DIE ZEIT, 02.08.1974 - Schwarzer Junge - Liebling der Nation

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Friday, 6. September 1974
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DIE ZEIT, 02.08.1974 Nr. 32 - 02. August 1974 http://www.zeit.de/1974/32/Schwarzer-Junge-Liebling-der-Nation NACH DER ZYPERN-INVASION
Schwarzer Junge" - Liebling der Nation
Bülent Ecevits Triumph: Die Wiedergeburt der Türkei Von JNina Grunenberg Ankara, im Juli JNINA GRUNENBERG
Der Sprecher des Auswärtigen Amtes, Semih: Akbil, war nervös. Immer wieder fingerte er am Krawattenknoten, während er zwischen dem Konferenzsaal und der Seitentür zum Amt. des Ministerpräsidenten hin und her. lief oder den goldumrandeten Wasserkrug am Platz des Premiers von einer Seite zur anderen schob. Seit Tagen wufde er von Journalisten aus aller Welt, die selten in die Türkei kommen, bei Putsch oder Krieg aber immer pünktlich sind s mit der Bitte um Interviews belagert. Jeder wollte ;den Mann sehen, den die Istanbuler Zeitung Hurriyet noch sieben Tage nach der Invasion auf .Zypern , in, überschäumendem Stolz den „Mann, des Tages für die ganze Welt" nannte und hinter dessen Kopf die Zeichner in den Magazinen schon den Schatten Atatürks setzen: Bülent Ecevit, seit Februar" Ministerpräsident der Türkei und seit dem Morgengrauen des 20. Juli, als er den Befehl zur Landung gab, der Liebling der Nation. Die Pressekonferenz dauerte nur .25 Minuten,. Der Ministerpräsident hatte wenig Zeit. Ohne Umschweife teilte er mit, daß die Ergebnisse der Genfer Konferenz unbefriedigend blieben, solange sie nicht mit der Sicherheit für die Zyprischen Türken verknüpft seien: „Jeder Zyperntürke muß sich, auf der Insel zu Hause fühlen können." Die Türken hätten ein Übermaß an gutem Willen bewiesen, der sich nun zu erschöpfen drohe. Ob dies nicht „die ernste Gefahr einens Krieges" bedeute, fragte ein besorgter Amerikaner. „Ich hoffe nicht", entgegnete Ecevit knapp. „Aber welche anderen Alternativen gibt es noch, wenn die türkischen Bedingungen nicht erfüllt werden?" insistierte der Amerikaner. „Ich möchte nicht über Kriegsgefahren reden", entgegnete er kühl, „aber wir sind auf alle Alternativen vorbereitet." Die offizielle türkische Informationspolitik ließ zu dieser Zeit in Ankara noch verschleiert, daß die Erklärung des Regierungschefs als Theaterdonner kalkuliert -war, um den in Genf ins Hintertreffen geratenen Türken wieder Verhandlungsspielraum zu verschaffen. Unbekannt war auch noch, daß Ecevit schon in der Nacht zuvor den griechischen Botschafter empfangen hatte, um ein Treffen mit Karamanlis vorzuschlagen. Die Erklärung Ecevits machte nur eines klar: Die Türken sind nicht gewillt, den Preis dafür zu zahlen, daß die Griechen wieder in den Schoß der Demokraten zurückgekehrt sind. Sie haben es außerdem aufgegeben, koste es, was es wolle, auf die Sympathien des Westens zu bauen: Diese werden den Griechen als Abendländern ohnehin seit jeher reichlicher vorgeschossen als ihnen, den Bewohnern von Kleinasien, die keine Europäer sind, sondern sich nur zu Europa
