DIE ZEIT, 11.05.1973 - Noch glimmt auf Zypern die Glut

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Saturday, 11. May 1974
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DIE ZEIT, 11.05.1973 Nr. 20 - 11. Mai 1973 http://www.zeit.de/1973/20/Noch-glimmt-auf-Zypern-die-Glut ENTGIFTUNG DER GRIECHISCH-TÜRKISCHEN BEZIEHUNGEN?
Noch glimmt auf Zypern die Glut
Der Inselstaat auf der Suche nach Stabilität Von Johannes Gaitanides JOHANNES GAITANIDES
Seit Wochen kämpfen in Zypern Griechen mit Griechen. Anhänger des EokaHelden Grivas, die der Insel zum Anschluß an Griechenland verhelfen wollen, werfen Bomben gegen das Gefolge des Erzbischofs Makarios, dein Zyperns Unabhängigkeit über alles geht. Unser Autor versucht das byzantinische Labyrinth der Zypern-Politik zu entwirren. In den fünfziger Jahren kämpften sie gegen die Engländer, in den Sechzigern gegen die Türken, in den Siebzigern fallen die Griechen über die Griechen her — auf Zypern, wo es mehr Gewehre als Zahnbürsten gibt. Und diesmal sagt der Vater nicht zur Aperitif stunde: „Leg' die Bazooka beiseite, mein Junge, die Diskothek hat geöffnet." Seit fast zwanzig Jahren behauptet der Konflikt auf Zypern, diesem Bindestrich zwischen Orient und Okzident, seine periodische Anwartschaft auf die Schlagzeilen der Weltpresse. Heute wieder, doch ist er mit dem gewohnten Streit zwischen der griechischen Bevölkerungsmehrheit (80 Prozent der 637 000 Einwohner) und der türkischen Minderheit (18 Prozent) nicht mehr hinreichend definiert. . Entfachte sich der Konflikt 1963/64 und dann wieder 1967/68 zum offenen Brand, dessen Ausweitung zum griechisch-türkischen Krieg (und zum Einsturz der Nato-Südostflahke) die amerikanische Feuerwehr-Diplomatie unter Assistenz ihrer Sechsten Flotte gerade noch in letzter Minute verhindern konnte, so glimmt er seither nur als Glut weiter, nicht ungefährlich, aber doch kontrollierbar. Die Temperierung ist zum einen der Präsenz der UN-Soldaten (1964 mit 6000, nun nur noch mit 3000 Mann) zu danken, die entlang der „Grünen Grenze" als Puffer zwischen den militanten Parteien postiert sind; bezeichnend, daß die Zyprioten heute von den UN-Tourist-Soldiers sprechen. Dämpfend wirkt weiterhin, daß es sich die Athener Diktatur im Unterschied zur Demokratie innenpolitisch leisten kann, in der Zypern- Frage einen kompromißbereiteren, weniger chauvinistischen Kurs zu steuern. Vieles kann man Papadopoulos nachsagen, nicht Mangel an realistischem Blick: der Aussöhnung mit Ankara die Priorität gebend, gießt er sein öl in das Wasser, nicht in das Feuer Zyperns. Vor allem aber haben seit 1968 die „interkommunalen Gespräche" zwischen den beiden Bevölkerungsgruppen zur Beruhigung beigetragen, auch wenn sie zunächst vier Jahre lang ohne Ergebnis blieben. Erst im Sommer 1972 kamen sie in Fluß, nachdem eine Initiative von UN- Generalsekretär Waldheim den Kreis der Unterhändler um seinen Vertreter sowie um je einen Rechtsexperten aus Athen
und Ankara (alle in beratender Funktion) erweitert hatte. Seither kam man sich näher, in den Strukturfragen von Regierung und Parlament, von Verwaltung, Justiz und Polizei. Die schwierigsten Probleme harren freilich noch der Lösung. Bisher zeichnet sich kein Brückenschlag vom türkischen Autonomie-Verlangen (nach dem kantonalen oder föderalen Status) zur unitarischen Forderung von Makarios ab, von der er wegen des kleinen Staatsterritoriums (9251 Quadratkilometer) und der untrennbaren Siedlungsverfilzung der beiden ethnischen Gruppen