DIE ZEIT, 01.05.1964 - Der alte Mann am Bosporus

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Friday, 1. May 1964
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DIE ZEIT, 01.05.1964 Nr. 18 - 01. Mai 1964 http://www.zeit.de/1964/18/Der-alte-Mann-am-Bosporus
Der alte Mann am Bosporus
Ministerpräsident Ismet Inönü: Klar zum letzten Gefecht / Von Dietrich Strothmann DIETRICH STROTHMANN
Mit dem Fuchs, dem so gerissenen, angeblich unbezwingbaren Fabelwesen des Griechen Äsop, hat er kaum etwas gemein — der bald achtzigjährige Ismet Inönü, nun schon zum vierten Male türkischer Ministerpräsident, der Ismet Pascha, wie ihn Freund und Feind ehrfürchtig nennen. Wohl nie in seinem Leben hat Inönü sich an Trauben versucht, die ihm zu hoch hingen und die doch nur sauer waren. Nie auch hat er den Raben beschwatzt zu singen, damit diesem das begehrte Stück Käse aus dem Mund fällt. Inönüs oft gerühmte Schläue, die bei ihm hochentwikkelte, häufig erprobte Gabe, zu taktieren und seine Gegner geschickt an die Wand zu spielen, sind nicht von der Art des Reineke aus den Äsopschen Parabeln. Der Fuchs, so viele Ähnlichkeiten zwischen den beiden auch immer gesucht werden mögen, ist nicht das Wappentier des Türken. Wie überhaupt in seinem Fall nur ein Vergleich zulässig wäre: der des Soldaten, der er zeitlebens war, des in manchen Schlachten gestählten Offiziers, der den Mut aufbringt, sich jedem Angreifer zu stellen. Nicht blindlings, sondern besonnen, zuweilen auch listig. Solches Abwarten freilich, seine Bedachtsamkeit, die damit rechnet, daß sich der Widersacher irgendwann eine Blöße gibt, wird Ismet Inönü gerade jetzt, da er sich zu seinem letzten Gefecht rüstet, von vielen Türken zum Vorwurf gemacht — in der blutigen Krise um die Mittelmeerinsel Zypern, in der Auseinandersetzung mit dem Präsidenten-Erzbischof Makarios, im Kampf um das Leben und die Rechte der 100 000 Inseltürken. „Zieh deine Stiefel an!" lautet die Parole seiner rachedurstigen Landsleute, die lieber heute als morgen die Insel stürmen wollen. „Tod dem Makarios", rufen sie und putschen in Ankara und Istanbul die Massen auf. Und sie ritzen sich die Arme ein und malen auf das Denkmal Kemal Atatürks, des „Vaters der modernen Türkei", mit ihrem Blut eine Karte Zyperns. Sie haben es noch nicht verwunden, daß Inönü Mitte Februar die bereits ausgelaufene Flotte zurückbeorderte, nur weil ihn der US-Sonderbeauftragte Ball bat, 48 Stunden zu warten. Damals, so murren die jungen Offiziere, habe der greise Pascha eine große, unwiederbringliche Chance verpaßt, dem von Makarios angezettelten Streit ein für allemal ein Ende zu bereiten. Ist Ismet Inönü, der zur Generation eines Adenauer, Churchill, de Gaulle und Franco gehört, etwa doch müde geworden? Ist nun, nach so langen Jahren des erbitterten Kampfes in den Arenen des Krieges und der Politik, jenes ihm sonst
eigene Feuer des Missionars erloschen, der mitreißende Elan des Erneuerers? Ist das Ende der zweiten Ära Ismet Inönüs nahe? Die erste begann unter dem harten, autoritären Regiment Kemal Atatürks, seines Freundes aus den Zeiten der Kriegsakademie und späteren Gönners. Für ihn schlug er die entscheidenden Schlachten gegen die Griechen, damals bereits Chef des Großen Generalstabes: Der Sieger vom 10. Januar 1921 beim Dorf Inönü wurde ein Volksheld. Das Parlament verlieh ihm den Ehrennamen des Schlachtortes, den er seitdem trägt. Wenige Monate darauf, nach seinem zweiten Triumph über die griechischen Invasoren, sandte ihm Atatürk ein Telegramm: „Sie sind nicht nur mit dem Feind fertig geworden, sondern auch mit dem widrigen Schicksal der Nation." Von da an ging Ismet Inönü ein legendärer Ruhm voraus, der Ruhm des Unbesiegbaren, Unbezähmbaren. Er war ein Idol geworden. Er blieb es auch, als er sich mit Kemal überworfen hatte, und wurde, was jedermann erwartete, nach dem Tode des großen „Vaters der Türkei" dessen Nachfolger im Amt des Staatspräsidenten. Fünfmal hatte der Pascha diesen Posten inne; fünfmal herrschte er, wie sein Vorbild, als Autokrat. Er war das Gesetz, allein sein Wort galt. Unter ihm gab es keine Freiheit der Presse, keine Opposition. Und das Volk war's zufrieden. Zumal er sich zuvor auch als Diplomat Lorbeeren erworben hatte: 1923, bei der Friedenskonferenz in Lausanne, wo er den Engländern manches Zugeständnis abtrotzte. Schon damals, so berichteten Augenzeugen, machten sich bei Inönü die ersten Anzeichen seiner Schwerhörigkeit bemerkbar. Er überhörte einfach die