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DIE ZEIT, 15.03.1956 Nr. 11 - 15. März 1956 http://www.zeit.de/1956/11/Ins-Exil-mit-den-Feinden-Britanniens ENGLANDS FENSTER JETZT ZU PUTZEN, IST GEWIß VON GROßEM NUTZEN. DOCH, WENN DIE BÖSEN BUBEN TRUTZEN, WIRD DAS PUTZEN WENIG NUTZEN
Ins Exil mit den Feinden Britanniens
Die Deportation des Erzbischofs von Zypern hat zu Spekulationen über die Auswirkungen — vor allem auf die NATO — Anlaß gegeben. Man hatte sich inzwischen daran gewöhnt, daß Großbritannien mit halbem Herzen europäische Politik macht und, im Kielwasser der USA, NATO-Politik betreibt; um so überraschender, daß Großbritannien jetzt plötzlich wieder zur „Empire-Politik" zurückgekehrt ist, und zwar mit dem gleichen Eigensinn und der gleichen Rücksichtslosigkeit, die ihm einst zu seiner Weltmachtstellung verholfen haben. Erleben wir hier eine Ouvertüre oder ein Finale? Während in Athen, in der griechischen Hafenstadt Salonika, auf der Insel Kreta und überall in Zypern »Nieder. mit den Engländern" geschrien wurde, während Steine durch die Fensterscheiben englischer Konsulatsund Verwaltungsgebäude flogen und ein Kleinkrieg zwischen der aufs höchste erregten Bevölkerung und der durch Truppen verstärkten Polizei Verletzte und Tote forderte, wurde der Ethnarch von Zypern, Erzbischof Makarios, vom Flugplatz weg _ verhaftet. Mit drei weiteren Geistlichen der griechisch-orthodoxen Kirche wurde er auf dem englischen Kreuzer „Loch Fada" nach den Seychellen-Inseln im Indischen Ozean deportiert. Das bedeutet: für Großbritannien den Triumph des militanten Flügels der Konservativen, für Zypern blutige, durch das Besatzungsregiment nur mühsam niedergehaltene Unruhen, für die NATO eine schwere Gefährdung der Südostfl.anke und eine neue Bedrohung der gemeinsamen Linie durch die Sonderinteressen einzelner Vertragspartner. Während Clement Davies, Parteichef der britischen Liberalen, und der Führer der Opposition Ihrer Majestät, Hugh Gaitskell, mit fast den gleichen Worten die Deportierung des Erzbischofs als einen „Akt des Wahnsinns" verurteilten, wurden einige ebenfalls kritische Stimmen im konservativen Lager übertönt von Zustimmung, die vom „Es blieb wohl nichts anderes übrig" der Gemäßigten bis zum „Endlich besinnt sich Großbritannien wieder auf seine Macht" des rechten Flügels reicht. Als prominente Vertreter dieses rechten Flügels sind bisher vor allem der EmpireAmery, der Suezrebellenführer Captain Waterhouse und die BeaverbrookGruppe mit Randolph Churchill als prominentestem Namen (was freilich weniger das Verdienst dieses Trägers ist) hervorgetreten. Für sie — daran haben sie nie Zweifel gelassen — begann Großbritanniens Niedergang mit der indischen Unabhängigkeitserklärung (1947). Dafür konnte aber wenigstens eine sozialistische Regierung verantwortlich gemacht werden. Die