bekennen. „Die Türken", so sagte es ein hoher türkischer Beamter^ „haben wenig Gutes von ihren Freunden erfahren, dafür aber die stille und wirksame Unterstützung der Sowjetunion." Allerdings wirkte die differenzierte Stellungnahme der neun EG^ Staaten zur Zypernkrise wie Balsam. Die Entwicklung auf Zypern hatte seit langem am Selbstvertrauen der Türken , gezehrt. Schon als Erzbischof Makarios 1963 die Verfassung ändern wollte, die Türken dies ablehnten und daraufhin in den Weihnachtstagen 1963 mehrere hundert Türken auf Zypern von den Griechen massakriert wurden, hatte man in Ankara zum erstenmal eine Invasion erwogen. 1964, nach dem Überfall auf ein türkisches Dorf, hielten die Amerikaner die türkischen Verbündeten ein zweites Mal zurück. Der rüde Brief, den Präsident Johnson zu diesem Zweck nach Ankara schickte, ist inzwischen schon historisch geworden: er markiert eine Wende im türkisch-amerikanischen Verhältnis. In der Türkei begannen die antiamerikanischen Ressentiments aufzukeimen. Im Jahr 1967 wurden die Türken durch die Infiltration von elf tausend griechischen Offizieren und Soldaten nach Zypern wieder alarmiert. Türkische .Schiffe liefen . schon aus. Ein amerikanischer Unterhändler erschien, Griechenland zog die Truppen ab, aber befriedigt waren die Türken nicht/Makarios war ihnen verhaßt; sie nannten ihn den „schwarzen Pfarrer"; seine . Doppelfunktion als weltlicher und geistlicher Führer blieb ihnen suspekt. Doch wegen Makarios, so. wird in. Ankara versichert, hätte eskeine Invasion gegeben. Unerträglich wurde «rst. der Mörder Sampson, der selber an den Massakern teilgenommen uüd den ..Anschluß Zyperns an Griechenland propagiert hatte. Auch diesmal versuchten die Amerikaner die Türken zurückzuhalten. Über die Gespräche, die der amerikanische Unterhändler Sisco mit Ministerpräsident Ecevit führte, gibt es Berichte aus Kreisen der Minister. So soll Sisco gesagt haben: „Sie sind ein Humanist, Herr Ministerpräsident. Sie können keinen Krieg führen, der soviel Menschenleben fordert." Darauf Ecevit: „Humanist zu: sein, bedeutet doch nicht, daß man kein Realist ist. Hier an ihrer Stelle saß vor zehn Jahren ein anderer Amerikaner, und an meiner Stelle saß Ismet Inönü. Damals haben Sie die Intervention verhindert. Das war ein Fehler, der vielen Menschen das Leben kostete. Wenn wir , schon damals interveniert hätten, hätten wir uns vieles erspart." Mit subtilem Spott werden auch Dialoge aus den neun oder zehn Telephongesprächen kolportiert, die Henry Kissinger mit Ecevit vor der Invasion führte. 1957 hatte Ecevit an einem seiner Sommerkurse in Harvard teilgenommen. Daß sich Kissinger damals für einen schüchternen Türken interessiert haben soll, klingt in türkischen Ohren unwahrscheinlich. Aber jetzt beschwor Kissinger den türkischen Ministerpräsidenten: „Ecevit, Sie sind mein Schüler. # Ich erzähle jedem ;von Ihnen." #.. „Danke, danke",,soll Ecevit darauf., erwidert haben, „aber ... .*' An anderer Stelle soll Kissinger gesagt haben: „Ich höre, daß linke Offiziere in Griechenland einen.Putsch planen. Dann besteht die Gefahr, daß Griechenland kommunistisch wird. Ihre Intervention kann das beschleunigen." Darauf Ecevit: „Das kann nicht stimmen, daß es in der griechischen Armee
noch linke Offiziere gibt. Sie sind alle entfernt worden. Und von der Armee mal abgesehen: auf den griechischen Straßen einen Linken zu treffen, ist so gut wie unmöglich." Daß Ecevit es wagte, trotz der amerikanischen Einwände zu intervenieren und den nationalen Interessen der Türkei absolute Priorität zu geben, hat die Türken in unfaßbare nationale Begeisterung versetzt. Seit dem 20. Juli hat sich die Welt für sie geändert. Nach Jahren der Demütigung, auch nach dem Elend der Militärherrschaft können die Türken den Kopf zum erstenmal wieder hochtragen. Dieses, Gefühl reicht durch alle Kreise und Parteien. „Es ist zu schön, um wahr zu sein", bekennt sogar Politik-Professor Mumtaz # Soysal von der Universität Ankara, der bis vor kurzem wegen eines Lehrbuches, das der Junta gefährlich schien, im Gefängnis saß. „Ecevit hat bewiesen, daß die Linken energischer *nd fester sind, wenn