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DIE ZEIT, 19.07.1974 Nr. 30 - 19. Juli 1974 http://www.zeit.de/1974/30/Zypern-wird-wieder-zum-Brandherd NACH DEM PUTSCH GEGEN MÄKARIOS:
Zypern wird wieder zum Brandherd
Gefährliches Spiel Athens - die Großmächte fürchten um die Balance im östlichen Mittelmeer Von Gabriele Venzky GABRIELE VENZKY
Makarios lebt von Tag zu Tag," so hatte schon im März der türkische Vizepräsident von Zypern, Rauf Denktasch, gewarnt. Gefahr war freilich immer das Geschäft von Makarios, seit er 1959 zum Präsidenten gewählt worden war. Aber im März hatten die politischen Leidenschaften, auf die vor vierzehn Jahren die Konstruktion einer unabhängigen Inselrepublik Zypern gestülpt worden war, wieder gefährlich zu brodeln begonnen: die griechischtürkischen Fronten brachen abermals auf, die griechischen Militärs in Athen schmiedeten Plane zur Annexion der Insel, die Spannung auf Zypern, die Unsicherheit stieg täglich. Zu Beginn dieses Monats lieferte Makarios dann selber den Funken zur Explosion. Nachdem er sich in Gesprächen mit den Sowjets und dem amerikanischen Außenminister Kissinger rückversichert hatte, forderte er von den Athener Militärs die Rückberüfung der 650 kommandierenden griechischen Offiziere der zyprischen Nationalgarde. „Ich habe," schriet» Makarios art den Präsidenten der griechischen Junta, General Gizikis, „bisher mehr als einmal den unsichtbaren Arm Athens gefühlt, in einigen Fällen habe ich ihn, der mein Leben auslöschen sollte, sogar berührt." Viermal in den vergangenen fünf Jahren entging der Erzbischof dem tödlichen Zugriff. Jedesmal hatte Athen seine Hand im Spiel gehabt, einmal mehr, einmal weniger diskret. Am Montag geschah es fast unverhüllt. Zweifel kann es nicht geben, auf wessen Geheiß die griechischen Offiziere handelten, und ihre Verbündeten, der heimatlose Haufe unzufriedener Anhänger des im Januar gestorbenen General Grivas. Auftrag und Ziel waren gleich: die Enosis, der Anschluß der unabhängigen Inselrepublik an Griechenland. Den Putschisten ist nicht gelungen, in den ersten Stunden ihrer Gegner habhaft zu werden; noch am gleichen Tag rief Makarios sein Volk zum Widerstand und die Welt zum Beistand auf. Das zeugt nicht nur für ihren Dilettantismus, sondern beweist auch, wie sehr sie den machtgewohnten Mönch unterschätzten. Die Ereignisse der letzten 25 Jahre hätten eigentlich auch ihnen zeigen müssen, daß sie es mit einem Gegner zu tun hatten, der sich in den schmutzigsten Ecken der Politik ebenso gut auskennt wie in den Gebetbüchern seiner Kirche — ein Mann, der unbeirrt von Widerstand, Bürgerkrieg und Exkommunikation mit einem ausgeprägten Sinn fürs Überleben den Weg der Macht gegangen ist — und der immer Verbündete gefunden hat. Was immer das Motiv war, gerade jetzt loszuschlagen, ob es den Athener Obristen darum ging, dem eigenen schwächlichen Regime den Anschein von Durchsetzungskraft zu geben, ob sie den gefährlichen Konkurrenten fürchteten,
ob Machtgier sie trieb — darüber wird man noch lange streiten. Unzweifelhaft aber ist, daß die Folgen verheerend sind. Bedenkenlos setzte das Nato-Mitglied Griechenland, um Makarios auszuschalten, das ohnehin labile Gleichgewicht im östlichen Mittelmeer aufs Spiel. Dabei sind die Interessen von Türken und Griechen, so wichtig sie für die Betroffenen auch sein mögen, nur Vordergründig von Bedeutung. Denn hier treffen die Interessen der Großen aufeinander; der Vereinigten Staaten, der Nato und der Sowjetunion. So wie in der Vergangenheit, als sie bestrebt waren, die feindlichen Parteien durch 2000 ÜN-Soldaten zu trennen, als sie sich mühten, die Insel aus dem Nahostkonflikt herauszuhalten, so liegt es auch jetzt nicht in ihrem Interesse, das Gleichgewicht