DIE ZEIT, 06.09.1974 - Famagusta unverzichtbar

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Friday, 6. September 1974
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DIE ZEIT, 06.09.1974 Nr. 37 - 06. September 1974 http://www.zeit.de/1974/37/Famagusta-unverzichtbar
Famagusta unverzichtbar
AUFNAHME: CAMERA PRESS
In der Tat sagt Ecevit auch nur, daß die Begrenzung des autonomen türkischen Gebietes „Verhandlungsgegenstand" sei. Gemeint ist damit nicht ein türkischer Rückzug auf der ganzen Linie, sondern nur örtliche Grenzberichtigung, die Freigabe des südlich von Nikosia entlang der Straßen nach Limassol und Larnaka besetzten Landes. Dagegen sollen die Verbindungen nach Famagusta und Lefka gehalten werden. Den Hafen von Famagusta betrachten die Türken als unverzichtbar, weil nur er für Außenhandel in Frage kommt. Kyrenia im Norden hat keinen nutzbaren Hafen. Das autonome türkische Gebiet soll aber nicht nur sicher und „verteidigungsfähig" sein, sondern auch materiell lebensfähig. Diese Anforderungen lassen wenig Raum für Rückgabe von Land an die Griechen. Allenfalls spricht man in Ankara davon, daß ein Viertel der Insel den Türken genügen könne. Ecevit selbst schweigt sich darüber aus. Auch die Frage, unter welchen Bedingungen die Griechen in ihre verlassenen Ortschaften zurückkehren könnten, findet derzeit in Ankara keine schlüssige Antwort. „Jeder, der will, kann zurückkommen", versichert General Sancar. Aber so einfach ist das nicht, wie der Führer der Zypern-Türken Rauf Denktasch in Nikosia deutlich macht: „Wir werden uns jeden einzelnen sehr genau ansehen und fragen: Warum und in welcher Absicht?" Dahinter steht die Sorge vor einer griechischen Guerilla-Bewegung. Solange keine griechische Bevölkerung unter türkischer Besatzung lebt, kann eine Guerilla sich nicht aus ihr nähren, sich nicht in ihr verbergen. Wäre das Faustpfand aber erst einmal zurückgegeben, die griechische Bevölkerung in ihre Dörfer zurückgekehrt, das türkische Militär abgezogen, dann könnte weder Griechenland noch ein griechischer Präsident Zyperns aus . eigener Kraft verhindern, daß die griechischen Extremisten wieder mit Gewalt gegen die Türken losschlügen, um doch noch die Enosis, die Wiedervereinigung mit Griechenland, zu erzwingen. Die menschenleeren Orte im Norden der Insel und um Famagusta tragen auf den Mauern ihrer Häuser noch immer die Zeichen der Anschluß- Gesinnung: Enosis! — Hellas! — EOKA-B. Die Farben der Anstriche sind blau-weiß — die Farben Griechenlands. Die griechisch-zyprische Nationalgarde, die schließlich die Macht an sich riß, stand unter griechischen Fahnen, trug die griechische Kokarde, war ursprünglich auf König Konstantin vereidigt und dann politisch auf die griechische Militärjunta in Athen eingeschworen worden. Die Kasernen und Militärlager dieser Truppe zeugen noch heute davon. Die Enosis-Ideologie mit ihrer Symbolik hatte unter den Inselgriechen die öffentliche Meinung weithin in ihren Bann geschlagen. Ecevit nennt dies „die irredentistische Gesinnung der Griechen" und fügt hinzu, daß dieser
Geisteszustand Ausdruck eines „panhellenischen Imperialismus" sei, der noch immer nach einem „Groß-Hellas" strebe, zu dem die Griechen nicht nur Zypern, sondern auch das einstige Konstantinopel und die Meerengen zählen. Den panhellenischen Ehrgeiz ein für allemal zu zerstören, eine uneinnehmbare türkische Machtstellung auf Zypern zu errichten, den Insel-Griechen vor Augen zu führen, daß sie aus Athen keine wirksame Hilfe mehr zu erwarten haben, daß die Türkei näher und stärker ist als Griechenland — dies war das kaum verhüllte Motiv der türkischen Intervention. Aber die Konsequenz dieses Eingriffs, den Ecevit gern „eine präzise chirurgische Operation" nennt, ist die faktische Teilung der Insel in zwei Siedlungsund Verwaltungsgebiete, über denen höchstens noch das gemeinsame Zierdach formaler zyprischer Souveränität errichtet werden kann. Dieses Dach würde nicht auf gemeinsamen Pfeilern ruhen, sondern — wenn es je gebaut würde — zwei getrennte Gebäude verhüllen. Ecevit baut bei seiner Realpolitik darauf, daß die strategische Position der Türkei die beiden Weltmächte Amerika und Rußland zu einer gewissen Rücksichtnahme auf das türkische Interesse zwingt. Es läuft darauf hinaus, daß keine Macht ganz oder teilweise über Zypern verfügt und von dort aus die türkische Südküste beherrschen kann. Die Türkei fühl); sich ohnehin im Ägäischen Meer vor ihrer Küste eingeengt. Die Rückgabe von Rhodos und der Dodekanes-Inseln aus italienischem Besitz an Griechenland nach dem Zweiten Weltkrieg hat Ankara seit jeher als einseitige Veränderung des friedensvertraglichen Zustandes zwischen der Türkei und Griechenland angesehen. Die öllager auf dem Festlandsockel vor der türkischen Küste in der Ägäis, die Griechenland in Anspruch nimmt, erscheinen in türkischen Augen als geraubtes oder widerrechtlich vorenthaltenes nationales Gut in fremder Hand. Da die Türkei ihren gesamten Ausfuhrerlös des Jahres 1973 für ihren Erdölbedarf im Jahre 1974 aufwenden muß, ist diese Frage wirtschaftspolitisch von hohem Rang.
ZEIT ONLINE 1974

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