DIE ZEIT, 06.09.1974 - Ost und West

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Friday, 6. September 1974
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DIE ZEIT, 06.09.1974 Nr. 37 - 06. September 1974 http://www.zeit.de/1974/37/Ost-und-West
Ost und West
Die Türken sträuben sich gegen Zugeständnisse an die Griechen / Von Lothar Ruehl Ankara, im September LOTHAR RUEHL
Bülent Ecevit ist ein feingliedriger und überlegter Mann, seine Stimme ist sanft wie sein Blick. Der große Stahlhelm, den die Zeichner der türkischen Zeitungen dem Premierminister aufsetzen, um ihn als Sieger und Friedensbringer fest mit beiden Stiefeln auf den Boden Zyperns zu stellen, paßt nicht zu ihm. In der martialischen Pose des starken Mannes, der — die Waffe in der Rechten, den Ölzweig in der Linken — die nationale Frage mit Blut und Eisen löst, wirkt er eher komisch. Ecevit hat die Heldenverehrung im Feuerschein des Krieges nicht gesucht, aber sie kam ihm auch nicht ungelegen. Die nationalistische Verklärung seines Bildes in den Augen seines Volkes, das Farben und Legenden liebt, gibt ihm die unverhoffte Chance, seine persönliche Autorität gegen alle politischen Gegner und gegen die Paschas der Armee fester zu etablieren als sein politisches Programm und das in Wahlen mühsam gewonnene Regierungsamt ihm unter alltäglichen Verhältnissen erlaubt hätten. Hat er sich darum zur Gewaltanwendung, zur Machtpolitik in der zyprischen Krise entsdilossen? Oder wurde ihm die Invasion der Insel von einer heimlichen Allianz zwischen der Generalität und dem religiös-nationalkonservativen Koalitionspartner aufgezwungen? Über diese Frage wird in Ankara viel gestritten. Es scheint, daß Ecevit die Invasion Zyperns bis zum letzten Moment hinausschob und erst am 15. Juli die Militärs aufforderte, sich auf eine Truppenlandung vorzubereiten. Die Oberkommandierenden verlangten fünf Tage Vorbereitungszeit und die sofortige Freigabe der nötigen Haushaltsmittel und Truppen, doch- Ecevit behielt sich die Entscheidung darüber voi. So kam es, daß die Kriegsmaschine noch nicht auf vollen Touren lief, als der Einsatzbefehl gegeben werden mußte. Die Folge war eine halb improvisierte Landung an der hafenlosen, gebirgigen Nordküste Zyperns, das Ergebnis unbefriedigend: Zweieinhalb Divisionen konnten sieb in dem viel zu engen Landeabschnitt beiderseits der Stadt Kyrenia nicht halten; die ersten zwei Tage wurden verbraucht, um die griechische Abwehr auf den Höhen zu brechen. Aber das langsame Vordringen hatte auch einen Vorteil: Es ließ der griechischen Bevölkerung Zeit zur Flucht; sie brauchte nicht mit Gewalt vertrieben zu werden. Der schmale Brückenkopf erlaubte keine Truppenentfaltung, die Versorgung von See her war schwierig und langsam, der Hafen Famagusta im Süden noch immer in weiter Ferne. Die Wiederaufnahme der Offensive erschien den Türken daher als eine militärische und politische Notwendigkeit. Wo sie bis dahin standen, waren sie zu schwach, militärisch zu exponiert und in ihrer diplomatischen Bewegungsfreiheit zu stark eingeengt. Vor der ersten Intervention hatte Ecevit gezögert. Jetzt zwang ihn die Situation zum Ausbruch aus dem Invasionsbrückenkopf um Kyrenia, zur Besetzung Famagustas, zur Einschließung Nikosias, zur Offensive nach Westen
auf Lefka. Nur so konnte eine haltbare Verhandlungsposition gewonnen werden — eine Position, in der vollendete Tatsachen geschaffen werden könnten, falls Verhandlungen nicht in Gang kommen oder scheitern sollten, und die zugleich Spielraum bot für territoriale Zugeständnisse. Ecevit hatte keine andere Wahl. Die Generale und die öffentliche Meinung hätten ihn aller Wahrscheinlichkeit nach zum Rücktritt gezwungen, wenn er den Befehl zur zweiten Offensive verweigert hätte. Gewiß hätte die konservative Opposition der Gerechtigkeitspartei Demireis diese Chance benützt, um per Mißtrauensvotum im Parlament einen Machtwechsel zu erzwingen. Nach außen hin demonstrieren die Inhaber der Staatsgewalten seither Harmonie, sekundiert von den Hodjas, den Korangelehrten und Vorbetern des Islam, in deren schwer wägbarer Macht über die Seelen die soziale Reformpartei Ecevits wie die auf solche Reformen seit Jahren drängende Armee eigentlich fragwürdige Verbündete sehen müßten. Der Regierungschef war sich von Anfang an bewußt, daß die Landung eines Expeditionskorps auf Zypern militärisch weniger riskant war als politisch — wenn nämlich es der türkischen Diplomatie nicht gelänge, die von der Armee gewonnene Position international in Verhandlungen auszuwerten. Verhandlungen aber bedeuten Konzessionen, Hergabe von Faustpfändern für einen