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(c) DIE ZEIT 1947 - 10. April 2009 http://www.zeit.de/1947/11/ZT19470313_002_0006_P
Die Türkei und die arabische Welt
FISCHER, ALFRED JOACHIM
Trotz Atatürk und westlichen Reformen lautet die türkische Volksparole immer noch "Javasch, javasch" - langsam, langsam! Dieser gar nicht so ungesunde Grundsatz gilt auch für die politische Entwicklung. Die Symptome deuten heute auf eine langsam immer enger werdende Zusammenarbeit zwischen Ankara und der arabischen Welt hin. Was sich vorbereitet, ist, wie jeder politisch denkende Türke zugibt, kein Liebesbund, dürfte dafür aber eine ziemlich haltbare Vernunftehe sein. Jahrhunderte waren die arabischen Länder als seine Glieder mit dem osmanischen Imperium verbunden. Auch als dieses übernationale Staatengebilde morsch zu werden begann, hatte Großbritannien als Weltmacht weiter ein Interesse an seiner Erhaltung. Die Türkei kämpfte jedoch im ersten Weltkrieg an Deutschlands Seite. Lawrence glückte es, die arabischen Völker des osmanischen Imperiums durch Unabhängigkeitsversprechungen von Konstantinopel zu lösen und sie zu erfolgreichen Revolten anzufeuern. Die Türken sind ein nachtragendes Volk. Bis heute haben sie ihren arabischen Untertanen von damals den "Verrat" innerlich nicht vergeben. Wenn der Islam seine Vormachtstellung im neuen türkischen Staat fast kampflos verlor, so trug die Schuld hieran nicht zuletzt die Enttäuschung über das Arabertum. Warum - so fragen sich die sehr realistischen Türken sollten sie das kostspielige Kalifat noch aufrechterhalten? Schatten Gottes auf Erden war ein schön klingender Titel. Wie sich jedoch gezeigt hatte, fand der Schatten des Sultan-Kalifen bei den sogenannten gläubigen Völkern nicht einmal mehr Waffengefolgschaft. Nach Abschaffung des Kalifats nahm die Entfremdung zwischen Türken und Arabern immer mehr zu. Die letzteren blieben strenggläubige Anhänger Mohammeds; in der Türkei hingegen setzte sich der sogenannte Laizismus durch. Religion wurde zur Privatsache, ja es gab nicht einmal mehr religiösen Schulunterricht. Mustafa Kemal Atatürk, der Prophet des modernen Türkentums, hatte sein Volk offiziell dazu aufgefordert, sich nach innen zu wenden und allen arabischen Ländern den Rücken zu kehren. Innerhalb der mohammedanischen Welt war das Verhältnis der Türkei zum entfernteren indischen Islam ein wesentlich besseres. Ankara hat sich immer dankbar daran erinnert, daß Indiens Mohammedaner sich seinerzeit in London für Anerkennung der kemalistischen Republik erfolgreich einsetzten. 1937 wurden die Türken Partner des Sadabad-Paktes, dem im Mittleren Osten etwa dieselbe Bedeutung zukam wie der Balkan-Entente in Südosteuropa (Nichtangriff, Garantie der gegenseitigen Grenzen usw.). 'Zu den Unterzeichnern dieses Vertrages gehörte jedoch nur ein einziger arabischer Staat: der Irak; die anderen drei waren Persien, Afghanistan und die Türkei. "Emanzipation der Völker
des Ostens!", diese Devise gehörte zu den kemalistischen Lehrsätzen. 1936 war die Frage der Unabhängigkeit Syriens und Libanons aus dem akademischen in ein praktisches Stadium gelangt. Auch die Türkei nutzte damals Frankreichs zunehmende Schwäche in Europa aus. Unter Druck erreichte sie, daß Hatay (Sandschak Alexandrette) - das zwar eine türkische Bevölkerungsmehrheit aufwies, aber für Syriens Handelsinteressen lebenswichtig war - am 28. November 1937 eine eigene Republik unter praktischer Vorherrschaft der Türken wurde. Allerdings hörte die Existenz dieses künstlich geschaffenen Zwergstaates schon am 28. Juni 1939 auf. Auf Grund einer vertraglichen Vereinbarung mit Frankreich, die der Völkerbund bestätigte, wurde das umstrittene Gebiet der türkischen Republik