II. KAPITEL
WESSEN "GESCHICHTE" IST ES EIGENTLICH?
Unsere Informationsquellen für die Entstehung von Ambassador Morgenthau's Story sind zwei Kollektionen erhaltener Morgenthau-Schriftstücke: Eine ist in der Library of Congress in Washington, D.C., untergebracht und als The Papers of Henry Morgenthau bekannt (im folgenden: LC: PHM); die andere ist Teil der Schriftstücke Henry Morgenthau, Juniors, in der Franklin Delano Roosevelt Presidential Library im Hyde Park (im folgenden: FDR: HMS). Diese zwei Sammlungen, die buchstäblich zehntausende von Dokumenten umfassen, müssen durch viele verschiedene veröffentlichte und unveröffentlichte Materialien ergänzt werden, von denen die wichtigsten Schriftstücke des bekannten Pulitzer-Preisträgers, Journalisten, Biographen und Historikers Burton J. Hendrick sind. Denn Botschafter Morgenthau brauchte nicht nur die Zustimmung Präsident Wilsons, um den Plan für das Buch, das seinen Namen trägt, durchzuführen, vielmehr benötigte er die erfahrene Hand Burton J. Hendricks, um das betreffende Buch überhaupt schreiben zu können. Tatsächlich wird deutlich, daß das eigentliche Konzept des Buches von Hendrick stammte, der es Morgenthau erstmalig im April 1916 vorschlug. Erst nach Überprüfung mehrerer tausend Briefe und Dokumente der oben erwähnten Kollektionen kristallisiert sich schließlich der ziemlich dunkle Ursprung des Werkes heraus. Um die vielen Fäden zu entwirren, die zu Ambassador Morgenthau's Story führen, muß man mit der Untersuchung der verschiedenen Quellen beginnen, auf denen sie basiert.
An erster und wichtigster Stelle steht eine maschinengeschriebene Diary-Abschrift mit dem Namen ["Tagebuch"], das die tatsächliche Dauer von Morgenthaus Aufenthalt in Istanbul (Konstantinopel) umfaßt, d.h., den Zeitraum vom 27. November 1913 (Datum von Morgenthaus Ankunft in der osmanischen Hauptstadt) bis zu seiner Abreise aus der Türkei am 1. Februar 1916, also eine Zeitspanne von 26 Monaten. Aus dem Inhalt, besonders aber aus Morgenthaus Bemerkungen über das Diktieren an seinen Sekretär, einen Turko-Armenier mit Namen Hagop S. Andonian, geht hervor, daß Morgenthau seine täglichen Erlebnisse Andonian erzählte, der diese dann seinerseits in maschinengeschriebener Form für die Nachwelt festhielt. Obwohl äußerst detailliert geschildert, besonders was seine Kontakte mit den Führern der Jungtürken Said Halim Pascha, Enver Pascha und Talaat Bey anbetrifft, so finden sich doch wenige Übereinstimmungen (was nachfolgend noch aufgezeigt werden soll) zwischen der Version der Ereignisse, wie sie in seinem "Tagebuch" aufgezeichnet sind, und der Beschreibung derselben Zusammentreffen und Diskussionen, die in Ambassador Morgenthau's Story erzählt werden. Trotz dieses Problems kann kein Zweifel daran bestehen, daß das wichtigste Quellenmaterial, auf dem das Buch beruht, die täglichen Eintragungen des "Tagebuches" sind.
Zusätzlich zu seinem "Tagebuch", und größtenteils hierauf basierend, war es Morgenthaus Gewohnheit, einen ausführlichen wöchentlichen Brief in Form eines "Rundschreibens" an verschiedene, daheim in den Vereinigten Staaten gebliebene Familienmitglieder zu schreiben. Diese Briefe wurden ebenfalls von Hagop S. Andonian abgefaßt und sogar oft, wie Morgenthau uns in einem Brief vom 11. Mai 1915 mitteilt, in der Tat von ihm geschrieben:
Es ist wirklich unmöglich für mich, mich hinzusetzen und in Ruhe einen Brief zu diktieren. So habe ich Andonian angewiesen, mein Tagebuch zu nehmen und es zusammen mit einigen seiner eigenen Darstellungen zu kopieren. Dieses befreit mich selbstverständlich von jeglicher Verantwortung für etwaige Fehler.
