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DIE ZEIT, 01.04.1966 Nr. 14 - 01. April 1966 http://www.zeit.de/1966/14/Der-Drahtseilakt-des-Erzbischofs-Makarios
Der Drahtseilakt des Erzbischofs Makarios
Wo Seine Seligkeit regiert und Grivas putschen möchte / Von Josef Müller-Marein Nikosia, Ende März JOSEF MÜLLER-MAREIN
Die Insel ist in dieser Jahreszeit von solcher Schönheit, daß man Mühe hat, sich auf das politische Geschehen zu konzentrieren. Anemonen lenken ab. Sie bedecken wie gelber Schaum alle Hügel und Täler: Tränen der Aphrodite über den Mord an ihrem Adonis — so die antike Legende. Die Geschichte Zyperns aber hat bis zur Gegenwart Ströme von Tränen hinzugefügt. Doch da ihr Anlaß nicht so edel war, sind sie nicht in Blumen verwandelt worden. Außerdem scheint das Andenken an die Göttin der Liebe, die hier schaumgeboren an Land ging, im Laufe der Jahrtausende geschrumpft zu sein. Denn wer heute den Namen „Aphrodite" ruft, wendet sich dabei an den Kellner, der sogleich einen hellgelben Wein bringt. „Aphrodite" schmeckt frisch und harmlos und wirft keinen um. Der gottgegebene Touristen wein! Und in großen Mengen vorhanden, weil trotz guter Hotels, gelegen an legendär schönen Buchten, nicht genügend Touristen kommen. Es ist auch jener Strauch in Blüte zu sehen, rötlich zart, in den Daphne verwandelt wurde: ein überirdisch feines Gebilde, das erzittert, noch ehe der abends vom Meer heranwehende Wind es erreicht. Schade — aber die Touristen, die Zypern meiden, wollen sich den Anblick wohl für spätere "Zeiten aufheben, für glücklichere Zeiten, in denen nicht mehr so viel Soldaten und Polizisten in diesem Paradies herumstehen, herumwinken, herumfahren, herumkommandieren. Reißen wir also den Blick von Daphne und den Tränen Aphrodites los, um ihn einer Liste zuzuwenden, die nur ungefähre Zahlen enthält, weil sie sich oft ändert, ohne daß bündige Informationen gegeben werden. Es gab auf Zypern (vor 1963) 900 Soldaten eines griechischen und 600 eines türkischen Kontingents. Dazu kam die nationale Armee, bestehend aus 2000 griechischen und türkischen Zyprern. Aus dieser Armee ist (nach 1963) die „Nationalgarde" geworden, die aus Griechen- Zyprern besteht: rund 20 000 Mann. Hinzu treten griechische Truppen, „Askari" genannt, denn sie sind „schwarz", das heißt, sie dürften nicht da sein, aber sie sind es. Auf der anderen Seite verfügen die Türken-Zyprer über eine „Bürgerwehr", die stark durchsetzt ist mit Unterführern vom türkischen Festland, und hier klaffen die Schätzungen besonders weit auseinander. Denn die einen sprechen von 3000, die anderen von 7000 Mann. Dann zählen wir 4500 Mann der UN: rund 1000 Engländer, ferner Kanadier, Dänen, Schweden, Finnen, Iren, Neuseeländer, schließlich Australier, die Dienst als Zivilpolizei tun, und endlich Österreicher (rund 100 auf dieser Liste) als Sanitäter. Reicht das? Es reicht. Nicht aufgeführt sind die Soldaten der beiden Air-Force-Stütz- punkte, die England auf Zypern unterhält: auf dieser Insel, die
