DIE ZEIT, 07.02.1964 - Politiker, Priester, Patriarch

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Friday, 7. February 1964
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DIE ZEIT, 07.02.1964 Nr. 06 - 07. Februar 1964 http://www.zeit.de/1964/06/Politiker-Priester-Patriarch
Politiker, Priester, Patriarch
Erzbischof Makarios: Vermessene Hoffnung auf Versöhnung? Von Theo Sommer THEO SOMMER
Er stand auf dem Balkon des Parlaments in Nikosia wie sein eigenes Denkmal. Auf dem Platz vor ihm brodelte eine aufgebrachte Menschenmenge, Schüler in blauen Uniformen, Lehrer, Priester. Sie ließen ihn nicht zu Wort kommen. „Wir wollen die UN!", riefen sie, „NATO — nein, nein!", „Wir wollen Gerechtigkeit!" Er rührte sich kaum. Die schweren Lider waren halb geschlossen, die Hände ruhten mit verschränkten Fingern auf dem prächtig vergoldeten Bischofsstab, sein Gesicht war imbeweglich, undurchdringlich wie eine Ikone. Stumm blickte er über die Demonstranten hinweg und wartete ab, bis die Schlagwort-Wogen verebbten. Dann erhob Erzbischof Makarios den rechten Arm zu einer halb herrscherlichen, halb priesterlichen Gebärde, segnend und befehlend zugleich. Die Obrigkeit teile die Gefühle der Demonstranten, sagte er, müsse sie aber bitten, wieder an ihre Arbeitsplätze zurückzukehren und alles weitere der Regierung zu überlassen. Die Menge verlief sich danach wieder. Die Krise freilich blieb, die Zypern seit Weihnachten, nach fünf Jahren Ruhe, abermals zum neuralgischen Punkt des Vorderen Orients hat werden lassen. Und im Zentrum stand wiederum der Erzbischof. Ich sprach mit ihm, als die Jahre des Terrors 1959 gerade vorüber waren. Aufrecht saß er hinter seinem Schreibtisch, die schlanken Hände im Schoß. Ohne Kalimafki, den steifen Schornsteinhut, ist er kleiner, als man erwartet. Sein Haar ist schütter, der gepflegte Bart sehr grau. Er wirkt älter als auf den Bildern, müder auch. Zuweilen funkelt unter den schräg abwärts gebogenen Lidern der Schalk in den dunkelbraunen Augen; zuweilen glänzt Härte in ihnen auf. Sein nachtblaues Mönchsgewand ist von raffinierter Einfachheit. Der Mann hat viele Gesichter. Heiligenbildnis, sinnenfroher Levantiner, mit allen Wassern gewaschener Politiker, entschlossener Kämpfer: eine leuchtende Ikone auf Stahlgrund. Während Makarios am Montag die demonstrierende Menge nach Hause schickte, wurde in der amerikanischen Botschaft ein mahnender Brief Johnsons an den Erzbischof dechiffriert; in Paphos, im Westen der unruhigen Insel, kam es zu Schießereien und Explosionen; in London trat die Zypern-Konferenz verzweifelt auf der Stelle. Würde Makarios den Plan,_ ein NATO- Friedenskorps auf Zypern zu stationieren, mit einem brüsken Nein beantworten? Oder würde er bloß Gegenbedingungen stellen und damit immerhin weitere Verhandlungen ermöglichen? An dem Erzbischof war es, die Weichen zu stellen. # Fortführung der Konferenz: das wäre wenig genug, jedenfalls noch lange keine Lösung des Streites zwischen der griechischen und der türkischen Volksgruppe. Dieser Streit hat bei den Weihnachtsunruhen 300 Tote gefordert — halb so viele
