DIE ZEIT, 26.07.1974 - Wenn die Flanke der Nato wankt

News Archiv Kalender: 
Friday, 26. July 1974
Newspaper
Embedded Scribd iPaper - Requires Javascript and Flash Player
DIE ZEIT, 26.07.1974 Nr. 31 - 26. Juli 1974 http://www.zeit.de/1974/31/Wenn-die-Flanke-der-Nato-wankt
Wenn die Flanke der Nato wankt
Die Bedeutung von Griechenland, Zypern und der Türkei für das westliche Sicherheitssystem /Von Lothar Ruehl
Türkei und gegen Griechenland ließ die Ausdehnung des Pakts auf diese beiden Länder geraten erscheinen. Mit der Pakterweiterung wurde die mittelmeerische Südostflanke der Nato auf und über die Levante hinaus nach Kleinasien, zum Kaukasus und an die Grenzen Syriens, des Irak und des Iran vorgeschoben: Die Radaranlagen und Informationszentren des Luftabwehr-Führungssystems NADGE auf griechischem und türkischem Boden sind für die militärische Luftraumüberwachung der Nato über dem östlichen Mittelmeer bis in den Nahen Osten eingesetzt. Der Bündnispartner Türkei ist der orientalische Pfeiler der Atlantischen Allianz, zugleich ein strategischer Riegel zum Schwarzen Meer. Zypern hat seine Stützpunktfunktion bewahrt, obwohl sie sich seit dem Ende der britischen Vormachtstellung im Nahen und Mittleren Osten erheblich verändert hat. Nachdem östlich von Aderi keine britische Militärpolitik mehr betrieben wird, können die beiden zyprischen Stützpunkte Akrotiri und Dhekelia samt dem Übungsgebiet im Nordosten der Insel und weiteren 30 Militärdepots, Radarstellungen und Funkstationen — nebst Straßenund Ubungsrechten für 10 000 bis 15 000 britische Soldaten — für Interventionen im Mittleren Osten nicht mehr dienen. Trotzdem ist diese Position von beachtlichem strategischen Wert für die Westmächte und die Nato, weil Zypern in einer Krise die Situation vor den Küsten und bis zum Persischen Golf beherrschen hilft. Port Said ist 440 Kilometer von Nikosia entfernt, der Golf von Suez 600 Kilometer — in diesem Aktionsradius von 600 Kilometern liegen das Nildelta und Kairo im Südwesten, Israel und der größte Teil Syriens im Osten, Jordanien im Südosten und ein großer Teil der Türkei im Norden. Der 1200-KilometerKreis deckt den Westen des Iran und Teile Ägyptens, Saudi-Arabiens, reicht über den Persischen Golf und das Rote Meer, im Norden in das westliche Kaukasusgebiet, im Nordwesten über das griechische Thrazien und Mazedonien bis auf bulgarisches Gebiet und zum Peloponnes. Diese Entfernungen sind für moderne Kampfflugzeuge auf den zyprisdien Basen, die groß genug sind, sogar die britisdien strategischen Vulcan-Bombef aufzunehmen, leicht zu überbrücken. Für die Aufklärung ist die Inselposition ebenfalls von eminenter Bedeutung. Von der Insel aus wird Fernaufklärung betrieben und der Luftund Seeraum mit Radar überwacht. Mit weiträumiger Funkaufklärung beschäftigen sich nicht nur die Briten auf den Bergstationen im Innern Zyperns, sondern auch die Amerikaner in einer großen Funkabhörstation bei Nikosia in der zivilen Regie #des State Department. Obwohl Zypern ein souveränes Mitglied der Vereinten Nationen, nicht aber Mitglied der Nato ist, stellt es praktisch einen Teil des militärischen Nato-Systems im
