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Auch ich habe lange gebraucht, um mich in dieser Frage zu einem Standpunkt durchzuringen und halte es zunächst, was die Berichterstattung in den Medien betrifft, mit Jakob Augstein, der da schrieb:
...eigentlich dachte ich, die Sache sei klar. Wenn Wulff ein Schuft ist, muss die Presse ihn jagen und das Publikum wird es ihr danken...Warum stellt sich die linke Öffentlichkeit nicht eindeutiger gegen diesen Präsidenten? Ist der Abscheu gegen die Bild-Zeitung so groß, dass man sich lieber von Bild distanziert, als ihr Recht zu geben, wenn sie Recht hat? Warum glaubt man überhaupt, nicht gegen Wulff sein zu können und gleichzeitig die eigene Kritik an der Bild Zeitung aufrecht erhalten zu können?
bin ich einig. Sofort griff der Reflex: wir, für die „Enteignet Springer!“ immer zu den nicht mehr hinterfragbaren Axiomen gehört hatte, konnten die Vorstellung nicht an uns heranlassen, dass sie möglicherweise dieses (eine?) Mal Recht haben könnte. Augstein fragt weiter:
Woher kommt dieser Glaubwürdigkeitsverlust der Medien? Warum genügt es dem Leser nicht, dass die Fakten stimmen, die er liest? Warum ist die Quelle der Fakten wichtiger als die Fakten selber?
Weil sich die „Mainstream-Medien“ samt und sonders über lange Jahre vollkommen unglaubwürdig gemacht haben, so sehr, dass das dieser Ausdruck als Chiffre für eben diese Unglaubwürdigkeit dient, und zwar so sehr, dass die „kritische“ linke Öffentlichkeit ihnen die obskursten Quellen aus der deutschen und internationalen Querfront- und Verschwörungtheoretikerszene vorzieht. Dieses Phänomen verdient allerdings eine eigene Betrachtung.
Was ist das für eine Haltung, dass man die Kritik am Bundespräsidenten schon darum verdammt, weil nach ihm nur ein anderer Präsident im gleichen System käme - aber kein Wechsel des Systems?
Kölsches Sprichwort: „Watt de häss datt häss de, watt de kriss, dat wees de nit.“ (Was Du hast, das hast Du, was Du bekommst, das weißt Du nicht). Wer dies – schmerzlich genug - so sah, waren die, an denen sich letztlich so alles abgearbeitet hat: die Migrant_Innen, was in der Wahrnehmung nicht nur der „Islamkritiker“ sondern auch der mittlerweile radikalisierten Mitte synonym ist mit Muslim_Innen, Türk_Innen, auch nach 10 Morden noch immer als „Döner“ verhöhnt.
Doch „hatten“ die Migranten ihn wirklich, ihren Wulff? Ich behaupte: nein! Damit befinde ich mich sehr in der Nähe des Vorsitzenden des Zentralrats der Muslime, Ayman Mazyek, der in seiner gestrigen Stellungnahme erklärt hatte:
Ich teile die Verschwörungstheorie einiger in unserer Commnunity ausdrücklich nicht, wonach Herr Wulff wegen seinen Aussagen zum Islam den Hut nehmen musste.
Was hat er denn ausgesagt? Der Satz wird zitiert als: „Der Islam gehört zu Deutschland.“ Sorry, aber das hat er nicht gesagt. Und dennoch wurde er von Islamophoben wie von Muslim_Innen genau so wiedergegeben. Was letzteren Anlass war, ihn auch als „Ihren“ Präsidenten zu betrachten, lange zu verteidigen und sich jetzt, nach seinem Rücktritt, als Verlierer der Debatte zu betrachten – und dies umso mehr, als er um dieses vermeintlichen Satzes angegriffen wurde. Gesagt hat er folgendes:
...Wir haben auch erkannt, dass multikulturelle Illusionen die Probleme regelmässig unterschätzt haben.
Das könnte in jeder rechtspopulistischen Publikation stehen, genauso, wie dies:
Es ist Konsens, dass in Deutschland deutsches Recht zu gelten hat – für alle.
Da klingt doch förmlich der Merkel'sche Satz mit, dass in Deutschland das Grundgesetz gelte – und „nicht die Scharia“. Als ob das jemals angezweifelt worden wäre...
Der wesentliche Teil ist allerdings der über die Religion(en):
Das Christentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland, das Judentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland, das ist unsere christlich-jüdische Geschichte.
Hat das denn niemand so richtig gehört???
Aus meiner Sicht ist diese Bindestrich-Chimäre ungeheuerlich. Paul Spiegel, seinrzeit Vorsitzende des Zentralrats der Juden, sagte z.B. in Bezug auf das „jüdisch-christliche Abendland“:
Als fragwürdig empfinde ich es, dass mit dieser neuerlichen Betonung des jüdisch-christlichen Erbes offenbar eine Koalition gegen den Islam beschworen werden soll, die es so nicht gibt.