Es handelt sich also um eine Kombination von Morgenthaus "Tagebuch" und "Briefen", die als grundlegendes Rohmaterial dienten, aus dem das Werk schließlich zusammengetragen wurde. Diese beiden Quellenwurden manchmal durch Kopien konkreter Berichte, die Morgenthau in Konstantinopel erhielt oder die von ihm nach Washington, D.C., gesandt wurden, ergänzt. Anders ausgedrückt, sie bildeten das Gerüst, auf das sich das fertige Produkt stützen sollte.
Sich diesen Hintergrund vor Augen haltend, müssen wir uns jetzt der Untersuchung, in welcher Art und Weise das Buch denn tatsächlich geschrieben wurde, zuwenden, und der noch komplexeren Frage, von wem es geschrieben wurde. In dieser Hinsicht läßt sich feststellen, daß der Autor in jeder Ausgabe immer Henry Morgenthau hieß. Und bis heute - 72 Jahre nach ihrem Erscheinen - hat niemand in gedruckter Form der Vermutung Ausdruck verliehen, jemand anders als Morgenthau habe Ambassador Morgenthau's Story geschrieben. Trotz dieser Tatsache gibt es ausreichend vereinzelt auftretende Anhaltspunkte in dem erhaltenen Morgenthau-Material, die uns Hinweise auf die wahre Identität des Buchautors geben.
Zuallererst findet sich eine von Morgenthau ausgesprochene Danksagung im "Vorwort" der amerikanischen als auch der britischen Ausgabe, in der er schreibt: "Mein Dank gebührt meinem Freund Mr. Burton J. Hendrick für seine unschätzbare Mitarbeit bei der Vorbereitung dieses Buches." Diese Anerkennung ist, milde ausgedrückt, eine Untertreibung. Denn tatsächlich entstand Ambassador Morgenthau's Story aus der Feder Burton J. Hendricks unter redaktioneller Mitarbeit einer großen Anzahl von Personen, Morgenthau selbst eingeschlossen. Außerdem wurde er von seinem armenischen Sekretär Hagop S. Andonian unterstützt, der Morgenthau in die Staaten folgte und mit ihm während der Zeit, in der das Buch vorbereitet wurde, zusammenlebte.
Über das Leben von Hagop S. Andonian ist wenig bekannt. Anläßlich zahlreicher Gelegenheiten, bei denen sein Name sowohl im "Tagebuch" als auch in den "Briefen" erscheint, bezeichnet Morgenthau ihn gewöhnlich als "meinen Sekretär", obwohl er gelegentlich auch eindeutig die Rolle des "Dragoman" (Dolmetscher) erfüllte. Das "Tagebuch" belegt die Tatsache, daß er ein regelmäßiger Gast an Morgenthaus Tisch war und den Botschafter am Abend oft ins Kino begleitete. Ein in Morgenthaus "Familienbrief" vom 15. Juli 1914 zu findender Hinweis besagt, daß Andonian um die Jahrhundertwende das unter amerikanischer Leitung stehende Robert College besuchte. Eine erhaltene Photographie aus der Zeit, in der Morgenthau das Amt des Botschafters bekleidete, zeigt ihn als einen sich zur damaligen Zeit in den frühen Dreißigern befindlichen Mann. Obwohl offensichtlich kein spezieller Hinweis erhalten geblieben ist, der Licht auf die Frage werfen könnte, warum er zusammen mit Morgenthau in die Vereinigten Staaten zurückkehrte, belegt eine "Tagebucheintragung" vom 8. Februar 1916 deutlich, daß er die Türkei zusammen mit dem Botschafter verlassen hat. Zu diesem Zeitpunkt schreibt Morgenthau anläßlich der Beschreibung eines Kostümballs an Bord des Schiffes nach New York, daß sein Sohn "Henry als Grieche verkleidet war und Andonian als türkische Dame". Unter der erhaltenen Morgenthau-Korrespondenz findet sich die Kopie eines Briefes, den der Botschafter am 9. Januar 1918 an Seine Eminenz Breckenridge Long, den dritten stellvertretenden Staatssekretär, schrieb, und in dem er diesen um Hilfe bei der Zurückstellung seines Sekretärs Mr. Hagop S. Andonian vom Militärdienst bat. Dieser Brief beinhaltet folgende Passage:
Sie wissen wahrscheinlich um meinen Plan, mit Billigung des Präsidenten ein Buch zu schreiben. Mr. Andonian ist mir bei der Vorbereitung dieses Werkes behilflich, und aufgrund seiner gründlichen Kenntnis des Ostens und seiner ungewöhnlichen Erfahrung sind seine Dienste für mich unersetzbar.