es um die Verteidigung iationaler Interessen geht. Demirel hätte immer erst bei den Amerikanern angefragt." Mit der Zypern-Aktion hat Bülent Ecevit schließlich auch die Militärs für sich erobert. Wenn sie die Macht dazu noch besessen hätten, väre seine Wahl zum Ministerpräsidenten verlindert worden. Der Rechten galt Ecevit als idealistischer Linker, als ein Sozialromantiker mit künstlerischen Neigungen, der T. S. Eliot ins Türkische übersetzte und selber Gedichte schrieb. Erst vor kurzem grub die Opposition eines aus, Aas er vor vielen Jahren im Ausland geschrieben und den Griechen gewidmet hatte. Die Zeitungen T eröffentlichten es auf der ersten Seite, und im Parlament war es Gegenstand einer entrüsteten Debatte. Sinngemäß übersetzt lautete das Gedicht: Wenn du Heimweh hast, verstehst du, daß du tin Bruder der Griechen bist. Sieh dir doch einen IUS Istanbul an, wenn er in der Fremde ein griechisches Lied hört. In dem Reichtum, den die tiireische Sprache kennt, haben wir geschimpft. Zwischen uns ist Feindschaft gekommen. Aber verborgen gibt es die Liebe noch. Mag sein, daß das 3lut in unseren Adern nicht aus derselben Quelle Rommt, doch unsere Sinnesart ist dieselbe. Zwixhen uns gibt es ein Zauberband, ein warmes Meer, an dessen Küste wir zwei Nationen sind, von denen eine schöner als die andere ist. Die 'oldene Epoche der Ägäis wird eines Tages mit ms beginnen, wenn der alte Herd mit der Flamme von morgen entzündet wird. War es möglich, fragte die Opposition empört, daß dieses romantische Poem von jenem Manne stammte, der jetzt die Griedienlanapoliük der Türkei entwerfen sollte? Das geschah kurz vor der Zypernkrise, als die Beziehungen der beiden Nachbarländer schon wegen des Streits um die ölbohrrechte in der Ägäis angespannt *aren. Doch im Parlament erklärte Ecevit kühl, er stehe noch heute zu seinem Gedicht. Bülent Ecevit ist fünfzig Jahre alt, dunkel, mittelgroß und von zierlicher, leicht untersetzter Figur. Die gebogene Nase, das leicht hervorjprirtgende Kinn, das Bärtchen auf der Oberlippe and die schonen, liebenswürdigen Augen erinnern m einen türkischen Märchenerzähler. Dieses Erscheinungsbild scheint auch viele
seiner türkischen Landsleute lange getäuscht zu haben. Er galt bei ihnen als ein Mann, der so höflich war, daß er nicht einmal einen Wurm zertreten konnte. Erste Zweifel an diesem Urteil kamen auf, als Ecevit 1972 den alten Inönü, das Statussymbol der Türkei, im Handstreich absetzte und an seiner Stelle selber den Platz des Vorsitzetiden der Republikanischen Volkspartei einnahm. Linke Intellektuelle, erinnern sich heute., auch . wehmütig daran, daß er der erste, war, der die Offiziere nach der. Intervention der Armee am .12.. März 1971 „eine Junta wie in Griechenland" nannte. Viele meinten damals noch, sie hätten es. mit einem Putsch reformistischer Offiziere zu tun ind büßten ihren Irrtum in den Gefängnissen. Erst allmählich setzte sich die Erkenntnis durch, daß Ecevit nicht nur ein höflicher Einzelgänger war, sondern offensichtlich ein guter Stratege und womöglich der bemerkenswerteste Politiker, den die Türkei seit langem gesehen hat. Daß er als Mann der linken Mitte sogar die armen Bauern im konservativen Anatolien für sich gewinnen konnte, war die große Überraschung der Wahl im Oktober 1973. Auch die Armen latten Ecevits soziale Botschaft von einer menschlichen und gerechten Gesellschaft verstanden und verliehen ihm dafür den Ehrennamen eines türtischen Robin Hood: „Schwarzer Junge". Ecevits Partei, die sich den Sozialdemokraten Willy Brandts verbunden fühlt, hatte nur eine lelative Mehrheit gewonnen. Um