durch einen Krieg der Kleinen aus dem Lot geraten zu lassen. Denn Zypern ist nicht irgendeine Insel im Mittelmeer. Nicht von ungefähr wird Makarios von Ost und West gleichermaßen umworben, nicht zufällig mangelt es in beiden Lagern an Sympathie für die Putschisten. Die Politik des Erzbischofs, die es mit der einen Seite hält, es mit der anderen aber nicht verderben will, hat stets Spielraum gelassen für die Hoffnung der Sowjets, eines Tages doch noch den vollständigen Sieg ihrer Hilfstruppen, der kommunistischen Partei AKEL, feiern zu können. Und sie hat dem Westen die Zuversicht gelassen, daß seine militärische Vorherrschaft erhalten bleibt. Von Zypern läßt sieh das gesamte östliche Mittelmeer bis hinunter zum Eingang des Suezkanals kontrollieren. Mit der Radarstation auf dem Mount Olympus — angeblich der besten, die es überhaupt gibt — kann der gesamte Nahe Osten überwacht werden. Die Häfen und Luftstützpunkte sind nicht nur für die britische Marine und die dort stationierten britischen strategischen Bomber interessant. 26 000 englische Soldaten und ihre Angehörigen leben auf Zypern in den Militärbasen, die auch nach der Unabhängigkeit _ 1960 britisches Territorium bleiben mußten. Die Truppe ist zwar formell nicht der Nato unterstellt, dennoch bilden die Stützpunkte einen festen Bestandteil im logistischen System der Nato. Amerikanische Aufklärungsspezialisten arbeiten an britischen Radarschirmen; amerikanische Ledernacken trainierten hier im Frühjahrdie Sechste Flotte läuft immer wieder die britischen Häfen auf Zypern an. Die Insel gewinnt für die Amerikaner und die Nato noch mehr an Bedeutung, seit die Südostflanke der Nato aufweicht — durch die Schwäche ihrer Mitglieder, der Türkei, Griechenlands und auch Italiens. Zwar kann der Nachschub sowjetischer Flotteneinheiten jederzeit durch den Nato- Staat Türkei an den Dardanellen unterbunden werden, aber Washington muß sich dafür erpressen lassen — mit finanziellen Hilfen und mit der Zustimmung zum Anbau türkischen Mohns, der dann als Opium auf dem amerikanischen Markt landet. Zwar gibt es immer noch den griechischen „Heimathafen" der Sechsten Flotte in Eleusis, aber erkaufen mußten sich die Amerikaner die griechische Zustimmung mit der Duldung der Athener Diktatur und massiven Waffenlieferungen. Ihre „Unabhängigkeit" demonstrierten die Griechen, wie auch die Türken, als sie während des Yom-Kippur-Krieges sowjetischen Transportern die Oberflugrechte einräumten.
Die Amerikaner sind in der schwierigen Situation, daß ihnen gegenüber Athen und Ankara aus militärischen Gründen weitgehend die Hände gebunden sind, daß sie aber andererseits, um die Balance im östlichen Mittelmeer zu erhalten, auf den Balancekünstler kaum verzichten können. Nur in einem Falle würden die Amerikaner gegen Makarios aktiv werden: Wenn er versuchen sollte, der griechischen Militärdiktatur ein Ende zu machen und als panhellenischer Wahrer der Demokratie in Athen Einzug hielte. Makarios, der gerne von sich zu sagen pflegt, er habe keinen politischen Ehrgeiz, der es aber genau so gerne hört, daß viele Griechen in ihm den einzigen sehen, der die große Staatskrise in Griechenland noch meistern könnte, würde zweifellos sein zyprisches Modell des Nonalignment auf das Festland übertragen. Bündnislosigkeit und Neutralität aber würde die Aufkündigung der NatoMitgliedschaft Griechenlands und der amerikanischen Flottenstützpunkte bedeuten. Aber solche Pläne hat Makarios nun wohl begraben. Gerade die Politik der sogenannten Bündnislosigkeit ist es, die Zypern und seinen Präsidenten auch für die Sowjetunion so interessant machte. Ihre Versuche, sich der Dardanellen- Kontrolle zu entziehen, die Unruhe, die sie mit ihrem angeblichen Plan eines