Diese Stelle legt drei interessante Fakten fest: a) Einer der Gründe für Andonians Aufenthalt in den Vereinigten Staaten war, Morgenthau bei seinem Buch behilflich zu sein; b) die eigentlich Arbeit an dem Buch begann am 9. Januar 1918; und c) im Jahr 1918 sollte Andonian seinen Militärdienst ableisten.
Es finden sich auch drei kurze Hinweise auf Andonian in Morgenthaus Tagebuch/Terminkalender von 1918: 1) ein Eintrag vom 26. April 1918, der lautet: "Im Yale Club an Andonian diktiert and Fahnen der zweiten Episode des nächsten Buches überprüft"; 2) eine Eintragung vorn 17. April 1918: "Ganzen Tag über Andonian und Hendrick diktiert"; und 3) eine Notiz vom 9. September 1918, die nur zwei Worte umfaßt: "Andonian abgereist." Die nächsten und letzten Hinweise auf Andonian in Morgenthaus Briefen sind zwei handschriftliche Briefe jeweils vom 16. Dezember 1920 und 24. Dezember 1920. In einem in Istanbul verfaßten Brief, dessen Kopf die Namen Haig, Nichan, Hagop Andonian trägt und deren Rollen als Agenten der Sun Insurance Company und Immobilienmakler aufzählt, versucht Andonian herauszufinden, ob die zur damaligen Zeit in der osmanischen Hauptstadt kursierenden Gerüchte, Morgenthau solle vom Amerikanischen Präsidenten als Vermittler zwischen den Streitkräften der Kemalisten und Armenier ernannt werden, der Wahrheit entsprechen. Falls sich dieses als wahr herausstellen sollte (was nicht der Fall war), bot Andonian Morgenthau seine Dienste an.
Jedermann, der mit turko-armenischer Geschichte der Nachkriegszeit vertraut ist, stellt sich sofort dieFrage einer möglichen Beziehung zwischen Morgenthaus Sekretär Hagop S. Andonian und Aram Andonian, dem Autor einer Sammlung gefälschter Dokumente, bekannt als: The Memoirs of Naim Bey: Turkish Official Documents Relating to the Deportations and Massacres of Armenians, London (Hodder & Stoughton), 1920. Beide waren gebürtige Istanbuler und teilten den ziemlich ungewöhnlichen Nachnamen Andonian, was in der Tat die Möglichkeit einer Verwandtschaft zwischen den beiden aufwirft. Bis heute konnten aber keine weiteren Hinweise zu dieser Frage entdeckt werden.