Kompromiß. Verhandlungen waren der Türkei in den letzten Jahren selten genug zum Vorteil ausgeschlagen. Derzeit sind Zugeständnisse an die Außenwelt — an die griechischen Gegner in Nikosia und Atrien wie an die Verbündeten — nicht populär. Ecevit weiß dies. Im Gespräch betont er denn auch gleich mit dem ersten Satz, daß er zwar verhandlungsbereit sei, „Zugeständnisse aber nicht machen" werde. Die Stimmung in der Türkei ist einer Verhandlung noch nicht günstig. Die Bilder von griechischen Greueln auf Zypern, die Meldungen über Massaker in türkischen Dörfern, die Berichte über Gewalttätigkeiten gegen einzelne Türken, die Androhung einer neuen Guerilla-Operation nach dem Vorbild der EOKA — das alles verhärtet die Gemüter. Zum erstenmal seit langer Zeit sieht die Nation wieder einmal ihren Stolz gerechtfertigt. Hat sie es nicht, endlich, den noch immer zutiefst verhaßten, verabscheuten, verachteten Griechen zeigen können, daß sie gegenüber einer entschlossenen Türkei machtlos sind? Hat nicht der oberste Hodja der Großen Moschee von Ankara vor den Gläubigen gebetet, der Monat August sei den Unternehmungen der Türken gegen die Griechen stets günstig gewesen? Die Erinnerung an Kemals großen Sieg über die Griechen im Jahre 1922 liegt dicht unter der Oberfläche. Gewiß, derlei Gefühle bestimmen nicht die Kabinettspolitik, auch nicht die Vorstellungen der Generalität im großen Hauptquartier. Aber dem Volke sind sie in Blutswallungen zu Kopf gestiegen, und in den Zeitungen des Landes finden sie auf bunten Bilderbogen in chauvinistischen Tiraden Ausdruck. Dieser Gemütszustand ist ein Politikum geworden — um so mehr, als der Krieg teuer war
und die Teilbesetzung das Land auch weiterhin finanziell und wirtschaftlich teuer zu stehen kommen wird. Bis zu 80 Millionen Dollar hat der türkische Staat seit 1964 in jedem Jahr für den Unterhalt der von der Entwicklung der zyprischen Wirtschaft ausgeschlossenen türkischen Insel-Minderheit aufgewendet, mit 500 Millionen Dollar hat der Finanzminister die Kosten des Landungsunternehmens zunächst veranschlagt. Der Wiederaufbau des Inselteils unter türkischer Besatzung, die geplante Umsiedlung der 30 000 Zypern-Türken aus dem Süden und Westen, die wirtschaftliche Weiterentwicklung dieser Zone setzen eine große. Kraftanstrengung voraus, wenn die Pläne des August 1974 Wirklichkeit werden sollen. Vor allem geht es um die Nutzung des Hafens von Famagusta, um die Wiederbelebung des Seebades Kyrenia, um die Ausbeutung der Bergwerke von Lefka. Eine Staatsanleihe für ein „nationales Aufbauwerk" auf Zypern wird vorbereitet. Alle Gewerbe müssen derzeit einen Steuerzuschlag von 11 Prozent als eine Art „Zypern-Abgabe" entrichten. Derweil sammeln die Generale für Stiftungen zugunsten der Neubewaffnung ihrer Streitkräfte — obwohl Verteidigungsminister Isek sie davor warnte, den Hilfswerken für die Lahmen und Blinden Konkurrenz zu machen. Eine „Gold gab ich für Eisen"-Kampagne kann zwar patriotische MiniaturSubsidien aus den Schmuckkästchen einbringen, aber weder neue LeopardPanzer noch Phantom- Jagdbomber erkaufen. Allein für die Wirtschaftshilfe und die geplanten Investitionen werden mehrere 100 Millionen Dollar in den nächsten zwei bis drei Jahren veranschlagt. Selbst ohne Groß-Investitionen auf der Insel, die ja der türkischen Volkswirtschaft — und letztlich den Bauern Anatoliens und den Fortsetzung nächste Seite Industriearbeitern der Großstädte — entzogen werden müßten, würde die provisorische Verwaltung von 30 bis 40 Prozent des zyprischen Staatsgebietes der Türkei hohe Kosten aufbürden. Sie ließen sich nur dann verringern, wenn es gelänge, mittels rentabler Anlagen den besetzten Teil allmählich wirtschaftlich ertragreich zu machen. Zunächst aber muß nicht nur eine Besatzungsarmee von 25 000 bis 30 000 Soldaten versorgt werden, sondern dazu die türkische Minderheit. Mehl, Nudeln, Fleisch, Milch, Medikamente und Lebensgüter aller Art werden tagtäglich nach Zypern verschifft. Noch stehen die wirtschaftlichen Fragen nicht im Vordergrund der türkischen Debatte; noch, überwiegt der Siegesstolz — und noch wird in der nationalen Aufwallung Parteipolitik klein geschrieben. Aber alle Politiker rechnen damit, daß Ecevit im nächsten Jahr wählen lassen wird. Seine Parlamentsmehrheit ist knapp und ruht auf einer in sich widersprüchlichen Koalition. „Zypern-Wahlen" können zwar keine klare Entscheidung zwischen Programmen und Ideen, wohl aber eine Mehrheit für Ecevits Partei bringen — wenn es zuvor gelänge, die auf der Insel gewonnene Position zu festigen und einen Hauch internationaler Anerkennung dafür zu erwecken.