einverleibt, Syrien hat diesen "Dolchstoß" noch vor der eigentlichen nationalen Geburt bis heute nicht verschmerzt. Wie uns der bekannte, Istanbuler Politiker Yalcin verriet, hat Hitler angeblich der Türkei für eine Allianz nicht nur den Kaukasus, vielmehr auch Ägypten, Syrien, Irak und Palästina versprochen. Diese Lockung machte jedoch nur geringen Eindruck, da Ankara die Aufrechterhaltung des national einheitlichen Staates einer Rückkehr zum früheren Konglomerat mit all seinen Gefahren vorzog. Bestimmte Kreise standen jedoch dem Gedanken einer Renaissance des Imperiums offenbar weniger ablehnend gegenüber, Bei Aufdeckung der Geheimorganisation "Grauer Wolf" stellte sich heraus, daß zu ihren Zielen ein turkomanisches Reich unter Einschluß arabischer Staaten gehörte. Auch hohe Militärs waren Mitglieder dieses illegalen Bundes. Man kann nicht behaupten, daß die türkische Regierung der Arabischen Liga von vornherein mit besonderem Wohlwollen gegenübergestanden hätte. Zu großer Einfluß des Arabertums im Mittleren Orient war ihr unerwünscht. Auch fürchtete sie reaktionäre Rückwirkungen auf die eigene Nation, in der die modernen Lehren noch nicht Zeit gehabt hatten. fest zu verwurzeln. Im letzten Kriegsabschnitt hatte die Türkei eine begrenzte jüdische Durchwanderung nach Palästina nicht länger sabotiert, weil ihr nach Ansicht radikaler Araber daran lag, ein Palästina mit allzu starker arabischer Mehrheit zu verhindern. Auch der berüchtigte Mufti von Jerusalem war auf seiner Flucht über Ankara und Istanbul zu seinem Schirmherrn Adolf Hitler gelangt. Desgleichen hatten die Agenten El Husseinis und Subhas Chandra Boses sowie die Mitglieder der deutschen Orientspionage ihren Weg in nahezu alle Bestimmungsländer via Sandschak Alexandrette genommen, das schließlich nicht zuletzt durch britisches Wohlwollen türkisch geworden war. Die Nachkriegsentwicklung hat zu einer bisher unheilbaren Krise zwischen Moskau und Ankara und zur engsten Annäherung der Türkei an die angelsächsischen Mächte geführt. Steigender türkischer Einfluß im Mittleren Orient ist heute automatisch mit einer probritischen Entwicklung gleichzusetzen. In diesem Licht muß auch Ankaras neue Arabienpolitik gesehen werden. Gelingt Pandit Nehrus Plan einer panasiatischen. Plattform mit der Spitze gegen London, dann wird die türkische Stimme eine schwache und kaum hörbare sein, kommt hingegen
ein allmählicher Interessenausgleich zwischen Großbritannien und dem Orient zustande, so wird Inönü zweifellos eine wichtige Brückenposition innehaben. Die Furcht vor Rußland macht die Türkei einer immer enger werdenden Zusammenarbeit mit den arabischen Nachbarn zugänglich. Sie ist sich dabei verschiedener Gefahren zweifellos bewußt. Das im eigenen Lande gerade überwundene theokratische und noch nicht ganz abgeschaffte feudalistische System beherrscht einstweilen noch alle arabischen Staaten. Auf bestimmte türkische Kreise übt es nach wie vor Anziehungskraft aus und mag bei engerem Kontakt mit der mohammedanischen Umwelt erneut abfärben. Dieses Risiko scheint Ankara jedoch geringer als das einer sowjetbeeinflußten arabischen Sphäre. Schon um die Chancen der durchaus lebendigen russischen Propaganda im arabischen Raum zu verringern, wünscht Inönüs Regierung daher Gewicht und Stimme in der arabischen Politik. Wie allgemein diese Tendenz ist, zeigt Dr. Rüstü Aras neues Projekt. Aras war vierzehn Jahre Atatürks Außenminister und galt als Förderer einer türkischrussischen Freundschaft. Noch vor etwa zwei Jahren befürwortete er eine Allianz Ankaras mit Moskau nach dem Vorbilde London - Ankara. Heute hält Atatürks engster Berater den Zeitpunkt für eine solche Allianz für versäumt. Seine Idee ist darum, jetzt die eines dritten