aus wirtschaftlichen Gründen wohl zu Recht nicht abrücken will. Nicht weniger unvorstellbar, wie das türkische Bestehen auf konkreten Garantien gegen die Enosis, gegen den Anschluß der Insel an Griechenland, mit dem Bestreben von Makarios in Einklang zu bringen ist, sich von den griechischen und türkischen Vertragsrechten auf Intervention und Truppenpräsenz (950 bzw. 650 Mann) zu befreien; erst ihr Abbau würde Zypern zur vollen Souveränität und Unabhängigkeit verhelfen, die dem Mitglied der Vereinten Nationen zustehen. Unverkennbar ist dennoch die Klimaverbesserung im Alltag. Längst können die in Enklaven zusammengezogenen Türken frei in den griechischen Gebieten zirkulieren; davon machen nun auch die Bauern und Arbeiter, die im selbstfabrizierten Ghetto kaum Brot und Arbeit finden, zunehmend Gebrauch. Immer häufiger erlaben sich Honoratioren aus dem Türkenviertel von Nicosia in meiner griechischen Hotelbar am abendlichen Whisky. Und während umgekehrt griechische Grenzgänger sich bisher nur unter Lebensgefahr in die schwer bewachten Türkenzonen wagen konnten, erhalten sie nun, als Kaufleute, Lizenzen zur direkten Belieferung ihrer Kunden dort. Das überzeugendste Indiz für die fortschreitende Entgiftung der griechischtürkischen Beziehungen ist aber das Wiedererscheinen von Georgios Grivas, des nun 75jäjarigen Vorkämpfers und Apostels der „Enosis"y,^s Anschlusses seiner zyprischen Heimat an das'* griechische Mutterland; offenbar haben ihn die Verhandlungsfortschritte alarmiert. Der ert^huenste europäische Spezialist im Untergrundkämpf ist ein Feind von Gewicht, und wenn das Wort „Viel Feind, viel Ehr' " zu Recht bestünde, ist ihm der Lorbeer gewiß. Im Zweiten Weltkrieg machte Grivas mit seiner Guerilla-Truppe „X" zunächst der deutschen Besatzungsmacht zu schaffen, um dann — noch vor ihrem Abzug — die Kommunisten Griechenlands zu bekämpfen, die seit 1944 die Herrschaft über das Land an sich zu reißen drohten. Im Jahre 1956 begann Grivas mit seiner Eoka-Geheimorganisation (600 Mann) einen erbitterten Partisanenkampf gegen 40 000 Soldaten der britischen Kolonialmacht, die schließlich „Wer den Zypern-Konflikt zu, verstehen meint, versteht ihn nicht." Sir Hugh Foot (heute Lord Caradon), Ex¬ Gouverneur der Kronkolonie. „Ich allein weiß alles, was auf Zypern geschieht, wer mit wem paktiert, wer gegen .wen, wer ehrlich spielt und wer falsch." Makarios „Nirgends kann man heute die klassische Diplomatie ä la Macchiavell besser studieren als auf Zypern." Ein Attache an der deutschen Botschaft in Nicosia. das Feld räumte und Zypern 1959 in die — freilich beschränkte — Unabhängigkeit entließ. 1963 und wieder 1967 schlug er gegen die türkische Minderheit los, was ihm schließlich die
„Verbannung" nach dem; hellenischen Mutterland einbrachte. Doch im September 1971 entwich er „heimlich" aus dem Athener Exil nach Zypern, kaum ohne Wissen des sonst so perfekten Geheimdienstes der Junta. Diese hat mehr als einen K Grund, sich Makarios vom Halse zu wünschen, der als Stimme und Symbol der griechischen Demokratie der Opposition im Mutterland moralischen Halt gibt, und notfalls auch politisches Asyl — Theodorakis' Lieder sind auf Zypern zu hören. Seither hat es Grivas auf den Sturz des erzbischöflichen Präsidenten abgesehen. Da er ihn nicht mit dem Wahlzettel zu überwinden vermag, versucht er es abermals als Partisan — entschlossen (wie er einem Korrespondenten des Observer bezeugte), für die Enosis zu kämpfen, selbst wenn das griechische Zypern