DIE ZEIT, 23.08.1974 - Kritik an Kissinger

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Friday, 23. August 1974
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DIE ZEIT, 23.08.1974 Nr. 35 - 23. August 1974 http://www.zeit.de/1974/35/Kritik-an-Kissinger WASHINGTON UND DIE ZYPERNKRISE
Kritik an Kissinger
Amerika will sich mit Athen versöhnen von Jörgen Kramer Washington, im August
Es gibt eine Grenze für die Erfölgschancen der Geheimdiplomatie." Aus dem Munde Henry Kissingers klingt eine solche Feststellung wie ein außenpolitischer Offenbarungseid. Aber der ÜS-Außenminister sah sich am Montag vor der Presse in Washington aus verschiedenen Gründen zu diesem Eingeständnis genötigt. Im Zypern- Konflikt hat nicht nur die amerikanische Krisendiplomatie versagt, die in Nahost und anderswo wahre "Wunder bewirkt hatte, dem Superstar im State Department sind auch noch andere Fehler anzukreiden. Kissinger fehlte diesmal das Augenmaß für die politische Dimension der Krise und es mangelte ihm an Gespür für die Empfindlichkeiten der streitenden Parteien, vor allem für die seelische Verfassung der Griechen. Von der Flexibilität, die in den verschiedenen Stadien des Konflikts notwendig gewesen wäre, war in der amerikanischen Außenpolitik nichts zu spüren. Der Vorwurf, daß Kissinger den Zypern-Konflikt nicht ernst genug genommen habe, ist sicher nicht berechtigt, poch seine Behauptung, daß sich Amerika im Zypern-Konflikt zurückgehalten hätte, um die Krise nicht zu internationalisieren, ist wenig überzeugend. Als Erklärung für Kissingers Zurückhaltung bleibt eigentlich nur die Tatsache, daß der Wachwechsel in Washington, der sich parallel zum Ringen um die Mittelmeermsel vollzog, Energie und Interesse des Ministers zeitweilig voll beanspruchte. Inzwischen hat die Ermordung des US-Botschafters in Nikosia Washington aus seiner Nabelsdiau. aufgeschreckt uad den Amerikanern die Tragweite des ZypernProblems verdeutlicht. Das Verhalten Washingtons in der Nato- Krise ist ein Lehrstück in unglücklicher Vergangenheitsbewältigung. Kissinger wollte frühere Fehler der amerikanischen Außenpolitik wiedergutmachen und verursachte dabei nur neue Pannen. Seit Jahren hatte Washington die Türkei als Mauerblümchen an der Südostflanke der Allianz behandelt. Ankaras Klagen über die Benachteiligung der türkischen Minderheit auf Zypern waren in Amerika stets auf taube Ohren gestoßen. Im Gegensatz zu Griechenland, dessen strategische Bedeutung für die Nato Washington selbst nach dem Obristen-Putsch 1967 immer wieder herausstrich, wurde der strategische Stellenwert der Türkei bis in die jüngste Krise hinein als gering eingestuft. Das hat sich inzwischen geändert. Ob sich das türkischamerikanische Verhältnis jedoch schnell wieder reparieren läßt, ist eine andere Frage.
Die Reihe der amerikanischen Versäumnisse ist lang. Erst einmal reagierte das State Department recht desinteressiert auf den Putsch der griechischzypriotischen Nationalgarde gegen Makarios. Der Erzbischof, so wurde in Washington gemunkelt, habe sich wie ein Fidel Castro des östlichen Mittelmeeres aufgeführt, seine Entmachtung komme deshalb so ungelegen nicht. Einen Tag lang erweckte das Außenministerium gar den Eindruck, als sei der von den Putschisten als Präsident eingesetzte Nikos Sampson durchaus akzeptabel, wenn er nur die Stabilität auf der Insel garantiere. Erst als Ankara immer verbitterter wurde und schließlich Truppen auf Zypern landete, entdeckte Kissinger sein Herz für die Türken. Der politische Positionswechsel wirkte dann wie ein offizieller Segen Amerikas für die türkische Invasion. Als die Intervention Nikos Sampson aus dem Amt gefegt und die Athener Militärs nach über siebenjähriger Diktatur zur Abdankung gezwungen hatte, wäre es an Washington gewesen, einen fairen Zypern-Kompromiß zu forcieren. Aber die Amerikaner überließen es den Briten, in Genf eine Lösung zu finden. Ankara fühlte sich durch die wohlwollende Gleichgültigkeit Washingtons ermuntert. Es gab sich mit dem Erreichten nicht zufrieden, sondern überzeugte Kissinger, daß eine Teilung der Insel das Zypern-Problem ein für allemal bereinigen werde. Die Parteinahme Washingtons für die Türken wurde ausgerechnet zu dem Zeitpunkt deutlich, an dem in Athen Konstantin Karamanlis auf den Trümmern der Militärdiktatur eine neue demokratische Regierung aufzubauen begann. Die von den griechischen Militärs angefachte Zypern-Krise so schnell und ehrenhaft wie eben möglich beizulegen, mußte für Karamanlis Vorrang vor allen anderen Problemen haben. Doch Amerika versagte dem neuen, Griechenland bei diesem Vorhaben jegliche Hilfe. Sieben Jahre lang hätte die amerikanische Außenpolitik, das Militärregime in Athen gestützt. Jetzt, da der Nato-Partner beim Wiederaufbau der Demokratie der psychologischen Starthilfe durch den großen Bruder bedurfte, wurde er fallengelassen: Kissinger ließ die Regierung Karamanlis für die Sünden der Militärdiktatur büßen. Auf die euphorisch gestimmten'Griechen, die in diesem Moment amerikanische Solidarität nötiger hatten als die Türken, mußte die Washingtoner Gleichgültigkeit schockierend wirken. Die antiamerikanischen Demonstrationen und der Mord an dem US-Botschafter sind Ausdruck der griechischen Verbitterung. Erst jetzt hat Henry Kissinger den Griechen die Hand zur Versöhnung gereicht. Wenn seiner Geste Taten folgen, könnten die unglücklichen Ergebnisse der verfehlten amerikanischen Griechenlandpolitik vielleicht doch bald überwunden werden. Auch über die Abkehr Athens von der Nato wäre dann das letzte Wort noch nicht gesprochen.
ZEIT ONLINE 1974

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