zu regieren, mußte Ecevit eine Notehe mit den islamischen Fundamentalisten der Nationalen Wohlfahrtspartei eingehen, die bisher im Parlament in entscheidenden Punkten nicht mit der Regierung stimmten. Ein Beispiel war das Schicksal des Amnestiegesetzes. Um die Wunden der jüngsten Vergangenheit zu heilen und ein Wahlversprechen einzulösen, wollte Bülent Ecevit mit wenigen Ausnahmen alle 1400 politischen Gefangenen amnestieren, dazu jene 2.500, die sich zwar auf freiem Fuß befanden, aber gegen die Verfahren liefen. In dieser Zeit kam das böse Wort vom „Bullende" auf, das ihm von rechts zur Erinnerung in das Schicksal Allendes in Chile nachgerufen vurde. Als Ecevit im Parlament niedergestimmt worden war, wollte er zurücktreten. Es war das Verfassungsgericht, von dem Ecevit schließlich im 12. Juli durch einen Verfahrenstrick gerettet vurde. Die Gefangenen sind inzwischen entlassen. Während die Diskussion noch andauerte, ob die Verfassungsrichter durch parteipolitische Ervagungen beeinflußt worden seien, kam die Zypernkrise. Das Amnestiegesetz ist heute genauso wenig iktuell wie das Heer der türkischen, Arbeislosen und die dreißigprozentige Inflationsrate. Dies alles ist vergessen, seit der wilde Nationalstolz der Türken zu seinem Recht kam. „Sie sind", so sagt ein -westlicher Diplomat, „in einem Gemütszustand, der sie schwer traitable macht. Verständlich ist das nur zu leicht. Die Türkei ist ein Land, das siebenhundert Jahre Großmacht war, seitdem unendliche Demütigungen hinnehmen mußte und mühsam vom Mythos Atatürks lebt. Das ist ein Bündel voller traumatischer Komplexe, das kaum ansprechbar ist. Daß die Amerikaner für
derartige Seelenzustände noch weniger Verständnis haben als wir Europäer, liegt auf der Hand." Der Westen wird seine Anstrengungen darauf lichten müssen, das amerikanischtürkische Verlältnis zu verbessern. Schlimm wäre nur, die Türken wieder zu isolieren und zu frustrieren. Denn irgendwann wird Ecevit seinen Landsleuten klarmachen müssen, daß sie in der Zypernfrage auf internationale Realitäten Rücksicht zu nehmen haben. An dem Geschick oder Ungeschick, mit dem er die Türken dann zähmt, vird sich das Format Bülent Ecevits erweisen. Worte der Woche „Lassen Sie uns alle in Ehren und mit Anstand Recht suchen." Peter Rodino Vorsitzender des, Rechtsaussdiusses zur Impeathment-Debatte „Es ist falsch zu behaupten, daß wir oder der Präsident aufgegeben haben." Ronald Ziegler Pressespreclier Nixons -Ar „Die wirkliche Frage besteht darin, ob Gerechtigkeit walten wird. Das ist das, was das amerikanische Volk fordern wird, und das macht uns zuversichtlich." General Alexander Haig Stabschef Nixons „Sie ist gekommen, um uns zu retten und zu beschützen. Die griechischzypriotischen Führer müssen Vernunft zeigen." R QU f Denktasch türkisch-zypriotischer Vizepräsident über die Invasion der türkischen Armee „Ich habe diese Entscheidung getroffen, um in Athen einen Bürgerkrieg zu vermeiden und die Griechen einig zu halten, und ich glaube, ich habe das geschafft." Nikos Sampson Zyperns Füni-Tage-Präsident zu seinem .Rüdetritt •fr „Nach sieben Jahren Tyrannei sollten wir einen Monat lang ruhig sein, um den delikaten Übergangsprozeß, der gegenwärtig stattfindet, nicht zu komplizieren." Melina Mercouri griechische Schauspielerin „Es scheint, als hätten die USA nach den Ereignissen in Portugal eingesehen, daß eine Art von Scheindemokratie heute das richtige sei." Andreas Papandreou noch im Exil lebender griechischer Linkspolitiker
