DIE ZEIT, 26.07.1974 - Wende in Athen

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Friday, 26. July 1974
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DIE ZEIT, 26.07.1974 Nr. 31 - 26. Juli 1974 http://www.zeit.de/1974/31/Wende-in-Athen REGIERUNGSWECHSEL IN GRIECHENLAND
Wende in Athen
Nach dem Zypern-Abenteuer: Hoffnung auf Demokratie /Von Gabriele Venzky
Der Schuß der griechischen Junta ist nach hinten losgegangen. Der von den Athener Militärs von langer Hand vorbereitete, aber dilettantisch ausgeführte Coup gegen den zyprischen Präsidenten Makarios hat weder zur Vereinigung Zyperns mit dem griechischen „Mutterland", noch zur Einheit in Griechenland selbst geführt. Im Gegenteil: Die Differenzen im Lager der Offiziere, die der große Krieg gegen die Türkei und der Triumph des „Anschlusses" der wichtigen Insel im östlichen Mittelmeer hatte überdecken sollen, traten noch offener hervor, als in den Tagen vor dem Putsch. Und die Enttäuschung der Bevölkerung über den glücklosen Ausgang des zyprischen Abenteuers mündete wieder ein in die große Woge der Unzufriedenheit mit den Athener Generälen. Auf der Mittelmeerinsel wurde noch geschossen, als in Athen bereits das Gerücht von einem Putsch der III. Armee gegen das Regime Ioannides/Gizikis die Runde machte. Erstaunt schien darüber niemand zu sein. Auch der amerikanische Außenminister Kissinger nicht, der sich kühl kalkulierend auf eine Verschiebung der Genfer Außenministerkonferenz einstellte. Die hektischen Versuche der Athener Machthaber, ihren Kopf wenigstens durch Bildung eines Kabinetts der „Nationalen Einheit" unter dem früheren Premier Karamanlis zu retten, konnten nicht mehr verheimlichen, daß sie sich bei der Auswahl der Medizin, die die „griechische Krankheit" heilen sollte, vergriffen hatten: Zypern ist diese Medizin nicht gewesen. Die griechische Junta hatte sich in mehreren Punkten verrechnet: Sie unterschätzte die Entschlossenheit der Türken und die Überlebensfähigkeit ihres Gegners Makarios; und sie überschätzte das strategische und militärische Talent der griechisch geführten Nationalgarde und der auf Anschluß drängenden Untergrundarmee EOKA. Noch schwerwiegender war der Fehler, daß sie nicht gleich den brillanten Rechtsanwalt und Führer der bürgerlichen „Vereinigten Partei" Zyperns, Glafkos Klerides, zum Anwalt ihrer Sache machte, sondern eine Woche lang den EOKA- Killer und selbsternannten Grivas-Nachfolger Nikos Sampson nach dem Kommando der griechischen Kommandeure tanzen ließ. Zwar hat die unerwartet massive türkische Intervention auf Zypern die griechischen Zyprioten in das Lager der Statthalter des Athener Regimes in Nikosia gedrängt und Athen vor einer demütigenden Niederläge bewahrt, aber wie lange wird die Allianz, die da. geschlossen wurde, dauern? Glafkos Klerides ist. der Mann, der frü-, her im Auftrag des Erzbischof Makarios durch Verhandlungen mit
dem zyprisch-türkischen Vizepräsidenten Rauf Denktasch die Einheit und Unabhängigkeit der Insel sichern sollte. Daß ausgerechnet diese beiden Männer nun im Auftrag von Athen und Ankara über die Teilung und Abhängigkeit der Insel verhandeln, ist wenig wahrscheinlich. . Diese doppelte Enosis würde zwar beiden Seiten die Gelegenheit geben, das Gesicht zu wahren. Ankara könnte behaupten, daß nun in einem türkischen Landesteil Zyperns die Rechte der türkischen Landsleute gesichert seien. Athen könnte sich auf den Standpunkt zurückziehen, es habe eigentlich niemals die türkische Minderheit majorisieren, sondern nur die Bande zu den griechischen Brüdern enger knüpfen wollen. Auch die Amerikaner haben bereits durchblicken lassen, daß die doppelte Enosis für sie nicht unannehmbar wäre. Sie würde die strategisch wichtige Insel unter