daran zugrunde gehen sollte. Die Gegner von heute dürften es ihm freilich schwerer machen als vordem.die Briten, denn unter der Führungsgarde von Makarios gibt es nicht wenige, die als seine einstigen,Mitstreiter mit seinen Untergrundpraktiken auf das Intimste vertraut sind. In dem flexiblen Politiker Makarios hat der starre und sture Nur-Soldat Grivas den ihm seit je überlegenen Widersacher — Wasser ist auf die Dauer stärker als Fels. Während des Befreiungskampfes; steckten beide unter einer Decke, was dem Erzbischof die Verbannung erst nach den Seychellen, dann nach Athen eintrug. Dennoch unterschrieb er 1959, wenn auch widerstrebend und gegen den Willen von Grivas, die von England, Griechenland und der Türkei ausgehandelten Verträge, die Zypern die Autonomie einräumten. Es war eine Autonomie mit zweifacher Einschränkung. Einmal bedingten sich London zwei Militärenklaven (von zusammen 99 Quadratkilometer) und alle drei Signatarstaaten als „Garantiemächte" das militärische Interventionsrecht aus. Zum anderen wurde die türkische Minderheit mit derart weitreichenden Verfassungsrechten ausgestattet, daß sie die griechische Regierungsmehrheit — hinunter bis auf die Gemeindeebene — völlig blockieren konnte. Das tat sie denn auch, worüber es zu den offenen Feindseligkeiten, kam. Grivas hat dem Erzbischof die Zustimmung zu diesen Abkommen nie verziehen. Er sah durch sie das ursprünglich gemeinsame Ziel, die Enosis, ad calendas Graecas vertagt. Zu deutsch: auf den Sankt Nimmerleinstag. Makarios hat der Enosis nie abgeschworen. Seine Landsleute meinen freilich, er werde ihr erst auf dem Totenbett freie Fahrt geben. Denn zweifellos hat er an seinem Präsidialregime Geschmack gefunden, das er seit Dezember 1959 ausübt —# im Februar wurde sein Mandat um fünf Jahre verlängert. Hinzukommt seine Aversion gegen die Athener Diktatur. Diese Aversion wird von der Bevölkerung weithin geteilt. Nicht zuletzt sind sich die Zyprioten griechischer Zunge bewußt, daß sie ihren höheren Lebensstandard als „Kolonie" Athens kaum halten könnten — unter den Entwicklungsstaaten nimmt Zypern den ersten Leistungsrang ein. Und mit Makarios wissen über neun Zehntel der Inselgriechen, daß Enosis Krieg bedeutet, einen aussichtslosen Krieg gegen die nahe, übermächtige Türkei, in dem sie nichts zu gewinnen, aber alles zu verlieren hätten. So schlägt zwar weiterhin ihr Herz für die Enosis — Kopf und
Magen aber für deren Zurückstellung, bis das Wünschbare politisch möglich wird: unter der Voraussetzung der (nie zu erreichenden) Zustimmung der Insel-Türken und der Türkei, fügt Makarios hinzu. Diese „schnöde Rechnung" nennt der fanatische Nationalist Grivas Verrat. Obwohl er als Held des Befreiungskampfes allgemein verehrt wird, läßt sich seine Gefolgschaft heute doch nur auf vier bis fünf Prozent der griechischen Zyprioten veranschlagen. Sie rekrutiert sich aus den dezimierten Reihen der alten Kameraden, aber auch aus vielen Oberschülern, die ihren Sturm und Drang nach rechts abreagieren, wohl weil dem Marxismus auf der Insel mangels einer eigenen Universität der Nährboden fehlt. Sie sammeln sich, soweit „Volk", in der rechtsextremistischen „Nationaldemokratischen Partei", die bei den letzten Wahlen im Juli 1970 nicht einmal den Einzug in das Parlament schaffte — die Honoratioren im losen Bund der „Esea". Beide hielten es für geraten, bei der Präsidentenwahl im Februar 1973 der charismatischen Autorität des Erzbischofs keinen eigenen Kandidaten entgegenzustellen — er