DIE ZEIT, 16.02.1956 - Urne und Scherbengericht

News Archiv Kalender: 
Thursday, 16. February 1956
Newspaper
Embedded Scribd iPaper - Requires Javascript and Flash Player
DIE ZEIT, 16.02.1956 Nr. 07 - 16. Februar 1956 http://www.zeit.de/1956/07/Urne-und-Scherbengericht
Urne und Scherbengericht
Griechenland wählt — Nato oder Neutralismus / Von E. Heymann E. HEYMANN
Am 19. Februar wird in Griechenland gewählt. Hier ein Panorama der politischen Situation, wie sie unser Korrespondent in Athen beobachtet hat. Athen, im Februar J n Zeiten politischer Hochspannung haben es die #*• Zeitungsverkäufer nicht nötig, ihre Blätter schreiend anzupreisen. Sie stapeln ihre Zeitungen auf dem Bürgersteig auf und strecken die Hand aus: Im Nu ist sie mit Drachmenmünzen gefüllt. Den Gegenwert von fünfzehn Pfennigen gibt jeder Bürger von Athen leicht aus, um über die letzten Phasen des Wahlkampfes unterrichtet zu werden. Die Zeitung gehört also zum täglichen Leben wie das Brot und der metrio glyky, der mittelsüße türkische Kaffee, und ein Schuhputzer schickte mich, etwas gekränkt, zu seinem Kollegen: „Mein Herr, sehen Sie nicht, daß ich Zeitung lese?" „Griechische Innenpolitik" — so sagte mir ein Witzbold — »ist wie Quecksilber: glänzend, in ihrer Beweglichkeit faszinierend für den Betrachter, aber giftig für den, der sie anfaßt." Tatsächlich hat in den letzten 50 Jahren nur ein einziges Parlament die Legislaturperiode regulär beenden können; alle anderen, auch das verflossene, sind vorzeitig aufgelöst worden, oft genug durch das Eingreifen außerparlamentarischer Faktoren. Die Staatsrechtler sprechen von einer Vassilevomeni Dimokratia, von einer Volksherrschaft, an deren Spitze der König steht.Und seit der Zeit, da König Konstantin, der Schwager Kaiser Wilhelms II., durch den auf Kriegseintritt drängenden Venizelos 1917 vertrieben wurde, haben vier Volksabstimmungen über die Frage „Monarchie oder Republik" stattgefunden, die letzte im November 1946, bei der 1,17 Millionen Griechen sich für eine Rückkehr Georgs II. erklärten, 523 000 aber dagegen. Im Hintergrund wird diese Frage auch jetzt wieder sichtbar, wenn die Opposition erklärt, sie kämpfe zwar nicht gegen die Krone, aber gegen die „Nutznießer der Krone". So tauchen, wenn auch in veränderter Form, die beiden großen alten Parteien der Vergangenheit wieder auf, die einander zwischen den Weltkriegen ablösten: die Volkspartei, einst geführt von P. Tsaldaris, und die Liberale Partei, das Gefolge des alten Kreters Venizelos. Obwohl auch kleinere Gruppen selbständig in die Wahlen ziehen, spielt sich der Kampf praktisch zwischen der Nationalen Radikalen Union des Ministerpräsidenten Karamanlis und der opponierenden Demokratischen Union unter Führung des Chefs der Liberalen Partei, des früheren Sozialdemokraten G. Papandreou, ab. Die Nationale Radikale Union ist aus der „Griechischen Sammlungsbewegung" entstanden, die ihrerseits von Papagos aus dem Kern der alten Volkspartei
aufjebaut worden war. Aber die erste Überraschung dieses Wahlkampfes gelang dem Führer der Liberalen, Papandreou: Er sammelte die bürgerlichen Parteien „links vom Zentrum" und gewann auch Jie radikalen „Vereinigten Demokratischen Linien". „Eine unheilige Allianz", wie Ministerpräsident Karamanlis versichert, den die Beteiligung der Kommunisten an der, „Demokratischen Union" mit Verachtung und Zorn erfüllt. Nun muß man wissen, daß di« Kommunisten für #,-. das griechische Volk seit dem Fehlschlag der. Londoner Zypernkonferenz nicht mehr Staatsfeind Nummer eins sind. Gegen die Türkei richtet sich eine viel größere Entrüstung, seitdem organisierte türkische Demonstranten in Istanbul die griechischen Geschäfte zugrunde richteten, Kirchen und Friedhöfe schändeten. So groß ist die Empörung, daß ein Sprecher der Regierung mir sagte: „Wir wurden von einem NATO-Land, der Türkei, angegriffen; sin anderes NATO-Land, Großbritannien, macht sine Verschwörung gegen uns, und Amerika will ins einen Maulkorb umbinden. Mit der einzigen Ausnahme Islands haben in der