DIE ZEIT, 23.08.1974 - US-Botschafter in Nikosia erschossen

News Archiv Kalender: 
Friday, 23. August 1974
Newspaper
Embedded Scribd iPaper - Requires Javascript and Flash Player
DIE ZEIT, 23.08.1974 Nr. 35 - 23. August 1974 http://www.zeit.de/1974/35/US-Botschafter-in-Nikosia-erschossen IN DER POSE DES SIEGERS. DER TÜRKISCHE GENERALSTABSCHEF SANCAR VOR DER PRESSE IN ANKARA
US-Botschafter in Nikosia erschossen
Antiamerikanische Ausschreitungen — Große Flüchtlingsnot auf Zypern
Die Zypernkrise bekam am Montag einen neuen dramatischen Akzent durch den gewaltsamen Tod des amerikanischen Botschafters. Im Verlauf einer antiamerikanischen Demonstration in Nikosia wurde der 53jährige Rodger Davies, der seinen Posten erst im Juli, fünf Tage vor dem Sturz des Staatspräsidenten Makarios, angetreten hatte, in seiner Residenz von einer Kugel tödlich getroffen. Auch seine Sekretärin wurde erschossen. Mehr als 12 000 Demonstranten hatten sich vor dem Botschaftsgebäude versammelt und unter Rufen wie „Kissinger ist ein Mörder" gegen die amerikanische Zypern-Politik protestiert. Gegen die zunehmend gewalttätigere Menge, aus der mit Maschinenpistolen geschossen wurde, wehrten sich die Bewacher des Hauses, US-Marineinfanteristen, nur mit Tränengas. Erst UNSoldaten, Polizei und Nationalgarde konnten die Ausschreitungen beenden. Der amerikanische Präsident Ford unterstrich, „erschüttert und in tiefer Betrübnis", die dringende Notwendigkeit, unverzüglich zu Verhandlungen über eine friedliche Beilegung der Krise zurückzukehren. Am vergangenen Freitag hatte der griechische Ministerpräsident Karamänlis hierauf schon die Antwort gegeben: „Es wäre naiv zu glauben, daß Griechenland bereit sei, unter dem Druck der geschaffenen Tatsachen an Verhandlungen teilzunehmen." Griechenland sehe keinen Spielraum, „mit einer Schußwaffe an unserem Kopf und mit allen zyprischen Karten in den Händen der Türken". Der zyprische Staatspräsident Klerides fügte seinerseits hinzu: „Wir können es uns leisten zu warten, solange es nötig ist, um eine Lösung des Zypernproblems unter Bedingungen auszuhandeln, die nicht der Annahme eines türkischen Ultimatums gleichkommen." Doch mit ihrem zweiten Vormarsch in der vergangenen Woche — von Mittwochmorgen bis Freitagabend — haben die Türken der griechisch-zyprischen Mehrheit wirtschaftlich wichtige Gebiete und Orte abgenommen. Der eroberte Nordteil der Insel von Famagusta im Osten bis Lefka und Kokkina im Nordwesten umfaßt ein gutes Drittel des Gesamtterritoriums mit den fruchtbarsten Landstrichen (Weizenfelder, Obstplantagen), dem wichtigsten Hafen, den Erzund Asbestgruben und den Zentren des Fremdenverkehrs. Der türkische Bevölkerungsanteil beträgt nur 18 Prozent. 82 Prozent griechisch-zyprische Einwohner müßten sich demnach mit 65 Prozent — weniger ertragreicher — Landfläche begnügen, wenn es bei der De-facto-Teilung der Insel bliebe und zu Massenumsiedlungen der beiden Bevölkerungsgruppen käme.
Schon hat der türkische Volksgruppenführer Denktasch gegenüber der Welt erklärt: „Wir Türken behalten unseren Teil." Dem steht die Äußerung Henry Kissingers vom Montag gegenüber, wonach die Türkei zu Verhandlungen über einen Rückzug aus ihren jetzigen Positionen bereit sei. Das habs der türkische Ministerpräsident Ecevit sugesichert. Die Lebensverhältnisse auf der Insel haben sich rapide verschlechtert. „Alles liegt in Trümmern", kennzeichnete der Vorsitzende des zyprischen Arbeitgeberverbandes, Garanis, die fCriegshinterlassenschaft. Finanzminister Patsalides sprach von Verlusten von umgerechnet Hunderten Millionen Mark. Präsident Klerides ordnete die Sieben-Tage-Arbeitswoche an und appellisrte an die Vereinten Nationen und an das Rote Kreuz, der Bevölkerung zu helfet. Am schlimmsten ist das Flüchtlingsproblem. Allein in der britischen Militärbasis Dhekelia drängen sich 60 000 griechische Zyprer, vor allem aus Famagusta. Mindestens ein Drittel der griechischen Inselbevölkerung —, 172 000 von 516 000 — ist nach britischen Meldungen vertrieben oder geflüchtet Die Kriegsereignisse haben ungefähr z 000 Opfer unter der Zivilbevölkerung jefordert.
ZEIT ONLINE 1974

Unter einer Creative-Commons-Lizenz herausgegeben. Namensnennung, nicht-kommerziell
There are currently no terms in this vocabulary.
Loading