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DIE ZEIT, 16.08.1974 Nr. 34 - 16. August 1974 http://www.zeit.de/1974/34/Wieder-Krieg-um-Zypern
Wieder Krieg um Zypern
Zweite Genfer Konferenz gescheitert — Griechenland aus der Nato ausgetreten
Am Mittwochmorgen brach der Krieg auf Zypern wieder aus. Kurz nachdem die zweite Runde der Genfer Zypern- Konferenz geplatzt war, bombardierten türkische Flugzeuge den Rundfunk und andere Ziele im griechiscien Viertel der Hauptstadt Nikosia. Die türkischen Invasionsstreitkräfte im Norden des Inselstaates rückten weiter vor; in vierschiedenen Teilen des Landes -wurde zwischen griechischen und türkisdien Zyprioten schwer gekämpft. Großbritannien berief sofort eine Sitzung des Weltsicherheitsrates ein. Der Weltsicherheitsrat forderte die Kämpfenden auf, sofort den Waffenstillstand wiederherzustellen und weiter- 2uverhandeln. Griechenland hat aus Protest gegen das Vorgehen seines Bündnispartners Türkei die militärische Organisation der Nato verlassen. Es will, nach dem Vorbild Frankreichs, dem Atlantikpakt nur noch politisch angehören. Am Donnerstag voriger Woche hatten sich die Außenminister der drei Garantiemächte — Großbritannien, Griechenland und Türkei — in Genf ZJ einer zweiten Konferenz versammelt, JU der diesmal auch die Führer der beiden Bevölkerungsgruppen auf Zypern, der (griechische) amtierende Präsident Klerides und der (türkische) Vizepräsident und Verwaltungschef Denktasch, eingeladen waren. Es sollten Richtlinien für eine Änderung der zyprischen Verfassurg ausgearbeitet werden. Bis dahin war der Waffenstillstand auf der Insel immer wieder durch örtliche Kämpfe unterbrochen worden. Unter Aufsicht von Offizieren der UN gelang es jedoch am Wochenende, Demarkationslinien festzulegen. Die Türken hatten zuvor ihren Brückenkopf jm die Hafenstadt Kyrenia erheblich ausgeweitet; etwa 30 000 Griechen waren aus den von ihnen besetzten Gebieten geflohen. Präsident Klerides versuchte die Lasfe etwas zu entspannen, indem er der Nitionalgarde befahl, einige der im Süden besetzten türkischen Orte zu räumen. Die Genfer Konferenz geriet jedoch alsbald in eine Krise, als die Türkei ultimativ eine sogenannte Xantonalverfassung für Zypern verlangte. Innerhalb eines föderativen Staates sollten sechs autonome türkisch-zyprische Verwaltungsgebiete geschaffen werden. Dieser Vorschlag sei, so argumentierte Außenminister Günes, bereits ein großes Entgegenkommen, weil die Türkei damit auf ein einheitliches, geschlossenes Siedlungsgebiet ihrer Minderheit verzichte, das heißt auf die faktische Teilung der Insel. Griechenland und die griechisch-zyprische Regierung wollten den Inseltürken (20 Prozent der Gesamtbevölkerung) zunächst nur eine begrenzte Selbstverwaltung zubilligen, erbaten sich dann aber zwei Tage Bedenkzeit, um Gegenvorschläge
auszuarbeiten, die den türkischen Wünschen entgegenkämen. Doch Außenminister Günes wollte keine Verzögerung mehr hinnehmen. Ankara begründete das erneute militärische Vorgehen mit der mangelnden Kompromißberei tschaft Gri echenl an ds. Es diene lediglich der Unabhängigkeit Zyperns und dem Schutz der türkischen Minderheit. Zypern werde von der Regierung in Athen immer noch als eine völlig griechische Insel angesehen. Die griechischen Zyprer wurden aufgefordert, sofort die Waffen niederzulegen. Demgegenüber erklärte der griechische Außenminister Mavros, es sei eine gefährliche Illusion zu glauben, daß sich die Zypernkrise militärisch lösen lasse. Keine Armee der Welt könne einer Bevölkerung von einer halben Million den Willen von nur 120 000 Menschen aufzwingen. Präsident Klerides nannte den neuen türkischen Angriff einen Akt der Aggression. Die neue Zivilregierung in Athen hatte bereits am Dienstag auf die drohende Kriegsgefahr aufmerksam gemacht. Ministerpräsident Karamanlis empfing die Botschafter der fünf ständigen Mitgliedsstaaten im Weltsicherheitsrat (USA, Sowjetunion, England, Frankreich, China). Der griechische Kriegsrat tagte ununterbrochen. Es wurde erwogen, vorbeugend ein Truppenkontingent auf Zypern zu landen und über den Weltsicherheitsrat die Großmächte unmittelbar einzuschalten. Der Aufmarsch der griechischen Streitkräfte in Mazedonien und Thrazien gegenüber der türkischen Grenze ging weiter. Vergebens hatte sich Außenminister Kissinger am Dienstag bemüht, den neuen Waffengang zu verhindern. Er telephonierte mehrmals mit den Regierungschefs in Ankara und Athen. Am Dienstagabend hatte Washington zum erstenmal zu erkennen gegeben, daß es eine größere Autonomie für die Türken auf Zypern gutheißen würde, ohne sich für einen der beiden Vorschläge zu entscheiden. In der griechischen Presse hatten sich in den Vortagen die Klagen verstärkt, daß "Washington seinen griechischen Verbündeten zugunsten der Türkei vernachlässige. Großbritannien, daß sich bisher im Konflikt um Zypern streng neutral verhalten hatte, verstärkte am Wochenbeginn die Garnisonen auf den Stützpunkten im Süden der Insel; es wurden Kampfflugzeuge, Marineinfanterie und eine Spezialtruppe mit nepalesischen Gurkhas entsandt, so daß sich die Gesamtstreitmacht der Briten auf 10 000 Mann erhöhte, von denen 1500 zur UNFriedenstruppe abkommandiert sind. Die Friedensstreitmacht der Vereinten Nationen (abgekürzt Unficyp) war seit dem Ausbruch der Zypernkrise auf eine Stärke von 4400 Mann gebracht worden. Ihre Aufgabe besteht darin, die türkischen und griechischen Parteien auseinanderzuhalten. Die griechisch-zyprische Nationalgarde wird auf etwa 10 000 bis 15 000 Mann geschätzt, zu der noch Partisanengruppen gezählt werden müssen. Ein Teil ihrer vom griechischen Festland beorderten Offiziere hatte sich in den letzten Wochen bereits abgesetzt. Unklarheit herrscht über den Anteil regulärer
griechischer Truppen. Kurz vor den neuen Kämpfen wurde die Nationalgarde mit panzerbrechenden Waffen ausgerüstet. Das Expeditionskorps der Türken war mittlerweile auf 40 000 Mann angewachsen. 300 Panzer waren auf die Insel geschafft worden. Türkische Offiziere brüsteten sich, sie seien nun stark genug, die ganze Insel zu besetzen. Ein Brigadegeneral in Kyrenia.- „Die Griechen sollen wählen zwischen Genf oder Krieg!"
ZEIT ONLINE 1974
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