DIE ZEIT, 27.05.1960 - Das Testament des „Türkenvaters"

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Friday, 27. May 1960
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DIE ZEIT, 27.05.1960 Nr. 22 - 27. Mai 1960 http://www.zeit.de/1960/22/Das-Testament-des-Tuerkenvaters
Das Testament des „Türkenvaters
Studenten zwischen autoritärem Erbe und Demokratie — Gegen Menderes, doch wofür? — Zünder ohne Bombe / Von Egon Vacek Ankara, Ende Mai EGON VACEK
T/fZ enn der türkischen Jugend zu Ohren kom- '* men sollte, daß es eine Bewegung gibt, die die Reformen schwächt, dann darf sie sich nicht daraufberufen, daß es im Lande Polizei; Soldaten und eine Justiz gibt, dann muß sie sofort einschreiten. Mit Steinen, mit Stöcken und Waffen muß sie ihr Werk verteidigen und wahren." Also sprach Kemal Atatürk 1927 vor dem LehrerinnenInstitut in Bursa, Vater der Türken. Diese Worte und eine ähnliche Parlamentsrede vom Jahre 1928 nennen die Jungtürken „Atatürks Testament". Hierauf berufen sie sich, wenn man sie in Istanbul, in Ankara oder in Izmir fragt, warum sie eigentlich gegen die Regierung Menderes demonstrieren. „Wir wollen das Werk Kemal Atatürks verteidigen! Wir #wollen Freiheit und Demokratie!" Freilich hat das eine mit dem anderen nichts zu tun. Kemal Atatürks hat die Reste des ottomanischen Imperiums von dem törichten Vertrag von Sevres befreit, er hat die Besatzungsmächte (Franzosen, Engländer, Griechen, Italiener) zur Räumung des Landes gezwungen, er hat aus dem anatolischen Kern des Sultanreiches kunstvoll eine — zunächst — künstliche Nation geschaffen. Er verjagte den Sultan, er zwang die neue Türkei, den Blick vom Osten zum Westen zu lenken und hier ihre Vorbilder, ihre Lebensformen zu suchen. Er schaffte den Islam als Staatsreligion ab, verbot Schleier und Fez, führte das lateinische Alphabet ein — das alles ist sein geschichtliches Verdienst. Nur — ein Demokrat war er eben nicht. Im Gegenteil: Der Zweck heiligte ihm jedes Mittel. Atatürk herrschte autoritär. Er hat seine Gegner nicht in die Gefängnisse geworfen — wie es heute Adnan Menderes tut; er hat sie gleich aufhängen lassen, öffentlich. Er hat nicht erst versucht, durch Tricks und Wahlmanipulationen auch die Minderheiten hinter sich zu bringen. Er hat Kurden, Armenier, Griechen und Juden, er hat die Bevölkerung ganzer Provinzen ermorden lassen. Er duldete keine Kritik. Als er eine „Woche der Jugend" ausrief, in der acht Tage lang jeder türkische Beamte durch einen Jugendlichen ersetzt wurde, und als ein Journalist ironisch schrieb: „Hat Mustafa Kemal auch die Absicht, das Land durch ein Kabinett von Jungtürken regieren zu lassen?" ließ der Türkenvater den Pressemann aufhängen. Als Atatürk 1938 starb — ausgezehrt vom Trunke und der Syphilis —, zeigte sich dennoch: Nichts ist erfolgreicher als der Erfolg. Atatürk war der Nationalheros. Ein prächtiges, aber kaltes Mausoleum, viele Denkmäler in den Städten der Türkei erinnern an die Reformen des „Gazi", des Christenschlächters, und lassen die Methoden, mit denen er sie durchsetzte, heute im Nebel der Verehrung verschwimmen.
