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DIE ZEIT, 23.08.1974 Nr. 35 - 23. August 1974 http://www.zeit.de/1974/35/Kleiner-Krieg-und-grosses-Elend KAMPF UM ZYPERN
Kleiner Krieg und großes Elend
Die Türken haben ihre Ziele auf Zypern erreicht die Griechen fürchten die Last der Kapitulation Von Andreas Kohlschütter Nikosia, im August ANDREAS KOHLSCHÜTTER
Keine Angst, so lange nodi geschossen wird, bleibt auch der Waffenstillstand in Kraft." Der Zuspruch des bulligen Fallsdiirmjägers aus Quebec, der am Eingang zum Ledret Palace, dem einstigen Luxushotel Nikosias und derzeitigen Hauptquartier des kanadischen UN-Kontingents Wache steht, klingt wenig hoffnungsvoll. Hinter Stacheldraht, Sandsäcken und einer Kugelweste erfüllt er seine „Friedensmission" an der „grünen Linie", die den griechischen und türkischen Teil der Stadt, die Welten der Konstantins und der Mustafas, unerbittlich voneinander trennt. In fünfzig Metern Entfernung, in einem verlassenen Gebäude mit der Aufschrift »Tourist Information Office", ebenfalls hinter einem Berg von Sandsäcken, kauert der erste Außenposten jenes „Friedenskorps", das zur Verteidigung türkischer Vaterlandsrechte aus Anatolien angerückt ist. Und gleich gegenüber vom Kanadierhotel, verdeckt von Mauern, dichtem Gebüsch und grillenbesetzten Eukalyptusbäumen, halten schwarzbärtige griediisdie Nationalgardisten in leerstehenden Villen ihre Stellungen für „Frieden, Freiheit und Mutterland". Zypern, die ewig umkämpfte Insel im Mittelmeer, auf der Pharaonen, Phönizier, Kreuzfahrer, Venezianer, Paschas, Briten, Griechen und Türken Wälle und Festungen angelegt haben, findet keine Ruhe und keinen Weg zu sich selbst. „Who is to blame for it" — „Wer ist schuld daran?", heißt der Titel eines Songs, den die scheppernde Music-Box in der Offiziersmesse des Ledra-Palace von sich gibt. Auf der Rückseite wird angeboten: Ji's getting better every day". Die UN-Kanadier, die an der Theke in ihren Whisky starren, können beide Melodien mitpfeifen. Einen kurzen Augenblick lang sah es am Montag dieser Woche so aus, als werde Zypern wieder eine politische Chance geboten. Am Mittwoch, dem 14. August, im Morgengrauen, war die Genfer Konferenz geplatzt und die türkische Armee aus ihrem engen Brückenkopf um Kyrenia zum Angriff nach Osten auf Famagusta und nach Westen in Richtung Lefka angetreten. Am 16. August fiel die große Hafenstadt Famagusta in türkische Hand. Am selben Tag verließ Stadt- Präsident Glafkos Klerides fluchtartig die Hauptstadt und verschob sich ins sichere Hinterland nach Limassol. Im Amtssitz der Regierung in Nikosia blieb niemand zurück — kein Polizist, keine Sekretärin, kein Chaufeur, nur eingespannte Briefe in den Schreibmaschinen, volle Aschenbecher und leere Zigarrenschatullen im Büro des Präsidenten. Es war der Tag der offenen Türen — der Tag, an dem das Ende der Republik Zypern gekommen schien.