Nachschubkorridors durch Rumänien nach Bulgarien auf dem Balkan ausgelöst hat, die Verstärkung der sowjetischen Flotte im Mittelmeer — all das kann nur bedeuten, daß Moskau beabsichtigt, in dieser Region unvermindert präsent zu bleiben. Und wenn in absehbarer Zeit der Suezkanal wieder geöffnet und damit der Weg in die neue Interessensphäre der Sowjetunion, den Persischen Golf und den Indischen Ozean, erheblich verkürzt wird, muß die Bedeutung Zyperns in den Augen der Sowjets noch steigen, umso mehr, als ihre Bastion in Ägypten praktisch wertlos geworden ist. Makarios hat aus den Erwartungen der Russen Kapital geschlagen. So wie sie ihn früher bei seinen Aktionen gegen die „Anschlußtruppe" EOKA II des Guerillagenerals Grivas unterstützten, so unterstützen sie ihn jetzt in seinen Bemühungen um Eigenständigkeit und Unabhängigkeit. Makarios seinerseits revanchierte sich, indem er die Aktivitäten einer mit 150 Mitarbeitern unverhältnismäßig stark besetzten Sowjetbotschaft in Nikosia duldete, deren Chef, Botschafter Astawin, als „Flankenspezialist" und Experte der Subversion gilt. Außerdem betrachtete der Erzbischof die 10000 Mitglieder starke kommunistische Partei AKEL, die bei den letzten Wählen 40 Prozent der Stimmen erhielt, als den für ihn bestgeeigneten Koalitionspartner. Zwei Tage Vor dem Putsch der Natiöriälgärde hatte die Athener Regierung, bemüht, vom griechisch-türkischen Streit um den ölreichen Festlandssockel der Ägäis abzulenken, die Zeitung Der Machtkampf auf Zypern soll nach dem Willen Athens unter Ausschluß der türkischen Minderheit stattfinden, aber noch ist das Gemetzel der sechziger Jahre nicht vergessen Embros schreiben lassen: „Es gibt für uns keinen Zweifel, daß Zypern unter dem Deckmantel der Neutralisierung zum Mittelpunkt eines internationalen Komplotts
gegen Griechenland werden kann." Die Installierung des Rechtsradikalen Nikos Sampson als Präsident der Putschisten ist die logische Konsequenz dieser Beurteilung. Sampson war als Vollstrecker der Enosis, des Anschlusses Zyperns an Griechenland, vorgesehen. Dabei ist Griechenland selber, zusammen mit der Türkei und Großbritannien, Gafantiemacht für die Unabhängigkeit der Insel, die zu 80 Prozent von Griechen, zu 20 Prozent von Türken bewohnt wird. Enosis — Anschluß, das kann aber auch in der von den Türken angestrebten Teilung der Insel enden — jeder hätte dann seinen Teil der Insel — eine Entwicklung, die der Politik von Makarios völlig zuwiderliefe. Makarios hat 1958, zwei Jahre vor der Unabhängigkeit Zyperns, auf den Anschluß verzichtet. Klüger als die EOKA-kebeilen sah er die Grenzen der politischen Möglichkeiten. Seinö Devise hieß nun: Unabhängigkeit. Zur» Mthnarden gewählt, sammelte er als Volksführer im schwarzen Gewand des Priesters die Massen für diese Idee — und um seine Person. Er wurde zim nationalen Symbol, zum Symbol der Einigkeit der griechischen Mehrheit. 1959 Wurde er zim erstenmal zum Präsidenten gewählt, 1968 von 95,4 Prozent der allein zur Wahl Zugelassenen griechischen Stimmberechtigten zum zweitenmal, 1973 ohne Gegenkandidaten zum drittmmal. Die Versöhnung zwischen Griechen und Türken auf der Insel zu betreiben, hat er wohl kaum als seine Hauptaufgabe angesehen. Nicht sehen setzte ei auf Kosten der türkischen Minderheit und mit Gew'alt seine politischen Ziele durch. Wenig küminerte es ihn, daß die Region Zypern zu einer großen Waffenkämrner wurde: In den Gewässern um die Insel schwimmt das modernste Kriegsgerät der Großmächte. Auf der Insel: 12 000 Mann Nationalgarde und eine unbekannte Zahl von EOKA-Guerilleros; 700 Angehörige der Makarios-Privatarmee; 700 Mann türkische Miliz; 15 000 britische Soldaten in Akotiri und Dbekeliä; rund 2000 UNBlauhelme als Puffer