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DIE ZEIT, 20.11.1959 Nr. 47 - 20. November 1959 http://www.zeit.de/1959/47/Nach-dem-Problem-Zypern-Zyperns-Probleme
Nach dem Problem Zypern: Zyperns Probleme
Inselrepublik im Werden—„Irgendwelche Feuerwaffen, Sir?" —Ein Interview mit Erzbischof Makarios / Von Theo Sommer Nicosia, im November THEO SOMMER
Langsam schwebte die viermotorige DC-6 über die Ebene von Messaoria ein. Das #waldbestandene Troodos-Gebirge, in dem sich einst der EOKA-Führer Grivas jahrelang vor den Briten verborgen hielt, zog mit seinen grünen Schluchten und einsamen Bergklöstern steuerbord an den Kabinenfenstern vorbei. Endlos dehnten sich die öden Lehmhügel des Flachlandstreifens zwischen Morphou und Famagusta. Dann schob sich unter der linken Tragfläche eine mittelalterlich umwallte Stadt ins Blickfeld — Nicosia. Das erste, was dem Ankömmling im Flughafengebäude zu Nicosia in die Augen springt, ist eine gedruckte Bekanntmachung am Gesundheits- Schalter: „Gesundheit ist ein Zustand völligen körperlichen, geistigen und gesellschaftlichen Wohlbefindens, nicht nur die Abwesenheit von Krankheit oder Gebrechlichkeit." Eine schöne Definition, gewiß. Ich fragte mich jedoch: Ist Zypern, das viereinhalb Jahre lang Schauplatz eines erbarmungslosen Freiheitskampfes war, im Sinne dieser Definition heute schon ein gesundes.Staatswesen? Noch lebt die Inselim Helldunkel des Übergangs, im Zwielicht des Provisoriums. Erst im Februar 1960 wird die Republik Zypern offiziell ins Leben treten — wenn alles gutgeht. Die Frage ist: Wird es gutgehen? Kann es überhaupt gutgehen? Schmerzen nicht die alten Wunden noch zu sehr, und gibt es nicht zu viele Keime neuer Gebrechlichkeit, ja Zerbrechlichkeit, als dalS man dem Eiland der Aphrodite leichthin eine glückliche Zukunft voraussagen könnte? Was die alten Wunden anlangt: Sie sind erstaunlich schnell verheilt, wenn auch die Narben noch allenthalben sichtbar und die Nachwehen der Krisenjahre noch immer zu spüren sind. Da ist der Sicherheitsbeamte am Flughafen, der ungeniert vor aller Augen seine Kartei der Suspekten und Unerwünschten durchblättert, ob einer der Einreisenden darin aufgeführt sei. Da ist der Paßbeamte, der hinter einer spanischen Wand die Reisedokumente sorgfältig auf ihre Echtheit untersucht. Und da ist schließlich der Zollbeamte, der sich bei der Gepäckkontrolle als erstes erkundigt: „Irgendwelche Feuerwaffen, Sir?" Auch kann kein Besucher die vielen Inschriften der letzten Jahre übersehen: Zito i EOKA... Volkan . .. Enosis , .. Ya Taksim. Noch immer prangen die Namen der griechischen und türkischen Kampfbünde samt ihren einstigen Parolen an den
Hauswänden, auf dem Asphalt der Landstraßen und an den Felsen der Berge: Hie Anschluß an Griechenland, dort Teilung oder Tod. Die Anstreicher haben mit der Geschichte . nicht Schritt halten können, und der milde Winterregen, der Wände und Straßen reinwaschen könnte, läßt auf sich warten. Dennoch — auch die Zeichen der Normalisierung auf der Insel sind unverkennbar. Längst gibt es keine Ausgangssperre und keinen Zwangszapfenstreich für die Zivilbevölkerung mehr, und längst sind auch die Stacheldrahtverhaue in Nicosias Hermesstraße, wo der türkische Stadtteil an den griechischen grenzt, wieder # weggeräumt. Zwar ziehen sich noch heute Stacheldrahthiiidernisse rings um die britischen Militär-Camps („Achtung, hier patrouillieren Polizeihunde!") und sogar um das Erzbischöfliche Palais in der Straße des Apostels Barnabas. Aber es werden der Verhaue auf Zypern immer weniger — und auch der Engländer. Fast vierzigtausend Mann standen dort noch vor