Am 19. August aber, nach der Ausrufung eines neuen Waffenstillstandes, war Klerides wieder in Nikosia. Selbstbewust, gelassen an seiner englischen Pfeife ziehend, stellte er sich der Presse. Vehement verurteilte er die Ermordung von sechs Zyperntürken durch griechische „Renegaten": „Jeder, der das Leben von Bürgern dieser Republik gleich welcher Rasse gefährdet, wird sich vor dem Gesetz verantworten müssen." Er prangerte auch die Gewalttätigkeiten, Vergewaltigungen und Untaten der türkischen Seite an, aber er gestand gleichzeitig ein, daß es in den griechischen Stadtteilen von Famagusta zu „keinerlei Plünderungsaktionen" gekommen sei. Der türkische Kommandant habe sich „beispielhaft" verhalten. Verhandeln freilich — verhandeln werde er weder in Genf, „noch anderswo in dieser oder in der nächsten Welt", es sei denn, die Türkei verzichte auf ihre ultimative Ja-oder-Nein-Methode. Auf die Frage, ob er die antiamerikanischen Gefühle in der Bevölkerung teile, antwortete Klerides, Washington hätte mehr Druck ausüben können, um die türkische Invasion zu verhindern. Aber er räumte ein, daß die Vereinigten Staaten in den letzten Tagen in Ankara ihr Gewicht immer stärker zur Geltung bringen, um ein Anhalten des türkischen Vormarsches zu bewirken. Es war ein staatsmännischer Auftritt, getragen von politischer Vernunft, Mäßigung und Realismus. Draußen jedoch, im gleißenden Licht und in der explosiven Hitze der zyprischen Wirklichkeit nahmen die Dinge ihren eigenen schreddichen Verlauf. Ein wütender Mob im Sturm auf die amerikanische Botschaft. Sprechchöre und Transparente: „Kissinger = Hitler", „Kissinger .=» Mörder", „Amerika raus", „UN raus". Schreiende, fanatisierte Jugendlidie, die die US-Flagge in Fetzen reißen. Unbewaffnete und machtlöse Polizei. Waffenträger aller Art, in Uniformen und in Zivilkleidung. Wilde Schüsse und gezielte Salven aus Maschinenpistolen. Demonstranten, die sich vor den ankommenden Ambulanzen auf die Straße legen, um ihnen den Weg zu versperren. In der Botschaft verbluten der amerikanische Botschafter und seine griechische Sekretärin. Klerides unterbricht sofort seine Pressekonferenz. In rasendem Tempo fährt er zum Tatort und bahnt sidi mit übergestülpter Gasmaske einen Weg durch die Schwaden von Rauch und Tränengas ins Innere des Gebäudes. Er kann nichts mehr retten. Die Todesschützen, inmitten von Mensdienmassen, Polizeikräften und Nationalgardisten, entkommen unerkannt. Sie sollen, so ordnet es Klerides an, gefaßt und bestraft werden. Die vielen gezückten Privatwaffen verschwinden wieder unter den Hemden und in ihren Verstecken. Sie sollen, so heißt es -in Regierungskreisen, in nächster Zeit eingezogen werden. Der Vulkan, der sidi gegen Amerika entlud, brodelt weiter. Die Prüfung der griechischen Zyprer ist noch lange nicht ausgestanden. Die Demütigung der „griediischen Helden" durch die verachteten Türken, die bisher wie Untermieter im zyprischen Haus behandelt wurden und jetzt plötzlich in der Lage sind, Mitbesitzeransprüche anzumelden, ist noch lange.nicht verwunden. „Ich wende mich an die jungen Soldaten Zyperns, um ihnen die Bewunderung der Regierung und des Mutterlandes für ihren heldenhaften Kampf gegen die Invasoren
