DIE ZEIT, 09.02.1973 - Zypern: Terror vor den Wahlen

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Friday, 9. February 1973
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DIE ZEIT, 09.02.1973 Nr. 07 - 09. Februar 1973 http://www.zeit.de/1973/07/Zypern-Terror-vor-den-Wahlen
Zypern: Terror vor den Wahlen
General Grivas agitiert für die „Enosis" — Makarios' Wiederwahl ungefährdet
Je näher der 18. Februar rückt, desto gefährlicher glimmt die Lunte am Pulverfaß Zypern, wächst die Sorge vor neuem Bürgerkrieg.. An jenem Tag stellt sich der Präsident der Inselrepublik, Erzbischof Makarios, nach zwölfjähriger Amtszeit erneut zur Wahl. Makarios, 59 Jahre alt, hat bei der letzten Wahl vor fünf Jahren 95 Prozent aller Stimmen der Zypern-Griechen erhalten; er kann auch jetzt, zumal einziger Kandidat, eines beeindruckenden Votums sicher sein. Gefahr droht nur von einer # radikalen Minderheit, die mit Terror den Anschluß an Griechenland, die „Enosis", erzwingen; will— einAkt, den die Türkei aus Sorge um die türkische Minderheit auf der Mittelmeerinsel nicht zulassen würde. „Enosis" war noch vor gut 13 Jahren das Schlagwort, das den größten Teil der mehr als 500 000 Inselgriechen begeisterte. 1960, als Zypern aus britischer Vormundschaft in die Unabhängigkeit entlassen wurde, hatten die nicht zu vereinbarenden nationalen j; Injeress^n der zwei Volksteile die Korriprpmißlösung einer selbständigen Republik bewirkt. Seit im April 1967 in Athen dasObristenregime an die Macht gekommen, war, ist die Begeisterung der meisten Zypern-Griechen für den Anschluß erheblich schwächer geworden. Unbeeindruckt davon propagiert der einstige Nationalheld im Kampf gegen die Engländer, der 74jährige General Grivas, aus dem zyprischen Untergrund jetzt wieder die „Enosis" — „selbst wenn das für die Insel den Untergang bedeuten würde". Die Zahl seiner Anhänger wird nur auf fünf Prozent der griechischzyprischen „ Einwohner geschätzt. Sogar das Athener Regime, das bisher eine undurchsichtige Haltung zu Grivas' Aktivitäten einnahm, hat vorige Woche durch einen Regierungssprecher „zur Besinnung in diesem letzten Augenblick" aufgerufen. Denn Athen fürchtet neue Verwicklungen mit der Türkei, wenn sich griechischer Nationalismus auf der Insel durchsetzt. Makarios gilt auch in Ankara als Barriere vor solchen Bestrebungen und wird daher von türkischer Seite toleriert. Beide Volksgruppen auf Zypern, die sich Mitte der 60er Jahre erbittert bekriegten, bemühten sich in den letzten Jahren — wie es scheint, erfolgreich — um das, was Grivas am meisten schreckt: um ein konfliktloses Nebeneinander., In mehr als 160 Sitzungen haben der griechisch-zyprische Parlamentssprecher Klerides und der türkische Volksgruppenführer Denktasch einen Modus vivendi ausgearbeitet. So sollen das Parlament und die Polizeitruppe im Bevölkerungsverhältnis 4:1 besetzt werden. Gegen solche Garantien wollen die Türken auf ein Vetorecht
gegenüber der Exekutive verzichten. Schwierig zu regeln sind noch die Rechtsprechung und Lokalverwaltung in den vielfach vermischten Siedlungen. Sollte auch dies gelingen, so würden Aussichten bestehen, daß die 3050 Mann starke UN-Friedenstruppe eines Tages abziehen kann. die' Streßfolgen zu überwinden. Oder die physiologisch-psychologische Belastung, der sich jemand freiwillig in gutnachbarlicher Konkurrenzsituatiön unterzieht, weil er für seine „Traumwelt- Fernreise" irrsinnige Kilometer in kürzester Zeit hin und'zurück ableistet. Die Veränderung der Lebensinhalte und Gewohnheiten zum Beispiel, die heute kaum mehr jemanden reisen läßt um des Reisens willen, etwa um ein Land und seine Menschen kennenzulernen, seine Kunst, seine Naturschönheiten, seine politischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen Realitäten, sondern die für ihn einen Urlaub (lebens-) notwendig macht, ein zwei-, dreiwöchiges Ausbrechen aus dem Alltag in eine idolisierte Kornfortumgebung, ein Ausbrechen zum Ausruhen, ohne Blick auf die neue Umwelt, ein Ausbrechen aber wieder in die mit Beschäftigungstherapien, mit Grottenbesuch und Barbecue-Abenden in Bewegung gehaltene homogene Masse. Oder den ästhetischen Genuß am noch Unterentwickelten, der für malerisch hält, was für; den originär Betroffenen schlicht Elend bedeutet — die Lehmhüttensiedlung in Anatdlien oder Marokko und die halbverrottete Windmühle zur künstlichen Bewässerung auf einer: BalearenInsel, die Bakschisch heischenden Krüppel am Hafentor von Tanger und den Wasserverkäufer auf den Busparkplätzen, von Baalbek, den ...Nervenkitzel schließlich, den es bedeutet, mit dem von UNO- Truppen begleiteten Konvoi durch die von Türken kontrollierte Sperrzone zwischen dem zyprirAAlMTI/Y^ Jfe Staatsbadhotel otischen Kyrenia und der Hauptstadt Nicosia zu fahren. Auf eben jenem Zypern feierte Touropa ihren 25. Geburtstag und reichte sich und 140 „leading German Journalists and travel xvriters" („Cyprus Mail") bei Seiner Seligkeit Erzbischof Makarios und der zypriotischen Fremdenverkehrszentrale, beim Amt für Öffentlichkeitsarbeit und beim zypriotischen Hoteliersverband herum. Das Besichtigungsprogramm möchte man für die kondensierte Fassung jener Initiativen halten, die ein Reiseveranstalter bei seinen Klienten als Wunsch voraussetzt: 20 Minuten Audienz mit Photomöglichkeit beim Staatspräsidenten, 20 Minuten Besichtigung des Nationalmuseums, 20 Minuten Gang durch Burg, Hafen und Schiffsmuseum in Kyrenia, 15 Minuten Aufenthalt in einer Orangenplantage, 10 Minuten Ruinen des Klosters Bellapais; aber ausgedehnter Lunch im Dome Hotel, Visite im Cedra Palace Hotel, Folklore im Cyprus Hilton, Dinner im Sandy Beach Hotel. Daß in Kyrenia eine unwahrscheinlich gemütliche Hafenkneipe einen guten Uzo hat (vermutlich auch noch ganz andere Genüsse) und eine Villa auf halber Höhe über dem Meer 350 Mark pro Monat kostet, daß im wichtigsten Urlaubsort Famagusta die Hotelkette zwar sehr günstig direkt am Strand, ansonsten aber in einer Gettosituation am Rand der Stadt inmitten zahlreicher Baustellen liegt, daß außer den die türkischen Enklaven umfahrenden griechischen
Linien auch eine (offiziell ignorierte) türkische Buslinie von Kyrenia nach Nicosia fährt, daß die Enosis sich wieder regt und General Grivas wieder im Kommen scheint — davon hätte man fast nichts erfahren. „In der Asche vom vorigen Jahr sind keine Funken", sagen die griechischen Zyprioten. Wenn sie damit nur nicht falsch liegen.
ZEIT ONLINE 1973

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