einem dreiviertel Jahr; jetzt ist die englische Garnison nur noch rund halb so stark. Jede Woche hat in den vergangenen zweieinhalb Monaten ein Regiment Zypern verlassen, per Schiff und per Flugzeug. Vor dem Flughafengebäude in Nicosia parken Lastwagen mit hochgestapeltem Gepäck, mit Koffern, Kisten, Seesäcken ,.. Langsam pendelt sich das Leben wieder auf ruhiger Bahn ein. Wenn es in den unzähligen Bars der Regina Street zwischen Griechen und Briten Schlägereien gibt, so ist dabei nur wenig Patriotismus im Spiel. Meist hat dann der sdiwere Inselwein die - Gemüter entflammt oder eines der müden Mädchen, die auf den Barhockern zur Verfügung sitzen („Diese Mädchen", so sagte mir ein griechischer Freund, „sind die Rache der Zyprioten an den Engländern ..'."), Tatsächlich ist das Verhältnis zwischen den Rebellen und den Herren von gestern, 1 zwischen EOKA-Anhängern und Briten, heute schon wieder erstaunlich frei von Ressentiments. Im griechischtürkisch-englischen Dreieck haben sich die dramatischen Akzente während der letzten Monate verschoben: Das Spannungsund Zerrungsmoment liegt jetzt im Verhältnis der türkischen zu der griechischen Volksgruppe, nicht mehr im Verhältnis der griechischen Zyprioten zu den Briten. Dieses Moment indes stellt zugleich auch einen Keim künftiger Gebrechlichkeit und Zerbrechlichkeit dar — einen Keim, den einsichtige Zyprioten auf beiden Seiten des Volkstumszauns mit tiefer Sorge beobachten. „Man hat uns an die Türken verraten und verkauft", hatte ich vor dem Abflug nach Nicosia schon in Athen gehört. „Die jetzige Lösung ist die schlechteste aller, unmöglichen Lösungen.. ." Aber in Nicosia sind die Hitzköpfe geringer an der Zahl als in Athen, und sie sind überdies weniger hitzig. „Die Züricher und Londoner Abkommen vom Februar 1959 brachten die beste aller möglichen Lösungen" — diese Formulierung gebrauchten alle meine Gesprächspartner vom Schuhputzer in der Ledrastraße bis zum Ethnarchen Makarios im Erzbischöflichen Palais. „Wir hätten weiterkämpfen sollen", hatte ich in Athen gehört. „Am Ende hätten die Engländer doch aufgeben müssen." In Zypern, wo die Menschen näher am Schuß waren, wo viereinhalb Jahr<ä Rebellion nicht nur eine Angelegenheit der Leitartikel war, denkt man anders. Seit jenem Novembe^ag des Jahres 1954, da der Oberst
Georgis Grivas am selben Strand von Paphos an Landging, an dem der Sage nach die Göttin Aphrodite dem Schaum entstieg, waren die Zyprioten müde geworden — die Bevölkerung und sogar die Helden. „Da haben wir vor einem Jahr den Boykott englischer Waren ausgerufen, der bis zur Unterzeichnung.der Züricher und Londoner Verträge im Februar in Kraft war", erzählte mir ein Geschäftsmann in Nicosias Ledrastraße. „Dieser Boykott hat uns selber mehr geschadet als den Engländern. Die Leidtragenden waren vor allem wir Geschäftsleute. War das gerecht?" Und der Leibarzt des Erzbischofs erläuterte mir die Lage so: „Ich war im Februar, dafür, nicht aufzugeben, sondern die Dinge bis zum Bruch zu treiben — bis 'zu einem griechisch-türkischen Krieg. Damals wurde idi in der EOKA-Führung überstimmt, und heute binich. mehr und mehr der Ansicht, daß idi im Unrecht war. Es hätte uns wahrsdieinlich mehr Schaden als Nutzen gebracht..." Warum dies so war, verdeutlichte mir Anus Sortiades, ein Mitglied des Zentralkomitees der EDMA, der politischen Nachfolgeorganisation der EOKA. Sortiades — ein Rechtsanwalt, der an der Universität London und an der London . School of Exonomics studiert hat, — war EOKA- Distriktsführer in Kyrenia. Sechzig Dörfer gehörten zu seinem Befehlsbereich, 35 Guerillas zu seiner Kerntruppe, die