 28.10.1954 Nr. 43 - 28. Oktober 1954 http://www.zeit.de/1954/43/Kunst-zwischen-Mohammed-Byzanz-und-Atatuerk
Kunst zwischen Mohammed, Byzanz und Atatürk
Nachklänge eines Kritikerkongresses in Istanbul / Von Gert Schiff GERT SCHIFF
Als SS Ankara, eines der schönsten Schiffe der türkischen Flotte, eines Tages, wie allmonatlich, von Marseille über Genua, Neapel, Piräus nach Istanbul fuhr, zeigte sich, daß mehr als die Hälfte der internationalen Fahrgäste untereinander bekannt waren. Es waren Mitglieder der AICA (Association Internationale des Critiques d'Art), Ihre gemeinsame Reise ging zum diejährigeri Kongreß in Istanbul. Wozu ein Kunstkritikerverband? — wird man fragen. Wozu Kongresse und gerade dieser in Istanbul? Nun, die Kunst ist längst nicht mehr eine Sache, die sich von selbst verstellt, sie ist auch keine Angelegenheit, die jede Nation mit sich allein abmadien könnte. In allen Ländern hat sich gezeigt, daß die Kunst der Gegenwart und das gegenwärtige Publikum sich voneinander entfernen. Schon die Frage nach Sinn und Wert eines einzelnen Kunstwerkes lenkt oft den Blick auf Ungewißheiten im Grundsätzlichen. Darum halten die Publizisten lind Museumsleute, die sich zur AICA zusammenschlössen, alljährlich einmal Rat ab über die Methoden ihrer beruflichen Arbeit. Als im vorigen Jahr auf dem Kongreß in Dublin die türkischen Delegierten nach Istanbul einluden, wurde der Vorschlag erfreut akzeptiert als Anlaß, einmal dem Problem Orient-Okzident, dem Anteil orientalischer Formen in westlicher Kunst, nachzugehen. Der Kongreß wurde abenteuerlich durch die Häufung #widerstreitende! Eindrücke. Hatte man am Vormittag, sehr westlich, etwa das 7 Thema „Critique d'Art et Philosophie" diskutiert, so fand man sich nachmittags im bläulichen FayenceDämmer der Ahmet-Moschee mit ihren. Kuppeln und den Kronleuchtern, die in den Ramasan- Nächten angezündet werden; der Vorbeter singt, unbekümmert um das gedämpfte Schwatzen der westlichen Kunstexperten; plötzlich aber, vielleicht ist man doch zu laut geworden, schwillt sein Gesang zu einer Art Wutschrei an. Gleich gegenüber liegt die Hagia Sophia, Justinians Wunderbau, der allen Moscheen Modell stand: der großartigste aller christlichen Kulträume in der Gewalt seiner Dimensionen, die den Kaiser bei der Weihung entzückt ausrufen ließen: „Salomo, ich habe dich übertroffen!" Den heutigen Besucher schwindelt es, vergegenwärtigt er sich den Kult und das in ihm ausgesprochene Machtgefühl dieses Herrschers: die Kaiserin mit den Frauen bestieg die Empore, das Gefolge war in die schmalen Seitenschiffe verbannt, und durch die Mittelpforte schritt, ganz allein mit dem Patriarchen den riesigen Raum durchmessend, unter der ragenden Kuppelhöhe halt machend, Justinian.
Im neunzehnten Jahrhundert sah der herrscherliche Lebensstil in Istanbul anders aus. Am Abend eines festlichen Tages auf Büyük Ada, der größten der Prinzeninseln, machten wir im Zuge einer Bosporus-Dampferfahrt halt beim Palast Eejlerbej-Serai. Sultan Abd ul Asis"erbaute ihn 1865, der Kaiserin Eugenie diente er als Asyl. Dieser Marmorpalast ist herrlich gelegen, in seinem Rücken steigt in Terrassen ein köstlicher Parkan. Das Innere erstrahlt im Glanz böhmischer Lüster, eine Mischung aus orientalischem Prunk und einem Stil, in dem man den Spielsaal-Akt aus der „Büchse der Pandora" spielen könnte, oder ein Haremsballett mit Musik von Gounod; kurz: eine erstaunliche Mischung aus Tausendundeine Nacht und einem mondänen Pariser Etablissement des Zweiten Kaiserreiches. Dies noch vor Augen, fand man sich am andern Morgen gebannt vor dem Alexandersarkophag im Archäologischen Museum. Ständig die Konfrontation zweier Welten, die Berührung von Orient und Okzident. Daß die heutigen Türken sich auch kulturell im Schnittpunkt beider Oberlieferungen beheimatet fühlen, kam in den Eröffnungsreden zum Ausdruck. Die erste Arbeitssitzung in Istanbuls Academie des Beaux Arts galt den Beziehungen zwischen westlicher und östlicher Kunst. Otto Benesch, der Direktor der Wiener Albertina, entwarf ein Bild des künstlerischen Austausches, der sich nach 1453, der Eroberung Konstantinopels, im Gefolge