die Kontrolle zweier zwar unzuverlässiger, aber doch immer noch durch die Nato verbündeter Partner bringen. Das Interesse der Vereinigten Staaten ist vor allem darauf gerichtet, das westliche Sicherheitssystem im Mittelmeer nicht zu gefährden. Die politische Verfassung der Insel ist ihnen erst in zweiter Linie wichtig. Wenig verwunderlich ist es deshalb, daß die Sowjets auf der Rückkehr von Makarios bestehen, der ihnen als Neutralist gilt. Diese Forderung unterstützen auch die mächtige kommunistische Partei Zyperns, AKEL, die bei den letzten Wahlen 40 Prozent der Stimmen bekam, und die von ihr völlig beherrschten Gewerkschaften. Hier aber brennt, wenn die Unabhängigkeit der Insel aufgegeben würde, bereits die Lunte für die nächste Explosion. Schon am Wochenende hatten verschiedene ausländische Zeitungen, Nachrichtenagenturen und Radiostationen Mitteilungen einer Gruppe oppositioneller griechischer Offiziere zugespielt bekommen, die sich von den Aktionen der nationalen Ultras distanzierten. Nicht so sehr allerdings, weil sie die Ziele dieser Leute mißbilligten, sondern weil sie diese für unfähig hielten: Sie waren nicht einmal imstande gewesen, auf der kleinen Insel einen pro-griechischen Putsch erfolgreich durchzuführen. Tatsächlich ist Makarios der Athener Generals- Junta um Ioannides und Gizikis seit ihrem Putsch im November vergangenen Jahres ein Dorn im Auge gewesen, weil viele Griechen in dem Erzbischof die einzige demokratische Alternative zu der Athener Diktatur sahen. Schon ihre Vorgänger, die Obristen unter Papadopoulos hatten die EOKA und ihren heimlich nach Zypern entsandten Führer Grivas auf den unbequemen Mäkärios angesetzt — vergeblich allerdings. Sein Sturz durch den Zypern-Experten Ioannides sollte nun nicht nur eine popularitätsträchtige Anschluß-Euphorie auslösen, sondern auch als neuerlicher Beweis für die Macht des nicht mehr ganz so allmächtigen Chefs der berüchtigten Militärpolizei Esa dienen. Für Ioannides kam es zudem darauf an, Zeit zu gewinnen, Zeit gegenüber jenen Kräften, die auf eine Verbreiterung der Regierungsbasis durch die Beteiligung von Männern wie dem früheren Ministerpräsidenten Karamanlis oder Kanellopoulos, dem Führer des Zentrums, Mavros, oder dem früheren Außenminister Xanthopoulos Palamas. Daß der
glücklose Ministerpräsident Androutsopoulos dabei als erster seinen Hut würde nehmen müssen, war keine Frage. Bedroht fühlte sich die Athener Junta auch von den unruhig werdenden Militärs. Ihre Gegenspieler sah sie vor allem in dem Chef des Heeres, -Generalleutnant Andreas Galatsanos, dem Oberkommandierenden der Streitkräfte, General Grigorios Bonanos und vor allem in dem eigenwilligen, aus seiner Sympathie für den König keinen Hehl machenden Kommandeur der III. Armee, General Ioannis Davos. In seinem Militärbereich Saloniki sind 75 Prozent aller griechischen Truppen stationiert, die Nordarmee gilt als der Truppenteil, der am heftigsten auf eine Wiederherstellung der demokratischen Zustände in Griechenland und auf eine Säuberung der korrupten Militärherrschaft .drängt. Der Druck auf die Drahtzieher des Zypern- Putsches ist nicht ohne Wirkung geblieben. Ob allerdings die Beteiligung von Zivilisten an der neuen Regierung bereits für Griechenland die große Wende bringt, kann sich erst in einigen Wochen zeigen. Denn nicht das unzufriedene Volk, sondern ein außenpolitisches Abenteuer hat die Athener Diktatur aus dem Tritt gebracht. Der Putsch auf Zypern hat das Regierungskarussell in Bewegung gesetzt. An welcher Stelle es stehen bleibt, ob Demokratie wirklich möglich wird, hängt davon ab, welche politische Lösung für die Mittelmeerinsel gefunden wird.
ZEIT ONLINE 1974

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