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DIE ZEIT, 14.05.1971 Nr. 20 - 14. Mai 1971 http://www.zeit.de/1971/20/Noch-brodelt-der-Vulkan
Noch brodelt der Vulkan
Auf der Kriseninsel Zypern: Griechen und Türken können sich nicht einigen / Von Theo Sommer THEO SOMMER
Diese allgemeine Lage ist paradox. Seit 1967 ist Zypern eine vielfach geteilte Insel. Die Türken, die in extremer Gemengelage über das ganze Land verstreut leben, haben sich zwar in einigen Siedlungsräumen konzentriert; nach ihren Angaben sind 102 Dörfer mit 250 000 Menschen evakuiert worden. Doch noch immer leben viele in gemischten Dörfern außerhalb dieser Gebiete, die rund elf Prozent der Staats^ fläche und 30 Prozent des bebaubaren Landes ausmachen. Die Blockade, von den Griechen eine Zeitlang über die Türken verhängt, ist aufgehoben, die Türken dürfen sich wieder überall frei bewegen. Indessen lassen sie die Griechen nicht herein. Die Hauptstraße zwischen Nikosia und dem Hafenstädtchen Kyrenia an der Nordküste kann jeden Tag nur zweimal von einem Fahrzeug-Konvoi unter UN-Bewachung befahren werden. Es gibt zwei Regierungen — eine griechische, die sich als die rechtmäßige begreift, und eine türkische, die sich bis vor kurzem „provisorisch" nannte, dieses Attribut jetzt aber abgeschafft hat, um sich den Anstrich der Permanenz zu verleihen. Zur Zeit kämpfen die beiden Volksgruppen wenigstens nicht miteinander. Sie beäugen sich nur argwöhnisch über die Barrikaden hinweg-^- zumal in der Hermes-Straße z« Nikosia und der Artemis-Straße in Larnaca. Dazwischen stehen 3000 Soldaten der Vereinten Nationen (aus Kanada, Dänemark, Finnland, Irland und Großbritannien) und 175 UN-Polizisten (aus Australien, Österreich, Schweden, Dänemark). Sie sorgen für Ruhe und Ordnung. Aber ihr Mandat ist begrenzt. Sie sind wie die Feuerw-e.hr: Sie können Brände allenfalls löschen, nicht verhindern. Den Gagensatz zwischen Zypern-Griechen und Zypern-Türken hat es in solcher Schärfe zuvor nie gegeben. Früher verwischten sich die Unterschied« zwischen Christ und Muselman im friedlichen Zusammenleben — bis die Briten in den fünfziger Jahren die Türken gegen die Griechen aufstachelten. Seitdem sind die Gemüter aufgewühlt worden. „Vergessen Sie nicht", sagte mir ein Grieche, „im Laufe der Jahrhunderte haben die Türken Millionen von uns -umgebracht." Ein Türke hinwiederum klagte: „Sobald die Enosis- Idee ins Spiel kommt, verwandeln sich die Griechen völlig. Dann fallen sie über uns her, und jede Schandtat an uns wird zur Heldentat hochstilisiert." Solche Gefühle mußten die Verfassung von 1960 sprengen. Die Türken hatten dabei nicht schlecht abgeschnitten. „Man könnte meinen, wir hätten gesiegt, damit die Türkei siege", pflegten die Zypern-Griechen damals zu sagen. Den Türken — 18 Prozent der Bevölkerung — wurde eine überproporuionale Vertretung zugebilligt: 30 Prozent im Parlament, 40 Prozent in Armee und Verwaltung;
großzügig bemessene Vetorechte der türkischen Repräsentanten kamen hinzu. Heute werfen beide Seiten einander vor, sie hätten die Verfassungsbestimmungen nicht einigehalten. Das Grundgesetz erwies sich als unpraktizierbarer Juristentraum: Die Türken verlangten immer mehr; die Griechen gewährten immer weniger. Ende 1963 forderte Makarios brüsk eine Totalrevision der Verfassung, ebenso brüsk verwarfen die Türken den Gedanken. Mehrere Jahre lang versuchten dann die griechischen Zyprioten und die Festland-Griechen, die Bedingungen zu ergründen, unter denen die Türken auf der Insel wie auf dem Festland sich doch noch dazu verstehen würden, Zypern zu. Griechenland zu schlagen. Alle möglichen Pläne wurden untersucht, besonders nach den