der aufblühenden Handelsbeziehungen entwickelte und Künstler, wie Gentile Bellini, Scorel und andere Niederländer, sowie — erster Fall einer reinen Kunstreise in den Orient — den norddeutschen Manieristen Melchior Lprichs an den Osmanenhof führte. Francoise Henri (Dublin) referierte interessant über die Übereinstimmungen zwischen islamischer Ornamentik und irischer Buchmalerei (der Weg dieser Formenwan.derung ist noch weitgehend ungeklärt). Ein Referat des abwesenden Franz Ron, das H. T. Flernming verlas, galt den Auswirkungen islamischer Miniaturen im Werk S.ernbrandts. Mit besonderem Interesse wurde, eine durchgefeilte Abhandlung Will Grohmanns über „Asien und Europa in der Kunst von Klee und Kandinsky" aufgenommen. Grohmann beton« die fundamentale Verschiedenheit beider Künstler: „Kandinsky tendiert nach Ostasien, Klee nach der Welt des Islams. Kandinskys Kunst ist geistig und abstrakt, bildnerischer Ausdruck für das logisch nicht mehr Ausdrückbare. Bei Klee ist die Erstheinungswek wie in der islamischen Kunst mit im Bild enthalten, als Beispiel unter Beispielen. Die quasi-orientalischen Formen bei Klee und Kandinsky faßt Grohmann nicht als bewußte Entlehnungen auf, sondern als Archetypen, „myttienbildende Strukturelemente, die vom Unbewußten her in Erscheinung treten. In beiden Fällen kommt vielleicht eine blutsmäßige Infiltration hinzu: Klee sah wie ein Beduinenmönch aus, Kandinsky wie ein mongolischer Fürst." Ein junger türkischer Kunsthistoriker, Bülend Ecevit, referierte über die Anwendung der umgekehrten Perspektive in der orientalischen Kunst, als deren innere Ursachen er Introversion und Mystizismus als Grundzüge orientalischen Wesens ansah. Mit der Ausschaltung der Entfernung (deren Ausdruck die „reale" Perspektive ist) wird die Übermacht der Außenwelt geleugnet; wenn die Fluchtlinien im Auge_ (oder im Herzen) des Malers konvergieren, erscheint die Außenwelt nur noch als Emanation seines Innern.
In der weißen, wunderschön am Bosporus gelegenen Akademie, in der alles dieses erörtert wurde, war auch eine Ausstellung zeitgenössischer türkischer Malerei und Plastik vorbereitet. Nurullah Berk hatte in einem wohlabgewogenen Vorspruch das Ziel der lebenden türkischen Künstler gekennzeichnet als: Vereinigung der orientalischen Tradition mit den Ausdrucksformen des Westens, der die tiefgreifende, von Kemal Atatürk eingeleitete kulturelle Revolution des Landes inspirierte. Für unseren Blick fand sich die erstrebte Synthese, die nach Berk einen neuen türkischen Nationalstil schaffen sollte, in den ausgestellten Werken noch kaum realisiert. Man sah sehr häufig lokale Sujets, ausgedrückt mit den Formen des realistischen Kubismus Andre" Lhotes, Gromaires oder Lagers; dann Abstraktes, das sich hier sonderbar wurzelund beziehungslos ausnahm, und vereinzelt abstrakte Modifakationen der herrlichen orientalischen Schriften. Die Schriften! Wie überwältigend -wirkten die Manuskripte, die großen Tafeln mit Koransprüchen in Moscheen und Museen auf den an Miros und Hartungs Graphismen geschulten Blick! Wie ging man dann mit allen Sinnen mit beim Ansehen der folkloristischen Tänze mit Schwerttänzern und Trommel Schwenkern, die übrigens selbst oft sichtlich vergingen vor rhythmisch aufgestachelter Lust. Wie hatte man sich schließlich eingelebt in die islamische Architektur, die wir rastlos durchwanderten: die Suleimanje, Brussa mit seinen Mausoleen) die EyupMoscheeanlage, die wie ein Rokoko-Wallfahrtsort anmutete. Hoch über dem Goldenen Hörn blickten die Kongressisten am letzten Tage vom Cafe* Pierre Loti über Istanbul und fühlten, sie hatten in den wenigen Tagen eigentlich weit über ihr Fassungsvermögen gesehen und gelebt. Aber nur einen Tag und eine Nacht auf dem Meer gab es zum Ausruhen, dann landete man erneut im Piräus, und, geführt von dem griechischen Kunstkritiker M. Spiteris, ging es eine Woche lang durch die bewegendste Landschaft Europas, durch Athen, Eleusis, Korinth, Olympia, Delphi, und erst mit der Wiedereinschiffung auf der Ankara fand das Abenteuer dieser Kongreßreise sein Ende.
ZEIT ONLINE 1954
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