UNO alle NATO- Länder gegen uns und nur Nicht-NATO-Länder für uns gestimmt. Wir sollten eine unabhängige Außenpolitik führen, und ich würcle den Parteien Tieine Stimme geben, die für ein Ausscheiden aus der NATO sind." Ein ehemaliger Justizminister, einer der klügsten griechischen Politiker sagte mir: „Zum erstenmal :n unserer Geschichte steht der griechische Nationa- .ismus ,links'. In zwei Kriegen haben wir an der Seite der westlichen Demokratien gestanden. Paris war das Idol unserer Politiker. Als seefahrende Nation fühlten wir uns den Engländern verbunden und durch Zehntausende von Auswanderern den Vereinigten Staaten. Es ist das tragische Dilemma dieses Wahlkampfes, daß ein Sieg des antiwestlichen Affektes sehr leicht das Gegenteil des in der Innenund Außenpolitik Erstrebenswerten bewirken kann." — Eines hat <ler Kampf zwischen Nationaler Radikaler Union tindDemokratiscberUnion jedenfalls bewirkt: Das Interesse'für die Wahlen ist ungeheuer groß, nicht »ur in den Städten. Aber venn die Griechen, die Irfinder der Wahlurne «nd des Scherbengerichts, ach auch ihren modernen innerpolitischen Auseinandersetzungen mit solchem Eifer widmeten — vas geht es uns, was geht es die Welt an? Die Antvort gibt ein Blick auf cie Landkarte. Griechenland, zu Lande der Nachtar Albaniens,' Jugosla„Das Ansehen des Hauses ist wiederhergestellt — Schlüter ist raus!" yiens, Bulgariens und der Türkei, vorgeschoben in das Östliche Mittelmeer als „Gegenküste" Ägyptens, war von den Kommunisten'am Ende des zweiten Weltkrieges nicht zufällig zum Schauplatz eines blutigen Bürgerkrieges gemacht vorden. Nachdem es den Sowjets nicht gelungen var, durch die Dardanellen ins östliche Mittelmeer einzudringen, sollten Saloniki mit dem Wardartal, Attika mit der Hauptstadt Athen und die griechisien Inseln Stützpunkte der sowjetischen Macht verden. Es hat nicht sehr viel gefehlt, daß dieser Plan verwirklicht worden wäre. Um ihn zu bekämpfen, begab Churchill sich zu Weihnachten 1944 nach Athen und Truman erließ die nach ihm benannte Doktrin zugunsten Griechenlands (und cer Türkei). Seit 1952 sind Griechenland und die 7ürkei Mitglieder der NATO, seit 1953 desBalkanbündes, der im August 1954 in ein Militärbündnis
umgewandelt wurde. Dieser Balkanpakt ist seit dem türkischen Widerstand gegen eine Vereinigung #'. Zyperns mit Griechenland höchst brüchig, und zumal Griechenlands Stellung in der NATO, wie gezeigt, von einer Woge der Englandfeindseligkeit unterspült wird. Es ist deshalb ganz und gar nicht gleichgültig, ob die Wahlen mit dem Siege von , Karamanlis enden, der die Fortsetzung der Bund- . nispolitik im Rahmen der NATO und — mit ge- '.'# wissen Reserven — innerhalb des Balkanpakte» verficht, oder ob sie Papandreou an die Macht bringen, der „gleiche Freundschaft mit allen" will. Sicher hat der König gewußt, daß er „sdilafenda Hunde" wecken würde, als er Karamanlis mit der Regierungsbildung beauftragte, obwohl er weder Parteiführer war noch bereits über eine Parlamentsmehrheit verfügte. In der Audienz, die mir gewährt wurde, machten König Paul und Königin Friederike — Neffe und Enkelin Wilhelms II. — keinen Hehl daraus, daß sie großes Zutrauen in die Tatkraft des erst 48jährigen Ministerpräsidenten haben. „Ich habe im Frühjahr zu Schiff, im Auto, im Jeep oder auf dem Esel reitend 625 Dörfer besucht", sagte die Königin, „und wenn ich unter einem Baum Picknick machte und mich mit den Bauern unterhielt, wurde mir immer wieder der Name Karamanlis genannt« Man sprach von ihm als einem Mann der Taten, nicht der Worte." Karamahlis, der erste Ministerpräsident, der aus Nordgriechenland stammt, verkörpert nicht nur ein« andere Generation als sein Vorgänger und seine Gegner, sondern — und darin liegt vielleicht sein« Chance — auch einen anderen Typ. Für ihn ist nicht mehr Paris das Idol und mit Ausländern spricht er englisch. Er ist Jurist, doch macht er nicht den Eindruck eines politisierenden Advokaten, sondern den eines Ingenieurs. Möglicherweise kann am 19. Februar, dem Wahltag, folgender