unangenehmen Fragen und Forderungen seiner Verhandlungspartner: eine „diplomatische Krankheit", so meinten die Eingeweihten. Wieder zog er, ruhmvoll, in Ankara ein. Er, der ruhmbedeckte Soldat, hatte nun auch sein Talent des Lavierens, des politischen Pokerspielens, entdeckt, zum Nutzen seines Landes. Der Zweite Weltkrieg brach über Europa herein, die Türkei war in der Gefahr, in den Hexenkessel hineingerissen zu werden. Da stand Ismet Pascha wieder als Retter in höchster Not auf. Erprobt in diplomatischen Winkelzügen, verstand er es, weder mit Churchill noch mit Hitler gemeinsame Sache zu machen. Erst am 1. März 1945, als er nichts mehr zu verlieren hatte, erklärte er Deutschland den Krieg. Seine Kunst des Abwartens war ein weiteres Mal von Erfolg gekrönt. Er übte sie auch in den Jahren danach, nun als Chef der Republikanischen Volkspartei und Führer der Opposition. Seinen Kampfeseifer hatte er nicht eingebüßt, seinen festen Vorsatz nicht aufgegeben, die Legende zu zerstören, dis Türkei sei der „kranke Mann am Bosporus" geblieben. Aber Inönü hatte sich gewandelt: Aus einem Saulus war ein Paulus geworden, aus einem Diktator ein Demokrat, aus einem Stürmer und Dränger ein Konservativer, ein Mann des Maßes, des Kompromisses. Wie nach dem Tode Kemal Atatürks, so war es auch nach dem Sturz von Adnan Menderes, des herrschsüchtigen, korrupten Ministerpräsidenten: Kein anderer als Ismet Inönü vermochte das leckgeschlagene
Schiff wieder flottzumachen, niemand sonst weit und breit als dieser kleine, zierliche Mann, der den Mut eines Löwen besitzt. So begann die zweite Ära des Pascha, sein zweiter Feldzug: diesmal gegen die Armut, gegen die Bürokratisierung, für die Freiheit der Presse und der Parteien. Nun, im Alter — so gestand er einmal —, habe er seine Irrtümer eingesehen. Und die Generäle, die ihn 1960 in den Sattel hoben, das Volk folgten ihm. Sie hielten auch dann noch zu ihm, als einige Offiziere gegen ihn putschten, als die Anhänger des gehenkten Vlenderes sich ihm in den Weg stellen wollten. Vlit ihnen wurde er noch fertig. „Wir brauchen Geduld", lautet seine Devise, und man vertraute ihm. Nun aber, nach den blutigen Wirren auf Zypern, nachdem auf der Insel trotz aller Vermitt- .ungsversuche, trotz der UN-Friedenstruppe Tag : ür Tag Türken von Griechen erschossen werden — vermag da Ismet Inönü mit seiner weisen Maxime von der Geduld noch etwas auszurichten? Gilt da noch, während viele Türken .aufbegehren und ihn insgeheim der Lauheit zeihen, sein Wahlspruch: „Ich bin der Meinung, daß der Friede durch Gespräche, durch die persönlichen Kontakte der Staatsmänner und Diskussionen eroalten werden kann!"? Der stets freundliche, oft spitzbübisch lächelnde, hochgebildete Staatsmann — er spricht deutsch und französisch, liest regelmäßig eine deutsche Schachzeitung, den „Spiegel" und DIE ZEIT — tr muß sich nun doch, wenn auch widerwillig, noch einmal zum Gefecht rüsten, zu seinem vermutlich letzten. Er drohte mit dem Austritt aus der NATO, er zürnt in aller Offenheit den Amelikanern, die ihn im Stich gelassen hätten, er vies zwei Metropoliten als. „Spione" und einige liundert Griechen aus dem Land. Er gab der im Hafen von Iskenderun vor Anker liegenden Flotte erneut den Befehl, in die zyprischen Gevässer auszulaufen, zu „Manövern", wie es offiziell heißt. Diesmal blufft Ismet Inönü, den sie den „Pascha" nennen, nicht. Das erfuhr auch der UN- Vermittler Tuomioja nach seinem letzten Gespräch mit dem greisen Ministerpräsidenten. „Wir verdsn nicht den ersten Schuß abfeuern", meldete unlängst Radio Ankara, „aber unser ist der letzte Schuß.'' Nachdem, die griechischen Zyprioten nun zum Sturm, auf. die letzte türkische Inselbastion, die Bergfeste St. Hilarion, angetreten sind, wird auch Inönü kaum eine andere. Wahl bleiben, als das Feuer zu erwidern, Nicht # der mit allen Wassern gewaschene Diplomat, der Feldherr muß dann die Schlacht entscheiden — eine Schlacht, die er gewiß nicht gewollt hat, die zu schlagen aber sein Volk und :uch seine Ehre von ihm verlangen. Seine zweite Ära wird Ismet Inönü sicher nicht als ein Kapitulant beenden. Denn das wissen auch seine Widersacher in Nikosia und Athen: Ein Feigling war er nie, der alte Mann am Bosporus. Er ist, wenn es darauf ankommt, noch immer ein Soldat, auch Leute noch, mit achtzig Jahren. Und er wird wieder versuchen, „mit dem Feind fertig" zu werden, vie damals bei dem Dorf Inönü.
ZEIT ONLINE 1964

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