Räumung der Suezkanalzone jedoch, die Verdrängung der britischen Führung aus der Arabischen Legion, die Bemühungen der Zyprioten, nicht nur den Kolonialstatus abzuwerfen, sondern überhaupt aus dem britischen Commonwealth auszuscheiden — all das geschah unter einer konservativen Regierung. In von Jahr zu Jahr steigendem Maße propagierte daher diese einflußreiche Gruppe eine „Politik der Stärke" — getting tough, wie es im Jargon der Beaverbrook-Zeitungen heißt. Und diejenigen konservativen Kreise, die auch heute noch lieber vom Empire als vom Commonwealth sprechen (oder allenfalls, nach dem Churchillschen Kompromiß, „Commonwealth and Empire" sagen), hören ihnen begeistert zu. Jene,Gruppe stützt sich in ihrer Nahost-Politik auf die mächtigen Erdölinteressen; sie stützt sich publizistisch auf die zweitgrößte englische Tageszeitung (Daily . Express), die drittgrößte Abendzeitung (Evening Standard) und die drittgrößte Sonntagszeitung (Sunday Express). „Was immer ein paar Sozialisten und Liberale sagen mögen", kommentiert der Sunday Express, „... ein Gefühl der Erleichterung erhebt ganz Großbritannien. Endlich eine Politik der Stärke!" Aber warum hier haltmachen? fragt der Beaver- &roo£-Leitartikler. Und er meint, jetzt sei es an der Zeit, die ägyptische Blockade des Suezkanals für Tankschiffe, die nach Israel bestimmt sind, zu durchbrechen und den ägyptischen Premierminister — „diesen Papptyrannen einer yiertklassigen Staatsmacht" — von seiner Ohnmacht zu überzeugen. Solche Töne haben sich jetzt durchgesetzt: eine, strenge Militärdiktatur wurde über, Zypern verhängt; Störsender wurden (zum erstenmal in der Geschichte des britischen Rundfunks) gegen Rundfunkpropaganda eingesetzt und die Schlüsselfigur in der Auseinandersetzung um Zypern verhaftet und deportiert. Zyperns Militärgouverneur Sir John Harding wird jetzt den Beweis antreten müssen für seine Behauptung, nur die Persönlichkeit des Erzbischofs habe einer Lösung entgegengestanden. Außerhalb der britischen Regierungspartei begegnet man dieser Botschaft ungläubig. Der Wunsch einer überwältigenden Mehrheit der Zyprioten nach „Enosis" mit Griechenland („Vereinigung" — nicht „Wiedervereinigung", denn Zypern hat nie zu Griechenland gehört) ist so alt • wie das politische Nationalbewußtsein der Griechisch sprechenden Zyprioten. 1930 war es schon einmal zu größeren Unruhen und zur Deportierung von zwei Bischöfen gekommen. Seit dieser Zeit regiert der. Vertreter der britischen Krone auf Zypern ohne irgendeine freigewählte Volksvertretung. .• . Die Untergrundbewegung EOKA -wird von einem Ex-General der griechischen Armee, Georg Grivas, bekannter unter seinem Decknamen Dighenis, nach den taktischen Prinzipien des Partisanenkampfes geführt, die Dighenis während des zweiten Weltkrieges von den Engländern lernte. Er ist der Verantwortliche für die Morde und Greueltaten des letzten Jahres. Aber er ist unauffindbar, wie überhaupt die ganze Untergrundbewegung so vorzüglich getarnt ist, daß nicht einmal über ihre Stärke auch nur einigermaßen zuverlässige Angaben gemacht werden können.