Eine weitere Schlüsselfigur, die einen beträchtlichen Anteil an der Vorbereitung des Buches hatte, ist Arshag K. Schmavonian, noch ein Turko-Armenier, der 1918 als Sonderberater im Dienst des State Department in Washington, D.C., stand und der als Morgenthaus Übersetzer in Istanbul gearbeitet und ihn auf allen seinen Zusammentreffen mit türkischen Funktionären begleitet hatte. Schmavonians Rolle als Freund, Vertrauter und Berater Morgenthaus sowohl während dessen Aufenthalts in Istanbul als auch danach ist in den verschiedenen erhaltengebliebenen Morgenthau-Schriftstücken leicht nachweisbar. Beinahe vom Tag seiner Ankunft in der Türkei an verließ sich Morgenthau tatsächlich auf Schmavonian als "seine Augen und Ohren" in einer Umgebung, die ihm in Anbetracht der Tatsache, daß er keine der vier wichtigsten in der osmanischen Hauptstadt gesprochenen Sprachen (Türkisch, Französisch, Griechisch und Armenisch) beherrschte, sehr fremd erscheinen mußte. Schon kurz nach seiner Ankunft in der Türkei im Jahr 1914 bekannte Morgenthau in einem Interview mit einem Korrespondenten des The New York Herald seine Abhängigkeit von Schmavonian mit folgenden Worten:
Es wird meine Pflicht sein, mich bis auf den Grund der mich umgebenden Dinge vorzuarbeiten. Mit Hilfe des Rechtsberaters der Botschaft, Mr. Schmavonian, der den Orient sehr genau kennt, werde ich diese Aufgabe in einer mehr oder minder befriedigenden Weise in einigen Wochen lösen können.
Es findet sich kaum eine Seite in Morgenthaus "Tagebuch", die nicht einen Hinweis auf Arshag K. Schmavonian enthält. Er begleitete Morgenthau auf fast jedem seiner Besuche bei der Regierung der Jungtürken, er wohnte Morgenthaus Treffen mit amerikanischen Geschäftsleuten (von denen ihn viele mit der Regelung ihrer rechtlichen Angelegenheiten in der Türkei betraut hatten) bei, er nahm an allen Sitzungen amerikanischer Missionarskreise teil (deren rechtliche Angelegenheiten er ebenfalls regelte), und half Morgenthau auch beim Verfassen seiner Telegramme nach Washington, D.C. Die National Archives in Washington, D.C., beherbergen eine Kollektion der Schmavonian-Schriftstacke. Obwohl diese Schriftstücke größtenteils von Schmavonians Vertretung verschiedener amerikanischer Geschäfts- und Missionarskreise handeln, enthalten sie auch einige handschriftliche Notizen von Morgenthau an Schmavonian, die allesamt die Anrede "Mein lieber Mr. Schmavonian" tragen. In den Morgenthau Schriftstücken findet sich ebenfalls eine große Anzahl von Briefen von Arshag Schmavonian an Botschafter Morgenthau aus dem Zeitraum 1914-1921. Alle vor 1919 verfaßten Briefe tragen die Anrede "Lieber Chef".
Das Ausmaß, in dem Morgenthau auf seinen armenischen Berater vertraute, wird teilweise aus einer Rede ersichtlich, die er anläßlich der Gründung eines. Unterstützungsfonds für Armenier und Syrer hielt. Über Schmavonian schrieb er:
Den ersten Mann, den ich an der Botschaft traf und auf dessen Hilfe jeglicher Art ich mich verlassen konnte, der Mann, der die tagtäglichen Angelegenheiten der Amerikanischen Botschaft regelte, ist ein Armenier [Schmavonian]. Er ist seit 16 Jahren mit unserer Botschaft verbunden. Meiner Meinung nach ist er ein ungewöhnlicher Mann, der von der türkischen Obrigkeit hoch geschätzt wird. Mein Privatsekretär [Andonian] war auch Armenier. Durch diese beiden Männer machte ich die Bekanntschaft einiger armenischer Priester, Patrioten und Professoren und lernte viele der Armenier nicht nur respektieren, sondern lieben und bewundern.