wie ein riesiger Flugzeugträger im östlichen Mittelmeer verankert ist, ein idealer Startund Landeplatz für die Jets, deren Kondensstreifen von den Küsten der Türkei, Ägyptens, Syriens, des Libanon, Israels und der griechischen Inseln bei gutem Wetter gesichtet werden können. Übrigens befleißigen sich die britischen Flieger und ihre Stützpunkt-Besatzungen großer Zurückhaltung. Souveräne auf ihren Territorien „spielen sie auf Zypern Gibraltar". In der Absicht, die Abstraktion der militärischen Liste in die Wirklichkeit zu übertragen, wollen wir die Hauptstadt verlassen und auf kürzestem Wege nordwärts zum Meer fahren, dorthin, wo mit bloßem Auge die türkische Küste erkennbar ist, manchmal unwirklich verschleiert, manchmal plastisch klar, so als hielten sich stundenoder tageweise die Türken von Zypern fern und rückten ein anderes Mal der Insel freundlich oder bedrohlich nahe, je nachdem, wie die Wolken gehn. Erste Erfahrung: Wer ein Taxi nimmt, wird die direkte asphaltierte Straße über den ein paar hundert Meter hohen Kyrenia-Paß gar nicht kennenlernen, es sei denn, daß der Chauffeur frühmorgens oder nachmittags den Konvoi erwischt und sich einreiht. Dann setzt sich ein Panzerspähwagen der UN-Armee an die Spitze einer sich zufällig sammelnden Kolonne, in der es, bunt gemischt, Taxis, Privatwagen, Lastautos, Trecker gibt. Knatternd eilen Motorradfahrer hin und her, um die Prozession zu begleiten wie Schäferhunde eine Herde. Verpaßt man aber den Konvoi, so kostet die Fahrt zum Meer nicht zwanzig, sondern mindestens vierzig Mark, weil das Taxi des zyprischgriechischen Fahrers viele skurrile Umwege macht, um türkische Siedlungen zu vermeiden. Wie wäre es aber, wenn man einen „Selbstfahrer-Wagen" mietet? Ein solches Auto ist gelb gestreift und daher von weitem erkennbar. Der Erfahrung nach ist es wahrscheinlich, daß nichts Griechisches, nichts Türkisches, nichts Zyprisches drinnen sitzt Aber fahren wir in solchem Auto in Nikosia umher, kann's passieren, daß wir im Gewirr der Straßen dorthin kommen, wohin wir gar nicht wollten: ins bunte Gewirr der griechischen Budenstraßen oder in die Leere der türkischen Viertel. Du gibst Gas und hast alle Not, im nächsten Augenblick rasch zu bremsen, weil sich plötzlich eine Sandsackmauer entgegenstellt oder ein Zenientgefüge. Leere Häuser flankieren die enge Straße. Totenstille. Du hast Glück und findest unter erstaunten oder zweifelnden oder feindseligen Blicken der Passanten zu den Boulevards zurück. Sofort ist alles „wie in Friedenszeiten". Viel Verkehr, glänzende Bankgebäude und Hotels. Wunderschöne Parkanlagen. Du reihst dich ein ins Verkehrsgewühl. Ein Schild: Metaxas-Platz. Nur ein paar Fahrtmiauten: Bronzenes Denkmal des Atatürk. Was soll's? Bloß fort aus dieser Stadt der Wirrnis, die von den Bürgern, seien es griechische oder türkische Zyprer, mit ernster Städter-Miene ertragen wird. An einer bestimmten Stelle oiegen alle Wagen nach rechts ein. Du weißt nicht, warum, und fährst geradeaus — ein neues Mal durchs türkische Viertel. Verschlossene Fensterläden, düstere Gestalten auf dem Bürgersteig, Sperren über Sperren. Wenn du die Militärliste nicht vergessen hast, siehst du der Wache an, welcher Art die MP-bewaffneten Gestalten sind:
„Bürgerwehr". Du sagst, daß du aus Deutschland kämst. Wären die Wachen nicht damit beschäftigt, „preußisch" stramm zu stehen, sie würden dich umarmen. Hundert Meter weiter haben andere Wachen, die der griechisch-zyprischen „Nationalgarde", den Vorgang beobachtet: Sie suchen das Auto durch, klappen die Rücksitze Grivas Makarios hoch, nehmen es enorm genau. Da sie kein MG, nicht einmal die kleinste Bombe finden, prüfen sie die Papiere. „Ein Deutscher? Warum haben Sie's nicht gleich gesagt?" Diese Sympathie — die griechisch-zyprische — scheint nicht, wie die türkische, ein historisches