Tatbestand den Ausschlag geben: El ist endlich zu einer Annäherung zwischen dem Gouverneur Zyperns, Feldmarschall Sir John Hardin^, und dem Etbnarchen (Volksführer) der zyprioti« sehen Griechen, Erzbischof Makarios, gekommen. Es geht dabei um die Zusammensetzung des zypriotischen Parlaments und über das Recht der gewählten Vertreter, die Frage der Anwendung des Selbstbestimmungsrechts in absehbarer Zeit zur Sprache zu bringen. Kommt es zu einer Einigung, so könnte die Opposition nicht mehr behaupten, die „heilige Sache" Zyperns sei „verraten" worden. Dann müßten — wenn es logisch zugeht — Karamanlis und die Nationale Radikale Union auch den Dank des Wählers empfangen. „Aber hat die Politik", so seufzte ein Grieche, „etwas mit der Logik zu tun?" Eine Satzung über Gebühren „für die Inanspruchi nähme gemeindlichen Luftraums" haben die Stadtväter von Ansbach erlassen. Danach muß jeder Besitzer einer Radioantenne und eines sogenannten „Spions" drei Mark jährlich entrichten. Als Spione werden an einem Fenster angebrachte Rückspiegel bezeichnet, mit denen man vom Zimmer aus sehen kann* wer an,der ; Haustüp Einlaß-imgehrt. Die Gebühr für Antennen ufid Spione wird; mit der Begründung erhoben, daß sie „in den gemeindlichen Luft-, räum .hineinragen". Wer in Paris nach einer durchzechten Nacht mit einem Morgenzug der Metro nach Hause fährt, kann neuerdings am U-Bahnhof Opera das riesengroße Mahnbild
einer geschwollenen Trinkerleber betrachten. In Leuchtschrift wird ihm die Frage gestellt: „Ist das deine?" Wenn die „beispielhafte Initiative" der FDJ- Gruppe des Dorfes Cantwitz bei Neustrelitz Schul« macht, wird es in der Ostzone bald genug schlachtreife Schweine geben. Die Cantwitzer Blauhemden haben sich nämlich verpflichtet, ein „zusätzliches* Schwein zu halten, das mit gespendetem Futter gemästet und zugunsten der Gruppenkasse verkauft werden soll. Für die Junge Welt ist das Gruppenschwein jedoch nicht nur volkswirtschaftlich, sondern auch politisch bedeutungsvoll. „Denn in allen Dörfern, in denen die FDJ gemeinsam mit allen Jugendlichen zusätzlich ein Schwein mästet, wird man also dadurch zahlreiche junge #werktätige Einzelbauern für die Mitarbeit im Jugendverband gewinnen können." Auch die Uganda-Neger haben jetzt ihre eigenen Rassengesetze: Ihnen ist es vom Buganda-Rat — ihrem Selbstverwaltungsorgan — verboten worden, europäische Tänze zu tanzen, da diese „der Unmoral Vorschub leisten". Weiterhin dürfen afrikanische Grundbesitzer hinfort ihren Boden nicht an Weiße verpachten und gesetzwidrig ist auch die „Prostitution zwischen Afrikanern und Nicht¬ Afrikanern". Die Gendarmerie des französischen Departements Haut-Rhin stellt in ihrem Jahresbericht fest, daß im Gegensatz zu anderen ausländischen Straßenbenutzern die deutschen Autofahrer eine vorbildliche Fahrdisziplin gewahrt haben. Eine Welle moralischer Reinigung geht gegenwärtig durch Nprdvietnam. Die Behörden haben bereits 2000 Freudenmädchen, Tausende von Opiumpfeifen und riesige Mengen pornographischer Schriften aus dem Verkehr gezogen oder vernichtet. Alle Freudenhäuser wurden geschlossen, darunter auch das mit 300 Mädchen ausgestattete Dai La Thien £das Paradies), eines der größten und elegantesten dieser Häuser, das in der Hauptsache von Generälen und Diplomaten besucht wurde. Ehemänner, die in Begleitung von Prostituierten angetroffen werden, werden solange im Gefängnis zurückgehalten, bis sie von ihren Frauen abgeholt werden. Das Schwimmbad des europäischen Sportklubs wurde geschlossen, weil man im Anblick einer Frau im Badeanzug eine Verletzung der öffentlichen Moral sieht. Der Sprecher der progressiven konservativen Partei Kanadas, John Diefanbaker, prophezeite in einer Rede in Toronto, daß eines Tages auch Holland, Belgien, Schweden, Norwegen, Dänemark, Griechenland, Frankreich und Deutschland dem Commonwealth angehören würden.
ZEIT ONLINE 1956

Unter einer Creative-Commons-Lizenz herausgegeben. Namensnennung, nicht-kommerziell
There are currently no terms in this vocabulary.
Loading