Die Auflehnung gegen eine Regierung, die sich demokratisch nennt und autoritär benimmt, ist zwar heute gerechtfertigt. Die Begründung aber, die die Jungtürken parat haben — „Wir wollen Atatürks Testament verteidigen —, bleibt an der Oberfläche haften. Gerade durch seine autoritären Methoden, durch Unterdrückung, durch Knebelung der Pressefreiheit, durch Ausschalten des Parlamentes, zeigt sich der Ministerpräsident Adnan Menderes, der ja auch nur Wirtschaftsreformen durchsetzen will, als der wahre Testamentsvollstrecker Atatürks, er, der Führer der 1946 gebildeten Demokratischen Partei, die in Opposition zu der von Atatürk 1923 gegründeten Republikanischen Volkspartei steht. „Die Umwandlung eines autoritären Staates in eine Demokratie ist ein schwieriger Prozeß, und den meisten Staaten gelang er nur über Revolutionen und Blutvergießen. Die Türkei ist einer der wenigen Staaten, zvo sich diese Umwandlung ruhig und ohne Gewalt vollzogen hat." Das sagt nicht etwa Adnan Menderes. Das schrieb der — damalige — Generalsekretär der Republikaner, Kasim Gülek, im Oktober 1951 in einem Aufsatz für Foreign Affairs, ein Jahr, nachdem seine Partei nach der ersten freien Wahl in der Türkei die Regierung an Adnan Menderes hatte abtreten müssen. Und er schloß seine Betrachtung über den Wechsel der Macht: „In der Türkei hat sich das demokratische Prinzip endgültig durchgesetzt." Ich habe Kasim Gülek, der nach Differenzen mit dem Oppositionsführer Inö'nu seine Parteifunktion niederlegte, Parlamentsabgeordneter blieb, nach wie vor aber als Kronprinz der Partei und — im Falle eines Wahlsieges—als künftiger Ministerpräsident gilt, gefragt, ob er sich als Testamentsvollstrecker Atatürks fühle oder aber, wenn nein, wie er regieren würde. Seine Antwort: „ Anders und mit anderen Männern." Ich habe Ministerpräsident Menderes im Presseklub zu Izmir gefragt, ob er glaube, im Sinne Atatürks zu regieren. Seine Antwort (leicht zögernd): „Ja." „Die Studenten, die das Erbe Atatürks verteidigen wollen, fordern aber Ihren Rücktritt. Werden Sie zurücktreten?" „Nein." „Wann werden Sie freie 'Wahlen ausschreiben, um dem Volk Gelegenheit zu geben, sich für oder wider Sie zu entscheiden?" „Sobald wie möglich." „Heißt das, sobald die Unruhe sich gelegt hat oder sobald es die Verfassung vorschreibt (bis 1961)?" „Sobald wie möglich." Menderes spricht sanft und leise. Er läßt lange die Lider über die Augen hängen. Er vermeidet es, einen direkt anzusehen. Selbst, als ihm in seiner Hochburg Izmir
vor einigen Tagen rund 70 000 Anhänger zujubelten und er zu ihnen sprach, gelang es ihm nicht, seiner Stimme Schärfe zu geben. „Soll ich zurücktreten, weil eine Handvoll Intellektueller in Ankara und Istanbul es will? Mich habt ihr, mich haben Millionen gewählt . . ." Hier sticht Menderes die weiche Stelle der „türkischen Rebellion" an: Es fehlt den Studenten, die gegen die Beschneidung demokratischer Freiheiten demonstrieren, der Rückhalt in der Bevölkerung. In Südkorea war die junge Intelligenz der „Zünder der Bombe". In der Türkei fehlt der Explosivstoff. Nicht etwa, weil es keinen Grund für eine Revolte gäbe. Aber: 70 Prozent der rund 30 Millionen Türken sind Analphabeten. Sie könnten die Oppositionspresse, selbst wenn sie nicht verboten würde, doch nicht lesen. Sie sind auf das Wort angewiesen, und die „Stimme der Türkei" ertönt mit immer gleichem Zungenschlag über