ostmediterranen Komplex dar, dessen Hauptkomponenten Griechenland und die Türkei sind. Die westliche Position besteht aus Zypern, der griechischen Insel Kreta — mit dem größten und besten Tiefwasserhafen im Mittelmeer in. der Suna Bai und dem Nato-Raketenübungsschießplatz, sowie Flugplätzen und Radaranlagen —, den griechischen Inselketten zwischen dem Peloponnes und der türkischen Küste als Sperre der Ausfahrt aus der Ägäis und schließlich der Meerenge Dardanellen—Bosporus. Die beiden besten Großverbände der NatoLandstreitkräfte in Südost, die griechische Feldarmee und eine türkische Armee, stehen zur Meerengendeckung und Verteidigung Thraziens im Norden bereit. Die Türkei und griechisches Territorium können im Kriegsfall für Luftoperationeri gegen die UdSSR benutzt werden. Die Flugzeugträger der 6. US-Flotte (gewöhnlich ist nur ein Träger präsent) können bei Manövrierfreiheit im Ostmittelmeer Seestationen beziehen, von denen aus Trägerkampfflugzeuge mit Atombomben Ziele in Südrußland bekämpfen können. Die Nato-Seestreitkräfte im Mittelmeer — gruppiert um den harten Kern der 6. US-Flotte, abgeschirmt von den Landflugplätzen der Verbündeten, gestützt auf Inseln und Küsten — können die sowjetischen Flottenverbände, die durch eine der Meerengen einfahren müssen, kontrollieren und im Kriegsfall niederkämpfen. Noch stellt die sowjetische Flotte keine ernste Bedrohung der Sicherheit der Nato im Mittelmeer dar. Die Beziehungen beider Mächte zu Ägypten werden über den wirklichen Wert des Kriegshafen von Alexaridria und der ägyptischen Anlegeplätze für die sowjetische „Eskadra" wie über den Nutzen des Suezkanals für die sowjetische Flotte und die maritime Machtexpansion der Russen im Roten Meer und im Persischen Golf entscheiden. Für die Präsenz der amerikanischen Kriegsschiffe im Mittelmeer aber und für ihre Manövrierfreiheit ist Griechenland auf absehbare Zeit hinaus unverzichtbar. Das amerikanischgriechische „Homeporting" -Abkommen erlaubt den Amerikanern, den Hafen von Piräus bei Athen für eine der beiden „Task Forces" der 6. Flotte als logistischen Stützpunkt zu benutzen. Damit sparen sie Zeit, Geld und Personal, damit wird auch die Präsenzzeit der Schiffe und ihre Einsatzbereitschaft erhöht. Ähnlich, wenn auch nicht in demselben Maße, profitiert die sowjetische „Eskadra" vom ägyptischen Alexandrien. Zunächst ist von dem amerikanischgriechischen Abkommen nur „Phase 1" in Kraft, die sechs Begleitschiffe betrifft. „Phase 2", in der auch ein Flugzeugträger Piräus als Heimathafen benutzen soll, ist aus politischen Gründen verzögert worden. Kissinger sprach Anfang Juni von „moralischen Prinzipien", die Amerikas Politik ebenso leiteten wie die „strategischen Überlegungen". Diese, Prinzipien werden nach dem zyprischen Staatsstreich mit Hilfe griechischer Offiziere wohl nicht leichter wiegen als vorher. Es fragt sich also, ob die USA die Möglichkeiten des „Homeporting" in Piräus für die 1. Task Group der 6. Flotte in Anspruch nehmen werden, solange das griechische Regime als Militärdiktatur die Demokratie im Lande suspendiert hält, die Freiheiten einschränkt, sich am Sturz einer anderen Regierung beteiligt und im übrigen die moralischen Kräfte der eigenen Armee aufbraucht und Griechenland in einen Zustand einer politischen Dauerkrise bringt. Die Solidarität des griechischen