Ergebnis zu sein, sondern die Frucht einer diplomatischen Deutschland-Vertretung, die korrekt arbeitet. Sympathie zu erwecken, ist nach Francois-Poncet die erste Aufgabe der Diplomatie, und die bundesdeutsche Botschaft in Nikosia scheint diese Aufgabe zu erfüllen. Wie dem auch sei — von Sympathie unifangen, fährt man hin und her. Händedruck von türkisch-zyprischer, erst recht von original türkischer Seite. Lächeln aber auf griechisch-zyprischen und national-griechischen Gesichtern, derweilen die Mitglieder der UN-Truppe sich, wie es scheint, zu Tode langweilen. Die Kanadier haben wenigstens ihre „Messen", wo sie mit kleinen Pfeilen auf runde Scheiben werfen, unermüdlich. Während die Dänen ... oh, sie sind bemerkenswert! Groß und blond und schlaksig gehen sie in den zyprischen Städtchen herum. Braungebrannt, sommersprossig blicken sie gleichgültig auf die kleinen, rundlichen Figuren hinunter, die Zyprer oder Griechen, Türken oder Armenier sein müssen oder was weiß ich. Die Luft ist frisch und mild zugleich. Und egal, ob die um die Mittagszeit erfolgte Detonation in den nahen Bergen von einer richtigen Bombe oder einer listig gefüllten Flasche, einem Molotow-Cocktail, kommt — man spielt in Gedanken mit der Wahl, im Troodos-Gebirge (wohl 2000 Meter hoch) Ski zu laufen oder im sanft schäumenden Meer zu schwimmen. Endlich entschließt man sich, nach Salamis zu fahren, zur Ruinenstadt, wo das antike Gymnasium und das Theater restauriert wurden, doch vorerst noch nicht der Areopag, auf dem der Apostel Paulus predigte. Auf dem Wege nach Salamis aber war ein Straßenschild unübersehbar, das seinen Text auf Griechisch, Englisch, Russisch darbot, ja auch auf Deutsch: „Willkommen im Geburtsort von Grivas!" Ein paar Kilometer weiter, und es ist in einem hübschen Dorf ein Denkmal folgender Art zu betrachten: Kopf und Brust eines würdigschönen Mannes mit gepflegtem Bart und strengem Kreuzemblem. Hier haben wir es mit dem Erzbischof Makarios zu tun. Es schaut den Betrachter mahnend an. Zurück also nach Nikosia! Zurück zu dem Anlaß, der uns nach Zypern reisen ließ! Zyperns Präsident, der einst den Rebellen den Segen gab, als sie gegen die Engländer aufstanden, hat soeben die gepflegte Priesterhand erhoben, um die
Mythenfigur des Generals Grivas wegzuwischen aus der zyprischen Geschichte. Grivas, geborener Zyprer, doch griechischer Offizier, ist es, der die „Nationalgarde" kommandiert. Nicht lange mehr. Denn Makarios will, daß diese Garde, die entscheidende Streitmacht der Insel, dem zyprischen Verteidigungsministerium unterstellt werde. Was heißt das? Es heißt, daß in den zyprisch-griechischen und zyprischtürkischen Häusern die Waffen aus dem Versteck hervorgeholt werden. Aber wenn es los geht — wann geht es los? Gerade jetzt, wo der Gedenktag der griechischen Befreiung gefeiert wird? Die blauweißen Fähnchen zieren schon die Straßen. Oder haben wir noch etwas Zeit? Soeben ist herausgekommen, daß die UN- Truppen noch einmal DaseinsErlaubnis für weitere drei Monate bekommen haben. Makarios meint, man könne sie verringern, da sie eh und je nur symbolischen, nur Friedenscharakter hätten. Und richtig: Wenn die UN-Soldaten beschossen werden, wie es gerade jetzt am Kyrenia- Paß geschah, so schießen sie nicht zurück, sondern ziehen, nur höflich die Köpfe mit den blauen Mützen ein. Was, wenn sie gingen? Makarios sagt nicht, was geschähe. Offensichtlich vertraut er der „Nationalgarde" — : wäre sie. nur sein eigen und nicht länger dem Befehl des Generals Grivas unterstellt, von dem nicht sicher ist, ob er mehr Kommandeur oder mehr Legende ist. Vermutlich würden indessen Griechen und Türken noch einmal übereinander herfallen, rückte die UN ab. Und was dann? Erzbischof Makarios, der Staatschef, hat keine Antwort auf solche Fragen, zumindest verschweigt er sie. Im übrigen ist es angenehm, diesen Lenker der zyprischen Geschicke zu sehen, wie er frühmorgens am Tore seines erzbischöflichen Palais in das riesige Auto steigt, das er der Bewunderung eines Amerikaners verdankt und das von seinem leiblichen Bruder behutsam durch die kleine, aber unruhig-muntere Hauptstadt zum Präsidentensitz gesteuert wird. Er ist klein und zierlich, der Präsident, doch trägt er sich mit großer Würde. Und man begreift sofort, was es seinen Untertanen orthodoxen Glaubens bedeutet, daß er das Haupt der „autokephalen" Kirche Zyperns ist: ein Papst und gleichen Ranges mit dem „Bischof von Rom", da er, wie dieser, direkter Nachfolger eines Apostels ist. Dort Petrus, hier des heiligen Barnabas. Es heißt, daß Makarios Kettenraucher sei, doch nie hat jemand ihn in der Öffentlichkeit rauchen sehen. Denn seine „Seligkeit" — so der Titel dieses zugleich geistlichen wie weltlichen Fürsten aus dem Stamme einfacher Bauern und Hirten — hält coram publico nie eine Zigarette in der Hand. So trennt er in allem und jedem offizielles und privates Leben. Hier starr wie eine Ikonen- Figur, dort lebendig-charmant, wie es nur ein Mensch von Genie sein kann, der weiß, warum er gut daran tut, die Hälfte seines Wesens zu verstecken, wobei denn offizielle Empfänge bei ihm und vorbereitete Gespräche mit ihm außerordentlich langweilig sind. Er sagt stets dasselbe: Eine Staatsmanns-Litanei, die durch dauernde Wiederholung nicht die Problematik verliert. Da ist die Tatsache, daß die orthodoxe Priesterschaft stets führend auf dem Wege zum Ziel der „Enosis" war, der Vereinigung mit Griechenland. Unter
diesem Ruf „Enosis kai mono" („vereinigt und selber sein") ist Makarios politisch gewachsen und mächtig geworden. Zugleich hat er — gemeinsam mit Grivas — für die Selbständigkeit Zyperns gekämpft, wobei er (I960) eine Verfassung in Kauf nehmen mußte, die ihm nicht gefiel. Aber darf man sagen, daß es ein „gemeinsamer Kampf" war? Wo es doch Grivas war, der die Waffen erhob und der den schrecklichen Folterungen, ausgeübt durch die Engländer und die ihnen ergebenen Zypern- Türken, blutigen Terror entgegensetzte, während Makarios die menschlich-christliche Haltung bewahrte! Den Grivas fingen die Engländerjahrelang nicht, während sie Makarios verbannten. Grivas, heute 67jährig, blieb in seiner unscheinbaren, schnurrbärtigen Gestalt, was er gewesen: ein zwar auf Zypern geborener, durch französische Militärschulen erzogener Soldat, ein griechischer Nationalist, der weder die Engländer, die er bekämpfte, haßt, noch die Türken, die ihn verabscheuen. Er gehorcht den Befehlen aus Athen und haßt den Kommunismus. Und wenn er dem griechischen Vaterland seine Inselheimat zuführen will, die in ihrer Geschichte von einigen Jahrtausenden nie frei war und just eine halbe Million Einwohner hat (18 Prozent davon sind türkischer Abstammung), so geschieht es auch deshalb, weil er Antikommunist ist. Glitte Zypern ins neutrale (oder neutralistische) Lager ab, es bräche ihm das Herz. Er fürchtet freilich, daß dies