DIE ZEIT, 20.03.1958 - Auf Zypern: Losungen statt Lösungen

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Thursday, 20. March 1958
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DIE ZEIT, 20.03.1958 Nr. 12 - 20. März 1958 http://www.zeit.de/1958/12/Auf-Zypern-Losungen-statt-Loesungen
Auf Zypern: Losungen statt Lösungen
Es mangelt an gutem Willen — Faschismus in der EOKA? — Trügerische Hoffnungen auf baldiges Happy-End FRITZ RENE ALLEMANN
Unser ständiger Mitarbeiter Fritz Rene Alletnann ist vor kurzem von einer ausgedehnten. Reise durch Israel und Zypern zurückgekehrt. In dem folgenden Bericht schildert er die Lage auf der seit 1878 unter britischer Herrschaft stehenden Mittelmeerinsel und zeigt die Hindernisse auf, die einer vernünftigen Lösung des Zypern-Konfliktes weiterhin im Wege stehen. Noch halt auf Zypern die relative Ruhe an, die . dort herrscht, seit der verhaßte Gouverneur Harding durch den liberaleren Sir John Foot abgelöst worden ist. Aber die Hoffnungen auf ein baldiges Happy-End für die Dreiecks-Tragödie im „kleinen Algerien" des Ostmittelmeers, die noch im Januar recht hoch gespannt waren, haben sichinzwischen zu einem guten Teil verflüchtigt. Wer sich in diesen Tagen auf der Insel umhört, bekommt die Enttäuschung über die bisherigen Ergebnisse — oder die Ergebnislosigkeit — der „Waffenstillstands"Ära allenthalben zu verspüren. Die Griechen werden ungeduldig, weil sich entgegen ihren Erwartungen bisher nichts geändert habe: Erzbischof Makarios, den alle Teile der griechischen Bevölkerung einhellig als ihren berufenen Sprecher betrachten, ist nicht aus der Verbannung zurückgekehrt, die rund 800 Internierten, die unter der Notstandsgesetzgebung ohne Gerichtsverfahren im Lager gefangengehalten werden, sind nicht in Freiheit gesetzt worden, und der Ausnahmezustand bleibt audi weiterhin in Kraft. Die Verhandlungen über die Zukunft Zyperns aber, mit denen die Engländer sich einen Ausweg aus der Sackgasse zu bahnen suchen, gehen einen Schneckengang und sind zur Zeit durch die griechische Regierungskrise und die anberaumten Neuwahlen ganz ins Stocken geraten. Die griechischen Zyprioten neigen natürlich dazu, die Schuld an dieser nervenzerreibenden Langsamkeit auf das Konto Londons zu verbudien und darauf mit Drohungen für den Fall zu reagieren, daß nicht endlich etwas geschehen werde — was wiederum Sir Hugh veranlaßt, in neuerer Zeit seine Bekundungen des guten Willens mit Worten gemessener Festigkeit und energischen Warnungen an alle potentiellen Unruhestifter zu würzen. Die Engländer halten offensichtlich den Zeitpunkt für substantiellere Befriedungsgesten als die bisherigen noch nicht für gekommen, solange nicht abzusehen ist, ob. in den Gesprächen der Staatsmänner eine tragfähige Basis für einen Ausgleich gefunden werden kann. Außerdem sind die Briten ernsthaft über die Aussicht beunruhigt, daß womöglich die eine oder andere Gruppe versucht sein könnte, den griechischen Wahlkampfargumenten durch zypriotische Bombenanschläge und Attentate mehr Überzeugungskraft zu verschaffen. Schon das begrenzte und mit viel
Vorbehalten umgebene Entgegenkommen an den britischen Standpunkt, zu dem sich die zurückgetretene Regierung Karamanlis in den unterbrochenen, aber nicht abgebrochenen Athener Besprechungen mit Selwyn Lloyd anscheinend verstanden hat, dürfte ihr von der Opposition bös angekreidet werden. Auch auf Zypern selbst gibt es Heißsporne, denen Athen seit einiger Zeit zu lendenlahm vorkommt. Man kann dort von einigen Leuten sehr maßlose Formulierungen hören: etwa, daß die Freiheit Zyperns auch einen dritten Weltkrieg wert wäre oder daß die Engländer schlimmer seien „als die Nazis und die Russen zusammen" — wie mir das der cholerische Bürgermeister von Nicosia, Dr. Dervis, allen Ernstes versicherte. Dazu kommt, daß die nationalistische Widerstandsorganisation EOKA angesichts der unerwartet langen Dauer der Atempause vor dem Problem steht, wie sie ihre Aktivisten zusammenhalten und beschäftigen soll. Eine