Militärregimes jedenfalls wird in der Nato äußerst skeptisch beurteilt. Für die Nato ist die Frage nach der Kontrolle des griechischen Verbündeten politisch längst gestellt. Die Verschärfung des türkisch-griechischen Konfliktes um Erdölvorkommen und um den politischen Status quo in Zypern seit Jahresbeginn macht das Dilemma der Nato und der USA im Verhältnis zu beiden Flankenländern deutlich: Die Südostflanke der Verteidigung in Westeuropa kann nicht auf Italien zurückverlegt werden, ohne daß das Ostmittelmeerbecken samt dem Nahen Osten mit den Meerengen und dem Suezkanal der strategischen Hegemonie der Sowjetmacht überlassen würde. Eine politische Distanzierung der Türkei von der Nato und Westeuropa würde die Machtstruktur im Mittelmeerraum und an den Anrainerküsten der Levante wie des Balkans politisch und militärisch zugunsten der Sowjetunion verändern, so daß auch die Basis für die neue amerikanische Politik im arabischen Orient verlorengehen könnte. Eine Abwendung Griechenlands von der Nato und Westeuropa, unter dem Militärregime oder unter einem revolutionären linkssozialistischen Nachfolgeregime nach einem Umsturz, würde eine Lücke in der strategischen Flanke aufreißen und die Situation auf dem Westbalkan zum Nachteil der westlichen Koalition verändern. Aber dieser Verlust wäre weniger gefährlich als das Ausscheren der Türkei. Die Allianz wird gewiß weiterhin vermeiden, einen der Allianzpartner dem anderen vorzuziehen. Jede solche Präferenz würde eine Reduktion der strategischen Flankendeckung Westeuropas und der Nato im Südosten bedeuten, eine Einengung des Manövrierfeldes westlicher Politik im Ostmittelmeer und damit im Nahen Osten. Deshalb muß die Allianz und ihre amerikanische Führungsmacht eine ordnungspolitische Aufgabe gegenüber Griechenland und in Zypern erfüllen, obwohl die Insel nicht zum Bündnisgebiet gehört. Militärische Intervention ist kein, geeignetes Mittel, um sie zu lösen. Aber mehr politische Pression als bisher wird nötig sein, um politische Lösungen zu bewirken, die beide Länder der Südostflanke im Bündnis halten und die Konflikte zwischen ihnen neutralisieren. Gute Dienste der Allianzdiplomatie wie die „mission de surveillance* des Nato-Generalsekretärs werden, dazu nicht ausreichen. Sich auf die salvatorische Aktion der Vereinten Nationen zu verlassen, die das Provisorium bis zum nächstenma! konserviert, ist ebenfalls riskant, wie die Ereignisse von 1974 lehren. Die Zukunft Zyperns könnte nur dann seinen Einwohnern überlassen werden, wenn diese sich selbst von ihren Mutternationen lösten und die beiden Mutterländer sich von der umstrittenen. Insel der Aphrodite, ihrem Zankapfel, abwendeten. Die politische Liquidation der griechischen Militärdiktatur wird zu einem kätegorischenTmperativ der westlichen Allianzpolitik, wobei die Nachfolge nicht gleichgültig wäre und Demokratie allein noch nicht genügte, um Sicherheit zu
bieten. Das hat die Politik der letzten demokratischen Regierung Griechenlands unter Papandreou bis 1967 gezeigt. Die inneren Verhältnisse in Griechenland und die konfus-emotionale Verbindung zwischen Griechenland und der griechischen Bevölkerungsmehfheit Zyperns haben den jüngsten Ausbruch des zyprischen Vulkans bewirkt. Aber auch ein kleiner Vulkan kann eine Landschaft verwüsten. Das westliche System im Ostmittelmeerraum ist zu delikat, als daß es solche Explosionen ohne Schaden aushalten könnte. Zypern ist dabei freilieh nicht der wesentliche Faktor, entscheidend sind die türkisch-griechischen Beziehungen und das Verhältnis beider zur Allianz der Westmächte. Druck auf Athen ist das einzige Mittel, das die Verbündeten einsetzen können — und sie werden es einsetzen müssen, wenn sie die Kontrolle über die Situation bewahren wollen.
ZEIT ONLINE 1974

Unter einer Creative-Commons-Lizenz herausgegeben. Namensnennung, nicht-kommerziell
There are currently no terms in this vocabulary.
Loading