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DIE ZEIT, 25.10.1956 Nr. 43 - 25. Oktober 1956 http://www.zeit.de/1956/43/Das-tuerkische-Kraftfeld
Das türkische Kraftfeld
Bonn verkennt die wirtschaftliche Bedeutung des Nahen Ostens / Von Paul Leverkuehn, MdB PAUL LEVERKUEHN, MDB
Die Türken sind eine geschichtsbewußte Nation — auch gegenüber der heutigen Situation. Im Nahen Osten werden die Sünden der Väter buchstabengetreu an den Kindern — an uns — gerächt. Noch lebt der Senior der nahund mittelöstlichen Staatsmänner Nuri Pascha elSaid, der Ministerpräsident des Irak. Er hat als junger Offizier Seite an Seite mit Lawrence gekämpft und die bitteren Enttäuschungen miterlebt, die der Lohn jener Kämpfe war. Sein damaliger Herrscher war König Hussein von Mekka, dessen Söhne sich in die Staaten teilen wollten, die auf arabischem Gebiet südlich von Anatolien gebildet werden sollten. Feissal, dem ältesten, war Syrien zugesagt. Als aber Syrien nach einem während des Krieges zwischen Engländern und Franzosen geschlossenen Geheimabkommen französisches Mandatsgebiet wurde, fand man Feissal mit dem Irak ab. Der jüngere Bruder Abdullah, der 1951 ermordet wurde, erhielt Jordanien. Heute noch sind Irak, Saudi-Arabien, Jordanien Fürstentümer (desgleichen das der Arabischen Liga beigetretene Königreich Libyen). Ägypten, Syrien, Libanon, die eine gewisse so.ziale Revolution bereits durchlaufen haben, sind Republiken. Sie sind die unruhigen Elemente. Sie sind wirtschaftlich nicht so glücklich gestellt, wie die ölbesitzenden Iraker und Saudi-Arabier. Militärisch ist keines dieser Länder, ja nicht einmal alle zusammen sind so stark wie der Nachbar im Norden, die Türkei. Lange Zeit betrachtete die Türkei die arabischen Staaten als abgefallene Völker. Heute machen Türkei und Irak gemeinsam Politik, und an diese Politik sind über den Bagdad- Pakt Persien und Pakistan angeschlossen. Das ist ein Faktor der Stabilisierung von großer Bedeutung, der sich auf der ersten Londoner Suez-Konferenz bewährte, wo zusammen mit Äthiopien dieseGruppe mäßigend auf dieSuezkrise einwirkte. Von hier aus gesehen hat man zwar den Eindruck, daß die Suezkrise gar nicht der Gefahrenpunkt Nummer eins ist. Ernst zu nehmende Beobachter behaupten, der Kanal sei nur ein Vorwand, um die endgültige Abrechnung mit dem Staate Israel vorzubereiten. Waffen seien von den Ostblockstaaten in viel größerem Umfange geliefert worden, als vom Westen bemerkt wurde. Ob Nasser, der der aktivste in dieser Richtung sei, Herr seiner Entschlüsse bleiben werde, könne niemand mit Sicherheit voraussagen. Die Voraussetzungen für diese Lage schuf der gleiche Geist, der während des zweiten Weltkrieges Syrien dem König Feissal versprach, es aber nach gewonnenem Krieg zum französischen Mandat erklärte: Jener leichtfertige Glaube,
man könne ungestraft Befreiung und Selbstbestimmung der Völker predigen und unterstützen und doch mit dem Land der Befreiten nach eigenem Ermessen umspringen, ohne die Bereitschaft für zukünftige Konsequenzen verantwortlich zu sein. • Wenn Balfour ohne Befragung der Araber England auf einen Staat Israel festlegte, so können seine Landsleute die Verantwortung für die Palästina-Flüchtlinge nicht von sich weisen, und ganz gewiß ließ sich diese Verantwortung nicht abdingen durch die Finanzierung einer arabischen Legion unter einem englischen Offizier; es ist erstaunlich, daß man sich in England über die Absetzung Glubb-Paschas im vergangenen Jahr so sehr hat wundern können. Nichts schwelt in orientalischen Gemütern so anhaltend wie die Erinnerung an erlittene Willkür. Warum mußte der Vater des regierenden Schahs, der alte Reza Schah Pahlevi, aus dem Land vertrieben werden und in der Verbannung elend zugrunde gehen? Die Schwächung der Staatsautorität in seinem Lande, das er aus der Verwahrlosung zur Ordnung geführt hatte, hat sich an,den englischen ölinteressen am Persischen Golf bitter gerächt. Nie wäre ferner der Haß gegen Großbritannien in Ägypten so unerbittlich geworden, hätten die Engländer nicht während des zweiten Weltkrieges ihre Panzer vor dem königlichen Palast aufgefahren, den König erpreßt und seine nationale Autorität lächerlich gemacht. Die Erinnerung an all diese Vorgänge ist nicht erloschen — wie sollte sie auch? Und sie erwacht wieder, wenn heute französische Truppen auf Zypern— unweit ihrem alten syrischen Mandatsgebiet — erscheinen. Solange französische Soldaten auf der Insel sind, ist mit einer Beilegung der Krise um Zypern nicht zu rechnen. Das ganze Problem Zypern aber, das von den Engländern ohne jede Voraussicht behandelt worden ist und ohne auf die Vergangenheit Rücksicht zu