Weltblocks, der Großbritannien, Frankreich, Griechenland, die Türkei und die arabischen Länder umfassen soll - obgleich auch Aras von Haus aus kein Araberfreund ist. Die Türkei sicht zweifellos sehr genau alle Schwierigkeiten und die noch nicht überbrückten Gegensätze innerhalb der arabischen Welt, darum legt sie auf ein gutes Verhältnis zu den einzelnen Ländern stärkeren Wert als auf ihre Beziehungen zur Liga selbst, deren Ziele sich oft mehr im Negativen als im Positiven dartun. Aus diesem Grunde haben seit Beendigung des Krieges zahlreiche offizielle Besprechungen und Vertragsabschlüsse zwischen der Türkei und den Ländern der arabischen Liga stattgefunden: Obgleich Türkei und Irak nominell an den noch gültigen Sadabadpakt gebunden sind, schlossen diese beiden Länder am 29 März 1946 einen neuen Vertrag ab, der engste Zusammenarbeit in kulturellen, wirtschaftlichen und allen Sicherheitsfragen vorsieht. Der vorangegangene Herbst hatte den Türken schon einen königlichen Besucher gebracht: König Faruk von Ägypten hielt mit seiner Jacht im Mersiner Hafen. Bald darauf begannen diplomatische Verhandlungen zwischen beiden Staaten. Ägyptens junger und ehrgeiziger König ist an einem türkischägyptischen antirussischen Block interessiert. Die Türkei wünscht allerdings zuvor eine endgültige und freundschaftliche Klärung der Beziehungen zwischen Großbritannien und Ägypten, die ihr Stabilität und Sicherheit garantieren. Am 6. März 1946 hatte die türkische Regierung Syriens und Libanons Unabhängigkeit anerkannt, obgleich das Verhältnis zwischen Beirut und Ankara ein delikates bleibt. Die Sowjetpropaganda fordert Syrien immer wieder zu aggressiver Haltung in der Hatayfrage auf. Die Türkei wiederum bietet den Syriern und anderen arabischen Staaten unbeschränkte Benutzung des Hafens von
Alexandrette an; sie ist bereit, Visafreiheit zu gewähren und allen syrischen Wünschen entgegenzukommen. Eine türkische Transjordaniendelegation, die Anfang Dezember 1946 in Amman eintraf, wurde von einem sehr prominenten Diplomaten, dem Generalsekretär des Außenamtes, Foridun Erkin. geführt. Man empfing sie mit königlichen Ehren. Offiziell handelte es sich bei dem Besuch der Türken nur um eine Geste anläßlich der Krönung Abdullahs zum König von Transjordanien. Tatsächlich sind aber damals tiefergehende Fragen behandelt worden, ebenso wie bei dem bald darauf erfolgten Besuch König Abdullahs in Ankara, der dort unter anderem seine Lieblingsidee, den großsyrischen Plan, von neuem entwickelt hat. Ein Plan, mit dem er im Jahre 1937 bei seinen Verhandlungen in Ankara auf keinerlei Verständnis stieß. Dafür, daß die Türkei an einem Zusammenbringen aller Länder des Mittleren Orients, die dort den status quo wünschen. interessiert ist, liegen zwei offizielle Äußerungen aus jüngster Zeit vor. Außenminister Hasan Saka erklärte einem syrischen Blatt und der Istanbuler Zeitung "Cumhuriyet", er erstrebe Pakte nach dem Vorbild des irakischen mit den Levanterepubliken Syrien und Libanon sowie mit Transjordanien und Palästina. Bei dieser Gelegenheit wiederholte er das Alexandrette-Angebot. Als am 1. November 1946 das neue Parlament von Ismet Inönü in Anwesenheit von Sir David Kelly, dem britischen Botschafter, eröffnet wurde, befürwortete der seine Worte grundsätzlich wägende Präsident aufs wärmste eine Vertiefung der Beziehungen zu Ägypten. Libanon. Syrien' und allen arabischen Ländern. Noch nie ist in einer Rede des Staatsoberhauptes an die große Nationalversammlung das Verhältnis zu den südlichen Nachbarn so stark unterstrichen worden. Diplomatische Kreise deuteten Inönüs Äußerung als ein neues Kapitel der Ankaraer Außenpolitik.
ZEIT ONLINE 2009
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