gewisse Kampfmüdigkeit und ein unüberhörbares Ruhebedürfnis, das sich auf der Insel nach dem Abklingen der Unruhen deutlich feststellen läßt, kommt zwar zur Zeit noch den Engländern zustatten, bereitet aber umgekehrt den Leuten um den legendenumwobenen EOKA-Führer Oberst Griyas (und anscheinend auch einigen streitbaren Kirchenmännern) um so mehr Kopfzerbrechen. So erklärt man jedenfalls auf griechischer Seite eine der beunruhigendsten Erscheinungen, die sich in letzter Zeit auf Zypern manifestieren: die Terrorakte maskierter Männer gegen friedliche Bürger, die sich angeblich der „Lauheit" gegenüber den Geboten des nationalen Befreiungskampfes und der Kirche schuldig machen. Um solchen unerwünschten Besuch zu bekommen, genügt es manchmal, daß sich Damen der griechischen Gesellschaft bei einem harmlosen Teekränzchen zum Bridge- Spiel zusammenfinden: die Kerle, die plötzlich in ihr Haus einbrechen, warnen sie dann meist nicht nur rüde vor solch frivoler Tätigkeit, sondern „konfiszieren" auch gleich das Geld auf dem Spieltisch, angeblich zu „nationalen" oder „wohltätigen" Zwecken ... Solche Bekundungen „religiösen Übereifers", von denen sich die orthodoxe Geistlichkeit nach dem Eingeständnis ihres derzeitigen Oberhauptes, des „Amtierenden Ethnarchen" und Bischofs von Kitiutn, noch niemals öffentlich distanziert hat, haben aber auch ihre bedenkliche politische Seite. Sie schaffen eine Atmosphäre der Einschüchterung und der Unsicherheit, in der kaum ein Anhänger gemäßigter Auffassungen mehr wagt, seine Stimme für einen Ausgleich zu erheben. Ich habe diese Berichte ursprünglich für eine Erfindung der britischen Propaganda gehalten. Manche Gespräche mit Griechen, die keineswegs als „probritisch" gelten können, haben mich aber vom Gegenteil überzeugt. Es gibt heute in der EOKA eine unverkennbar faschistische Unterströmung — was bei der Vergangenheit des Obersten Grivas, der ja auch in Griechenland eine rechtsradikale Geheimorganisation in der Armee aufgezogen hat, kaum verwundert —, und die Zeit, in der der Kampf gegen die Engländer zurückgestellt werden muß, bringt sie an die Oberfläche. Das ist kein gutes Omen für eine Periode der Selbstregierung, die nach heute allgemein akzeptierter Ansicht
einer späteren Selbstbestimmung der Inselbevölkerung über ihre staatliche Zugehörigkeit vorausgehen mußte. Eine Kampagne des passiven Widerstandes gegen die Briten, wie sie Grivas nach einigen seiner Ankündigungen als nächste Kampfmaßnahme ins Auge faßt, hätte sicherlich mehr. Aussicht auf Erfolg, wenn sie nicht durch Terror erzwungen wäre, sondern wirklich als Bekundungeines spontanen Freihekswillens durchgeführt würde. Trotz solchen Sturmzeichen fühlen sich die Engländer stark genug, ein Wiederaufflackern des griechischen Widerstandes rasch unter Kontrolle bringen zu können; Aber was geschieht, wenn auch die bisher so zuverlässigen Türken unruhig werden und den Appellen ihrer Führer zur „Selbsthilfe" folgen? Die türkische Propaganda für Taksim, für die Teilung der Insel, beginnt sich aus einem taktischen Gegenzug gegen die griechische Forderung nach Enosis — nach Anschluß ans hellenische „Mutterland" — immer mehr in eine antibritische Bewegung zu verwandeln. Sie entspringt der wachsenden türkischen Furcht davor, daß London sich mit den Griechen einigen und seine bisherigen osmanischen Schützlinge „verkaufen" könnte. Jede noch so kleine und noch so versuchsweise britisch-griechische Annäherung beantwortet die türkische Minderheit jetzt daher mit einer weiteren Radikalisierung. Nun, da die Griechen sich relativ ruhig verhalten, ist sie es, die ihre Schulkinder nach bewährtem Vorbild zu lärmenden Demonstrationen auf die Straße schickt — und gegenüber ihren Ausschreitungen ist die überwiegend türkische Polizei ein recht stumpfes Instrument. . Hier zeichnet sich die wirkliche und bisher unüberwindliche Schwierigkeit ab. Jedes Übereinkommen, das dem „Krieg" der zypriotischen Griechen gegen die Engländer ein Enäe machen könnte, müßte früher oder später (wahrscheinlich später) auf die ^Selbstbestimmung" hinauslaufen — und das heißt wohl: auf den Anschluß an Griechenland etwa nach einem zehnjährigen Zwischenspiel der inneren Autonomie, jeder derartige Kompromiß aber droht, bei der gegenwärtigen Stimmung unter den Inseltürken und in Ankara selber, den Bürgerkrieg zwischen den beiden Volksgruppen heraufzubeschwören. Und die 30 000 „Freiwilligen", die auf dem türkischen Festland bereitstehen sollen, um notfalls in eine solche Auseinandersetzung einzugreifen, . entspringen anscheinend nicht nur der Phantasie entfesselter Agitatoren. Es gibt, bisher noch nicht den leisesten Hinweis darauf, daß die Türkei bereit wäre, dem griechischen Standpunkt auch nur ein Stückchen entgegenzukommen. Aber „Taksim" ist eine Losung und keine Lösung. Der chirurgische Schnitt, den der türkische Volksgruppenführer, der Arzt Dr. Kuetschuek, vornehmen möchte, würde nicht nur ein Gebiet von der Größe einer knappen Viertelschweiz auseinand.erreißen. Er wäre auch deswegen nicht praktikabel, weil türkische und griechische Wohngebiete, obwohl meist in den Dörfern und Stadtvierteln fein säuberlich getrennt, bunt durchund ineinandergeschachtelt liegen. Wer hier teilen will, der muß entweder auf einen Zwangsaustausch der Bevölkerung hinsteuern (und das wagt nicht einmal Kuetschuek vorzuschlagen), oder er nimmt es in Kauf, statt eines Minderheitenproblems gleich deren zwei zu schaffen, die dann —
etwa nach der Formel „haust du meinen Türken, so hau ich deinen Griechen" — gegeneinander aufgerechnet werden können ... Daß die Griechen sich auf ein derart verzweifeltes Rezept niemals einlassen werden, ist sicher. Sie bieten statt dessen ein Minderheitenstatut unter der Kontrolle der Vereinten Nationen an. Das scheint wiederum den Türken, die sich über die Ohnmacht der UNO keine Illusionen machen, eine ungenügende Garantie. Die Briten haben in ihrem letzten Bukett von Vorschlägen einen Ausweg gesucht, indem sie anregten, der Türkei zwar nicht die halbe Insel, aber wenigstens eine militärische Basis auf der Insel anzubieten. Ich habe freilich — auch in den Reihen der Gemäßigten — keinen Griechen gefunden, der sich damit befreunden könnte. Gibt es also überhaupt keine rettende Formel? Zur Zeit jedenfalls noch nicht. Die strategische „Bedrohung", die die Türkei für den Fall fürchtet, daß sie selbst aus Zypern ausgeschlossen wird, Griechenland sich aber dort festsetzt und so den Zugang zum türkischen Südtor verrammelt, könnte man vielleicht ausschalten, wenn die militärischen Installationen grundsätzjichteiner einzelnen Macht, sondern allein dem internationalen NATO-Kommando unterstellt würden. Und warum versucht man es nicht einmal, dem dornigen Minderheitenproblem durch eine sehr weitgehende Volksgruppen- Autonomie — zum Beispiel mit eigenem Steuerrecht — beizukommen, die nicht unbedingt nach alter Vorstellung territorial gebunden zu sein brauchte (das frühere estnische Minderheitenrecht hat hier interessante Vorarbeit geleistet)? Auch der Gedanke an eine griechisch-türkische Zollunion ist von Athen in die Debatte geworfen worden. Und schließlich ließen sich vielleicht auch Formen der Enosis finden, die Zypern innerhalb des (bisher überzentralisierten) griechischen Staatsverbandes ein viel größeres Eigenleben garantieren würden, als es anderen Inseln zugestanden wird. Ich habe auf Zypern Griechen getroffen, die darüber interessante Vorstellungen entwickelten — über die sie allerdings in der Öffentlichkeit aus Angst vor der EOKA peinlich schweigen. Aber alle diese Kompromisse würden ein Unmaß nicht nur von schöpferischer Phantasie, sondern auch von gutem Willen auf allen Seiten erfordern. Und damit hapert es immer noch. Im Streit zwischen den widerstreitenden Begriffen von Enosis und Taksim, von denen keiner herunter will, droht die Chance des Ausgleichs auch heute wieder, nach vielversprechenden Ansätzen, verspielt zu werden. Fritz Rene Allemann
ZEIT ONLINE 1958

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