Diese Beziehung endete auch nicht mit Morgenthaus Abreise aus der Türkei. Die beiden trafen sich 1917 wieder, als Morgenthau von Präsident Wilson nach Europa entsandt wurde und Schmavonian sich ihm wieder in der Rolle des Übersetzers anschloß. Nach Abbruch der Beziehungen zwischen der Türkei und den Vereinigten Staaten wurde Mr. Schmavonian dann Ende 1917 nach Washington, D.C., versetzt, wo er bis zu seinem Tod im Januar 1922 in der Eigenschaft als Sonderberater blieb. Morgenthau schrieb zum Gedenken an ihn eine bewegende Achtungsbezeugung, die die enge Verbindung zwischen ihnen veranschaulicht:
Beim Zusammentreffen mit Mr. Schmavonian sah ich zu meinem Entzücken das überschwängliche Lob meiner Vorgänger [Botschafter Straus und Rockhill] nicht nur gänzlich bestätigt, sondern stellte fest, daß sie ihm nicht hinreichend gerecht geworden waren. Alle Traditionen des Amtes hatte er äußerst methodisch im Gedächtnis gespeichert und machte sie mir jederzeit, Tag und Nacht, sofort zugänglich. Gleiches galt für alle amerikanischen Missionars- und Ausbildungsaktivitäten in der Türkei. Er war in sohohem Maße aufrecht und unbedingt wahrheitsliebend, daß jedermann, mit dem er in Kontakt kam, sofort seine wahren Qualitäten erkannte und bald ihren Besitzer lieben lernte. Er war ein wunderbarer Gesellschafter und bereicherte durch seine Gegenwart jede Zusammenkunft. Die Dienste, die er der Regierung der Vereinigten Staaten und allen Botschaftern in Konstantinopel, Missionars- und amerikanischen Geschäftskreisen und der armenischen und jüdischen Bevölkerung in der Türkei erwiesen hat, sind unübertroffen.
Er war allzu bescheiden und verlangte nie irgendwelche Anerkennung. Seine Hingabe an seine Mutter und seinen Dienst füllte ihn vollkommen aus, und er war immer durch und durch loyal gegenüber seinem eigenen Volk, den Armeniern.
Die Vereinigten Staaten haben einen ihrer treuesten Diener verloren und ich einen meiner liebsten Freunde.
Eine Vorstellung von dem Umfang der Rolle, die Schmavonian bei der Ausgestaltung von Ambassador Morgenthau's Story spielte, läßt sich aus einer Untersuchung der erhaltenen Korrespondenz zwischen ihm und Morgenthau aus der Zeit, in der das Buch geschrieben wurde, gewinnen:
a) Schmavonians Brief vom 16. Januar 1918 an Morgenthau, in dem er auf eine frühere Anfrage nach Namen und Titeln verschiedener osmanischer Kabinettsmitglieder während Morgenthaus Amtszeit antwortet.
b) Morgenthaus Brief vom 26. Januar 1918 an Schmavonian, in dem er diesen bittet, auf von Morgenthau aus der Türkei gesandten Telegrammen und Depeschen an das Department of State basierende Fakten bereitzustellen.
c) Die Anlage eines Briefes vom 29. August 1918, die vom State Department angefertigte Kommentare zu Morgenthaus Manuskript enthält, scheint ebenfalls von Schmavonian verfaßt worden zu sein, was die Möglichkeit nahelegt, daß er (wie logischerweise zu erwarten war) der für die Kommentare zur Vorlage von Morgenthaus Buch verantwortliche Beamte des Departments gewesen ist.
d) Der Brief Morgenthaus vom 3. September 1918 an Schmavonian besagt klar und deutlich, daß Schmavonian derjenige war, der zu Morgenthaus Manuskript Stellung nahm. Morgenthau schreibt:
Mit dieser Sendung übersende ich Ihnen unseren Artikel Nr. 7, die erste Hälfte der armenischen Geschichte... Ich hoffe, daß Sie in Ihrer gutmütigen und entgegenkommenden Art einige Überstunden machen werden, und ich verspreche Ihnen, daß ich keine weiteren Bücher schreiben werde, die der Zustimmung des State Department bedürfen.
