DIE ZEIT, 13.03.1952 - Türkisches in Zahlen

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Thursday, 13. March 1952
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DIE ZEIT, 29.10.1953 Nr. 44 - 29. Oktober 1953 http://www.zeit.de/1953/44/Der-Vater-der-Tuerken
Der Vater der Türken
"U"or dreißig Jahren, am 28. Oktober 1923, saß * Mustafa Kemal mit einigen Freunden beim Abendessen in Tschankaja. Plötzlich sagte er: „Morgen werden wir die Republik ausrufen." Zwar hatte Kemals Volkspartei die Macht bereits in der Hand, Aber es gab Gegensätze in der Volkspartei, es gab den Kalifen, wenn auch in einer bereits re- . duzierteu 'Position, und es gab einen islamischen Klerus von Einfluß und Macht, der den Modernisierungsplänen Kemals feindlich war. Nach dem Abendessen entwarf Kemal zusammen mit Ismet Inönü, der später sein Nachfolger als Staatschef werden sollte, die neue republikanische Verfassung. Am nächsten Tag überrumpelte er die führenden Mitglieder der Partei mit seinem Vorschlag. Einige Stunden später trat das Parlament zusammen, überwies das Verfassungsgesetz vorschriftsmäßig einem Ausschuß, der es mit dem Zusatz: „Die türkische Staatsreligion ist der Islam" gleich wieder an das Plenum zurückgab: Die Beratung folgte sofort. Um 20.30. Uhr war das Gesetz angenommen. Eine Viertelstunde später war Kemal zum Staatspräsidenten gewählt. Und bereits um Mitternacht verkündeten im ganzen Land 101 Kanonenschüsse: Die Türkei ist Republik. Der Stur?, der Monarchie und der Aufstieg Kemals zum Staatsoberhaupt waren nicht das Werk eines politischen Abenteurers oder das zufällige Ergebnis einer auge-nkÜcklichen Konstellation. Kemal, der aus Saloniki stammte, hatte von Jugend an am Sturz der Monarchie gearbeitet, schon zu Zeiten des berüchtigten Sultans Abdul Hamid. Damals, an der Jahrhundertwende; fing der aus dem Westen kommende nationalistische Stwm an, das osmanische. Vielvölkerreich zu zersetzen. Der Sultan suchte mit äußerstem Despotismus dem Sturm zu widerstehen. Kemal dagegen, der ursprünglich aus der liberalen Jungtürkischen Bewegeng kam, hoffte, auf den Flügeln eben dieses Sturmes die türkische Nation vor dem sicheren Zusammenbruch zu. retten und an die Stelle des brüchigen osmaeischen Imperiums einen lebenskräftigen nationalen Staat zu setzen. - . . Seine große Zeit kam. nach dem Weltkrieg, den die Türkei an der Seite Deutschlands verloren hatte. Bei der Vernichtung der Churchillschen GallipoliExpedition hatte er bereits als Kommandeur eine bedeutende Rolle gespielt. Jetzt waren der Westen und der Süden des Landes von Griechen und Franzosen und die Hauptstadt von den Alliierten besetzt. Aber während der Sultan und seine Ratgeber in Konstantinopel Versöhnung durch Unterwerfung unter die Besatzungsmächte zu erlangen trachteten, "sammelte Kemal in Anatolien, wo er ein militärisches Kommando hatte, unter unsäglichen Anstrengungen politische und militärische Kräfte zur Befreiung des Landes. Den Friedensvertrag von Sevres, den. Sultan und Regierung unterzeichnet hatten, und der die Abtretung weiter rein türkischer Gebiete, eine dauernde internationale Kontrolle der Meerengen
