DIE ZEIT, 17.04.1959 - Der Erzbischof aus Gips

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Friday, 17. April 1959
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DIE ZEIT, 17.04.1959 Nr. 16 - 17. April 1959 http://www.zeit.de/1959/16/Der-Erzbischoi-aus-Gips
Der Erzbischoi aus Gips
Aufn.: Bodc-Schroeder Als wirksames Propagandamittel für die Freiheit der Insel Zypern wurden Gipsfiguren des Erzbischofs Makarios verkauft. Jede griechische Familie hatte und hat noch heute eine solche Figur oder ein Bild des heute zum General beförderten „Rebellen" Grivas an bevorzugter Stelle in ihrer Wohnung stehen.
Mittelmeerinsel schlendert, die vier Jahre lang jedem friedlichen Verkehr verschlossen war, erlebt noch ein Stück Zeitgeschichte am Rande mit, Erzbischof Makarios und General Grivas vergilben gemeinsam auf vielen Plakaten, die sich urplötzlich mit der Unterzeichnung des Zypern-Vertrages an den Wänden fanden. Abzeichen mit dem Bild des während der blutigen Jahre nur im Geheimen tätigen Führers der griechischen Untergrundbewegung scheinen in Millionenzahl auf dem Markt zu sein. Immer wieder gibt es Verbrüderungen auf offener Straße und Feiern für die Sieger, zu denen die halbe Insel zusammenläuft. Mittelpunkt der Insel, Sehenswürdigkeit und Wallfahrtsziel Nummer eins ist das neue erzbischöfliche Palais in Nikosia mit den weißen Rundbogenfenstern und den vielen offenen Veranden. Es ist eigens zur Wiederkehr von Erzbischof Makarios gebaut worden. Das alte Palais daneben schaut wirklich gebrechlich aus. Elisabeth drauf. Eine neue Fahne ist schon entworfen, weiß-blau-rot, nach den griechischen und türkischen Farben. Zur Zeit wird überall der Stacheldraht zusammengerollt, der die wichtigsten Gebäude vor den Terrorgruppen hatte schützen sollen. Staunend steht der Fremde vor den zerkratzten Straßenschildern. Da haben doch die Griechen in ihren Quartieren die türkischen und die englischen Straßennamen entfernt, und umgekehrt taten's die Türken. Vier Fünftel aller Zyprioten sind ja Griechen, nicht ganz ein Fünftel sind Türken. Nun werden alle Schilder frisch gemalt. Ohne Gewehr patrouillieren die britischen Militärposten durch die Straßen. Fährt man durch die grüne, von Obstbaumblüten überschäumende Ebene von Mesaoria, in der jetzt schon kniehoch der Weizen steht, so sieht man schon mit zyprischen Augen: Wie schön, wenn die Zelte der Militärlager auf den merkwürdig abgeflachten natürlich auch griechische und türkische Linien anlaufen. Europäer besteigen die Schiffe zur nahöstlichen Kreuzfahrt in Genua oder Venedig, Marseille oder am Piräus. Nähert man sich der Stadt vom Osten her, von Israel, Libanon, Syrien oder der Türkei, so kommt einem die Küste in dem großen Leuchten, das von Himmel und Meer zusammenschießt, wie mit ausgebreiteten Armen entgegen. So fahren wir in die Bucht von Famagusta ein. Die Kais an der Wehrmauer genügen in diesen Tagen nicht für die vielen anlegenden Schiffe. So haben wir großen Empfang über einen englischen Frachter hinweg.
Schon von Deck aus ergötzt man sich an dem Umriß der alten Hafenstadt, an ihren gelben Wehrmauern und den schönen, runden Türmen, an denen man die venezianischen Löwen zu erkennen sucht. Denn die bauliche Geschlossenheit der zypriotischen Städte stammt ja von den Venezianern, die in der kurzen Zeit ihrer Schutzherrschaft, von 1489 bis zur türkischen Eroberung im Jahre 1571, die eindrucksvollen Stadtmauern und Bastionen schufen. Wiewohl man aus ihnen noch zum Bau des Suez^- kanals Steine brach, ist das Übriggebliebene noch eindrucksvoll genug. In Famagusta kann man von „Othellos Turm" in der berühmten Zitadelle des venezianischen Statthalters Christoforo Moro, der Shakespeare inspiriert haben soll, auf dem Befestigungswall noch fast um die ganze Stadt herumspazieren. Die grauen und gelben Häuser, die gelben, durchsichtigen Ruinen der Kathedrale und die anderen Kirchen steigen zwischen den Horizonten des blauen Meeres und der zarten Silhouette des Karpas-Gebirges auf. Am Strand von Paphos jenseits des Berges Troodos an der Westküste ging in der jüngsten Geschichte der damals noch legendäre Oberst Grivas in der Nacht des 9. November 1954 mit griechischer Hilfe an Land und sogleich ans Werk, mit Terror und Sabotage die britische Fremdherrschaft auf seiner Heimatinsel zu brechen. Er brauchte vier Jahre dazu, vier von Angst erfüllte und mit Blut gezeichnete Jahre. Es ist der Strand, an dem der Apostel Paulus und der heilige Barnabas gepredigt haben, als Zypern römische Provinz war. Und es ist der Strand, an dem vor Zeiten nach der griechischen Mythologie die Göttin Aphrodite dem Saum des Mittelmeeres entstieg, Anadyomene, die Schaumgeborene. Im Zypriotischen Museum in Nikosia kann man die zierliche zyprische Venus als Marmorfigur aus dem dritten Jahrhundert vor Christus bewundern. Auf den Tempeln Aphrodites und Apollons entstanden die christlichen Kirchen, denen vor Jahrhunderten die Türken, die Eroberer, die Minaretts aufgesetzt haben. Korinthische Säulen, byzantinische Mosaiken und Fresken, französische Schlösser, venezianische Fortifikationen, Häfen und Märkte wie aus dem Bilderbuch geben den arkadischen Landschaften ihre Akzente. So leuchtet diese Insel in einem Nachglanz antiker Größe, faszinierend in ihrem Wechselspiel von Ost und West, quirlend von Betriebsamkeit und gerade jetzt von einem neuen, freudigen Elan erfüllt. Das Klima ist mild im Winter (nur alle paar Jahre wird die Kältegrenze erreicht), erquickend im Frühling und Herbst, heiß und trocken im Sommer. Die großen Reisemonate sind August, September, Oktober, auch noch Mai und Juni. Famagusta und Kyrenia sind die beliebtesten Badeplätze. Man badet bei den Hotels und in den stillen Buchten bis in den Oktober und' November hinein. Von Januar bis März hat der Troodos genug Schnee zum Skilaufen, und die heiße Zeit des Hochsommers verbringt, wer kann, in den Bergen. Die Autostraßen sind gut.
ZEIT ONLINE 1959

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