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DIE ZEIT, 22.08.1957 Nr. 34 - 22. August 1957 http://www.zeit.de/1957/34/Zyprische-Zeitbombe
Zyprische Zeitbombe
TH. SOMMER
\ uf Zypern, der seit Jahren friedlosen Insel #'»im östlichen Zipfel des Mittelmeers, herrscht im Augenblick Ruhe. Seit dem Frühjahr schweigen die Waffen der Untergrundbewegung EOKA, und die Briten haben erst unlängst zum zweiten Mal die Fesseln der Ausnahmegesetzgebung gelockert. Dennoch sind noch eine ganze Reihe drakonischer Sondergesetze in Kraft; auch ist die EOKA keineswegs tot. Ihr geheimnisvoller Anführer Dighenis-Grivas ist den britischen Aushebungskommandos noch jedesmal entschlüpft. Jetzt hält er Ruhe — zugleich aber hält er sein Pulver trocken. In wenigen Wochen wird die Zypernfrage wiederum von den Vereinten Nationen debattiert. Bis dahin muß ein Ausweg aus der Sackgasse sichtbar werden, wenn der Zustand äußerlicher Entspannung auf der Insel nicht jäh wieder in einen erbitterten Kleinkrieg umschlagen soll. Die Aüßenministerien in London, Athen und Ankara machen sich keinerlei Illusionen. Seit Wochen stehen sie in einem vor der Öffentlichkeit wohlweislich verschleierten Gedankenaustausch. Die zunächst von Whitehall ausgegangene Anregung,' Vertreter Großbritanniens, Griechenlands und der Türkei zu einer neuen Zypernkonferenz in London zu versammeln, scheint aus der Diskussion verschwunden zu sein. Kein Wunder: denn die Standpunkte der drei Parteien sind noch viel zu weit voneinander entfernt, als daß einer formalen Konferenz schon reelle Erfolgschancen beschieden sein könnten. Seit 1955 hat sich das Bild sehr verändert. Die Briten sind von dem „Niemals!" abgerückt, das ihr Kolonialminister anfänglich den Forderungen der Zyprioten entgegenschleuderte. Zyperns Wert als strategische Basis ist auch in britischen Augen recht fragwürdig geworden. Der Plan, Englands mittelöstlichen Schlüsselstützpunkt nach Kenya zu verlegen, ist nur ein Ausdruck dieser Erkenntnis. Zwar sind die Engländer immer noch nicht geneigt, dem Verlangen der 400 000 Zyprer griechischer Zunge nach Enosis — Anschluß an Griechenland — stattzugeben. Sie erwägen jetzt jedoch eine ganze Reihe von Lösungsmöglichkeiten — und das mit einer Freimütigkeit, die vor einem Jahr noch undenkbar gewesen wäre. Hinter diesen Plänen steht aber, wiewohl vorläufig unausgesprochen, die Einsicht, daß der „letzten Kolonie mit weißer Bevölkerung" auf die Dauer das Recht der Selbstbestimmung nicht abgesprochen werden könne — auch wenn dieses Recht zur Vereinigung Zyperns mit Griechenland führen würde. Die eigentlichen Schwierigkeiten, die der Bereinigung des Zypernproblems im Wege stehen, liegen jedoch anderswo: in Ankara. Dort klammert man sich heute an das armselige Rezept, das die Briten vor längerer Zeit in einer einfallslosen
Stunde glaubten empfehlen zu müssen #— an das Rezept einer Teilung Zyperns in eine griechische und eine türkische Zone. In England wird dies von niemand mehr als der politischen Weisheit latzter Schluß betrachtet, es sei denn als verzweifelter Ausweg aus einer hoffnungslos verfahrenen Situation. Ankara dagegen versteift sich darauf: wenn der Status quo in Zypern überhaupt geändert werde, dann müsse diese Änderung auf eine Teilung der Insel hinauslaufen. Auf eine Teilung noch dazu, die nicht auf dem Verhältnis der griechischen zu der türkischen Inselbevölkerung (eins zu fünf) fußt, sondern Zypern in zwei gleiche Hälften teilt. Auch in Athen gehen die Wogen der Volksstirhmung noch immer hoch. Doch scheint Ministerpräsident Karamanlis die kompromißlose Haltung der griechischen Bevölkerung — und besonders der Opposition — nicht ganz zu teilen. Sollte man ihm nicht den Rücken steifen? Wenn nötig auch gegen den Erzbischof Makarios, der dreiseitige Gespräche völlig ablehnt und auf direkten Verhandlungen zwischen der Ethnarchie und dert Briten beharrt, unter Ausschluß der übrigen interessierten Parteien? Auf lange Sicht wird den Zyprioten das Selbstbestimmungsrecht nicht verwehrt werden können. Jetzt geht es darum, eine Übergangslösung zu finden, die dem Bruderzwist im Hause der NATO ein Ende setzt und es erlaubt, die Risse im südöstlichen Pfeiler der atlantischen Verteidigungsorganisation baldmöglichst wieder zu verkitten, ohne dieses Recht zu präjudizieren. Den Briten muß geholfen werden,* eine solche Lösung zu finden und durchzusetzen. Ihre Verbündeten dürfen sie nicht im Stich lassen. Ihnen würde es wenig nützen, wenn die Engländer etwa aus Verzweiflung die nicht entschärfte zyprische Bombe der NATO in den Schoß werfen wollten, wie sie einst die Bombe Palästina in den Schoß der jungen Vereinten Nationen geworfen haben. Die große Unbekannte in der Zyperngleichung sind im Moment die Vereinigten Staaten. Bisher haben sie sich geweigert, Stellung zu beziehen oder auf Athen und Ankara irgendeinen Druck auszuüben. Vielleicht würde ihnen dies leichter fallen, wenn sie solche Demarchen mit ähnlichen Aktionen der westeuropäischen NATO-Mächte abstimmen könnten. Von dem neuen NATO- Generalsekretär Paul Henri Spaak ist bekannt, daß er seine guten Dienste jederzeit für eine schiedsrichterliche Beilegung zur Verfügung stellen würde. Sollte man ihn nicht dazu ermutigen? Gewiß könnte auch die Bundesrepublik, deren Beziehungen zu London, Ankara und Athen gleich herzlich sind, in solchen Verhandlungen mehr als bloße Briefträgerdienste leisten. Th. Sommer
ZEIT ONLINE 1957
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