DIE ZEIT, 22.07.1960 - An allen Straßenecken „Große Brüder"

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Friday, 22. July 1960
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DIE ZEIT, 22.07.1960 Nr. 30 - 22. Juli 1960 http://www.zeit.de/1960/30/An-allen-Strassenecken-Grosse-Brueder
An allen Straßenecken „Große Brüder"
Aber General Gürsel sagt: „Ich bin gegen Personenkult" - Sowjettürke fordert Neutralität - Istanbul nach der Revolution /Von Eka v.Merveidt
Istanbul, im Juli T~~\ er liebenswürdige Türke, der mich von der #"-' Pier an der Galata-Brücke abholte, fragte mich sogleich, ob ich einen der Männer sprechen wolle, der dem Istanbuler Revolutionskomitee angehört hatte. Er nannte einen Major, der zwei Jahre im NATO-Hauptquartier gewesen war und jetzt hinter einem Schreibtisch des Rundfunkhauses Radio Müdürlügii sitzt. Am Eingang des großen Hauses saßen zwei würdige Herren, die weiße Schildchen am Rockaufschlag trugen, mit^ ihrem Photo und ihrem Namen. a_uf daß ich Aber wer waren sie? Nackdem sie lange und umständlich meinen Paß geprüft hatten, nahmen sie ein grünes Schilderten mit einem mir unverständliehen Text und nötigten mich, es an einem Knopf meines Kleides aufzuhängen. Mein sentimentaler Freiheitsdrang revoltierte zwar, aber was half's! So ausgezeichnet wie eine Ware im Warenhaus durfte ich zu meinem Revolutionär emporsteigen. Das Kriegsrecht in Istanbul ist noch nicht aufgehoben, wenn sich auch wieder jedermann frei bewegen kann und es auch abends keine Sperrstunden mehr gibt. Man versicherte mir, daß auch die „Vorsichtsmaßnahmen" in den Ämtern, die ich selber erlebt hatte, bald aufhören würden. Dennoch gewann ich, die ich aus dem freien, lebhaften Griechenland gekommen, nachdem ich längere Zeit in Polen gewesen war, den nicht besonders angenehmen Eindruck, daß ich mich hier in einem merkwürdigen Zwischenreich befand, zwischen Asien und Europa nicht nur, auch zwischen Demokratie und Diktatur. Zwar wußte ich längst, daß die Beschreibungen der Historiker und Dichter nicht mehr stimmen, die so blumig das orientalische Leben schilderten und mit ihren Versen das schmutziggraue Wasser des Goldenen Horns vergoldeten. Jetzt schien mir aber auch, daß die Schilderungen der „neuen" Türkei schon überholt seien. Seit Atatürk mit rigorosen Mitteln sein Land dem zivilisatorischen Leben nach westlich-europäischem Beispiel erschloß, ist viel Wasser den Bosporus entlanggeflossen. Starke konservative Kräfte haben den Nachfolgern Atatürks Schwierigkeiten gemacht. Die Türkei rückte wieder ein Stück zurück in die orientalische Welt. Schwere Auseinandersetzungen zwischen jenen politischen Gruppen entstanden, die entweder Asien oder Europa zugewandt waren. Griechische Beobachter in der Türkei, die voller Bewunderung für die politischen Gaben der Türken sind, weil es ihnen gelang, aus dem verlorenen Ersten Weltkrieg als Sieger hervorzugehen, im Zweiten Weltkrieg aber neutral zu bleiben und dabei gute Geschäfte zu machen und neuerdings auf Grund
ihrerstrategischenSchlüsselstellungvon ihren Bündnispartnern immer neue GeKßurnmen abzupressen — diese Griechen meinen, daß auch diese zwe.te große Revolution der Türken nicht die letzte sein werde. Die soziale Reform steht ihnen noch begeschehen sei. Er findet, daß die Interpreten sich allzu flüchtig informiert hätten. Die energischen jungen Männer der heutigen Türkei sind so kühl, wie es in diesen Breiten nur möglich ist. Sie sprechen sehr sachlich über die türkische Vergangenheit. Sie sagen, Kemal Atatürk sei gewiß nicht der Held gewesen, für den er sich hielt und für den er jahrzehntelang gehalten wurde, aber auch nicht das extreme Gegenteil. Man müsse das Gute, Richtige, ja, Große, das er begonnen hatte, fortsetzen. Ein Gremium integrer Staatsrechtler arbeitet heute an der Abfiöfeft, die nöcfi Minderes anwenden