zvischen den Fronten; und an der Gegenküste ein türkisches Expeditionsheer. Der Erzbischof hat nie einen Hehl daraus gemacht, daß ihm die politische Macht, seine persönliche Macht, viel bedeutet. „Der Herr Präsident handelt in seinem persönlichen, wir aber handeln im nationalen Interesse", hatte EOKA- Fihrer Grivas kurz vor seinem Tode Makarios vorgeworfen. Es ist nicht ohne Ironie, daß jetzt plötzlich, da die Großmächte sich einig sind, daß ein neuer Krisenherd Zypern nicht entstehen dürfe, auS dem arroganten, skrupellosen und durchtriebenen Eizbischof der weise, weitsichtige Staatsmann wird. Freilich, gemessen an der zweitklassigen Gimitur der Athener Obristen wirkt Makarios wie ein Politiker großen Formats, begabt mit dem Sinn für das Mögliche, gesalbt mit demokratischem öl. Makarios lebte von Tag zu Tag, von Machtprobe Zu Machtprobe. Es sieht ganz so aus, als ob ihm noch manche Tage beschieden wären. Vielleicht gibt es tatsächlich für seine Person auf Zypern keine Alternative. schaft zu wandeln und den ganzen Mief eines Völkerkundemuseums zu reproduzieren: Mumienköpfe im Reliquien-Glasschränk und am Boden ein
Nomadenzelt, Häute und Felle und Informationen über Lebensgewohnheiten der Bewohner inclusive. Das kann, schließlich, in der perfekten Ironisierung und Infragestellung aller Kunst-Archäologie enden wie in dem, einen ganzen Raum des Römisch Germanischen Museums belegenden, Objekt „Lhuros": Hier wurde, von einem amerikanischen Professor mit Pokerface und Rauschebart, eine ganze Kultur entdeckt und in den Texten, Bildern und Objekten hergestellt, die es nie gegeben hat. Wirkliche und erfundene, private und öffentliche Spurensicherung und Spurenverwischung: das ist ein weites Feld zwischen gelungener Selbsterkenntnis und plattester Parapsychologie, konzentriertem Puritanismus und ausufernder Pseudowissenschaft, Poesie und Platitüde. Spurensicherung als Fluktuation, Manipulation von Raum und Zeiterfahrungen, Wahrnehmung als Illusion: das ist das andere große Thema der Kölner Ausstellung. Arbeitsmaterial und Medium sind hier Kamera und Videorecorder, Projektionsapparat, Fernsehschirm und Leinwand. In diese durch ihr spezielles Handwerkszeug charakterisierte Kategorie, in diese Abteilung, die neue Sehund Erlebnisweisen nicht durch gutes Zureden, sondern durch visuelle Erfahrungen bewirkt, gehören (obwohl sie in der Ausstellung nicht in der Video-Abteilung plaziert sind) Ger Dekkers, dessen vierfach nebeneinander projezierte Variationen eines schönen Landschaftsphotos in der Tradition der Haarlemer Landschaftsmalerei zu stehen scheinen; Murray Favro, der auf eine am Boden im Takt eines Motors sich buckelnde und bewegende Leinwand eine Meeresbrandung projiziert; Bruce Naumann, in dessen engem, hohem Korridor man auf zwei leere Fernsehschirme zugeht und dann unerwartet auf dem oberen Monitor die eigene Rückansicht in Gegenbewegung sieht. In dieser Abteilung findet man auch die „Interface" genannte Installation von Peter Campus, wo das Zusammenwirken von Videoprojektor, Kamera und einer großen Glasscheibe den Betrachter, der sich als zartfarbiges Spiegelbild und verschwimmend graues Abbild gleichzeitig sieht, in Ich und Unter-Ich zerlegt; hier kann man, in dem mit Kamera, zwei Recordern, einem Monitor und einem Spiegel bestückten engen Raum von Dan Graham auf dem Fernsehschirm die Verunsicherung erleben, die es bedeutet, seine Person als Sequenzen von hinter sich selbst herlaufenden Gesten zu sehen; hier steht, ironisierendes Apercu, der Buddha, der, stumm und still vor dem Monitor sitzend, das Medium, das der Aufnahme und Reproduktion von Ton und Bewegung dient, ad absurdum führt. Spurensicherung in der assoziierten Erinnerung, Spurenverunsicheruiig im manipulierten Moment: in beiden Fällen ist es die Frage nach dem Abbild, nach dem Kontext, in dem die Person steht. Die Selbstsuche ist nicht mehr Thema der Kunst, sondern Gegenstand der Kunst, identisch mit der Kunst. Kunst bleibt Kunst? Eine „Bestandsaufnahme aktueller Kunst ohne andere Kriterien als die der Qualität", so heißt es im Vorkatalogtext, „muß letztlich eine verlorene, formlose Ausstellung erbringen". Für Köln hat man nicht Kunstwerke ausgesucht, sondern Künstler zur Mitarbeit, zur Produktion eines Kunstwerks