sich in den Felsen des Fünf-Finger-Gebirges einen Unterschlupf gebaut hatte. „Es ging uns gut in. unserer Höhle", erzählte er. „Der Nachschub funktionierte, jeden Tag erhielten wir Post und Zeitungen. Drei Jahre haben wir ausgehalten, dabei, im Durchschnitt jede Woche ein größeres Gefecht, geführt, und wir hätten sicher noch länger ausharren, können." Nachdenklich setzte Sortiades' indes hinzu: „Ob unsere Leute auf den Dörfern und Städten es noch lange hätten aushalten können? Der Terror der Briten wurde immer schlimmer. Und eines steht fest: Die Masse der Zyprioten hätte noch viel mehr erdulden müssen, wenn wir den Kampf fortgesetzt hätten. Das,wollten wir verhindern." So kam es, daß die EOKArLeute unbesiegt und doch nicht als Sieger aus ihren Berghöhlen zurückkehrten. Unbesiegt, 'weil die- Briten sie nicht hatten auf die Knie zwingen können; doch nicht als Sieger, weil es neben ihnen, den Kämpfern, plötzlich . noch einen zweiten Sieger sab: die Türken, die den Kampf im wesentlichen nur auf diplomatischem Parkett geführt hatten. In der Tat: Den 18 Prozent Türken wurden praktisch 12 Prozent geschenkt: 30 Prozent wjrd ihr Anteil an den Parlamentssitzen und in der Verwaltung betragen (in der Armee und der Polizei werden es gar 40 Prozent sein). Drei der zehn Kabinettsminister werden stets Türken sein, und auch der Vizepräsidentenposten bleibt den Türken vorbehalten. Qabei verfügt der Vizepräsident über ein weitgehendes Vetorecht. Und neben 950 griechischen Soldaten wird auf der Insel fortan auch eine türkische Truppe von.650 Mann stationiert sein. „Man könnte
meinen* wir hätten gekämpft, damit die Türkei siege" — diese Ansicht war im Frühjahr auf Zypern weit verbreitet. Man begegnet soldier Meinung jetzt weniger häufig. Eine andere Befürchtung ist nun jedoch unter den griechischen Zyprioten lebendig: daß nämlich die Türken noch mehr wollen, als sie in Zürich erhalten haben — ja, daß sie darauf aus seien, die Februar-Abkommen gänzlich zunichte zu machen. Der jüngste Zwischenfall mit der „Deniz", dem türkischen Schiff, das vor Famagusta mit 72 Kisten Gewehrmunition an Bord von einem britischen Patrouillenboot aufgebracht wurde, war der letzte einer langen Reihe, die diese Besorgnis der Zyprioten griechischer Zunge nährt. Er löste einen Sturm der Entrüstung aus — einen Sturm, der einige Tage lang das empfindliche Gebäude der Zypernverträge zum Einsturz zu bringen drohte. „Wir haben uns gegen die Engländer bewaffnet", sagte mir ein ehemaliger EOKAMann. „Gegen wen bewaffnen sich die Türken? Für welche Gewehre war die Munition bestimmt? Sind sie schon hier oder sollen sie erst kommen?" Das Mißtrauen gegen ihre türkischen Landsleute sitzt tief bei den griechischen Zyprioten. Mein Gesprächspartner zählte auf: „In den letzten Wochen erst zwei griechische Briefmarkensammler im türkischen Dorf Massoura überfallen, einer •getötet, einer verwundet. Dann zwei Überfälle von Türken auf griechische Tankstellen, mehrere Tote. Jetzt Waffenschmuggel großen Stils. Sollen wir uns am Ende auch wieder bewaffnen?" Ob es sich bei den drei Überfällen nicht um rein kriminelle Akte gehandelt habe, frage ich. „Wer weiß", meint er, „vielleicht schon. Aber dennoch. Warum überfallen die Türken nicht ihre eigenen Tankstellen?" Ich bohre weiter: Ob sich denn.nicht der türkische Volksgruppenführer scharf gegen den Waffensdimuggel ausgesprochen habe? Ich füge hinzu, was mir Dr. Kütschük bei.einem Gespräch im Gebäude des Ministerrats gesagt hatte: „All diese Akte sind isolierte, gemeine Verbrechen. Es wäre nicht fair, die ganze Volksgruppe für die Handlungen einiger unverantwortlicher