hätte nur ihre Schwäche aktenkundig gemacht, wie schon 1968, als es ihr 0 Fortsetzung nächste Seite Mann auf ganze 4,5 Prozent der Stimmen brachte. Kaum gewichtiger wirkt sich für Grivas der Beistand der drei Inselbischöfe (von Kition, Kyrenia und Paphos) aus. Sie erklärten ihren Erzbischof für abgesetzt, weil nach dem kanonischen Recht das höchste Kirchenamt nicht mit der weltlichen Präsidentschaft vereinbar sei — zwölf Jahre lang hatten sie an solch ominöser Personalunion keinen Anstoß genommen.. Makarios meinte denn auch zu, ihrer Initiative: „Sie' ist inspiriert, aber nicht vom Heiligen Geist — sondern von Athen." In der Tat galt ja in der gesamten Türkenzeit, wo immer Griechen siedelten, der Erzbischof (wie die Bischöfe vom Volke gewählt) eo ipso als „Ethnarch", als weltlicher Führer, als den ihn auch die englischen Herren respektierten. Diese Tradition kann Makarios als rechtswirksam solange für sich buchen, wie Zypern' nicht die volle Souveränität erlangt hat. Vor allem: Die Kompetenz zur Absetzung steht den drei- Bischöfen gar nicht zu, sondern allenfalls einer Heiligen Synode von zwölf orthodoxen Patriarchen und Erzbischöfen; rundum aber haben sie dem Vorgehen der drei alten Herren eine Abfuhr erteilt, einschließlich des Primas von Griechenland. scheinlich, so bescheiden sich die jüngsten Bedingungen von Grivas zur Verhütung des Bürgerkrieges geben: Umbau des Kabinetts unter Einbezug von drei seiner Mannen. Doch was ist bei Makarios nicht möglich? Von seiner Charakterisierung durch einen UN-Beamten ist nichts abzustreichen: „Vergessen Sie nicht, er ist ein Byzantiner. Was er sagt, ist eine Sache, was er meint, eine andere, und was er tun wird, eine dritte." Papadopoulos seinerseits läßt Grivas doch nicht völlig fallen. Er bedient sich des alten Haudegens weiterhin als eines Gegengewichtes zu dem eigensinnigen, lästigen Makarios, aber mehr noch als Waffe gegen die unheilige, wiewohl nur passive Allianz zwischen dem Präsidenten und den zypriotischen Kommunisten. Tatsächlich ist die Akel, der rund 40 Prozent der Stimmen bei den letzten Wahlen (1970) zufielen und die zur Hälfte die Gewerkschaften beherrscht, nicht allein die
älteste, die stärkste, bestorganisierte und bestdisziplinierte Partei Zyperns, sondern auch die relativ größte Kommunistische Partei der freien Welt — die relativ reichste dazu. Aber auch das Attribut der demokratischen Bravheit ist ihr nicht vorzuenthalten, denn ihre Gefolgschaftstreue zu Moskau wird aufgewogen von ihrer Loyalität zu Makarios (obwohl er ihr noch nie ein Ministeramt anvertraute). Ihr Wohlverhalten leitet sich aus der Gewißheit ab, daß auf Zypern jede Partei in die Minderheit absackt, die sich mit Makarios anlegt. Ob solche Loyalität den Abgang des Erzbischofs von der politischen Bühne dereinst überleben wird, steht auf einem anderen Blatt. Bis dahin beschränkt die Akel ihre Aufgabe auf die Stützung von Makarios' Neutralitätskurs. Derzeit beschränkt sich Moskaus Interesse darauf, Zypern Natofrei, zu halten — womit es im Falle der einen wie der doppelten Enosis vorbei wäre. Nichts scheinen das Athener Regime und die Insel-Rechte (einschließlich Grivas) mehr zu befürchten, als daß sich Zypern zu einem zweiten Kuba entwickelt. Ankara und die Inseltürken teilen ihre Bedenken. Es wird noch genährt durch die engen Beziehungen Makarios 3 zu Moskau, der stärksten und einzigen Stütze seiner Unabhängigkeitspolitik unter den Großmächten. Von seinem letzten Besuch in der Sowjetunion (Juni 