aufgefordert. Was ist dann das Kriterium der Qualität? Kunst ist, was ein Künstler macht? In der Kunst materialisieren sich Ideen. Dadurch unterscheidet sie sich hier von der Metaphysik, dort vom planen Leben. Daß das, allen anders lautenden Gerüchten und allen Attacken zum Trotz so ist, auch heute so ist, zeigt „Projekt '74" an einigen wenigen Beispielen. Hunderten von Plakattexten, Losungen, linken (nicht linkischen) Märschen. Aber Lenin, und mit ihm viele andere Genossen, verstanden ihn nicht. Lenin an den Kultuskommissar Lunatsdiarskij: „Schämen Sie sich nicht, für eine Auflage von 5000 Exempl. von Majakowskijs ,150 000 000' zu stimmen? Dummes Zeug, töricht, sinnlose Mache, und prätentiös. Meiner Meinung nach sollte man solche Sachen nur 1 von 10 drucken und nicht mehr als 1500 Exempl. für Bibliotheken und Sonderlinge. Und Lunatscharskij verdient für den Futurismus Prügel. Lenin." Lenin an Klara Zetkin: „Ich bin außerstande die Werke des Expressionismus, Futurismus, Kubismus und ähnlicher ,ismen' für einen höheren Ausdruck künstlerischer Genialität zu halten." mit dem „Verfemten" wieder Kontakt aufnehmen, aber die Gruppe hatte beschlossen, abzuwarten, bis Majakowskij ihr als erster die Hand reiche. Einen Tag vor seinem Selbstmord versuchte Majakowskij, Assejew telephonisch zu sprechen. Vergeblich. Assejew war nicht zu Hause. Am nächsten Tag fiel der tödliche Schuß aus der Pistole. Ein Stück unbewältigte Vergangenheit, die ein ganzes Buch der sowjetischen Literaturgeschichte betrifft, aber davon stand kein Wort in den Festreden und Memoiren. Die noch lebenden Freunde Majakowskijs — Viktor Schklowskij, Lilja Brik, W. Katanjan — schweigen, leben zurückgezogen, sind angeblich unauffindbar, unzugänglich, krank. Wer sie befragen möchte, bekommt von den offiziellen Stellen die Auskunft, diese alten Freunde wären nicht kompetent, über Majakowskij auszusagen, sie seien uralt „und nicht mehr ganz richtig". Ich lese die neue Ausgabe (TV/73) des „Bücherkarren", des Hausbulletins des Ost-Berliner „Volk-und-Welt"-Verlages, in dem ein Band mit Gedichten von Nikolai Assejew angekündigt wird, mit einer Leseprobe: Eines steht fest, trotz der Gratulationsbekundungen der Zeitungen, Majakowskij sei heute wie eh und je „lebendig unter den Lebenden", trotz der 944 Auflagen seiner Werke von 1918 bis 1972 allein in der Sowjetunion, und trotz der 74 525 000 verbreiteten Exemplare in der ganzen Welt, droht Majakowskij und seinem Werk ein zweiter Tod — durch Balsam. Ich mag Sie, aber lebend, nicht als Mumie bekannte Majakowskij Puschkin zu dessen 125. Geburtstag. Es steht fest: Er haßte Postamente und Posamente und haßte und fürchtete nichts mehr, als ein Opfer der Überfunktion der pathetischen Drüse zu werden. Marmor, Stein, Papier waren ihm als Selbstzweck zuwider. Er liebte das Leben. Und dieses Leben ... Ja, wenn man