Menschen auf beiden Seiten verantwortlich zu machen. Es hat ja auch Überfälle von Griedien auf Griechen gegeben." Und ich wiederhole vor meinem griechischen Freund auch die kategorische Erklärung Kütschüks: „Nach den Züricher Abkommen duldet die türkische Gemeinde unter keinen Umständen irgendwelchen Waffenschmuggel nach Zypern." „Kütschük", meint mein griechischer Freund, „sicher! Aber die anderen? Und Ankara, das zunäcist erklärt hat, die Deniz habe sich auf der Delphinjagd befunden? Mit 72 Kisten Munition?" Erst als auch Ankara den Waffenschmuggel eindeutig verurteilte, bahnte sich eine Beilegung der Krise an. Erzbischof Makarios und Dr. Kütschük appellierten erneut an ihre Anhänger, alle Waffen abzugeben (nicht viele folgten diesem Appell). Auch die schwierigen Verhandlungen im Verfassungsgebenden Rat, die im August
schon ins Stocken geraten und während der Krise vollends unterbrodien waten, wurden.danach wieder aufgenommen. I:h habe mich mit . Professor Themistokles Tsatsos, dem griechischen Delegationsführer, und mit seinem türkisdien Partner Professor Nihdat Erin — beide übrigens in ihrer Heimat Politiker der Opposition — lange über die Schwierigkeiten des Verfassungsrates unterhalten. Der Grieche, grol, beleibt, jovial und humdrig, ist ein Schüler des Heidelberger Juristen Anschiitz; der Türke, mit funkelnden Augen hinter randloser Brille und imponierender Glatze, ist ein präziser Denker und scharfer Debatter, der seine Ausbildung an der Sorbonne erhalten hat. Professionell verstehen sich die beiden glänzend. Dennoch klafften ihre Ansichten bis letzte Wodie weit auseinander — instesondere in der Frage der Exekutivvollmachten. Bei wem sollte die ausübende Gewalt liegen? Die Griechen wollten, daß sie dem zehnköpfigen Ministerrat übertragen werde, in dem das Volksgruppenverhältnis 7 : 3 gewahrt ist. Demgegenüber stellten sich die Türken auf den Standpunkt, die Exekutivgewalt liege beim Präsidenten und Vizepräsidenten gemeinsam, wie sie der Züricher Verfassungsentwurf ja auch immer gemeinsam nenne. Die Exekutivgewalt sei, so formulierte es Professor Erim, das „gemeinsame Eigentum" der beiden. In Zürich habe man schließlich keinen „Einheitsstaat mit einer Minderheit" schaffen wollen, sondern" einen Zwei- Volksgruppen-Staat, in dem beide Gruppen ungeachtet ihrer zahlenmäßigen Stärke Gleichberechtigung genössen. Insofern sei die Zypern- Lösung auch keiner der nach dem ersten Weltkrieg in Ostmitteleuropa geschaffenen Minderheitenregelungen vergleichbar; sie stelle einen ganz neuen Staatstypus dar. Die Griechen wiesen dieses Argument energisch zurück. Warum die lange Vetoliste für den Vizepräsidenten, wenn er ohnehin gleichberechtigter Teilhaber der Gewalt wäre? Läge die Exekutivgewalt gemeinsam beim griechischen Präsidenten und beim türkischen Vizepräsidenten, so räsonieren sie, dann würde die Gewaltenteilung faktisch auf der Basis einer Volksgruppenproportion 1 : 1 vollzogen. Dem ganzen Züricher Werk liege indessen die Proportion 7 : 3 zugrunde ... Dies war denn der Kern des Verfassungsstreits. Erst letzte Woche wurde er beigelegt — durch eine Vereinbarung, in der die Griechen ihren Standpunkt im wesentlichen durchsetzten: Repositorium der Exekutivgewalt wird der Ministerrat. In vierzehn Tagen, so heißt es, könne nun die ganze Verfassung fertig sein. unternahm, und behutsam, was ihm mißglückte, ihm mißglückte alles. Es nahte schließlich jener Termin, an dem A. D. nach guter Führung damit rechnen konnte, freigelassen zu werden, Weihnachten 1930. So fest war A. D. davon überzeugt, daß er den Rechtsanwalt Dr. Rosenfeld bat, für ihn das diesbezügliche Gnadengesuch einzureichen. Er war soweit, daß er Gnade einer rechtlichen Klärung seines .„Falls" vorzuziehen bereit war. Sein Anstaltsdirektor lebte in der gleichen Hoffnung mit A. D. Er hat denn auch — unterstützt von der Beamten-