auszudrücken", rief Klerides vor einigen Tagen seinen Nationalgardisten zu. „Ihre Tugend ist bereits in die Geschichte eingegangen, denn sie haben die Thermopylen verteidigt und sich dabei selbst auf gegeben, ja geopfert." Die volle Tragweite von Karamanlis' Eingeständnis, daß jeder „bewaffnete Widerstand gegen die Türken auf Zypern aus Gründen der Entfernung unmöglidi" sei, dringt erst langsam ins Bewußtsein der Inselgriechen ein. Ihr Traumziel der Enosis, des Anschlusses Zyperns an die hellenische Heimat, setzte ja die Möglichkeit griechischer Kraftund Machtentfaltung voraus, die Athen jetzt ausgeschlossen hat. „Enosis, mein Gott", deklamiert ein erregter Grieche aus Nikosia, indem er beide Arme hochwirft und ein Glas fallen und zersplittern läßt, „Enosis ist tot." Und ein Chefarzt meint resigniert: „Zum erstenmal in der Geschichte hat das Mutterland nackten Verrat geübt. Das wird die Geistesund Seelenhaltung der Zyperngriedien von Grund aus wandeln." Aber nodi drücken sich die gesdiockten Inselbewohner vor den Konsequenzen solcher Erkenntnis. Sie helfen sich aus mit Notlügen und Dolchstoßlegenden. Sie bauen Konspirationstheorien auf von einem Henry Kissinger, der zuerst die Junta gegen Makarios und dann die Türken gegen die Junta mobilisierte, um via Ankara auf Zypern zu mehr Einfluß und möglicherweise zu amerikanisdien Stützpunktrechten zu kommen. So sind die Zyperngriechen auf der Flucht vor sich selbst und zugleich auf der Flucht vor der türkischen Armee. Das große Elend des kleinen Krieges beginnt sich auszubreiten. Rund 200-000 Menschen oder ein Drittel der Gesamtbevölkerung sind unterwegs vom Norden der Insel in Richtung Süden. Sie kommen in bis aufs Dach vollgepackten Autos, in alten, gefährlich überladenen Bussen, auf Traktoren, oft auch auf Eselsrücken oder gar zu Fuß mit ihrer ärmlichen Habe und Gut auf dem Rücken. 100 000 — vor allem auch die Flüchtlinge aus Famagusta — haben sich im Distrikt Larnaca niedergelassen, davon über die Hälfte innerhalb des britischen Stützpunktes von Dhekelia. 50 000 sollen um Limassol herum lagern und weitere 50 C00 im zentralen Inselgebirge sowie in der Umgebung von Paphos. Familien sind versprengt und auseinandergerissen worden. In einzelnen Dörfern ließen die türkischen Soldaten nur Frauen und Kinder laufen, die Männer wurden zurückbehalten. Wo sind sie geblieben, leben sie noch? Verzweifelte Väter fahren tagelang die Lager und die Bergdörfer ab, auf der Suche nach Töchtern und Enkelkindern, die in blinder Panik vor einer türkischen Einkreisung und Eroberung Nikosias die Hauptstadt verließen. Stundenlang strahlen die Rundfunkstationen in ihren Programmen Vermißtmeldungen und Kontaktadressen aus. Die meisten Flüchtlinge haben keine Unterkunft gefunden. Sie leben unter freiem Himmel, in selbstgebastelten Zelten und improvisierten Holz verschlagen. Es fehlt an allem, an Matratzen, Kochgeschirr, Brot, Eiern, Fleisch, Gemüse, oft auch an Wasser. 70 Prozent der landwirtschaftlich bebauten Fläche liegen nach offiziellen Angaben in den von der türkischen Armee besetzten Gebieten, die jetzt rund 40 Prozent des gesamten Inselterritoriums umfassen.