nehmen, erschöpft sich schon längst nicht mehr in den nationalistischen Wünschen Griechenlands; sein Kern liegt vielmehr in der türkischen Furcht vor dem Kommunismus, dem die Insel unzweifelhaft anheimfallen würde, wenn hier ein autonomer Staat sich selbst überlassen wird. Die Haltung der Türkei ist natürlich zu einem gewissen Grade auf ihre Interessen am Schutz der türkischen nationalen Gruppe auf der Insel zurückzuführen, im wesentlicheren aber ist sie bedingt durch die kommunistische Gefahr, der allein die Türkei mit ihren etwa 25 Divisionen — eine Division auf eine Million Einwohner — zu begegnen in der Lage ist. Die Bundesrepublik ist weder durch eine koloniale noch eine imperialistische Vergangenheit in irgendeinem Teil des Nahen oder Mittleren Ostens belastet, auch heute sind ihre Ziele von jedem Verdacht frei. Sie hat ein Interesse an der Aufrechterhaltung des Friedens, und damit ist die natürliche Richtlinie ihrer Politik die Unterstützung des stärksten Ordnungsfaktors in diesen Gebieten: der Türkei. Die Politik der Bundesrepublik in diesem Raum war bisher beein„ , , . flußt durch eine Verken-
Äskulapstab zur der wirtscnaftl ; chen Gesundung der DDR Bedeutung der verschie- . denen Länder und ihrer Aufgaben. Man hat. sich lebhaft für die. Ägypter interessiert, vor allen Dingen für das Assuan-Proiekt, daß nicht nur viel zu groß, gemessen an unseren Möglichkeiten, ist, sondern auch wirtschaftlich nicht überzeugend in seiner Anlage und in seinen Ergebnissen. Die Bedeutung der deutschen Ausfuhr nach den arabischen Ländern im engeren Sinne — Ägypten, Syrien, Libyen, Irak, Yemen und Saudi-Arabien — erreichte im Jahr 1955 den Wert von nur rund 500 Millionen DM, die Ausfuhr nach der auf der ersten Suez-Konferenz hervorgetretenen Staatengruppe Pakistan, Iran, Türkei, Äthiopien dagegen belief sich auf 825 Millionen DM. Weit an der Spitze all dieser Länder stand die Türkei mit einer Einfuhr von 500 Millionen. Es ist vielfach mißmutig Klage geführt worden über die schleppenden Zahlungen aus der Türkei, und manche, auch amtliche Kreise, sind deswegen geneigt, die Türkei als Handelspartner zu bagatellisieren. Das ist eine kurzsichtige Auffassung. Die wirtschaftlichen und politischen Beziehungen zur Türkei sind ebenso alt, wie sie zukunftsreich sind. In den zwanziger Jahren hielten sich jährlich etwa 4000 türkische Studenten in Deutschland auf, heute sind es nur 1600, allerdings ist das immer noch mehr als die Hälfte aller türkischen Auslandsstuden- .ten (insgesamt 2400). Statt über die Türkei ständig zu klagen, wäre es viel vernünftiger, wenn man der Türkei die Erhöhung der Zahl ihrer Studenten in der Bundesrepublik erleichterte. Gewiß ist die Türkei durch die amerikanische Unterstützung ihrer militärischen Entwicklung und die Modernisierung ihrer Bewaffnung bereichert worden; aber in vieler Beziehung erwuchsen ihr dadurch auch neue Lasten. Die ölzufuhren für diesen Militärapparat sind teurer, als die Türkei es sich bei ihrer Devisenlage leisten kann; außerdem zieht die Motorisierung eines Elements in einer Volkswirtschaft automatisch eine Verstärkung der Motorisierung in anderen Sektoren nach sich, was dann wieder auf die Devisenbilanz drückt. Die Türkei hat im September vorigen Jahres durch Unruhen in Istanbul Erschütterungen erlebt, die zu einer erheblichen Straffung der inneren Politik und der Wirtschaft geführt haben. Diese Unruhen waren zwar durch die Vorgänge in dem griechisch-türkischen Konflikt ausgelöst, aber ihr Verlauf machte doch deutlich, wie berechtigt die Mahnung ist, die Drohung des Kommunismus im eigenen Lande und draußen sehr ernst zu nehmen. Die Steuergesetze der letzten Zeit, der Kampf gegen den Wucher und die zur Erhöhung der Einnahmen aus dem Touristenverkehr eingeleiteten Maßnahmen werden vermutlich schon bald ihre Früchte tragen. Im übrigen haben die in der Tradition des dortigen Geschäftes seit Jahrzehnten geschulten großen deutschen Firmen wie Krupp, Büssing, Badische Anilinund Sodawerke, AEG, sich durch den
Pessimismus mancher deutscher Kreise keineswegs abschrecken lassen, dem Lande ihre Aufmerksamkeit wie in alten Zeiten zu erhalten. Es wird von seiten der deutschen Regierung nötig und auch durchaus möglich sein, zur Stabilisierung der wirtschaftlichen und politischen Ordnung im Nahen und Mittleren Osten entscheidend beizutragen, wenn die wirtschaftlichen Beziehungen zur Türkei und den unmittelbaren Nachbarländerniran und Irak planmäßig und weitschauend ausgebaut werden; diese drei Länder können sich sehr bald zu einer großen Wirtschaftseinheit zusammenfinden.
ZEIT ONLINE 1956
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