Konferenz der Anstalt — das Gnadengesuch mit warmen Worten unterstützt. Mehr noch: Dieser Anstaltsdirektor nahm überdies Weihnachten 1930 nicht, wie sonst immer, seinen Urlaub; er blieb eigens für A. D. in der Anstak, um sofort alle Schritte in die Wege leiten zu können, wenn endlich die Anweisung käme, A.D. sei aus der Haft zu entlassen. Der Heilige Abend verstrich, ohne daß sich «was ereignete, auch der erste und zweite Weihnachtsfeienag. A. D. stand dicht vor einem neuen Zusammenbruch. Der Direktor riet ihm, einen Urlaub, zu nehmen. Jedem Festungsgefangenen stand ein vierzehntägiger Urlaub im Jahre zu, ein Urlaub auf Ehrenwort. A. D. hatte bislang diesen Urlaub nicht genutzt, weil er nicht wußte, mit welchem Gelde er sich wohin begeben sollte; er stand ja allein da. Diesmal aber griff der rührend tätige und beflissene junge Mann ein, der aus reiner Menschenliebe und mit ausgeprägtem Rechtssinn völlig uneigennützig handelte. Er hatte Verbindungen zu der Sekretärin eines der höchsten Beamten in der Justiz des Reiches angeknüpft. Dieser Mann, der als Ministerialdirigent den Schlüssel zu noch bedeutend höheren Positionen nicht nur in der Weimarer Republik in den Händen hatte, schien, wie seine Sekretärin zu verstehen gab, nicht grundsätzlich abgeneigt, sich mit A. D. und seinem „Fall" zu befassen. Zu diesem Manne fuhr A. D. nach Berlin. Wenn man ihn fragt, welche Gefühle ihn beseelten, als er sich zum ersten Male nach sieben Jahren Haft der Freiheit erfreuen konnte, muß A. D. bekennen, daß er so ausgefüllt gewesen sei von dem Gedanken, das Rätsel um sein Schicksal zu lösen, daß er über sonstige Empfindungen nicht berichten könne. ' , Der hohe Beamte empfing ihn — nicht wie ein Hochgestellter und Mächtiger, sondern wie ein Kavalier den linderen. A. D. berichtet mit Entzücken, dieser Mann habe ihm nicht nur einen Stuhl, sondern auch eine Zigarre angeboten! Dieser Mann hörte sich A. D.'s Geschichte an, ohne daß sich sein Gesicht bewegte. Dieser Mann sagte, nachdem A. D. mit seiner langen Rede fertig war, mit ruhiger Stimme, er könne A. D. nur eines mitteilen: nämlich, daß die deutsche Justiz schon lange an A. D.'s weiterem Verbleiben in der Haft kein Interesse habe . .. Voller Erregung, dem entscheidenden Punkt so nahe zu sein, brach A. D. aus: An welcher Stelle, welcher Behörde läge es denn nun, daß sein Fall nicht zu einer Klärung komme? Der große Herr sah ihn lange und nachdenklich an. Er formulierte schließlich ein Meisterwerk juristischer Darlegungskunsf. Wenn A. D. sich das nicht denken könne, so könne er ihm weiter nichts darüber mitteilen. A. D. flehte: Also doch das Reichswehrministerium? Der große Herr lächelte resigniert, erhob sich und sagte: es tue ihm leid, darüber keine Auskunft geben zu können. Erst als A. D. aus dem Justizministerium in das gleißende Licht der Straße getaumelt war, wurde ihm — ein stechender Schmerz im Hirn — klar, welcher