1971) kehrte er mit einer Souveränitätsgarantie heim, deren Art und Ausmaß freilich im Dunkeln blieb. So gewagt sich der Einsatz von Makarios ausnimmt — er sieht die einzige Überlebenschance Zyperns im Brückenschlag zwischen West und Ost. Auch aus dem nahen Nahostkonflikt hält er sich heraus; seine Beziehungen sowohl zu den Arabern wie zu den Israelis lassen zu wün-. sehen nichts übrig. Die Amerikaner hoffen, daß der Breschnjew- Besuch im Juni einige konkrete Ergebnisse bringen wird — Abkommen, die an jene anschließen, die Nixon vor einem Jahr aus Moskau mitgebracht hat. Für ein weiterentwickeltes sowjetisch-amerikanisches Einvernehmen sehen sie genügend Raum, bilateral vor allem in der Handelspolitik und bei der nuklearen Rüstungsbegrenzung. Seitdem die sowjetische Regierung die Auswanderungsabgabe für jüdische Bürger suspendiert hat, sind die Aussichten auf eine Zustimmung des amerikanischen Senats zur Gewährung der Meistbegünstigungsklausel beträchtlich gewachsen. Kreditgarantien der Regierung für Erschließungsprojekte amerikanischer Firmen in .der Sowjetunion nach dem Muster Know-how plus Ausrüstungen gegen Rohstoffe sind gesichert. Auch für die Gespräche über die Verlängerung des ersten, auf fünf Jahre.befristeten Abkommens über die offensiven Nuklearwaffen auf unbegrenzte Zeit, die Einbeziehung anderer 'Waffensysteme in diese Vereinbarung und erste Teilab'spracfren. über eine qualitative Begrenzung sind die Aussichten nicht ungünstig. Die Amerikaner werden vorerst jedoch, auch auf Drängen ihrer europäischen Verbündeten — die vorgeschobenen Waffensysteme, unter anderem die 700 in Europa .stationierten, fürten. Nu-kleaceitisäitz geeignetes.^ Karp $fflVgwage,Vai& feeüe'n "»lÄbspiach^n'l-J^-,«' 1 Die'-'Gespräche des' Präsi'd«nte,n i TOit i yerr)-.-Bah-'- deskanzler gewannen letzte Woche gerade angesichts der bevorstehenden Breschnjew-Reise nach Bonn und Washington besondere Bedeutung. Dabei riet Willy Brandt mit Erfolg davon ab, - das von Kissinger geprägte Schlagwort von einer neuen „Atlantik-Charta"
zu verwenden. Es rieche nach einem Konfrontationsmodell und würde als Etikett für ein weltweites Sicherheitsdreieck Washington-Brüssel-Tokio von den Russen geradezu als -Provokation empfunden werden müssen. Nixon akzeptierte die von Brandt vorgeschlagene Zurückhaltung. Mit anderen Wortön': Die Atlantik-Charta ist tot, es lebe die realistisch aus- • gestaltete atlantische Zusammenarbeit ohne sicherheitspolitische Einbeziehung Japans. Für die Konferenz über eine beiderseitige Truppenverminderung (MBFR), faßten Nixon zweites autonomes österreichisches P.E.N.-Zentrum oder ein Subzentrum Graz ohne eigene Stimme. Das Abstimmungsergebnis bringt Stimmengleichheit, und das bedeutet, der Präsident muß entscheiden. Böll denkt offensichtlich besorgt und unverschleiert ratlos wiederum leiselaut vor sich hin. Schließlich ziehen die streitbaren Grazer ihren Antrag zurück, als sie sehen, daß die erforderliche Zweidrittelmehrheit nicht erreichbar ist. Böll und Carver helfen ihnen an einer definitiven Niederlage vorbei; der Fall kommt auf die Tagesordnung der nächsten Sitzung in Israel im Dezember 1973. Hermann Kesten und ich, die Delegierten des P.E.NT-Zentrums Bundesrepublik Deutschland, wir enthielten uns der Stimme und werden es wieder tun, denn gerade wir wollen ein unbelastetes, freundschaftliches Verhältnis zu allen österreichischen Kollegen. Wenn - Friedrich Torberg mir in der „Süddeutschen Zeitung" soeben wieder vorwarf, ich hätte die