Die Dörfer und Provinzstädte im Norden stehen leer, die Felder und Obstkulturen verkommen, die verwahrlosten und verdursteten Tiere sterben massenweise. Die Zitruserntc von Morphou, Karvas und Lapithos ist nach Ansicht von UNBeobachtern so gut wie verloren, ebenso die Olivenernte im Gebiet von Kyrenia. Wer geflohen ist oder vertrieben wurde wird von den türkisdien Militärkommandanten trotz aller UN-Interventionen nicht zurückgelassen. Von sieben Bauern, die in ihr einige Kilometer westlich von Famagusta gelegenes Dorf zurückzukehren versuchten, um ihre Tiere zu tränken, wurden sechs erschossen. Die türkische Armee hat jetzt ganz Zypern im Griff, auch ohne die ganze Insel besetzen zu müssen. Militärisch hat sie ihre gesteckten. Ziele, wie der türkischzyprische Verteidigungsminister Uerck mit Genugtuung feststellte, „vollauf erreicht", obschon die erste Landungsphase vom 20. Juli keineswegs reibungslos verlief. Ein kanadischer UN-Offizier, Hauptmann bei den Luftlandetruppen, war Augenzeuge, wie das türkische Fallschirmjägerkommando südlich der Kyeniaberge absetzte: „So hoch abgesprungen, daß sie zum Teil vom Wind abgetrieben und durch die auf der Hügelkette postierte griechische Abwehr schwer gerupft wurden; ohne die. geringsten Transportmittel, um sich in der Ebene fortbewegen zu können; ohne Hoffnung auf einen raschen Zusammenschluß mit den Landungstruppen aus Kyrenia, die an der Küste noch gar nicht ausgeladen waren. Insgesamt eine Aktion von Amateuren." Später allerdings, beim Stoß vom 14. August nach Famagusta und Lefka, kam dann die aufmarschierte türkische Übermacht voll zur Geltung. Die miserabel ausgerüsteten und schlecht koordinierten griechisch-zyprischen Verbände, die kaum über Artillerie verfügten und den rund 250 Türkenpanzern nurmehr ein Dutzend eigener Tanks und keine effektive Panzerabwehr entgegensetzen konnten, hatten keine Chancen mehr. Verteidigungsminister Uerek zur heutigen Lage: „Wir können jede militärische Bewegung der Griechen nach, um und in Zypern stoppen". — Damit hat er wohl recht. So dienten die letzten militärischen Verstöße der Türken über die Attila-Linie hinaus nicht mehr dem Geländegewinn. Es handelte sich vielmehr um taktisch bedingte Bewegungen zur Kontrolle von Straßen, Straßenkreuzungen und strong points rund um Nikosia, um erstens möglichen Repressalien gegen die türkischen Enklaven im Südteil der Insel sofort entgegnen zu können und zweitens militärische Positionen in der Hand zu haben, über die sich bei zukünftigen politischen Verhandlungen reden ließe. Doch die Zeit für ernste Verhandlungen über die Zukunft Zyperns scheint noch nicht gekommen. „Verhandeln? Noch sind wir ja auf Gedeih und Verderb den Türken ausgeliefert und auf Gnade angewiesen. So nicht", meint ein Sprecher des Außenministeriums in Nikosia. Nicht alle Griechen allerdings braudien so große Worte. Aber auch die Gemäßigten unter ihnen glauben warten zu müssen, bis in Athen und in der griechischen Mehrheit auf Zypern der Schodc der demütigenden Niederlage und der großhellenisdie Traum so weit abgeklungen sind, daß der unvermeidliche Verzidit nidit als unverzeihlidie Kapitulation gewertet wird. Die kraftstrotzenden Türken jenseits der „grünen Linie" haben die
Machtparität erreicht und territorial verankert, die sie nadi den vielen schlechten Erfahrungen der Vergangenheit zur Sicherung ihrer Minderheit und zum Abbau von Reibungsflächen für unerläßlich halten. Sie glauben warten zu können, bis die griechische Seite am grünen Tisch unterschreibt, was de facto heute schon vollzogen ist: Eine Bundesrepublik Zypern mit zwei weitgehend autonomen Landesteilen. Im Vorfeld einer solchen konstitutionellen Regelung sind Gespräche über einzelne Kriegsfolgen durchaus möglich. „Laßt uns miteinander reden, wir brauchen ja nicht unbedingt streng zu verhandeln", ist in beiden Lagern immer wieder zu hören. Dabei wird vor allem an den Austausch der Kriegsgefangenen, an die Repatriierung der griediisdien Flüchtlinge, die Öffnung der türkischen Enklaven und besonders auch an die wirtschaftliche Zusammenarbeit gedacht, auf die alle Zyprer im Sog der nicht mehr zu bremsenden Kriegskrise mehr denn je angewiesen sind. Auf beiden Seiten besteht die heimliche Hoffnung, daß solche Neuanfänge das allmähliche Überleiten auf die politische Ebene erleichtern werden.
ZEIT ONLINE 1974
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