den von Menderes kontrollierten Staatsrundfunk. Überdies erinnern sich diese siebzig Prozent — etwa identisch mit der Landbevölkerung — nicht ohne Dank daran, daß die Regierung Menderes ihnen alle Steuern erließ. Unter diese Steuerfreiheit fallen auch die Großgrundbesitzer. Auch der Baumwollmillionär und Kronprinz der Opposition, Kasim Gülek, zahlt keine Lira Steuern. Gewiß ist das keine soziale Tat gewesen, sondern ein wahltaktisches Manöver: Stimmenfang, ebenso wie auch Menderes' Annäherung an die islamische Geistlichkeit. Atatürk hatte es verboten, daß der Muezzin auf Arabisch zum Gebet Vollenden Die Gelegenheit ist günstig rief. Heute tönt es von den Moscheen in Istanbul und anderswo wieder in der Sprache des Propheten. Menderes läßt auch neue Moscheen bauen. Schließlich ist der Iman in den meisten Dörfern der einzige, der überhaupt etwas lehrt — wenn auch nur die Koranverse. Wie sich aber eine Empfehlung des islamischen Ortsgeistlichen bei Wahlen auswirkt, hat die Atätürk-Partei dreimal in zehn Jahren erfahren müssen: Sie wurden gü" schlagen. Sicherlich ist das Stimmenfang. Aber wer will behaupten, daß es diese Methoden nur in der Türkei gibt? Es ist kein Abbau der Demokratie, was da in der Türkei vor sich geht. Es sind die Rückschläge beim Aufbau. Schließlich gibt es ja erst seit 1946 mehrere Parteien. Die Demokratie ist noch nicht sehr alt in diesem Lande ... Die Demokratische Partei, seit. 1950 an der Macht, hat mit einer oft abenteuerlichen Politik, die in den letzten Monaten ins Kriminelle abgeglitten ist, den wirtschaftlichen Aufbau des Landes forciert, hat den westlichen Bündnispartnern mit Hinweis auf die ruinöse Finanzlage immer neue Kredite abgepreßt. Aber die Türken sahen: Es entstanden Fabriken, Straßen, Staudämme. „Mit den Geldern und mehr Rationalisierung hätten wir das Doppelte geschafft", sagt die Opposition. Möglich. „Wissen Sie, daß man Zorlu (den Außenminister) bei uns den ,Mister Zehnprozent' nennt? Wissen Sie, daß er einmal in schöner Doppeldeutigkeit im Parlament gesagt hat: ,An jedem Dollar, der ins Land kommt, habe ich meinen Anteil'?
Wissen Sie, daß wir immer ,Adolf Menderes' sagen? Kennen Sie das Pensionsgesetz, mit dem man jeden Beamten nach 25 Jahren Dienstzeit ohne Begründung nach Hause schicken kann? Wissen Sie, daß Menderes damit die Justiz korrumpiert hat, unbequeme Richter durch gefügige ersetzt hat — und daß er damit sogar vor dem Kassationsgericht nicht haltmachte?" Ich kann mir die Gegenfrage an die Politiker der Republikaner nicht verkneifen: „Würden Sie es anders machen?" „Aber natürlich." „Haben Sie es anders gemacht, als Sie noch an der Macht waren? Gab es bei Ihnen Pressefreiheit? Wanderten politische Gegner nicht ins Gefängnis? Gab es keine Korruption? Waren Sie gute Demokraten?" Es gibt bei der türkischen Opposition einflußreiche, allerdings jüngere Männer, die diese Fragen ehrlich mit „Nein" beantworten. Und ich habe auch bei den Demokraten Politiker getroffen, die die Methoden des Adnan Menderes verabscheuen. Es gibt schließlich in beiden Lagern Männer, die glauben, die gegenwärtige Krise habe sich nur dadurch so zuspitzen können, daß der Haß der „zwei alten Männer der Türkei", Oppositionsführer Inönü und Staatspräsident Bayar, eben immer heftiger geworden sei. Und es gibt bei den Republikanern und den Demokraten Politiker, die meinen, es sei höchste Zeit für eine „Gipfelkonferenz" zwischen Menderes und Inönü. Zwischen beiden Lagern stehen die Studenten. Sie fordern „Freiheit und Demokratie" und rufen doch: „Lang lebe Ismet Pascha" — jener Inönü, der schließlich der Testamentsvollstrecker Atatürkscher autoritärer Regierungsformen war. Sie sind eindeutig gegen Menderes. Aber wofür und für wen sind sie? Die Regierung Menderes hat den gefährlichen Fehler begangen, den Studenten die freie Rede zu verbieten. Sie hat ihre Protestzüge zusammenschießen und zusammenschlagen lassen. Sie hat endlich am Montag ihre Zwangsferien bis zum Herbst verlängert. Vielleicht verhindert man damit einige Demonstrationen. Aber: Auf diese Weise trägt Menderes die Unruhe endgültig in die Provinz. Auf diese Weise gibt er den jungen Intellektuellen Zeit, nach einem Ziel und nach einem Exponenten ihrer Rebellion zu suchen. Dann erst wird es für Adnan Menderes wirklich gefährlich. Ich weiß, daß in beiden Lagern, bei den Republikanern und bei den Demokraten, Politiker auf den Ruf der Studenten warten. Es drängt sie zur Macht. Drängt es sie auch zur Demokratie? Oder fühlen auch sie sich nur als Testamentsvollstrecker Atatürks, der in der angeblich „schönsten Rede seiner Laufbahn" am 8. August 1926 vor der Nationalversammlung in Angora — dem späteren Ankara — erklärte: „Eine Revolution, die nicht auf Blut begründet ist, wird nie Bestand haben. Ich werde mein "Volk an der Hand führen, bis es sicher zu gehen vermag und den Weg kennt. In jenem Augenblick wird es seinen Führer frei
wählen und sich selbst regieren können. Dann wird mein Werk vollbracht sein, und ich werde mich zurückziehen können. Doch eher nicht." TVikita Sergejewitsch Chruschtschow stammt aus -"- ^ der Ukraine, und es heißt, seine Vorfahren seien Saporoshjer Kosaken gewesen. An diese Tatsache haben sich manche Rußlandkenner erinnert, als der sowjetische Ministerpräsident und Parteichef bei seiner unglaublich rüden Pressekonferenz in Paris 3000 Beobachter vor den Kopf stieß. Derlei grobe diplomatische Sprache ist bei den Kosaken offenbar schon früher im Schwange gewesen. So schrieben sie im 17. Jahrhundert an Sultan Mohammed eine Note folgenden Wortlautes: „Du, Sultan, des verfluchten Teufels Bruder und Genosse, Luzifers persönlicher Sekretär! Du willst ein Ritter sein und bist aus Dreck geboren! Der Teufel, der Deine Waffengefährten ausgespien hat, wird sie auch fressen. Niemals werden die christlichen Söhne Dir Untertan sein. Wir fürchten Deine Armee nicht und werden uns mit Dir zu Wasser und zu Lande schlagen. Du verfluchter Sohn einer Hure. Du babylonischer Küchenpfuscher, mazedonischer Wagenschmierer, Brauereiknecht von Jerusalem, alexandrinisches Schielauge, tatarischer Zuchtbulle. Du Schweineschnauze, Pferdedreck und räudiger Hund. Die Saporoger lassen Dir sagen, daß Du nicht einmal ihre christlichen Schweine zu hüten wert bist. Somit beenden wir unser Sendschreiben. Einen Kalender besitzen wir nicht, und das Datum kennen wir nicht. Aber es ist bei uns genau der gleiche Tag wie bei Euch, und darum kannst Du uns den Hintern küssen. Für alle Saporoshjer Kosaken hat dieses geschrieben der Ataman Iwan Sirko." Von Iwan Sirko bis zum Kreml-Ataman Nikita Chruschtschow — die diplomatische Tradition der Saporoshjer ist, so will es scheinen, bis heute nicht abgerissen. E. K.
ZEIT ONLINE 1960

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