DIE ZEIT, 23.08.1956 - Drei Welten auf Zypern

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Thursday, 23. August 1956
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DIE ZEIT, 23.08.1956 Nr. 34 - 23. August 1956 http://www.zeit.de/1956/34/Drei-Welten-auf-Zypern
Drei Welten auf Zypern
Nicosia, im August W. GUGGENHEIM
Ein von dem legendenumwobenen EOKA-Chef Dighenis — er nennt sich »der Führer" — unterzeichnetes Flugblatt hat, einstweilen, in Zypern zur Waffenruhe und damit zur Rückkehr eines nach außen hin beinahe wieder normalen Alltagslebens geführt. Die Engländer scheinen bereit, die abgebrochenen Verhandlungen wiederaufzunehmen, nachdem die Bedingung, den EOKATerrot einzustellen, erfüllt worden ist. Freilich ist damit zu einer Lösung nur der erste Schritt getan. Kann der verbannte Erzbischof Makarios zu Verhandlungen herangezogen werden? Oder finden sich, entgegen allen Erwartungen, doch Zypriosten, die bereit wären, auch ohne den Erzbischof zu verhandeln? Werden vielleicht jetzt, wo bei den leicht entflammbaren Griechen vernünftige Überlegungen Raum zu gewinnen scheinen, die inzwischen verbitterten Türken sich jeder Kompromißlösung halsstarrig entgegenstellen? Für die Beantwortung solcher Fragen ist es wichtig zu wissen, wie die Situation an Ort und Stelle beurteilt wird. Unser Berichterstatter besuchte Zypern und schildert hier seine Eindrücke. Schon der erste Eindruck, den man beim Betreten der Insel Zypern gewinnt, zeigt: Hier gibt es drei separate Welten, deren Repräsentanten — Engländer, griechische Zyprioten und Türken — fast ohne Kontakt miteinander leben. Anschuldigungen und Gegenbeschuldigungen flogen hin und her, und die kleinste Provokation konnte zu Schlägereien zwischen Griechen und Türken oder Kämpfen zwischen Engländern und Griechen führen. Eine gefährliche Situation, die dadurch nicht leichter wird, daß die Türkei erklärt hat, sie werde die Insel annektieren, falls England sich zurückziehe. Dies könnte Krieg zwischen NATO-Partnern bedeuten. Wie aber kam es, daß diese Insel, nur 3570 Quadratkilometer groß, die ganze Südostflanke des Nordatlantikpäktes aufzureißen droht? Seit Jahrzehnten verlangt die griechische Bevölkerung — etwa 80 v. H. der 524 000 Inselbewohner — ENOSIS, das heißt Vereinigung mit Griechenland. Sie kann sich dabei auf das Prinzip der nationalen Selbstbestimmung stützen, das während des zweiten Weltkrieges immer wieder von den Alliierten betont wurde. Die Ereignisse im Nahen Osten, wo ein Land nach dem andern unabhängig wurde, trugen dazu bei, auch in Zypern ein Feuer der Nationalbegeisterung zu schüren, das von Athen aus sorgfältig genährt wurde. Am 1. April 1955 kam es zur Explosion. Die Terroristengruppe EOKA begann ihre Angriffe auf Engländer und türkische Zyprioten. Der Kampf galt dabei nicht einmal in erster Linie den Engländern, sondern jenen Zyprioten, die der ENOSIS lauwarm gegenüberstehen. Inzwischen sind mehr Zyprioten umgebracht worden als englische Soldaten. "
Die Kampfmethoden der EOKA waren nicht dazu angetan, die Sympathien eines unbeteiligten Zuschauers zu wecken: Schüsse aus dem Hinterhalt... Bomben in Kaffeehäusern... Morde auch in Kirchen und Spitälern ... Die zypriotische Bevölkerung war dadurch völlig eingeschüchtert. Sie ängstigte sich. Aber auch die Gegenmaßnahmen der Engländer — Todesurteile, Kollektivbußen, Verhaftungen ohne Gerichtsurteil — konnten die Angst nicht beseitigen. Im Sommer letzten Jahres versuchte England, die ENOSIS T Bewegung zu steuern, und schlug den Zyprioten Selbstverwaltung auf allen Gebieten vor; nur die interne Sicherheit, die Verteidigung und die Außenpolitik sollten in Händen der Engländer bleiben. Über die nationale Zugehörigkeit der