Grazer begünstigt, so ist er einer Zwecklüge aufgesessen. Ich war stets und biri für strikte deutsche Neutralität in diesem Zwist unserer österreichischen Nachbarn. Der DDR-P.E.N. scheint eher die Grazer unterstützen zu wollen. Ich machte all den österreichischen Kollegen, die ohnehin in der Bundesrepublik öder in Westberlin arbeiten und hier ihr Geld verdienen, das Angebot, zu uns zu kommen, wie Hilde Spiel das bereits getan hat. Das Angebot gilt zum Beispiel für Peter Handke, der den Taunus zur Wahlheimat erkor. Wir wollen niemanden abwerben, aber wir wollen gern alle guten Autoren im P.E.N. haben, dessen Internationalität sein Bestes ist. Provinzieller Streit innerhalb nationaler Zentren paßt eigentlich nicht ins Bild, das die 84 Zentren in aller Welt vor aller Welt abgeben möchten. . # Verglichen mit den innerösterreichischen Querelen sind die Beziehungen zwischen den Delegierten der DDR und uns heute geradezu grundverträglich. Mit Professor Heinz. Kamnitzer zusammen saß ich in Stockholm in einem Redaktionskomitee, \ind wir erarbeiteten den Text einer Resolution für die Helsinki-Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa — ein Resolutionstext, der später einstimmig angenommen wurde. Ihm lag ein Antrag der Kollegen vom Zentrum der Schriftsteller im Exil zugrunde. Die Außenminister der 34 Regierungen, die sich voraussichtlich im Juni in Finnland treffen werden, sollen den kulturellen und wissenschaftlichen Austausch zwischen . den Nationen pflegen. Der P.E.N. stellt seine. Erfahrungen und seine Mitarbeit für die damit befaßten Kommissionen gern zur Verfügung. Ferner: eine vom Zentrum der Bundesrepublik eingebrachte-, Resolution zugunsten der verfolgten Schriftsteller in der CSSR wird ohne Streit und Erregung, wie er früher •— zu Pierre Emmanuels Zeiten — nicht selten in. diesem Gremium ausbrach, angenommen — gegen die Stimmen Ungarns, Bulgariens, der
DDR, bei Stimmenthaltung Jugoslawiens und Schwedens, aber nota bene mit der Stimme Polens. Sind Resolutionen dieser Art bloße Rhetorik? Ich hatte die Freude, denen, die es anging, eine Mitteilung Bundeskanzler Brandts wiedergeben zu können, in der er bestätigt, daß er mit seinen „jugoslawischen Gesprächspartnern" über eine Resolution zugunsten verfolgter jugoslawischer Schriftsteller sprechen könnte. Diese Resolution wurde von der Mitgliederversammlung unseres Zentrums am 13. April in' Berlin beschlossen. MarceJ Reich-Ranicki berichtete in den ZEIT offensichtlich, ein' wehig zu sarkastisch und pessimistisch darüber. Niemand von uns, die wir im P.E.N. die Arbeit machen und dafür das Schulterklöp'fen oder die herablassenden Ratschläge unserer Kollegen dankbar entgegennehmen, glaubt an die Möglichkeit, mit Resolutionen wie mit einer Trompete von Jericho die Mauern von Gefängnissen und Irrenanstalten zum Einsturz bringen zu können, hinter denen verfolgte und gequälte Intellektuelle sitzen. Aber den Mächthabern der Schreckensherrschaften ist es" nachweislich unangenehm, wenn ihre Untaten bekannt werden. Dafür arbeiten wir, zusammen mit Amnesty International, der 1 internationalen Organisation zur Hüte für politisch Verfolgte; die keine Gewalttaten verübt haben. Da^s Writers-in-Prison- Cpromittee des P.E.N. hat bereits einiges tun können für verfolgte Schriftsteller in der Türkei, in Griechenland, in Indonesien, in der CSSR, sogar in der Sowjetunion. Es ist dem Internationalen Präsidenten des P.E.N. und einigen Zentren
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