„Steuerpolitik und Lohnpolitik sind zwei Paar Schuhe." Eugen Loderer Chef der IG Metall „Ich bin sicher, nach einem Wochenende Ohne Rundfunk und Fernsehen könnten wir von jedem Politiker, jedem Ministerpräsidenten jede Gebührenerhöhung haben, die wir fordern." Werner Hess Intendant des Hessischen Rundfunks „Helmut Schön ist ein so guter Trainer, weil er zuerst einmal einer der wenigen gutmütigen Menschen ist, die es noch gibt." Franz Beckenbauer „Ein Hauch von Bayern hat mich lange Zeit begleitet." Walter Scheel Bundespräsident nem jämmerlichen Protestversuch plötzlich ganz ergeben vor seinem Herrn steht, auf schlappen, weichen Gliedern, mit einem hündischen Trauerund Treueblick, passierte, was dieses Stück doch dauernd sabotiert: ein Moment von Musik. Dorn fand für die Verlorenheit der Figuren aneinander viel eindringlichere Bilder als für ihre Wut aufeinander. Deshalb blieb das Stück in der letzten Szene, wo die Quintett-Probe chaotisch auseinanderplatzt, ohne Gefahr. Angst, daß aus Musikinstrumenten Mordinstrumente werden könnten, Angst, daß Herr Caribaldi seine wüsten Drohungen („eines Tages bringe ich diesen Menschen um") wahrmachen konnte — Angst macht einem die Aufführung nicht. So sah die Komödie auf Salzburgs Bühne wohl doch ein Stück menschenfreundlicher und harmonischer aus als unter Bernhards Schädeldecke. Dafür mag Wilfried Minks mitverantwortlich sein, der die Bühne gebaut hat: ein an der Vorderseite aufgeschnittener, •wunderbar trist möblierter ZirkusWohnwagen stand, leicht nach vorne gekippt, in einer grauen Hügellandschaft. Über der Bühne aber wölbte und bauschte sich (verschönend, besänftigend) ein Minksscher Seidentuch-Himmel. Und auch Bernhard Minetti, seit Noeltes „Todestanz"-Inszenierung der zarteste, unsentimentalste, merkwürdigste ältere Schauspieler in Deutschland, machte das Stück lieblicher als es ist; weil er so unendlich viele skurrile, verzaubernde Altmännertöne erfand, begriff man kaum, was Garibaldis Mitmusikanten an ihrem Herrn so fürchten. Weltekel, Verfall und die Fürchterlichkeit des Alterns: in Minettis Wunderwerk kam das nicht vor. Die Inszenierung, eine Co-Produktion von Salzburg und Suhrkamp, wird bald nach den Festspielen auf Tournee gehen. Thomas Bernhard, auch hier dem Vollkommenheitswahn verfallen, hat jede andere Aufführung des Stückes verboten. So gibt es nun endlich eine Komödie — aber kein Theater darf sie spielen. Die Provinz muß warten, die Perfektion geht auf Tournee: vorgestern Iserlohn, morgen in Augsburg.
Der flaue Eindruck der neuen Bayreuther Inszenierung ist durch Unbeholfenheiten der Personenführung (Matrosenchor) und der Kostümierung geprägt, vor allem aber durch Josef Svobodas sprödes, kaltes Bühnenbild aus einem Wald schimmernder Plastikschnüre, wie er ihn schon für die Inszenierung von Gombrowiczs „Yvonne" am Berliner Schiller-Theater hat spannen lassen, und durch eine Treppe im Zentrum ailer drei Szenen. Auf die gläsern spiegelnde Fläche, die der Bühne Tiefe nimmt, projiziert Svöboda Lichtflecken, die im ersten Akt Wolken öder Wellen darstellen, Zweige im Mohdlicht des mittleren Bildes, Laub eines großen Baumes im Schlußakt. Svobodas Lichtspiele, die zwar nicht „symbolisch" sein, aber doch den Einbruch einer anderen Wirklichkeit signalisieren sollen, sind in ihrem modischen Dekorationseffekt störend. Reklamegeflimmer auf Milchglas-Schaufenster, das in den langen Gesangsgesprächen gefällig die Augen beschäftigt —# die nicht merken sollen, daß die Regie für diese Passagen keine dramaturgisch ausdrucksstarken Stellungen gefunden hat? Die Spielerei mit der Lichtorgel im Perlonschnur-Wald bekräftigt den fatalen Eindruck eines gebremsten „Tristan". Da wird von allem ein bißchen, aber