verborgene Sinn hinter den so woblabgewogenen Worten des hohen Beamten gelauert haben muß. Er rekapitulierte jedes Wort, er suchte sich an jeden Tonfall zu erinnern — wie war das? Die deutsche Justiz hatte schon seit langem kein Interesse mehr . . . Was. konnte dies anders heißen, als daß die Justiz seinen „Fall" gar nicht weiter verfolgen werde, daß sie ihn . . . ja, ihn selber nicht weiter verfolgen werde . . . ? Sollte diese Bemerkung, konnte diese wohlabgewogene Bemerkung bedeuten, daß ihm damit ein Freibrief ausgestellt sei? Heute jedenfalls zweifelt A. D. nicht daran, daß damals die. „Justiz" den Hinweis habe fallenlassen, die einzige Möglichkeit für A. D. sei schlicht und einfach, er kehre nicht mehr in die Festung zurück, sondern flüchte ins Ausland, wo die ihn verfolgende „Stelle" keine Möglichkeit habe, ihn weiter zu verfolgen! Die Erkenntnis traf ihn wie ein Schlag. Er begriff, daß dieser treffliche Beamte der Justiz so weit gegangen war, als er immer gehen konnte. Ein Gedanke, der ihn noch weitere zwanzig Jahre beschäftigen sollte, bis er Gelegenheit fand, jene hohen Beamten der Justiz als Mitgefangene im gleichen Gefängnis und unter dem Schatten eines gleichen Urteilstenors darüber theoretisch zu verhandeln. A, D. kehrte in die Festung zurück. Er hatte sieben Jahre lang um die Möglichkeit gekämpft, zu beweisen, daß er ein Ehrenmann sei. Nun kminte er es beweisen. Er hatte sein Ehrenwort gegeben, nach dem Urlaub in die Haft zurückzukehren. Er hielt sein Wort. Er hielt es auch, damit seinen Mithäftlingen, den Festungsgefangenen, die sich der gleichen Wohltat des Urlaubs auf Ehrenwort erfreuten, künftig durch eine Flucht A. D.'s dieser Vergünstigung nicht verlustig gingen. Und er hielt sein Ehrenwort, weil die Gefalir bestand, auch der uneigennützige Freund, jener junge Gelehrte der Soziaipädagogik, werde durch seine Flucht Unbill zu ertragen haben. A. D. war über den Berg, sittlich und moralisch wenigstens. Er staunte selber, mit welcher Leichtigkeit er jetzt innerlich dem Gedanken nahetreten konnte, seine zehn Jahre abzusitzen: Weihnachten 1933 also, da biß die Reichswehrmaus keinen Faden mehr ab! Weihnachten 1933 würde er frei sein! Es galt, die paar Jahre durchzustehen. So traf es ihn zwar, wie ein Schlag zu treffen vermag, dumpf aber doch nicht niederschmetternd, als er auch die letzte Bemühung um ihn scheitern sah: Professor Dr. Kohlrausch, der Dekan der juristischen Fakultät an der Berliner Universität, der geschätzte Politiker der Rechten, hatte sich für sein Schicksal interessieren lassen. Er hatte Zutritt zum Reichspräsidenten von Hindenburg. Er hatte diesen glücklichen Umstand benutzt, um dem greisen Feldmarschall, dem Heros und Nestor des Reiches, die Geschichte des kleinen Reichswehrleutnants A. D. vorzutragen und um Gnade für diesen unglücklichen Menschen zu bitten. Aber der Feldmarschall, der Oberste Kriegsherr der Reichswehr, der Königsschild der Armee, hatte genug Ärger erleben müssen mit kleinen und und in das der nationalistischen Umtriebe gestürzt hatte, laut, lärmend, lachend, impulsiv, rauflustig. Da waren auf der Festung auch wieder üinmal kommunistische Gefangene, A. D. hatte iie „Wachablösung" miterlebt. Jetzt sah er: Diese Kommunisten waren um kein Haar weniger diskutierlustig als die vorhergehende
Garnitur. Und Scheringer diskutierte mit ihnen bis zur Klopperei. Ihn trennten Welten von diesem Mann, obgleich ilc Ausgangslage bei beiden so ähnlich war! In den Tagen, da A. D. seine goldene Fähnrichszeit verbrachte, hatte Scheringer als Zeitfreiwilliger den Küstriner Putsch mit ausgefochten in jener „Schwarzen Reichswehr", die so schrecklich geheim war, daß A. D. im Verdacht, über sie geplaudert zu haben, wegen Landesverrates verurteilt wurde von dem gleichen Reichsgericht, welches Scheringer verurteilt hatte — wegen Hochverrats. Offenbar war Scheringer sozusagen qualifizierter Hochverräter, wie A. # D. ein durchaus unqualifizierbarer Landesverräter war. (Wird fortgesetzt) Copyright: Rowohlt Verlag, Hamburg
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