geschehen könnte. Und eben diese Sorge hat ihm einen Brief eingegeben, den er kürzlich an den griechischen Ministerpräsidenten richtete. Das Schreiben war voller Vorwürfe gegen Makarios und landete — absichtlich oder nicht — in der Hand eben dieses Erzbischofs, worauf dieser die lang erwünschte Gelegenheit hatte, die Abberufung des Generals vom Kommando der „Nationalgarde" zu fordern — eine Forderung, die er wahrscheinlich nicht erhoben hätte, wäre die Athener Regierung stark in diesem Moment. Aber sie ist schwach, so schwach wie die türkische Regierung von Ankara, wo soeben als Nachfolger des todkranken Kemal Gürsel, ein neuer Präsident, der energische General Sunay, gewählt wurde, der erst zeigen muß, ob er sein Land wieder stark machen kann. Zwischen dem höchsten Turm in Athen und dem von Ankara ist ein straffes Drahtseil gespannt, auf dem Makarios balanciert, ein anderes, weniger straffes, zwischen Moskauer und Londoner Türmen. Die Russen sollen ihm politisch helfen, wenn der Westen ihn wirtschaftlich kurz zu halten droht; darin haben sie ihn bisher enttäuscht; immerhin sind sie seiner Meinung darin, daß die britischen „GibraltarStützpunkte" verschwinden sollten; eine Meinung, die speziell auch Nasser teilt. Makarios will also die „Nationalgarde" dem eigenen Befehl unterstellen, wozu das Einverständnis Athens schon deshalb notwendig ist, weil es sich ja um griechisch-zyprische und griechische Truppen handelt, für deren Kommando er sich, wenn Grivas verschwindet, einen griechischen Befehlshaber ausleihen muß, der getrost ein „Salon"- oder „Hofgeneral" sein darf, wie es der ehemalige Athener Generalstaatschef Genimatas ist. Makarios meint, mit dieser „Nationalgarde" von 20 000 Mann brauche er die legal und illegal bewaffneten Kräfte der türkischen
Minderheit nicht mehr zu fürchten und könne sogar dem Abzug der UN-Einheiten ruhig entgegensehen. Aber was würde dann aus der Sehnsuchtsparole „Enosis"? Spricht Makarios öffentlich, so klingt regelmäßig das Lob der „Enosis"-Anhänger auf, und er schwört, daß er zu ihnen gehöre: zur Mehrzahl der Griechen-Zyprer. Und er verwendet das Wort vom Recht auf Selbstbestimmung. Um im Bilde zu bleiben: Er schreitet auf dem Drahtseil von links nach rechts, als folge er den Spuren seines alten Freundes und heutigen Feindes Grivas, dem ein Befehl aus Athen alles bedeutet und ein Wink aus Nikosia nichts. Würde aber „Enosis" verwirklicht, so wäre es mit der Selbständigkeit Zyperns vorbei. Und so sieht man ein anderes Mal den priesterlichen Präsidenten sich auf dem Drahtseil von rechts nach links vorwärtstasten, voran eine Gruppe neutralistisch eingestellter Kommunistenfreunde (die kommunistische Partei hat Sympathien bei einem Drittel der Griechen-Zyprer, und ihre Redner führen ebenfalls das Wort „Enosis" im Munde — es dürfe nur keine Vereinigung „von Grivas' Gnaden" sein). Und hinter dem Erzbischof eine andere Gruppe, die gelegentlich als „Verräter-Clique" beschimpft wird: es sind Männer, die mit dem unbequemen Grivas den legendär gewordenen EOK-Aufstand gegen die Briten führten und dafür Minister und dergleichen wurden. Können sie es bleiben, wenn Grivas, wie es Gerüchte wahrhaben wollen, gegen Makarios putscht? Diese Gerüchte hatten die Neugierigen und die Besorgten aus aller Welt auf die Märkte der zweigeteilten Stadt Nikosia gerufen. Dort stehen sie noch und diskutieren fleißig die Folgen dreier Möglichkeiten. Erstens: Setzten die Türken die Forderung nach Teilung der Insel durch, so würde dem Ärgernis, wenn nicht gar Elend der geteilten Länder ein neues Beispiel politischer Torheit hinzugefügt. Das kann zu nichts Gutem führen. Zweitens: Verewigt sich das Prinzip der zyprischen Selbständigkeit, so besteht eine gewisse Wahrscheinlichkeit, daß Makarios, umgeben von neutralistisch denkenden Beratern, den Weg Nassers geht — weg vom Westen. Drittens: Siegte der „Enosis"-Gedanke, und käme es sogar zur griechisch-türkischen Versöhnung, wobei Pläne eine gewisse Rolle spielen, die um Gebietsabtretung Griechenlands an die Türkei auf dem Festland gehen, so wäre dies zugleich das Bekenntnis Zyperns zu Europa; ein Weg, der eher ohne als mit Makarios gangbar ist, zumal die zyprischen Türken sagen, so schlimm sei nie ein Mächtiger, dem die Ermahnung zur christlichen Nächstenliebe mit hoher Priesterwürde von den Lippen fließt, mit der Minderheit seiner oppositionellen Untertanen umgegangen. Aber Makarios ist klug. Grivas jedoch voller Einfalt. Putscht er? Er putscht nicht, wenn Athen es ihm verbietet. Aber kann Athen, wo von einer schwachen Regierung keine einmütige Antwort zu erwarten ist, Grivas ermutigen, noch einmal seine Legendenrolle zu spielen? Eher stürzen die in Athen Regierenden' über das Bein, das Makarios ihnen stellt. sehe Markt 1975 rund elf Millionen Autos schlucken wird — darauf können wir eine langfristige Planung aufbauen."
Natürlich gibt es auch große Unternehmen, die fast ausschließlich von der Rüstung leben — etwa die Lockheed-Flugzeugwerke. Aber selbst deren geschäftliches Interesse an Vietnam ist begrenzt: der für Lockheed wichtigste Auftrag des Pentagon, der Bau des Riesentransporters C-5A, ist unabhängig von der Entwicklung in Südostasien gesichert. Überdies darf man nicht vergessen, daß die großen Industrieunternehmen Amerikas sich hetfte im. Besitz vort Z^hntäüwrideBf'-öfl'-Hotid^ft- 1 taasenden.!Voll Äjs;tipnäreti .befinäen^. die #Manager,, die eigentlichen. Träger der. Macht, alsö.anv; Rüstungsgeschäftmir-dufdi eMe Erfeöhüng''infer Tantiemen profitieren. Die vielen kleinen Produzenten oder Spekulanten aber, die wirklich durch den Krieg in Asien reich werden können, verfügen wiederum über keinerlei politischen Einfluß. Wenn man zu einem begründeten Urteil über die. Zusammenhänge zwischen Rüstungswirtschaft und Politik kommen will, darf man die Größenordnungen nicht außer acht lassen. Im Etat der US-Regierung sind für den Krieg in Vietnam für dieses Jahr 10,5 Milliarden Dollar vorgesehen'— eine Summe, die nur dann astronomisch anmutet, wenn man mit amerikanischen Dimensionen nicht vertraut ist. Das Sozialprodukt der USA wird nach den Vorausberechnungen 1966 zwischen 720 und 730 Milliarden Dollar betragen. Die Ausgaben für den VietnamKrieg erreichen also nur 1,5 Prozent des Sozialprodukts. Nur wer böswillig ist, wird behaupten wollen, ein plötzlicher Verzicht auf diesen Nachfragestoß von 1,5 Prozent werde zu einer wirtschaftlichen Depression in den USA führen. Das Gegenteil ist richtig: Die Eskalation in Vietnam bringt Amerikas Wirtschaft nach fünf Jahren eines steilen Aufstiegs an den Rand einer Krise, gefährdet den Erfolg der von Kennedy durchgesetzten „neuen Wirtschaftspolitik". Die jungen Harvard-Theoretiker, die Kennedy ins Weiße Haus geholt und die Johnson übernommen hat, haben die Ideen von John Maynard Keynes weiterentwickelt. Ihr Ziel war es, durch eine Politik des Wachstums den gap zu schließen — die Lücke zwischen der tatsächlichen Leistung der Volkswirtschaft und ihrer theoretisch vorhandenen Kapazität. 