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DIE ZEIT, 22.10.1965 Nr. 43 - 22. Oktober 1965 http://www.zeit.de/1965/43/Menderes-spaete-Rache
Menderes' späte Rache
Das Erbe Kemal Atatürks wird jetzt liquidiert / Von Peter Grubbe PETER GRUBBE
Bei den Parlamentswahlen in der Türkei wurde die von Kemal Atatiirk gegründete und von dem 82jährigen Ismet Inönü geführte Republikanische Volkspartei geschlagen, und die politischen Erben des 1960 gestürzten und 1961 hingerichteten Ministerpräsidenten Menderes errangen einen überzeugenden Sieg. Die Gerechtigkeitspartei — Nachfolger der einst von Menderes geführten und nach wie vor verbotenen Demokraten — verfügt im neuen türkischen Parlament über die absolute Mehrheit. Der Sieg der Gerechtigkeitspartei ist mehr als eine posthume Rache des 1961 Gehenkten. Er kennzeichnet das Ende der großen Reformepoche Kemal Atatürks. Er bedeutet, daß die Türkei nun zu den konservativen Prinzipien der Bauern Und der mohammedanischen Priester zurückkehrt, die Atatürk hatte beseitigen wollen. Die Tatsache, daß der Führer der unterlegenen Volksrepublikaner der letzte große Kampfgefährte Atatürks war, ist ein Symbol dafür. Schon Menderes hatte sich trotz aller Lippenbekenntnisse zu Atatürk gegen das politische Erbe des großen Reformators und Diktators gestellt. Er stützte sich auf die konservativen Bauern in den Dörfern, die Atatürk gegen ihren Willen zu einer modernen Lebensform gezwungen hatte. Er begünstigte die patriarchalischen Gutsbesitzer und Notabein auf dem Lande. Er half den vielfach reaktionären Geistlichen, einen Teil des Einflusses zurückzugewinnen, den Atatürk ihnen genommen hatte. Es war charakteristisch, daß unter Menderes' Herrschaft die Frauen in den Dörfern vielfach die von Atatürk verbotenen Schleier wieder hervorholten. Der Militärputsch von 1960 war die Rebellion gegen diesen Kurs. Führend waren junge Offiziere gewesen, die gemeinsam mit liberalen Studenten und großstädtischen Intellektuellen eine Fortsetzung der von Atatürk eingeleiteten sozialen und politischen Reformen hatten erzwingen wollen. Landreform, Industrialisierung, Besserstellung der Arbeiter, Zurückdrängung des kirchlichen Einflusses gehörten zu ihrem Programm. Als nach einem Jahr Militärherrschaft die von Inönü geführte Republikanische Volkspartei an die Regierung kam, übernahm sie einen wesentlichen Teil dieser Ziele. Bei der Wahl vom 10. Oktober hat sich die Mehrheit des türkischen Volkes gegen liberale und soziale Reformen und für eine Rückkehr zum konservativen Lebensstil der Bauern und Dorfgeistlichen erklärt. Gleichzeitig hat sich die Mehrheit für das Bündnis der Türkei mit dem Westen und gegen Neutralisierungstendenzen aller Art, ja sogar gegen die leiseste Annäherung an die Sowjetunion ausgesprochen.
Inönü hatte nämlich — verärgert durch die Weigerung der Amerikaner, die Türkei im Zypernkonflikt zu unterstützen — vorsichtige .Gespräche mit Moskau begonnen. Das Wahlergebnis zeigt, daß die traditionelle Abneigung der Türken gegen den „russischen Erbfeind" stärker ist als das Ressentiment gegenüber den „unzuverlässigen amerikanischen Bundesgenossen". Der prowestliche Kurs der zukünftigen türkischen Regierung wird aber nicht nur durch die Niederlage Inönüs, sondern auch durch die Persönlichkeit des neuen Regierungschefs garantiert. Der 42jährige Süleyman Demirel, der seit knapp einem Jahr seine Partei führt, stammt vom Lande. Sein Vater war Bürgermeister in einem Dorf im Südwesten der Türkei. Daher rührt seine konservative Einstellung und seine Popularität bei den anatolischen Bauern, die wesentlich zum Wahlsieg seiner Partei beigetragen haben. Im Gegensatz aber zu seiner dörflichen Abstammung wirkt der kräftige Mann mit dem runden, etwas weichen Gesicht eher wie ein westlicher Großstadtbürger, wie ein Manager eines angloamerikanischen Industriekonzerns. Er spricht fließend englisch. Er ist ein hervorragender Organisator. Für sozialistische Bestrebungen und Reformprogramme hat er nur eine etwas hochmütige Verachtung übrig. Demirel will die Türkei — daraus macht er kein Hehl — politisch und wirtschaftlich auf den Kurs zurückführen, den sie unter Menderes verfolgte, nur ohne die damals immer mehr um sich greifende Korruption. Das bedeutet außenpolitisch feste Bindung an den Westen, innerpolitisch Schutz des konservativen Bauerntums, des Großgrundbesitzes und der Kirche, wirtschaftlich keine Planung, sondern freie Hand für inländische Unternehmer und ausländisches Kapital. Vom Typ her ist der 42jährige Ingenieur, der in den USA studiert, viele Reisen durch Westeuropa gemacht hat und lange Jahre Chef der staatlichen Wasserbauverwaltung war, sicherlich der richtige Mann für die Türkei, die nach fünf Jahren politischer und ideologischer Streitigkeiten einen Mann braucht, der organisieren kann und der zunächst einmal die Wirtschaft des Landes reformiert. Denn die wichtigsten Probleme des Landes sind heute nicht politischer, sondern wirtschaftlicher Natur. Auch psychologisch ist der Zeitpunkt günstig. Menderes hinterließ einen Staat, den Korruption und Verschwendung bankrott gemacht hatten. Die Militärs und Inönü versuchten zwar, das Land wirtschaftlich zu sanieren, aber sie waren dazu nicht in der Lage. Sie erließen zwar Gesetze, die sie beim Volk unpopulär machten. Aber da sie kein wirtschaftliches Konzept hatten, blieb der Erfolg aus. Jetzt ist die Bevölkerung der Experimente müde. Auch die Offiziere, die dem politischen Erben des von ihnen gestürzten Menderes im Grunde mißtrauisch gegenüberstehen, haben nicht den Mut, sich zu widersetzen. Denn die Reaktion des Volkes auf einen neuen Putsch wäre nach den wirtschaftlichen Mißerfolgen der letzten Jahre zweifellos negativ. Demirel kann außerdem auf die wirtschaftliche Unterstützung der Amerikaner rechnen, zumal er bereit zu sein scheint, den Streit um Zypern aus der Atmosphäre der Emotionen in das Fahrwasser einer sachlichen, politischen
Auseinandersetzung zu steuern. Er hat daher günstige Startbedingungen. Die entscheidende Frage ist, ob es ihm gelingt, in der Verwaltung und Wirtschaft seines Landes Korruption und Schlendrian zu beseitigen. Erst wenn es gelungen ist, die Türkei wirtschaftlich wieder gesund zu machen, wird sich die Frage stellen, ob ein Land am Rande Europas heute noch ungestraft politisch und sozial weiter im Stil des 19. Jahrhunderts leben kann.
ZEIT ONLINE 1965
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