DIE ZEIT, 04.11.1960 - Das Tribunal auf Yassiada

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Friday, 4. November 1960
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DIE ZEIT, 04.11.1960 Nr. 45 - 04. November 1960 http://www.zeit.de/1960/45/Das-Tribunal-auf-Yassiada
Das Tribunal auf Yassiada
Sorgen des Offizierskomitees: Werden Anklagen gegen Menderes und Bayar zum Bumerang?
Die Türkei ist abermals ein unruhiges Land geworden. Das herrschende Offizierskomitee — selber in konkurrierende Flügel aufgespalten — sieht sich einer wachsenden Opposition gegenüber. Die Entlassung von 147 Professoren und Dozenten hat bei den türkischen Studenten erbitterte Entrüstung hervorgerufen. Vor diesem Hintergrund läuft gegenwärtig der Mammut- Prozeß gegen die Führer des alten Regimes ab. einst unterstützt hatte, erniedrigt, eingekerkert und schließlich vor den Kadi geschleppt wurden und wie die Demokratische Partei, für die er gestimmt hatte, aufgelöst wurde. Das Komitee der Nationalen Einheit wußte wohl, daß es das Volk noch nicht hinter sich hat. Darum hofften die Offiziere, durch diesen Pro- #zeß, sofern man alles nur geschickt arrangiere, die Öffentlichkeit zu beeindrucken. Schließlich wußten sie, daß so abstrakte Anklagen wie „Verletzung der Verfassung" für den einfachen Bauernverstand recht unverständlich sein mußten. Daher begann denn auch der Prozeß mit zwei handfesteren Beschuldigungen. Da wurde zunächst dem früheren Präsidenten der Republik, dem 77jährigen Celal Bayar, der wirklich sehr ungewöhnliche Vorwurf gemacht, er habe einen Hund, den er vom König von Afghanistan als Staatsgeschenk erhalten hatte, an den Zoo von Ankara verkauft und den Erlös in die eigene Tasche gesteckt. Menderes dagegen wurde des Kindesmordes angeklagt — er habe Ärzten Anweisungen gegeben, das Kind einer seiner vielen Geliebten „beiseite zu schaffen". Natürlich sollte mit der Hundegeschichte bewiesen werden, daß der ehemalige Präsident ein selbstsüchtiger Geizhals gewesen sei. Aber in der Verhandlung kam Bayar glänzend aus dieser Sache heraus: Er konnte glaubhaft machen, daß er das Geld dazu verwendet habe, für ein wasserarmes Dorf in Anatolien einen Brunnen bauen zu lassen. Die Anklage gegen Menderes zielte offensichtlich darauf ab zu zeigen, wie unmoralisch der Lebenswandel dieses angeblich religiösen Führers gewesen sei, wie viele Freundinnen er gehabt habe und wie verworfen er gewesen sei, er, der nicht davor zurückschreckte, durch Mord die Spuren seiner unguten Taten zu beseitigen. Aber auch diese Anklage erwies sich als ein Bumerang, denn bei der Verhandlung gelang es der Anklage nicht, überzeugende Beweise zu liefern. Nicht viel anders verhielt es sich mit einem anderen Anklagepunkt. Menderes, Bayar und anderen wurde vorgeworfen, sie hätten mit kalter Berechnung die antigriechischen Ausschreitungen in Istanbul im Septeh.ber 1955 provoziert. Mit diesem Punkt wollte das Rtvolutionsregime offenbar die Sympathien der
griechischen und armenischen Minderheiten in Istanbul gewinnen — sie waren damals schließlich die Hauptleidtragenden. Aber auch dies schlug fehl: Die Griechen und Armenier sind noch immer für Menderes. Sie fürchten nämlich, früher oder später könnten Ismet Inönü und seine Republikanische Volkspartei an die Macht gelangen, eben jene Partei, die ihnen 1942 durch die Einführung einer harten Kapitalsteuer einen fürchterlichen Schlag versetzt hat. Damals wurden viele finanziell ruiniert, und diejenigen, die nicht genügend zahlen konnten, wurden in Arbeitslager in die östliche Türkei verfrachtet. Seither haben die griechischen und armenischen Minderheiten nicht aufgehört, Inönü und seine Partei zu verabscheuen. In ihren Kreisen hält sich die Vorstellung, daß es die Republikanische Volkspartei war, die hinter dem Staatsstreich vom 27. Mai stand und daß die Militärregierung nur eine Ubergangslösung sei — bis Inönü wieder selber die Macht in seine Hände nehme. Darum halten die Griechen und Armenier zu Menderes, auch wenn manche von ihnen glauben, daß seine Regierung tatsächlich die antigriechischen Ausschreitungen vom September 1955 „gemanaged" habe. Bei dem Prozeß auf der Insel Yassiada haben Bayar, Menderes und die anderen Führer des gestürzten Regimes zum erstenmal die Möglichkeit, sich öffentlich zu rechtfertigen — und sie tun das mit großer Eloquenz. Die Presse kann nicht umhin, wenigstens ein Minimum dieser Verteidigungsreden abzudrucken, und sogar der Rundfunk sendet Auszüge ausden Reden der Angeklagten und ihrer Verteidiger. Das hat dazu geführt, daß durch diese Verhandlungen nicht so sehr das alte Regime diskreditiert als vielmehr eine neue Sympathie für die gestürzten Führer erweckt wurde. Niemand weiß zur Stunde etwas über die wirklichen Absichten des Offizierskomitees. Sollte es während der Verhandlungen tatsächlich nicht gelingen, Menderes und die anderen Angeklagten in den Augen ihrer Anhänger „zu erledigen", dann werden sich die Offiziere sehr genau überlegen, welche Folgen Todesurteile oder auch nur harte Freiheitsstrafen haben könnten. Mag auch ein Volksaufstand unwahrscheinlich sein, so würden solche Urteile doch gewiß eine passive Opposition hervorrufen, die es den neuen Führern erschweren müßte, jene radikalen Reformen, die sie vorhaben, auch tatsächlich durchzuführen. Werden aber die Angeklagten freigesprochen oder erhalten sie auch nur geringfügige Freiheitsstrafen — wie soll man dann der Bevölkerung weiter glaubhaft machen, daß der Staatsstreich unumgänglich war? Das Komitee der Nationalen Einheit steht vor keiner leichten Entscheidung. Raab & Pittermann, feine Flickschneiderei während der vergangenen Wochen, seitdem sich ein unerträglich werdender Führerkult um den allmächtigen Parteichef entwickelte, allerdings nicht zum Ausdruck gebracht. Steffen gehört zu den Altkommunisten — ganz zu schweigen von der Masse ehemaliger Sozialdemokraten —, denen der Größenwahn des SED-Apparates und seiner Führerclique nicht mehr gefällt; außerdem hat er die
Scharfmachereien seines vom Ehrgeiz und Machthunger getriebenen NachbarBezirkschefs, des Ulbricht-Günstiings Mewis aus Rostock, nicht mitmachen wollen. Das hat ihn nun seine Stellung gekostet. Er wird nicht der letzte seiner Chargen sein, den Ulbricht wegen Unbotmäßigkeit in die Wüste schickt. Aber er ist der erste sichtbare Repräsentant eines unter den SED-Genossen offenbar stetigwachsenden Widerstandes gegen die Omnipotenz des einen Mannes, der sich nach dem Tode von Staatspräsident Wilhelm Pieck durch ein Ermächtigungsgesetz zum »Führer" machen ließ.
ZEIT ONLINE 1960

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