1961, beim Amtsantritt Kennedys, hätte die amerikanische Wirtschaft bei Ausnutzung aller Möglichkeiten für 50 Milliarden Dollar mehr Güter erzeugen können als tatsächlich produziert wurden. Heute ist durch die Erfolge der new economics der gap auf zehn Milliarden Dollar reduziert worden — die amerikanische Wirtschaft hat also praktisch keine ungenutzten Kapazitätsreserven mehr. In dieser Situation trifft die amerikanische Wirtschaft eine doppelte zusätzliche Belastung: einmal durch die Verschärfung des Vietnamkrieges, zum anderen durch Johnsons innenpolitisches Prunkstück, das Programm der sozialen Evolution. Schon in diesem Jahr werden die Aufwendungen für die Verwirklichung der Great Society zwölf Milliarden Dollar betragen, also höher liegen als die Ausgabenfür Vietnam. Die erfolgreiche Politik des „Wachstums bei stabilen Preisen" kommt durch diese plötzliche Beanspruchung aus dem Gleichschritt. Johnson wird zwar nicht
müde, seinen Wählern zu versichern, Amerika sei reich genug, sich beides leisten zu können — Kanonen und Butter. Aber . «eine Wirtschaftsberater leugrien nicht mehr, daß. '"'•'Sie USA 'Gefahr läufen^in -eine inflänor^knfe' 1 . ? iJ*).'Siittc're .Ironie: Es...^ibt: gegenwärtig,.»pi?„.eijL, 'Land, "das wfrfseTiartliaf'vom Viethärnkfief'" wirklich profitiert — Korea. Die USA haben ihre Aufträge an die koreanische Industrie verdoppelt, zehn Prozent aller Exporte Koreas gehen heute auf den Kriegsschauplatz Vietnam. Die Geschäftsleute in Seoul sagen: „Uns bietet Vietnam die Chance der wirtschaftlichen Erholung, so wie der Krieg in unserem Land der japanischen Industrie einen großen Boom beschert hatte." (Japan verdient auch: Die Napalm-Bomben, die über Vietnam fallen, stammen zum Teil aus japanischer Produktion.) Für Amerika aber bringt der Vietnamkrieg längst auch wirtschaftliche Sorgen. Gewiß werden in diesem Jahr, wenn der Krieg weitergeht, 400 bis 500 Millionen Dollar an den Lieferungen nach Vietnam verdient werden — aber das sind nur etwa ein Prozent des Gesamtgewinns aller amerikanischen Unternehmen, der 1966 die neue Rekordhöhe von 47 Milliarden Dollar erreichen wird. Gewiß würde es bei Friedensverhandlungen eine Baisse für „Vietnam-Werte" geben, aber Wall Street hat in den letzten Wochen einen viel dramatischeren Kurssturz erlebt — gerade weil die Hoffnung auf einen Frieden in Vietnam gesunken ist. Die Amerikaner wissen eben, daß entgegen manchen immer neu aufgewärmten Theorien eine „kapitalistische" Wirtschaft heute vom Frieden lebt. Das gilt nicht nur für den Vietnamkrieg, sondern für die Rüstungswirtschaft überhaupt. Spätestens seit die „Eroberung des Weltraumes" begonnen hat, würde eine weltweite Abrüstung kein wirtschaftliches Problem mehr darstellen, die Industrie könnte sich von der Rüstungsproduktion auf die Herstellung von Satelliten und Raumschiffen umstellen. Manche Experten sind sogar der Ansicht, daß die Vereinigten Staaten — durch den Dschungel-Krieg in Asien abgelenkt und finanziell strapaziert — ihre eigentliche Aufgabe im Weltraum versäumen und der Sowjetunion das Feld überlassen. Einer der Berater des Präsidenten warnt: „In Vietnam verliert Amerika den Wettlauf zum Mond."
ZEIT ONLINE 1966
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