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DIE ZEIT, 19.02.1965 Nr. 08 - 19. Februar 1965 http://www.zeit.de/1965/08/Neuer-Kurs-am-Bosporus
Neuer Kurs am Bosporus
Zypernstreit als Hebel der sowjetischen Diplomatie
Die wohlvertraute politische Landkarte des Balkans scheint plötzlich nicht mehr zu stimmen. Wie waren doch zu Zeiten des kalten Krieges die Verhältnisse klar und übersichtlich: Griechenland und die Türkei standen treu zum Lager des Westens, die anderen Balkanländer gehörten zum kommunistischen Block. Jetzt aber singt die. griechische Presse Loblieder auf die „Achse Athen — Belgrad" feiert Nicolai Podgorny, der „dritte Mann" im Kreml, die türkisch-sowjetische Freundschaft — als hätte Tito niemals die Bürgerkriegsarmee des Generals Markos in Nordgriechenland mit Waffen versorgt, als hätte Stalin niemals Gebiete der Osttürkei und die Schlüsselgewalt über die Dardanellen gefordert. Ausgerechnet die Türkei, die bisher als treuester und gutwilligster NATOVerbündeter galt, ließ letzte Woche ihre Seeleute, die an Bord des MLFVersuchsschiffes „Claude V. Ricketts" Dienst taten, abmustern — einen Tag bevor die für diesen Beschluß verantwortliche Regierung Inönü gestürzt wurde. Lange, allzu lange, war im Westen der unselige Streit der Türken und Griechen um die Mittelmeerinsel Zypern als Familienzwist behandelt worden. Man gab sich mit dem Trost zufrieden, beide Länder hätten ja schließlich und vor allem ein gemeinsames Interesse am Schutz vor der kommunistischen Bedrohung. Aber die unentschiedene Haltung der NATO-Partner, die es in der Zypern-Krise jedem recht machen wollten, hat in Athen und Ankara gleichermaßen enttäuscht. Beide Völker fühlten sich unverstanden und im Stich gelassen. Begünstigt wurde der Klimawechsel einmal durch den innerpolitischen Kurswechsel — in der Türkei schon 1960 mit dem Sturz des Regimes Menderes, in Griechenland 1963 mit dem Äbtritt des rechtskonservativen Karamanlis — und zum andern durch die Entspannung im Ost- West-Konflikt: Die Kleinen brauchten sich nicht mehr zu genieren, wenn schon die Großen in einem fort die Entspannung predigten. „Wir sind Verbündete des Westens", sagte der griechische Ministerpräsident Papandreou, „aber wir wellen auch Freunde des Ostens sein." Dieser Satz könnte ebensogut von seinem türkischen Kollegen Inönü stammen. Die Zeit der „blinden Bündnistreue" ist auch für die Türkei vorbei. Wundern könnte sich darüber nur, wer das Klischee von der türkisch-russischen Erbfeindschaft für unabänderlich angesehen hatte. Tatsächlich hat die Türkei in den letzten dreihundert Jahren dreizehn Kriege geführt. Im Westen aber war in Vergessenheit geraten, daß es Inönü war, der schon Anfang der dreißiger Jahre als Ministerpräsident die erste Anleihe aus Moskau heimbrachte. Schon 1921 hatte sich Kemäl Atatürk, der Schöpfer der modernen Tüikei, mit Lenin verbündet, um sein Land von #westlicher Vorherrschaft zu befreien.
Jahre hindurch blieben die Türkei und die Sowjetunion durch einen Freundschaftsvenrag verbunden. Erst Stalins harte Politik trieb die Türken in die Arme der Amerikaner. Seine Nachfolger mühten sich geduldig um eine Auflockerung der verhärteten Fronten. Zu unbehaglich war ihnen die Nähe der in der Türkei stationierten amerikanischen „Jupiter"-Raketen, die allesamt auf den „weichen Unterleib" der Sowjetunion zielten. Eine gewisse Entspannung am Schwarzen Meer begann sich schließlich nach der Kuba-Krise abzuzeichnen, als die Amerikaner ihre veralteten Mittelstreckenraketen abzogen. Wie ein Geschenk des Himmels fiel den Sowjets dann die Zypern-Krise in den Schoß. Chruschtschow mag von der Aussicht begeistert gewesen sein, im östlichen Mittelmeer ein neues „Kuba" anzulegen. Aber sein Hilfsversprechen für Makarios und seine freundlichen Worte für die Griechen waren nur eine Seite seines durchtriebenen diplomatischen Spiels. Zur gleichen Zeit offerierte er den Türken großzügige Wirtschaftshilfe. Ein Besuch Außenminister Erkins in Moskau und der Gegenbesuch Podgornys in Ankara demonstrierten die Selbständigkeit der türkischen Außenpolitik. Unumstritten ist sie allerdings nicht; das Ruder könnte leicht wieder herumgeworfen werden, falls bei der Parlamentswahl im Oktober die Gerechtigkeitspartei siegen sollte, in der viele Anhänger des hingerichteten Ministerpräsidenten Menderes ihr politisches Zuhause getunden haben. I};° neuangebahnte Zusammenarbeit hat aber schon Früchte getragen. Beide Staaten wollen ihren Handel ausweiten (es heißt, um das Dreifacht). Die Türkei zog sich von der MLF zurück — eine faktisch zwar unerhebliche, aber nichtsdestoweniger freundliche Geste gegenüber Moskau. Dafür buchten die Türken einen sichtbaren Erfolg: Die Sowjetunion stellte sich in der Auseinandersetzung um Zypern auf ihre Seite. Außenminister Gromyko sprach von der Möglichkeit einer Föderation der „zwei nationalen Gemeinschaften" auf Zypern. Diese Erklärung war freilich so vage formuliert, daß die Griechen und ihre Landsleute auf Zypern noch nicht alle Hoffnungen fahren lassen brauchen. Die Kreml-Diplomatie ist so geschmeidig, daß sie sich auch für die Zukunft mehrere Wege offenhält. Vorerst allerdings ist die Enttäuschung über Moskaus Schwenkung in der ZypernPolitik zu groß, als daß Athen dem türkischen Beispiel nacheifern könnte. Immerhin: Der jüngste Besuch Papandreous in Belgrad und das Abkommen mit Bulgarien vom letzten Sommer zeugen für den Willen der griechischen Regierung, wenigstens mit den unmittelbaren kommunistischen Nachbarn ein besseres Verhältnis zu finden. Vom Balkanpakt der ersten fünfziger Jahre ist man jedoch weit entfernt. Damals hatten (vermutlich auf einen Wink aus Washington) die jungen NATO-Mitglieder Griechenland und Türkei versucht, den vereinsamten roten Ketzer Tito unter ihre Obhut zu nehmen. Aber der Militärpakt geriet nach einigen Jahren in Vergessenheit. In Erinnerung an jene Zeiten, als Tito in Athen Königin Friederike, mit Handkuß \ begrüßte, mag Papandreou gehofft haben, er köhri'e, wenn schon nicht in Moskau,
so doch bei Tito Rückendeckung für die Enosis-Politik, also für die Vereinigung Zyperns mit Hellas, erhalten. Ansätze für eine engere Zusammenarbeit wurden bereits geschaffen, zum Beispiel in Form einer interministeriellen Kommission, etwas ähnliches wie der deutsch-französische Konsultativrat. Doch das Wort „Enosis" nahm kein jugoslawischer Politiker in den Mund; Tito vermied alles, was Moskau hätte verärgern können. Karl Heinz lanssen
ZEIT ONLINE 1965
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