(Paul Spiegel in einem Interview mit der „Jüdischen Allgemeine“)
Der Begriff „jüdisch-christlich“ stammt übrigens aus den vierziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts und kennzeichnete damals den US-Amerikanischen „Triple Mainstream“ bzw. „Triple Melting Pot“: die Auffassung, dass die drei „historischen“ Religionen zwar theologische Unterschiede hätten, aber eines gemeinsam: "Amerikanische Werte".
Diese ur-amerikanische Wortschöpfung, im Grunde genommen die religiös-ideologische Rechtfertigung des US-Imperialismus bis heute, wurde nach Europa verpflanzt und hier zum Kampfbegriff: die Juden geschichtsrevisionistisch umarmt, die Muslime ausgegrenzt – und so macht es, trotz allem vorgeblichen Anspruch, auch Christian Wulff: „Der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland“. - Also nicht „zweifelsfrei“? Und „inzwischen“? Als Mitglied einer so ausgesprochen europafreundlichen Partei hätte sich Christian Wulff mal mit dem Beschäftigen können, was die EU zu dem Thema sagt und schon 1991 veröffentlicht hat. Unautorisierte deutsche Übersetzung hier.
Nein, Christian Wulff war nicht mutig. Er hat es nicht verdient: nicht das Verdikt der Islamophoben und nicht die Treue der Migrant_Innen.
Die Namen, die jetzt gehandelt werden, können nicht nur die Migranten das Grauen lehren: Sarrazin-Fan Joachim Gauck, wahrlich ein Theologe der Herzlosigkeit. In diesem hervorragenden Artikel wurde bereits alles zusammengefasst. Und Altbischof Huber? Unter dessen Ägide wurde die „Handreichung Klarheit und gute Nachbarschaft“ veröffentlicht, die von vielen Muslimen zu Recht scharf kritisiert wurde. Nein, für uns Muslime kommt dann nichts Besseres nach! Aber einen Grund, Christian Wulff hinterherzutrauern, sehe ich immer noch nicht.
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Re: Christian Wulff, die Pawlow'schen Hunde und der Islam
@Dr. Maryam Dagmar Schatz:
Wer redet denn hier davon, dass Herrn Wulff hinterhergetrauert wird? Und der Artikel ist schlecht... warum? Die konsistenz fehlt.
Zuerst schreibt man: Der Islam gehört zu Deutschland..." das wurde nie gesagt" und ein paar zeilen später kommt es dann doch, irgendwo zwischen den Zeilen.
Und er hat es gesagt, zu 100%. Der Leser denkt dann doch tatsächlich, hää was denn nu? (Wer die Rede nicht gesehen hat, glaubt alles)
Und das mit dem christlich-jüdisch würd ich mal nicht so überbewerten. Er hat ja recht, früher war deutschland nunmal ausschließlich jüdisch-christlich. Und heute ist sie AUCH muslimisch.
Ich persönlich, habe daran nichts auszusetzen.
Sorry aber, dieser Mann büßt mit Sicherheit NICHT für seine mikrige Kreditaffäre das ist mal FAKT!
Und dieser Artikel ist doch noch ein Beweis dafür, das der Wulff ein viel zu großer Islam-ist-ok-sager, war.
In dem ARtikel steht doch das sein Nachfolger:
"Sarrazin-Fan Joachim Gauck, wahrlich ein Theologe der Herzlosigkeit." ist.
also bitte, bei uns türken gibt es ein sprichwort:
"Gelen, gideni aratir." und dies wird so sein....mir ist ein Wulff mit einer mikrigen Kreditaffäre lieber als ein Herzloser Sarazzin-FAN.
Das sagt meiner Meinung nach alles.
Hepimize gecmis olsun!
VG
L.
Re: Christian Wulff, die Pawlow'schen Hunde und der Islam
ahja nochwas:
auf youtube gibt es seine rede...da kann man sich ja mal gerne anschauen was die xenophobie-deutschen sich da alles erlaubt haben, an kommentaren hinzuschreiben.
Und die Bild-Zeitung spricht nunmal aus dem Munde der bürgerlichen Mitte (oder andersrum?)!
Man muss nur 1+1 zusammenzählen.
Gruß
Re: Christian Wulff, die Pawlow'schen Hunde und der Islam
@Dr. Maryam Dagmar Schatz: Sehe es wie Leylam. Ich trauere Wullf nicht hinterher, aber den BP-Posten ist er nicht wegen der Kreditaffaire los, sondern aufgrunddessen, dass die konservative Bildzeitung und sämtliche Zeitungen des Axel Springer Verlages meinungsmachend sind und diese nunmal Anstoß an einem Bundespräsidenten nehmen, der wagt, zu sagen, dass der Islam zu Deutschland gehört.
Angenehmer ist ihnen da schon ein Sarrazin-lobender Gauck. Und was macht man als Zeitung, wenn man einen Politiker loswerden will? Richtig, man guckt mal, ob es was schmutziges in seinem Privatleben gibt, setzt Gerüchte in Umlauf, dass seine Frau Ex-Prostiuierte ist und ähnliches. Diese Gerüchte wurden allesamt von Zeitungen in die Welt gesetzt, die zur Axel Springer Gruppe gehören.
Und das sind leider diejenigen Zeitungen, die das nicht denkende Volk liest.