nichts ganz gewagt. Wieland Wagners dünkelviolette Nacht des großen Liebesdialogs sickert einmal von oben ein, wird aber rasch wieder ausgeblendet. Und zur stilisierenden Abstraktion in unverständlichem Kontrast bläht sich ein großes Segel im ersten Akt, das viele Spieler oft bis Zu den Knien verdeckt. Die Halbheit, die Unentschiedenheit der szenischen Zurichtung eines so unbedingten Dramas sind das Schlimmste der neuen Inszenierung. Von anderem Rang ist, jedenfalls in der Anlage, die musikalische Einstudierung. Carlos Kleibers Debüt in Bayreuth ist sicher nicht so sensationell, wie es herbeigeredet wurde. Doch die Geduld, mit der er die Partitür auffächert, der Wille zu nuancierter symphonischer Erschließung des „wogenden Schwalls", des „tönenden Schalls", wie es sich schon in den gedehnten Zeitmaßen des Vorspiels ankündigt, verraten überlegten Stilwillen selbst da, wo solches Musizieren auf Kosten des dramatischen Ausdrucks geht und der blühende Klang nicht die süchtigen Fiebergrade erreicht, da Isolde „vernimmt, was sie wähnt", da Tristan das „Licht hört". Catarina Ligendza ist junge, strahlende Mitte der Aufführung. Mit mädchenhafter Laune kämpft sie um Tristan. Ihr heller Sopran kann lyrisch schmeicheln und doch mänadisch leuchten. Helge Brilioths brütender Tristan, dessen Tenor in den oberen Lagen gepreßt klingt und im Schlußakt fast heiser war, überzeugt nur, wenn er allein spielen kann; daß er sich von der Isolde der Ligendza so gar nicht befeuern läßt, dafür aber als Sterbender, munter über die Bühne kriechend, plötzlich aufwachen soll, gehört zu den Ungereimtheiten der Aufführung. Schön das Spiel von Yvonne Minton als Brangäne, die vor Todesangst von der Bühne laufen will, als sie statt des Liebeseinen Todestrank reichen soll. Ihr heller, zarter Alt ließ ähnliche Ausdruckskraft für's Ohr allerdings vermissen. Kurt Molls weicher, warmer Baß und seine stille, allzu rasche Resignation als König Marke kommen der Konzeption dieses „Tristan" con sordino am ehesten entgegen. Brutal der in die Schlußakkorde knatternde Beifall eines Publikums, das den neuen Bayreuther „Tristan" offenbar als besonders wagnertreu akzeptierte, hat doch
der Komponist schon bei der Arbeit erkannt und es in einem Brief vom Sommer 1859 der Vertrauten seiner „Tristan"- Jahre, Mathilde Wesendonck, bekannt: „Nur mittelmäßige Aufführungen können mich retten! Vollständig gute müssen die Leute verrückt machen." Für die unentschiedene, halbherzige Arbeit gibt es Gründe. Zwei Männer stehen Everding im Weg: Wieland Wagner und — Everding selbst. Die (nicht unsympathische) Scheu vor Wielands großer, ins Archaische und in den Mythos zielenden Deutung, die jahrelang den Ruhm Bayreuths ausgemacht hat, gibt nicht nur Everdings Worten im Programmheft einen Unterton von Selbstrechtfertigung, sondern vor allem seiner Einstudierung den Mangel an gedanklicher, dramaturgischer Klarheit und die inszenatorische Unentschiedenheit: Gut, Everding will Tristan und Isolde vom Sockel überlebensgroßer Symbolfiguren für tödliche Leidenschaft auf den Boden menschlicher Wirklichkeit holen. Der realistisch-anekdotische Zugang zu diesem Drama wird ihm jedoch von Richard Wagners nicht realistischem Stück immer wieder verstellt. Es ist bezeichnend, daß Everdings Zugriff am ehesten bei den Nebenfiguren, vor allem bei Brangäne glückt und in Episoden, daß die Kernszeneh Tristans und Isoldes sich solcher Konzeption aber verweigern. Das Halbdunkel, das Everding immer wieder über die Bühne legt, hat durchaus auch die Aufgabe, gnädig zu verschleiern, wie ratlos der Regisseur mit seinen