beinahe wie die ganzen vier Jahre Partisanenkrieg von 1955 bis 1959. Auch hat er schon die faktische Teilung der Insel bewirkt. Alis 83 von 106 Dörfern, die Griechen und Türken gemeinsam bewohnen (neben 389 rein griechischen und 120 rein, türkischen), sind die Türken geflüchtet oder vertrieben worden — in den gebirgigen Landstrich im Norden der Insel, einem Schwerpunkt der türkischen Stellung. Dort leben jetzt über 20 000 Flüchtlinge in Ställen, Schulen. Moscheen oder verschlammten Zeltlagern. In den sechs Städten aber trennen nur Stacheldraht und britische Patrouillen die Türken von den Griechen — und den Frieden vom Krieg. Hat Erzbischof Makarios sich verrechnet, als er Anfang Dezember ein Dreizehnpunkte-Programm für die Revision der Verfassung von 1959 empfahl? Diese Verfassung hatte in vieler Hinsicht nicht funktioniert, aber hat der streitbare Priester-Staatsmann den türkischen Wider¬ stand gCgen alles, was auf eine Verminderung der türkischen Sonderrechte hinauslief, richtig eingeschätzt? Vor Journalisten ließ er durchblicken, daß ihm die Tragweite seines Handelns nicht klar gewesen sei. Er schoß übers Ziel hinaus — wie auch nach den blutigen Zusammenstößen, als er die unkündbaren Verträge, auf denen Zyperns Souveränität beruht, kurzerhand kündigte, dann aber am nächsten Tag klein beigab: So habe er es nicht gemeint. In der Tat, so hatte der Erzbischof das alles nicht gemeint. Als ich mich 1959 in seinem alten Palais zu Nikosia mit ihm unterhielt, da hatte er mir gesagt: „Ich glaube, daß Zypern alle Möglichkeiten hat, eine glückliche Insel zu werden." Damals schon schien die Hoffnung vielen vermessen. „Erst kommen die Präsidentenwahlen", so hieß es. „Dann kommen die Parlamentswahlen. Dann kommen die Gemeindewahlen — und dann kommen die Schwierigkeiten. Siebzig Prozent Griechen, dreißig Prozent Türken in der Verwaltung: welche Reibungsflächen! Das Problem Zypern ist wohl gelöst, aber die Probleme Zyperns beginnen erst." Auch Makarios war dieser Ansicht: „Die Freiheit ist kein Ende, sondern ein Anfang." Doch hoffte er, daß Ruhe und Frieden allmählich einkehren würden auf der Insel, daß im friedlichen Zusammenleben die Unterschiede zwischen Christ und Muselman, Grieche und Türke, wieder verschwänden. Im Kampf um die Freiheit hatte er gegen das britische Weltreich gesiegt — warum sollte er jetzt nicht Versöhnung mit den Türken schaffen können? Dem Bauernsohn Michail Mouskos war bis dahin alles gelungen. Die Mönche des Klosters Kykkos hatten sich seiner angenommen, als er 13 Jahre alt war, sie schickten ihn aufs Gymnasium nach Nikosia und zum Studium der Theologie nach Athen. Dort legte er 1943 — mitten im Kriege — sein Examen ab, obwohl ihn der Untergrundkampf gegen die deutsche Besatzung oft den Büchern fernhielt. 1946 empfing er die Priesterweihe, und im selben Jahr ging er mit einem Stipendium des Weltkirchenrates an die amerikanische Universität Boston. Er war noch nicht fertig mit seinem Studium, da wurde er 1948 zum Bischof der zyprischen Diözese
Kition gewählt, und zwei Jahre später zum Erzbischof. Er nannte sich Makarios: der Selige. Erzbischof — das ist nun in der Welt der orthodoxen Kirche Zyperns stets mehr gewesen als bloß ein geistliches Amt. Der Kirchenfürst ist zugleich „fithnarch", weltlicher Führer der griechischen Volksgruppe. Das aber hieß stets: Vorkämpfer für den Anschluß an das „Mutterland", an Hellas. Makarios hatte als Vierzehnjähriger den Satz „Es lebe die Enosis" in die frisch zementierte Wand eines Klostergebäudes geritzt. Jetzt, als Erzbischof, betrieb er die Enosis —• den Anschluß Zyperns an Griechenland — auf Zypern und in der ganzen Welt: in Bandung, vor den Vereinten