Kurzgesagt, Schmavonian war Morgenthaus wichtigster Gehilfe sowohl während seiner Amtszeit in der Türkei als auch während der Monate im Jahr 1918, in denen Ambassador Morgenthau's Story geschrieben wurde. Er war sogar vom State Department beauftragt, die Genehmigung zu Morgenthaus Buch zu geben.
Trotz seiner Bedeutung in jeder erdenklichen Phase des Projekts wird er nicht namentlich in Ambassador Morgenthau's Story erwähnt; ein Versehen, das schwer verständlich ist. Dieses trifft besonders angesichts der Tatsache zu, daß sein Name in Morgenthaus Autobiographie All In A Life Time aus dem Jahr 1922 erwähnt wird. In diesem Buch, das Morgenthau in Zusammenarbeit mit French Strother schrieb, erscheint Schmavonian als (was er in Wirklichkeit war) enger Vertrauter Morgenthaus. Ist es möglich, daß Morgenthau dachte, ein Hinweis auf seine Abhängigkeit von seinen armenischen Assistenten (Andonian wird auch nicht erwähnt) könne seltsam in einem Buch anmuten, das teilweise der Armenischen Frage gewidmet ist?
Ein weiterer Teilhaber an dem Projekt war der Secretary of State Robert Lansing, der (auf Geheiß des Präsidenten?) jedes einzelne Kapitel des sich in Arbeit befindlichen Buches las und kommentierte.
Die Frage, welche Rolle Lansing spielte, soll weiter unten beantwortet werden; eine Reihe von Briefen aus der Entstehungszeit des Buches schildern jedoch ausführlich, daß diese nicht unerheblich war:
a) Lansings Brief an Morgenthau vom 2. April 1918, in dem der Sekretär schreibt: "Hiermit gebe ich Ihnen den ersten Teil der Probe Ihres Buches zurück, das ich mit besonderem Interesse gelesen habe... Ich habe verschiedene Randbemerkungen gemacht, in denen ich bestimmte Änderungen oder Textauslassungenvorschlage, und ich vertraue darauf, daß Sie diesen zustimmen werden";
b) Lansings Brief an Morgenthau vom 27. April 1918, einen anderen Teil des Manuskriptentwurfs begleitend, "verbunden mit einigen Vorschlägen, die wir uns nach sorgfältiger Überlegung getrauen zu machen";
c) Lansings Brief an Morgenthau vom 29. August 1918, zusammen mit Probeblättern und weiteren Vorschlägen;
d) Lansings Brief an Morgenthau vom 17. September 1918 mit "Vorschlägen und Bemerkungen";
e) Morgenthaus Brief an Lansing vom 22. September 1918, in dem er um Erlaubnis bittet, im Vorwort zu dem veröffentlichten Buch eine Danksagung für die "Mühen, die Secretary of State Robert Lansing beim Lesen des Manuskripts auf sich genommen hat, und für seine vielen nützlichen und wohlüberlegten Vorschläge" auszusprechen.
f) Lansings Brief an Morgenthau vom 2. Oktober 1918, in dem er Morgenthaus Wunsch, ihm für seine Mitarbeit an dem Buch zu danken, zurückweist, da "es im großen und ganzen ratsamer ist, meinen Namen in Verbindung mit dem Buch nicht zu nennen".
Erinnert man sich der Tatsache, daß Morgenthau vor Aufnahme seines Projekts den schriftlichen Segen des Präsidenten der Vereinigten Staaten Woodrow Wilson erhielt und daß im Laufe der Arbeit jedem einzelnen Kapitel der persönliche Stempel der Zustimmung des U.S. Secretary of State Robert Lansing aufgesetzt wurde, wird klar, daß man sagen kann, Morgenthaus Buch trage die Imprimatur der Regierung der Vereinigten Staaten.