beiden Liebeskranken oft ist, zwischen denen er kaum Spannung aufzubauen vermag. Gut, Everding will weg von den hilflos dem Fluch des Schicksals ausgelieferten Kreaturen, als welche Tristan und Isolde bei Wieland Wagner unter den riesig drohenden, phallischen Totensäulen als „Nachtgeweihte" ihrem „Weltentrükken" entgegensangen. Everding sucht aber auch jedem Akt ein Zeichen — nur daß Schiff, Turm, Baum bei ihm keineswegs zwingende oder (im Baum des Schlußaktes) dramaturgisch einleuchtende Symbolchiffren (und in Josef Svobodas Erfindung nur kunstgewerblich dekorativ) sind. Steht ein Regisseur nicht sich selbst im Weg, der innerhalb von sechs Jahren dieses große, schwierige Werk gleich in drei Versionen glaubt inszenieren zu können? Natürlich kommt ein Regisseur, der sich viel mit diesem Drama beschäftigt, mit anderen Sänger-Darstellern und an wechselnden Bühnen, zu immer neuen Ergebnissen. Aber wie ernst ist es einem Regisseur mit Wagner, wenn er ihn einmal umdeutet (Himmelfahrt der Liebenden wie im „Holländer"), sich ein andermal aber an die Vorschrift des Komponisten hält? Wann hat Everding „konventionell" inszeniert: jetzt, dem Buchstaben folgend, oder vor einigen Jahren, als er Wagner — vielleicht gewaltsam — auslegte? War die Himmelfahrt dann, von heute aus gesehen, doch nur ein „Gag"? Führt die Angst vor dem Vorwurf, sich zu wiederholen, nicht dazu, daß immer Neues erfunden werden muß? So verzichtet Everding fast völlig darauf, das im Motiv der „Blick-Sext" ja komponierte Thema des verzaubernden Blicks („er sah mir in die Augen; nachsichtig; wonnerblindet; als dein messender Blick mein Bild sich stahl") zu inszenieren. Wenn Tristan es vermeidet, Isolde anzuschauen, sondern trotzig
den Kopf gesenkt hält, erreicht die Regie gerade durch solche Verweigerung eine Stärkung des Motivs: als ob Tristan die Aussichtslosigkeit dieser Liebe von Anfang an wüßte und vermeiden wollte, daß Isolde ihm die Wahrheit aus den Augen liest. Gleich darauf ist es aber komisch, wenn Tristan zur großen Liebesszene zwar „Isolde" singend, auf die Bühne, nicht aber stracks in Isoldes Arme, sondern an die Rampe eilt, als sei der Blickkontakt mit dem Dirigenten wichtiger. Das Augenmotiv ersetzt Everding weitgehend durch das einander suchender Hände. Auch dafür gibt es, außer der Zärtlichkeit, eine schöne Begründung in den Worten, mit denen beide Liebenden die Wurzeln ihrer todverfallenen Liebe nicht irgendwo draußen, in einem Gott oder Fattim, sondern in sich suchen: „Ich ja war's, die heimlich selbst die Schmach sich schuf, klagt Isolde, und Tristan erkennt sterbend: „Den furchtbaren Trank — ich selbst, ich selbst, ich hab' ihn gebraut." Wie im Kriminalfilm läßt Everding die Hände der „Schuldigen" von Scheinwerfern verfolgen. Wenn sie genossen haben, was sie für einen Todestrank halten müssen, dürfen Tristan und Isolde in Bayreuth einander nicht „mit starrer Haltung unverwandt in die Augenschauen"'; mit gesenktem Kopf stehen sie minutenlang im Dustern nebeneinander, jeder die linke, von Scheinwerfern angestrahlte Hand weit von sich gestreckt, nicht nacheinander fassend, sondern abweisend, als ob die schuldige Hand abfallen müßte. Und wie oft bei Everdings besseren Einfällen, die er dann aber verlegen oder mit demonstrativem Zeigefinger inszeniert, verliert der szenische Augenblick plötzlich seine Kraft, und man meint — zumal in den bemerkenswert häßlichen, dramaturgisch funktionslosen Kostümen von Reinhard Heinrich — zwei Verkehrspolizisten zu sehen, die Linksabbieger einweisen. . . .
ZEIT ONLINE 1974

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