Das Risiko eines diplomatischen Mißerfolges, einer Isolierung der Türkei wird vorerst nicht allzu hoch eingeschätzt. Der Vorwurf des Gebietsgewinns durch Eroberung, den in Athen Ministerpräsident Karamanlis erhoben hat, sticht nicht tief, solange die Türkei sich bereit erklärt, den Staat Zypern bestehen zu lassen und das von ihren Truppen besetzte Gebiet unter Bedingungen zu räumen, die auszuhandeln und auf der Insel selbst zu schaffen wären. Und diese Bereitschaft verkündet die Regierung Ecevit jeden Tag. Allerdings hat der VizeMinisterpräsident Erbekan auch schon öffentlich erklärt, daß „die Armee die Grenze des türkischen Teilstaates auf Zypern mit der Waffe gezogen hat". Das klingt mehr nach einer Politik der vollendeten Tatsachen. Niveau abgerutscht sein werden. Das ist der Augenblick, in dem die arabischen Milliardenbeträge die Aktienund Beteiligungsmärkte des Westens zu überfluten beginnen. Mit welcher Geschwindigkeit dieser Prozeß eintreten wird, hängt von verschiedenen Faktoren ab, einer der wichtigsten ist das politische Problem, Ob Arabiens neureiche ölherren Investitionen in ein Land, direkt über Aktien und Immobilien oder über Kreditfinanzierung in großem Umfang, vornehmen werden, hängt nicht nur von Renditegesichtspunkten ab, sondern auch von politischen Umständen, Sicherheitsfaktoren, der Bereitschaft eines Landes, fremden Investoren eine gewisse Kontrolle über Teile seiner Wirtschaft zu gestatten, und der allgemeinen Einstellung den Arabern gegenüber. Ohne Zweifel sind sich die verantwortlichen Regierungsmitglieder in Tripolis, Riyad, Kuwait oder Teheran darüber im klaren, daß enge Zusammenhänge zwischen ihren Entscheidungen und diesen Kriterien bestehen. Eines der vorrangigsten Ziele arabischer Politik ist deshalb die Ausschaltung der internationalen ölkonzerne auf den ölfeldern in ihren Ländern und die enge bilaterale Bindung zwischen ihnen und den einzelnen Ölverbraucherländern. Die Strategie des Bilateralismus, die zu einer sich steigernden Abhängigkeit der Industrienationen führt, schafft die Voraussetzungen, unter denen die arabisdien Regierungen gewillt sind, sich in den einzelnen Ländern finanziell zu engagieren. Der Reisedrang westlicher Diplomaten an ihre Höfe zeigt, daß diese Phase bereits eingeleitet worden ist. Die Konsequenz dieser Entwicklung: Die Umverteilung des Wohlstandes von den Industrieländern in die arabische Welt, ist in vollem Gange. Durch die hohen Ölpreise machen sich die Herrscher einiger bevölkerungsarmer Wüstenländer die Milliardenbevölkerung Europas, Japans, Amerikas und der Dritten Welt tributpflichtig. Die Regierungen der Industriestaaten bringen sich durch ihre bilateralen Verträge in größere Abhängigkeit von den arabischen ölländern. Sobald dieser Faktor stark genug ist, um die Risiken einer direkten Geldanlage in den einzelnen Ländern des Westens zum Teil zu neutralisieren, und die augenblicklichen hohen Renditen auf den Geldmärkten zu schrumpfen beginnen, setzt die eigentliche Invasion arabischen Kapitals auch auf den nationalen Werrpapierund Immobilienmärkten ein.
ZEIT ONLINE 1974

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