nicht mehr fähig ist zu trauern — das, Alexander Sergeitsch, ist viel schlimmer. Dann wird das Denkmal zum Mahnmal. „Nach materialistischer Geschichtsauffassung ist das in letzter Instanz bestimmende Moment in der Geschichte die Produktion und Reproduktion des wirklichen Lebens" (Friedrich Engels). Danach hatte Majakowskij gestrebt und gehandelt. Das wäre man ihm heute, ihn zu ehren, schuldig. Das Leben, das wirkliche, wörtlich nach Engels wie nach Majakowskij. losen Abendkursen üben Kinder, Hausfrauen, Angestellte und andere interessierte Bürger im „Survival Training" das Überleben in scheinbar aussichtslosen Notsituationen. Auf dem Programm stehen medizinische Selbstbehandlung, Schutzmanagement und Familiennotplan für den TagX. Koordinator aller Nothilfeeinsätze ist der Leiter des Katastrophenamtes Edward Joyce. Sollte sein Einsatzbüro in der Geary Street zerstört #werden, besteht die Möglichkeit, auf das Youth Guidance Center auszuweichen, das in den Bergen vier Meilen entfernt vom Justizpalast liegt. Von seinem Auto aus kann Joyce über Funk Appelle und Einsatzbefehle herausgeben. „Wir können nur hoffen, daß das Erdbeben uns nicht mittags um 14 Uhr überrascht. Wir haben dann nicht genug Krankenhausbetten für die Verletzten", sagt Luis Cambou, medizinischer Koordinator des Katastrophenamts, und verweist auf die 10 000 Betten in den 25 Krankenhäusern der Stadt, die ungünstigerweise stets zu 60 bis 70 Prozent belegt sind; »aber wir können ein Viertel mehr Verletzte aufnehmen, wenn wir die Gänge und Lagerräume der Krankenanstalten mit Betten vollstellen." Auch um die ärztliche Versorgung ist es im Ernstfall keineswegs optimal bestellt: Zwar verfügt San Francisco über 4000 Mediziner, aber über 50 Prozent davon leben außerhalb der Stadt. Sie müßten sich womöglich erst einen Weg über verschüttete Straßen in die Stadt bahnen. Die Lagerplätze für die Todesopfer der Bebenkatastrophe sind kürzlich festgelegt worden: „Die Toten werden auf die drei Eispaläste der Stadt verteilt", sagt Cambou. Massenbeerdigungen wie 1906 soll es nicht geben, weil sie „die Gefühle der Verwandten verletzen können". Die gewerblichen Leichenbestätter haben ihre Mithilfe bei der Identifizierung und Beerdigung der Toten zugesagt. Als größte Gefahr erwies sich 1906 das Feuer. Statt aus den Spritzen der Feuerwehrleute, sprudelte damals das Wasser aus 23 000 Wasserrohrbrüchen. Nachdem die Feuerwehrmänner sich mühsam mit ihren Pferdeeinsatzwagen einen Weg durch die Trümmer gebahnt hatten, mußten sie ohnmächtig zusehen, wie ihre Stadt niederbrannte. „Das wird heute nicht mehr passieren", sagt Planungschef Ren£ Gautier von der städtischen Feuerwehr San Franciscos, „wir haben das beste Wassersystem der Welt." San Franciscos Feuerwehr verfügt heute mitten in der Stadt über drei Tanks mit 65 Millionen Liter Wasser, 150 Zisternen, 7786 Schwachdruckund 1380
Hochd'ruckhydranten. Die Wasserleitungen bestehen teilweise aus flexiblem Material. Schließvorrichtungen in den Rohren betätigen sich bei einem Leitungsbruch automatisch. Mangel indes besteht an Feuerbooten. Es liegt nur ein einziges dieser Löschboote in der Bay, dessen Kapazität noch geringer ist als die des Bootes von 1906. Für die leicht entflammbaren Holzhäuser von Chinatown, soweit sie nahe am Ufer liegen, dürfte von dieser Seite wenig Hilfe zu erwarten sein. Ohnmächtig gegenüber der unwägbaren Gefahr, die unter der Erde ihrer Stadt lauert, geben sich die Bürger San Franciscos gelassen bis apathisch. Zwar haben Seismologen in Denver herausgefunden, daß man Erdbeben möglicherweise steuern kann, indem man Flüssigkeit in die bedrohlich angespannten Felsschichten gibt und dadurch künstlich entspannende kleine Beben erzeugt. Und Wissenschaftler entdeckten in Nevada, daß unterirdische Atomversuche Tausende von kleinen Erdstößen auslösen, die monatelang auftreten und ebenfalls Spannungen in der Erdkruste verringern könnten. Doch niemand will der erste sein, der solche Experimente in der Nähe von San Francisco versucht.
ZEIT ONLINE 1974
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