bürgerkriegsähnlichen Kämpfen des Jahres 1967: eine Massenumsiedlung der Bevölkerung zur „ethnischen Flurbereinigung", die Einrichtung einer türkischen Basis in einem noch immer bestehenden britischen Stützpunkt, die Abtretung auch einer Dodekanes-Insel an die Türkei gegen Überlassung Zyperns. Nichts davon fand die Zustimmung aller Beteiligten. Im Jahre 1968 kamen Athen und Ankara, schließlich überein, die Regelung der Verhältnisse den beteiligten Parteien vor Ort zu überlassen. Über 160mal sind Glafkos Clerides und der zweite Mann auf der türkischen Seite in den vergangenen zweieinhalb. Jahren zusammengekommen. Eine Zeitlang ging alles recht gut. Beide Volksgruppenvertreter unterzeichneten Ende vorigen Jahres ein gemeinsames Papier, in dem sie ein weites Maß von Übereinstimmung festhielten. Über. einen Punkt jedoch vermochten sie sich nicht, zu einigen: über die Organisation der örtlichen . Selbstverwaltung, wie die Griechen sagen- —' über die „Volksgruppen-Autonomie", wie die Türken .es nennen. Das juristische Denken feiert bei diesem» Streit wieder Triumphe. Die Griechen haben nichts gegen örtliche Selbstverwaltung. Jede Gemeinde soll von einem Rat regiert werden, der die lokalen Mehrheitsver-. hältnisse getreulich widerspiegelt: türkisch in rein türkischen Siedlungen, griechisch in rein griechischen, gemischt nach dem jeweiligen Anteil in gemischten. Den Türken genügt dies nicht. Nach ihrer Auffassung müssen Türken von Türken regiert werden, auch in gemischten Gemeinden; sie sehlagen daher einen doppelten Lokal-Verwaltungsstrang vor: griechisch für alle Griechen, türkisch für alle Türken. Die beiden Volksgruppenverwaltungen sollen neben der Zentralverwaltung bestehen. Das Ziel ist ein föderatives System. Da es dafür kein« geographische Grundlage gibt, keine ethnisch sauber abgrenzbaren Kantone, fordern die Türken einen „verwaltungsfunktionellen Föderalismus". Dies ist offensichtlich eine unsinnige Forderung. Der Mini-Staat Zypern gibt ohnehin schon 40 Prozent seines Budgets für den öffentlichen Dienst aus. Eine Verdreifachung der Verwaltung wäre aber nicht nur unökonomisch, sondern auch schwerfällig bis zur Unwirksamkeit. Wie sollte wohl die Entwicklung des Landes von derart zersplitterten Organen vorangetrieben werden? Außerdem; Wer soll das bezahlen? Die Tirken leben jetzt von Alimenten aus Ankara (zwischen 60 und 80
Millionen Mark jährlich). Die viertausend zypriotischen Armenier zahlen l z 0 000 Pfund Einkommensteuer, die 120 000 Türken ganze 80 000 Pfund. Es ist schwer zu sehen, wie die zerstrittenen Zyprioten aus diesem Teufelskreis herausfinden sollen. Sie nähren die Zweifel aneinander ^- Makarios, wenn er in einer Rede die Enosis beschwört, die Türken, wenn sie dauernd von „DoppelEnosis" reden: Teilung und Aufteilung der Insel unter Griechenland und der Türkei. Oft ist dabei schwer zu unterscheiden, was echt ist an diesen Behauptungen.und was bloß Abwehrreaktion. . Die Türken sind mit der Autonomie, die sie heute in kulturellen, religiösen und schulischen Dingen haben, nicht zufrieden; sie wünschen eine völlig eigenständische politische Existenz. Sie trauen den Griechen nicht: „Die Griechen wollen jetztdie türkische, Gemeinschaft zerschlagen. Sie streben letztlich immer noch die Vereinigung .m^..Griechenkttcl.an,und dagegen messen .wir eii Gegengewicht schaffen." Die Griechen hegen den umgekehrten Ver- ; dacht: Daß nämlich die Tunken noch immer.auf eine Teilung der Insel aus seien und zunächst einmil gewisse Vorbedingungen: dafür schaffen wollea, die ihnen später die Verwirklichung des Gedankens erleichtern könnte. „Aber eine Teilung — das ist unmöglich. Sie würde aus uns ein Volk ven