Nationen, im Weißen Haus. Mochte London auch verkünden „Es gibt kein Zypernproblem", mochte ein britischer Kolonialminister nach dem anderen der Unabhängigkeitsforderung des Erzbischofs auch sein „Niemals" entgegensetzen — Makarios schuf dieses Zypernproblem durch unermüdliche Propaganda. Ab 1955 halfen ihm die EOKAPartisanen dabei mit Minen und Bomben. Makarios hielt auf Distanz zur EOKA, doch verurteilte er sie auch nie. Die Briten verbannten ihn wegen Komplizität mit der Untergrundbewegung ein Jahr auf die ferne Seychellen-Insel Mähe, aber das nitzte nichts. Ohne seinen mäßigenden Einfluß wirde der EOKA-Kampf nur blutiger. So ließen ihn die Briten frei, nach Athen zunächst, später zurück nach Nikosia. Zu jener Zeit machte Makarios Verhandlungen und Waffenstillstand möglich, weil er auf sen früheres Ziel verzichtete: Er gab den Gedanken an Enosis auf und begnügte sich mit der Unabhängigkeit Zyperns. Viele nahmen ihn dies übel. Dennoch wurde er zum Staatspräsidenten gewählt. In dem Verzicht auf den Anschluß an Griechenland aber lag auch die Wurzel der gegenwärtigen Krise. Weil er wirklici die Enosis-Idee preisgegeben hatte, glaubte er sich berechtigt, jene Teile der Verfassung zu re/idieren, die dem türkischen Bevölkerungsteil mthr als nur Minderheitenschutz boten: nämlici ein effektives Veto gegen die Mehrheit der Giicchisch-Zyprioten. Weil indes die Türken dem Erzbischof angesichts der Extremisten in seinem eigenen Lager nicht trauten, zog sein Vorschlag einer Verfassungsreform die Inselrepublik in einen Teufelskreis aus Furcht und Mßtraucn. Wenn sich die Krise verschärft — wird der Staat überleben können? Makarios wollte sein Bestes tun. Deswegen blieb er auch nach dem Ende des Befreiungskampfes Politiker — der geistliche Führer als weltliches Oberhaupt. Er blieb, um Versöhnung zu wirken und Wunden zu heilen. So lernte er Türkisch und verlangte das auch von den griechischen Beamten, aber Vertrauen schuf das alles noch nicht. Er arbeitete mit dem türkischen Vizepräsidenten Kütschuk demonstrativ zusammen •— aber es ging nicht lange gut; hejte schimpft ihn Kütschuk einen „Lügner und Verbrecher". Die Verfassung war das Instrument, mit dem aus den verfeindeten Gemeinschaften ein lebensfähiger -Staat geschmiede: werden sollte; aber es war ein untaugliches Initrument. Die Kluft zwischen den Volksgruppen war zu tief, der Radikalismus auf beid« Seiten zu virulent, als daß aus der Mitte der Vernunft ein neues Zusammengehörigkeitsgefühl hätte wachsen können. Jetzt
soll die Kündigung der Verträge helfen. Aber auch an diesem Notausgang stehen schon wieder die Heckenschützen. Die Tragödie des Erzbischofs Makarios war es, daß er zwar an die Spitze eines neuen Staates berufen wurde, daß aber dieser neue Staat kein neues Volk hat. Daran scheiterte die Versöhnuig — daran und wohl auch an der Ungeduld de; Staatspräsidenten. Er hat sich verrechnet. Zu Beginn dieser Woche sann er über seine Antwort auf den britisch-runcrikanischen Befriedungsplan nach. Ein brüskes Nein aus seinem Mmde hätte Bürgerkrieg, Teilung und Massakei, vielleicht Krieg zwischen Griechenland und dei Türkei bedeutet. Der Erzbischof wußte das sehr wohl. Deshalb sagte er nicht schlankweg nein; er stellte Bedingungen. Die Gespräche können weitergehen. Aber die Gefahr ist damit noch nicht gebannt.
ZEIT ONLINE 1964

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