Während der Verhandlungen zwischen den Engländern und Makarios schien es so, als ob nur noch einige nicht unüberwindliche Meinungsverschiedenheiten bestünden: hinsichtlich der Pölizeigewält, der Amnestie • für politisch Verurteilte und der Zusammensetzung einer gewählten' Volksvertretung. Nicht zutage trat der entscheidende und, wie es scheint, unüberwindliche Widerspruch. In den Vorschlägen der Engländer, den Zyprioten Selbstverwaltung zuzugestehen, war immer eine Klausel: die zu bildende .Regierung von Zypern darf keine Beschlüsse fassen, die die staatsrechtliche Stellung Zyperns im Commonwealth betreffen. Das aber hieß gerade jene Möglichkeit zur ' „Enosis" von vornherein ausschließen, die ja die ideologische Grundläge für die ganze Volksbewegung ist. Daran mußten, wie schon 1947, auch diese Verhandlungen scheitern. Damals studierte Erzbischöf* Makarios noch an einer amerikanischen Universität. Kann heute der alte Widerspruch durch seine Deportation beseitigt werden? Welchen Erfolg haben solche Deportationen und politischen Verhaftungen überhaupt? Ben Gurion,;, der Ägypter Saghlul Pascha, der Sultan von Marokko, Bourguiba — das sind vier Präzedenzfälle, die dem britischen Kolonialministerium zu denken geben müßten. Zypern ist der letzte sichere britische Stützpunkt im Nahen Osten. Das Hauptquartier der britischen Streitkräfte ist von Kairo dorthin verlegt' worden, und 14 britische Bataillone sind dort stationiert. Die Insel liegt 65 Kilometer von der türkischen, 380 Kilometer von der ägyptischen, 1100Kilometer von der griechischen (Festlands-)Küste entfernt. Die Verteidiger der britischen Weltmachtstellung handeln in der sicher begründeten Überzeugung, daß nach der Aufgabe Zyperns eine selbständige britische Kolonialpolitik nicht mehr möglich wäre., Etwas voreilig identifizieren manche britische Politik mit NATO-Politik. Auch Griechenland ist schließlich ein Mitgliedsstaat der NATO und hat wiederholt seiner Bereitwilligkeit Ausdruck gegeben, den nordatlantischen Vertragspartnern Stützpunkte auf Zypern einzuräumen. Trotzdem darf Großbritannien Anspruch darauf erheben, mit der Aufrechterhaltung des Status quo in der heutigen Situation auch NATO- Interessen zu dienen. Denn in dem Augenblick, wo Großbritannien seine nach internationalem »k \ Recht gültigen und verVi^-^"^^ traglich anerkannten An¬ sprüche auf Zypern aufgäbe, würde die Türkei Ansprüche geltend machen — unter Hinweis auf die etwa 100000 Zyprioten türkischer Abstammung, vor allem aber auf die Tatsache, daß das nachbarliche Zypern dreihundert Jahre lang zur Türkei gehört hat und von der Türkei an Großbritannien abgetreten wurde. An Stelle des englischgriechischen Konfliktes, betont durch die Abberufung des griechischen Botschafters in London, würde daher, wenn England nachgäbe, eine Zuspitzung des türkisch-griechischen Konflikts die Einheit der NATO bedrohen. Die britische Haltung erschiene also gerechtfertigt — wenn es Großbritannien gelungen wäre, sich dabei jene politische Integrität zu erhalten, die dem englischen
Wort freedom lange Zeit einen echten Klang gegeben hat. So wie die Dinge jedoch heute liegen, spotten die Gegner der verspätet zu Taten erwachten Tory-Politik: Eden und Chruschtschow würden nun wenigstens ein Gesprächsthema haben, zu dem beide ihre Erfahrungen beitragen können: Störsender und Deportationen. Rudolf Walter Leonhardt TV/fit der Logik offizieller Erklärungen am Schluß -L» A von Konferenzen ist es oft schlecht bestellt. Vielleicht liegt das an der Eile, mit der sie verfaßt werden: die Konferenz ist aus, und schon müssen Fernschreiber und Setzmaschinen mit Kommuniques gefüttert werden (den Journalisten fällt hierbei schon lange die Rolle von Laufburschen zu). Aus dem Kommunique der SEATO-Konferenz in Karatschi erfahren wir einmal, daß die neue sanftere Methode des Kremls durchaus nicht ungefährlicher ist, vielleicht sogar gefährlicher als die alte,, unsanfte, zum anderen, daß dieser Wandel in Moskau ein Erfolg der westlichen, insbesondere der Dullesschen Politik sei. Etwas Ähnliches hatte Dulles schon in Washington erklärt und damit ein allgemeines Kopf schütteln hervorgerufen. Wie uns scheint: mit Recht, denn wenn die vermehrte Gefahr ein Erfolg der westlichen Politik ist, würde das ja bedeuten, daß der Westen sich freiwillig in Gefahr begibt ---- Wenn man schon meint, der Fuchs sei schlimmer als der Wolf, darf man nicht gleichzeitig rufen: „Hurra, ich habe den Wolf so erschreckt, daß er sich in einen Fuchs verwandelt hat!" G. U.
ZEIT ONLINE 1956
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