Embedded Scribd iPaper - Requires Javascript and Flash Player
DIE ZEIT, 26.07.1974 Nr. 31 - 26. Juli 1974 http://www.zeit.de/1974/31/Waffenruhe-auf-Zypern-Bald-Gespraeche
Waffenruhe auf Zypern - Bald Gespräche
Premierminister Ecevit: Militärisches Ziel erreicht — Zahl der Opfer unbekannt
Auf Zypern trat am Montag ein -— zeitweilig unterbrochener — Waffenstillstand in Kraft, doch ein genauer Termin für die Aufnahme der Drei-Mächte-Verhandlungen über die Zukunft der Insel im östlichen Mittelmeer stand noch nicht fest. Am vorgesehenen Konferenzort Genf verlautete, möglicherweise würden die Gespräche zwischen Griechenland, der Türkei und Großbritannien — den Garantiemächten des Zypern-Abkommens von 1960 — erst in der kommenden Woche beginnen. Der Waffenstillstand ging auf den Appell des UN-Sicherheitsrates und auf Drängen des amerikanischen Außenministers Kissinger zurück. Ihm stimmten kurz darauf die Türkei, Griechenland und dann die Regierung Zyperns zu. Ober die Erfolgsaussicht der Konferenz äußerte sich Kissinger in einer Pressekonferenz am Montag in Washington optimistisch. Inzwischen sind die Chancen durch den Regierungswechsel in Athen und die Ab^ lösung des Präsidenten Sampson auf Zypern gestiegen. Anlaß der Krise und Auftakt zu einer weltpolitisch dramatischen Woche, in der Gefahr drohte, daß die Nato-Partner Türkei und Griechenland unmittelbar aneinandergeraten und traditionelle Feindschaften wiederbeleben würden, war der Sturz des zyprischen Staatspräsidenten Makarios am Montag voriger Woche durch die Nationalgarde gewesen. Makarios, von den Rebellen als tot gemeldet, war aus dem Palast entkommen und von den Engländern in Sicherheit gebracht worden. Die Chronik der Ereignisse nach der Entmachtung des weltlichen und kirchlichen Oberhauptes der Insel: Dienstag, 16. Juli: Die Putschisten setzen den Zeitungsverleger und früheren Untergrundkämpfer Nikos Sampson als Staatspräsidenten ein. Der Widerstand der Makarios-Anhänger auf der Insel erlahmt. Türkische Truppenkonzentrationen an der Südküste Kleinasiens. Mittwoch, 17. Juli: 14 von 15 Natoländern fordern in Brüssel die Abberufung der griechischen Offiziere auf Zypern. Der griechische Vertreter im Natorat wendet sich dagegen. Das Athener Militärregime gerät international in die Isolierung; es wird für den Putsch verantwortlich gemacht. Makarios und der türkische Ministerpräsident Ecevit konferieren in London. Donnerstag, 18. Juli: Sondermission des amerikanischen Staatssekretärs Sisco, der auf die Garantiemächte des Zypern- Abkommens mäßigend einzuwirken sucht. Weitere Truppenmassierung an der türkischen Südküste.
Freitag, 19. Juli: Der Führer der türkischen Minderheit auf Zypern, Denktasch, erklärt, Volksgruppengespräche mit Sampson seien unmöglich. Sampson teilt mit, seit Beginn des Umsturzes seien 2200 Zyprer verhaftet worden. Griechenland erkennt das neue Regime als erster Staat an. Die Athener Regierung gibt bekannt, sie werde die griechischen Offiziere der Nationalgarde „ablösen". Von der Südtürkei läuft eine Kriegsflotte in Richtung Zypern aus. Ecevit erklärt: „Es geht uns nicht um Präsident Makarios. Es geht uns darum, was in Zypern und was mit dem türkischen Bevölkerungsteil geschieht." Makarios trägt vor dem UNSicherheitsrat seine Beschwerde vor. Samstag, 20. Juli: Um 5.45 Uhr beginnen türkische Luftlandetruppen nördlich von Nikosia über türkischem Siedlungsgebiet abzuspringen. Marine setzt Soldaten westlich von Kyrenia an Land. Der Widerstand der zyprischen Nationalgarde ist überall zäh. Die Volksgruppen beginnen in vielen Teilen der Insel einen blutigen Kleinkrieg. Die Soldaten der UN-Friedenstruppe (2300 Mann) bemühen sich um örtliche Waffenruhe. Ministerpräsident Ecevit begründet das Unternehmen mit dem Scheitern aller politischen und diplomatischen Bemühungen. Als Grundlage ihres Eingreifens dient der Türkei der Artikel 3 des Zypernvertrages: „Sollte eine gemeinsame Aktion unmöglich sein, so behält sich jede der drei Garantiemächte das Recht vor, zu intervenieren, um die Einhaltung der Bestimmungen des Vertrages zu sichern." Die griechische Regierung ordnet Mobilmachung an. Das 3. Armeekorps bezieht Gefechtsposition an der Nordostgrenze zur Türkei. Militärisch ist die Türkei (36 Millionen Einwohner) den Griechen (neun Millioien) überlegen: 455 000 gegen 160 000 Soldaten der regulären Streitkräfte; 14-00 gegen 650 Panzer; 288 gegen 225 Kampfflugzeuge; 14 Zerstörer und 15 U-Eoote gegen neun Zerstörer und sieben U-Boote. Der Sicherheitsrat ruf: alle beteiligten Parteien auf, die Kampfhandlungen einzustellen und die Integrität Zyperns zu respektieren. Sonntag, 21. Juli: In mühsamem Vordringen gelingt es dem türkischen Invasionskorps, die Straße zwischen Nikosia und Kyrenia großenteils unter ihre Kontrolle zu bringen. In dei beiden Städten behauptet sich die Nationalgarde. Der Kommandeur der Invasionstruppen fällt. Ecevit: „Jetzt verfügen die Inseltürken auch über einen Zugang zum Meer." Britische Truppen, die atf Zypern zwei Stützpunkte unterhalten, evakuieren tausende Ausländer. Montag, 22. Juli: Zögernd tritt Waffenruhe ein — Stunden tiach dem festgesetzten Termin (15 Uhr'. In einer türkischen Regierungserkläruig heißt es: „Die Friedensoperationen der Türken auf Zypern hat in sehr kurzer Zeit ihr militärisches Ziel erreicht. Niemand wird nun in der Lage sein, die Türkei und ihre Rechte auf Zypern anzutasten ... Es gibt jetzt ein neues Zypern. Und der Platz der Türkei in der Welt stell: sich nun anders dar als vor zwei Tagen." Die Zahl der militärischen und zivilen Opfer der Kämpfe und türkischen Luftangriffe ist noch unbekannt.
ZEIT ONLINE 1974
LESERKOMMENTARE