Flüchtlingen machen. Offenbar aber wollen die Türken genau dies. Warum würden sie sich soist weigern, ihre Flüchtlinge wieder in die allen Heimatdörfer zu entlassen, wie wir es ihnen angeboten haben?" Im Präsidentenpalais, dem alten Sitz des britischen Gouverneurs, trägt Erzbischof Makarios ein schlichtes hellblaues Priestergewand. Sein Haar — grau schon, als ich ihn vor zwölf Jahreu zum ersten Male sprach — hat sieh gelichtet, seine schrägen Augenlider liegen noch schwerer über den dunkelbraunen Augen. Neben ihm steht eir.e vielbändige Geschichte des griechischen Volkes im Buchregal, hinter ihm hängt ein Porträt Pktos. „Wenn die türkischen Zyprioten bei ihrer Ansicht über die Selbstverwaltung bleiben", sagt Makarios, „werden die Gespräche scheitern." Gleichberechtigung — ja; weil sie eine Minderheit sind, auch besondere Privilegien. „Aber wie könnten wir weiter gehen?" Enosis? Makarios weicht der Frage nicht aus. „Es ist wahr, daß Enosis unser nationales Ziel ist. Ich bin auch für Enosis. Aber andererseits muß man sehen, daß sie nicht erreichbar ist." Und er glaubt, daß die gegenwärtige Konstellation „noch eine ziemlich lange Zeit" Bestand haben wird. Fürchtet er neue Ausbrüche der Gewalttätigkeit?-„Beide Seiten sind heute überzeugt, daß die Anwendung von Gewalt das Problem nicht löst." Für ihn sei das keine neue Einsicht, für manche anderen vielleicht. „Die Verhandlungen mögen sich lange hinziehen. Aber Gewalt löst kein Problemfür immer, höchstens vorläufig." . An diesem Punkt stelle -ich eine Frage, die einen Mann seines Formats,'seiner Bildung und seiner Gewissensschärfe gewiß zuweilen bewegt. War der EokaKampf, war das Blutvergießen der fünfziger Jahre wirklich notwendig? Lag die ,Be
£reiyig Zyperns, von..der Kolonialherrschaft nicht ohnedies im Zug der Zeit? Seine Antwort ist in präzisem, amerikanisch -angehauchtem Englisch .formuliert: „Aus verschiedenen Gründen möchte ich keinen Kommentar dazu abgeben, ob der Kampf nötig war öder nicht." Er sagt es unerschüttert, würdig, diplomatisch. Dann erzählt er von seinem Berlin-Besuch 1962: „Ich kann mich nicht mehr erinnern, ob : ich den Ausdruck ,Schandmauer' selber, geprägt oder ihn bei jemandem anders gefunden habe." Seine Amtszeit .läuft bis 1973. Er hofft, daß die Lage sich bis dahin bessert, denn daan möchte der. Bauernsohn aus den Troodos-Bergen die ' Bürde des Präsidentenamtes ablegen. Und an dieser Stelle gibt er sich sogar optimistisch: „Beide Seiten sitzen im gleichen Boot. Ich hoffe, daß auch die Türken das allmählich begreifen." „Vergessen Sie nie: Makarios ist ein Byzantiner." Das Urteil kam aus dem Munde eines hohen UN-Beamten. „Was er sagt, ist eines; was er meint, ein anderes; was er tut, ein Drittes. Und ein Stück Schizophrenie ist in seine Psyche eingebaut: Als Kirchenfürst muß er für die Enosis sein, als Praktiker muß er dies Ziel in den Hintergrund rücken." Der UN-Mann fügt hinzu, daß niemand in Zypern ganz recht hat, niemand ganz unrecht — und vor allem, daß die blutigen Zusammenstöße der sechziger Jahre auf beide Seiten ernüchternd gewirkt haben. „Vielleicht lernen sie wirklich, daß sie in einem Boot sitzen und sich vertragen -müssen. Vielleicht erreichen sie nach zehn, fünfzehn Jahren des Zusammenlebens und Zusammenarbeitens einen Zustand, der dann als Lösung empfunden wird." Allzuviel Juristerei, allzuviel nationalistische Reden, allzuviel militärisches Gepränge kann auf dem Weg dahin nur schaden. „Eine Lösung", so drückte es Außenminister Kyprianou aus, „kann es nur auf der Basis der Unabhängigkeit geben — nicht auf der Basis der alten Fehler."
ZEIT ONLINE 1971
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