und die Aufteilung des Landes in Interessensphären bringen sollte, erkannte er nicht an. Als die Griechen, um ihn dazu zu zwingen, im Namen der Entente tief nach Anatolien vordrangen, führte er jahrelang einen verzweifelten Krieg, den er schließlich doch gewann. Und er machte nicht halt, als er die Griechen bei Smyrna ins Meer geworfen hatte. Zum Erstaunen^ und Entsetzen der Weltöffentlichkeit wandte er sich sofort gegen die Großmächte selbst, die noch in Konstantinopel und an den Dardanellen saßen. Zu einem Krieg kam es allerdings nicht mehr. Ehe die ersten Schüsse .fielen, begannen neue Friedensverhandlungen, die Entente verzichtete auf die Bed'isgungen von Sevres und erkannte, im Vertrag yon Lausanne die volle Unabhängigkeit und Souveränität d*t Türkei in ihren heutigen Grenzen einschließlich der Meerengen an. Mustafa Kemal, dem die Nationalversammlung später den Namen Atatürk — Vater der Türken —. verlieh, war auch der Väter der türkischen Demokratie, aber er war kein Demokrat nach westlichen Maßen. Sein Wirken vollzog sich in einer endlosen Kette von Rücksichtslosigkeiten.' Ihm war, außer der türkischen Nation, nichts heilig, nicht die Gesetze des Islam ; — schon gar.nicht dessen Alkoholyerbot — und nicht die Familien seiner Untergebenen. Auch unter seiner Regierung standen die bürgerlichen Freiheiten, für die die Jungtürken so erbittert gegen den Sultan gekämpft hatten, nuif auf dem Papier, erst später fingen sie an, sich durchzusetzen. Aber wahrscheinlich sollte man ihn nicht am Entwicklungsstand der westlichen liberalen Demokratie messen. Sein Regime war immerhin viel milder als das seiner monarchischen Vorgänger, und es war vor allem sehr viel effektiver. Denn wäh* rend seine Vorgänger einem unaufhaltsamen Abstieg präsidierten, erzwang er in wenigen Regierungsjahren den Aufstieg der Nation, die bereits zum Tode verurteilt schien. Heute ist die Türkei im Rahmen dessen, was in drei Jahrzehnten zu bewerkstelligen und was an der Grenze zwischen Europa und Asien möglich ist, ein modernes Land. Und wenn der Sieg über die Entente längst vergessen sein wird, dann wird man sich noch immer daran erinnern, daß Kemal Atatürk es war, der 1 die Vielweiberei samt Fez und Schleier abgeschafft, ein Volk mit 90 Prozent Analphabeten zum Lesen und Schreiben-gezwungen, europäisches Recht'eingeführt und so die Voraussetzungen für eine außerordentliche "wirtschaftliche Entwicklung geschaffen hat,. Als er 1938 starb, waf die Türkei ein Staat, der wieder im höchsten internationalen Ansehen, stand. Und fünfzehn Jahre später sind sich die Staatskanzleien des Westens vollkommen darüber klar, welch guten Dienst ihnen Kemal erwies, als er sie 1923 zum Abzug aus der Türkei nötigte. Denn sein Sieg war die Voraussetzung für den inneren und äußeren Entwicklungsprozeß, als dessen Ergebnis die Türkei heute ein wahres Bollwerk des Westens an einem der Krisenpunkte der großen Auseinandersetzung ist. . - '' In den letzten Jahren scheint Kemal Atatürk so manchen Machtgelüsten,im Vorderen Orient als ein Vorbild zu dienen. Aber nicht Staatsstreich und Machtergreifung machen den Erfolg für Machthaber und Nation aus. Auch mit Intransigenz gegen die westlichen Großmächte mit sogenanntem Kampf
gegen die Korruption und mit Todesurteilen gegen politische Gegner ist es nicht getan. Wer im Nähen Osten Kemal nacheifern will, darf sich nicht mit dem Strohfeuer augenblicklicher Massenbegeisterung begnügen. Er muß eine echte und zuverlässige Gefolgschaft habbn, die ein Reformwerk auch wirklich tragen^ kann. Kemal hat sie in einem langen und zähen'Kampf gefunden. Und als er vor dreißig Jahrennach der Macht griff, stand sie an seiner Seite. A.
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