könnte. Mehr Schulen sollen entstehen, damit nicht, wie bisher, schon die Elfjährigen entlassen werden punkte im Innern des Landes. Die Frage, wann die angekündigten Wahlen stattfinden werden, bleibt noch immer unbeantwortet. Aber mein Gesprächspartner, der Major, betont, er hoffe, bald zu seiner Einheit zurückkehren zu können. Es klang wie Heimweh. Ja, die Türken haben mehr Freiheit gewonnen! An einem Abend, als die müden Lastenträger, die man auf allen Straßen Istanbuls sieht, und die fleißigen Hafenarbeiter längst schlafen gegangen waren, saß ich mit türkischen Gastbefreit worden waren, genossen dort unbemerkt zwischen anderen die erfrischende Brise, tranken hat den Sieg der Armee in der Türkei „einen großen Schritt vorwärts" genannt. Sein „Vorwärts" ist nach dem Ort, in dem er sich aufhält, nicht zweifelhaft. Er will die Militärs zu einer „wirklichen" Reform ermuntern, nachdem Menderes nur Pseudoreformen durchgeführt habe, die einseitig „den Großgrundbesitzern" auf dem Lande zugute kamen. Hikmet versucht, Vorschriften zu machen. Die türkischen Gewerkschaften sollen internationale (und das heißt kommunistische) Verbindungen aufnehmen; sie sollten sich nicht einseitig nach den^amerikanis^en Syndikar wieder zur Neutralität zurückkehren, soweit Nazim Hikmet, der sowjetische Türke, der aus sicherer Entfernung eine „Zone des Friedens" vorschlägt, die, bedingt durch die geographische Lage, von der Türkei, Griechenland, den arabischen Staaten und — Pakistan gebildet werden solle. Der türkische Poet aus Moskau nannte in seinem Interview einen kommunistischen Geheimsender — Bizim Radio („Unser Radio"), der sich nicht begnügt, mündlich Propaganda gegen „Imperialisten und Amerikaner" zu verbreiten. Der Geheimsender hat auch Handzettel verbreitet, von denen es heißt, daß sie naß auf die Hausdächer aufgelegt und, nachdem die Sonne sie getrocknet hatte, vom Wind heruntergefegt werden. Doch scheinen die meisten Zettel in den Bosporus, in das Goldene Hörn und in das Marmara-Meer gefallen zu sein. Die Slogans: „Befreit euch von Beys, Agas und Lifliks (Latifundienbesitzer!). Befreit euch und gründet so viele Parteien, wie ihr wollt! Befreit euch, um sozialistische Ideen zu verwirklichen! Befreit euch, um eine eigene Außenpolitik zu gründen!" ertranken darin. Von meinen türkischen Gastgebern hatte keiner einen dieser Handzettel zu Gesicht bekommen.
Und die Kurden? Gibt es Freiheit für sie? — Hörte ich bisher diesen Namen, so verband sich mir damit die Vorstellung von einem wilden, halb-nomadischen Volk mohammedanischen Glaubens, als dessen Heimat die Türkei, Syrien, Persien, Irak und Afghanistan genannt wird. In der Türkei, deren Bevölkerungszahl mit 24 Millionen angegeben wird, sind die Kurden eine beängstigende Realität von ein und einer halben Million fremdartigen unruhigen Einwohnern. Sie leben in dem östlichen Bergland Anatolien, das Ausländern nur mit besonderer Genehmigung zugänglich ist. Jetzt höre ich, daß sie schon mehrfach Revolten angezettelt haben und daß sie einen eigenen Staat anstreben. Man sagt, sie seien roten Einflüssen zugänglich, weil sie sich als Minorität nicht genügend anerkannt fühlen. Trotz der glühenden Hitze in den Städten stehen übrigens am Bosporus, wo man auf Ausflugsschiffen für 30 Pfennig zwischen Asien und Europa hinund herpendeln kann, in diesem Sommdr die großen Häuser und Paläste noch leer. Die Abgeordneten, die hohen Beamten und Diplomaten, die alljährlich, den Lemmingen gleich, von Ankara ans Meer fliehen, bleiben in ihren Büros. Sie entwickeln eine große Aktivität in der Hauptstadt, und es heißt, daß sie politische Klugheit mit Vorsicht vereinen, während doch bisher ein griechisches Sprichwort galt: „Die Türken vollbringen das Unmögliche, doch das Mögliche tun sie nicht..."
ZEIT ONLINE 1960

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