Insel sollte, nach diesen englischen Vorschlägen, verhandelt werden, sobald sich die Lage im Nahen Osten geklärt habe. Doch die Londoner Verhandlungen scheiterten. Der wichtigste Verhandlungspartner,. Erzbischof Makarios, wurde von den Engländern deportiert — eine Maßnahme, die auch in England heftige Kritik ausgelöst hat. Es sind in erster Linie strategische Überlegungen, welche die Insel im jetzigen Zeitpunkt für England unentbehrlich machen: Zypern ist der einzige Punkt im Vorderen Orient, wo die Engländer noch Militärstützpunkte auf „eigenem Territorium" unterhalten können, also nicht auf Verträge mit arabischen Staaten angewiesen sind. Strategisch gesehen gleicht Zypern wirklich einem unversenkbaren Flugzeugträger. Fieberhaft wird am Ausbau der Flugfelder gearbeitet. Bei Akrotiri, an der Südküste, ist ein Flugplatz für modernste Düsenbomber im Bau. In Episkopi ist die ErBadisches Trachtenfest richtung des britischen vor der Bühlerhöhe Hauptquartiers Nah-Ost schon beinahe vollendet. Die Gesamtausgaben für alle militärischen Projekte belaufen sich auf mehr als fünfhundert Millionen DM. Die britische Armee ist der Ansicht, daß man auf keinen Fall die Basen auf Zypern aufgeben dürfe und daß die Politiker sich daher so gut wie möglich aus der Affäre zu ziehen hätten. Militärische Überlegungen also überwiegen; und es ist kein Zufall, daß der jetzige Gouverneur ehemaliger Chef des britischen Generalstabes ist. Denn braucht man einen Feldmarschall, um einige Guerillakämpfer in den Bergen zu lokalisieren oder Stacheldrahtverhaue durch die Städte zu ziehen? Nein, Sir John Harding wurde zum Gouverneur ernannt, weil für Großbritannien im Nahen Osten Interessen auf dem Spiel stehen, welche die Anwesenheit eines Strategen erforderlich machen. Mitte Juli unternahm England einen neuen Versuch, aus der Sackgasse herauszukommen, und ernannte Lord Radcliff, einen der führenden britischen Verfassungsrechtler, zum Constitutional Commissioner mit der Aufgabe, eine Verfassung für Zypern auszuarbeiten.
Schon einmal, vor neun Jahren, hat die damalige englische L«&cmr-Regierung den Zypriotea eine Verfassung mit sehr viel interner Verwaltungsfreiheit angeboten. Unter starkem kirchlichem Druck wurde dieses Angebot abgelehnt. Die offizielle Begründung war, daß man alles — mit anderen Worten: ENOSIS — oder nichts wolle; doch manche Beobachter sind der Ansicht, der eigentliche Grund für die Ablehnung sei die Befürchtung des griechisch-orthodoxen Klerus gewesen, daß er seinen politischen Einfluß verlieren könnte. Wenn man zu einer Zeit, als es noch keine EOKA-Terroristen gab, mit Zyprioten sprach, gaben sie offen zu, daß Zugehörigkeit zum Sterlingblock wirtschaftliche Vorteile mit sich bringt; und von ENOSIS waren sie gar nicht alle so begeistert. Die Engländer zitieren gern als Beweis dafür, wie wenig ernst es den Zyprioten mit ihrer „Rückkehr ins griechische Mutterland" sei, die Auswanderungszahlen der letzten Jahre. Während durchschnittlich 3000 bis 4000 Zyprioten nach England oder dem Commonwealth auswanderten, fanden im gleichen Zeitraum (Jahresdurchschnitt 1952/1955) nur fünf ihren Weg nach Griechenland. Aus strategischen Gründen also kann England die Insel nicht aufgeben; aber auch aus außenpolitischen Gründen nicht, da die Gefahr eines Krieges zwischen der Türkei und Griechenland nicht zu leugnen ist. Terrorismus und englischer Gegenmaßnahmen, Zusammenstöße zwischen Griechen und Türken (sowohl in Zypern wie in der Türkei) haben eine solche Erbitterung zur Folge gehabt, daß auch die jetzt eingetretene Waffenruhe zu allzu optimistischen Hoffnungen noch keinen Anlaß gibt. W. Guggenheim
ZEIT ONLINE 1956

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