Hiernach wird deutlich, daß jedweder literarische Wert des Werkes - und alle seine Kritiker fanden es in der Tat lesenswert - einzig und allein der Verdienst Hendricks ist, Obwohl Hendrick nie die ihm gebührende Ehre in Form offener Anerkennung seiner Rolle als Ghostwriter der Geschichte zuerkannt wurde, so ist er doch, wie ein an ihn gerichteter erhaltener Brief Morgenthaus vom 5. Juli 1918 beweist, gut für seine Mühen bezahlt worden. Anstelle eines formalen Vertrags, der offensichtlich nie zwischen den beiden Männern bestanden hat, schrieb Morgenthau folgendes an Hendrick:
Ich möchte hiermit schriftlich meine Absicht niederlegen, Ihnen einen Teil des Gewinnes aus dem Buch Ambassador Morgenthau's Story, das in Kürze bei Doubleday, Page & Company, erscheinen wird, zukommen zu lassen.
Die endgültige Vereinbarung soll getroffen werden, wenn Ihre Arbeit an dem Buch beendet ist. Sollte mir in der Zwischenzeit etwas zustoßen, so weise ich meine Testamentsvollstrecker hiermit an zu veranlassen, daß Sie zwei Fünftel jedweder mir zustehenden Einkünfte von Doubleday, Page & Company, erhalten sollen bis zum Gesamtbetrag von zehntausend (10 000) Dollar, und daß die ersten mir zukommenden fünftausend (5 000) Dollar als Teilzahlung an Sie überwiesen werden sollen.
Hendrick, eine Persönlichkeit, die voll und ganz einer eingehenden eigenständigen Untersuchung wert wäre, muß wohl mit dem bei Abschluß des Buches gemachten letzten Arrangement vollauf zufrieden gewesen sein. Aufgrund einer Rechnung, die in den Morgenthau-Schriftstücken erhalten geblieben ist, müssen wir vermuten, daß das letzte Arrangement - wie immer es ausgesehen haben mag - Hendrick einen 40%igen Anteil an dem Buch auf dessen Lebensdauer garantierte. Sie beweist, daß im Zeitraum vom 2. Januar 1932 bis 1. Juli 1932, d.h. 14 Jahre nach Erstveröffentlichung des Buches, Ambassador Morgenthau's Story noch immer in Druck war. Sie registrierte in diesem sechsmonatigen Zeitraum eine Verkaufsgesamtsumme von 2,00 Dollar, deren 50%iger Anteil des Autors, d.h. 1,00 Dollar, wie folgt aufgeteilt war:
Mr. Burton J. Hendricks 40%iger Anteil ...40 Cent
Mr. Henry Morgenthaus 60%iger Anteil ...60 Cent
So verschaffte die amerikanische Ausgabe des Buches also 14 Jahre nach ihrer Erstveröffentlichung Hendrick und Morgenthau noch immer ein Einkommen. Was Hendricks Meinung betrifft, wurde sie in einem Interview "mündlicher Geschichte" aufgenommen, das er dem Historiker Alan Nevins von der Columbia University einige Monate vor seinem Tod 1949 gab. Er sagte:
Einmal habe ich als "Ghostwriter" geschrieben. Das waren die Reminiszenzen des älteren HenryMorgenthau. Jenes Buch erweckte ziemliches Interesse. Ich arbeitete die ganze Zeit über mit Henry zusammen.
Er war eine interessante Persönlichkeit. Henry Morgenthau war ein sehr fähiger Mensch, gesellig und gutartig und ein äußerst erfolgreicher Mann. Er machte hier in New York natürlich ein Vermögen im Immobiliengeschäft... Das Schreiben der Bücher über Sims und Morgenthau war sehr interessant - mehr oder weniger wie ein Job...
Hendrick, der in den 10 Jahren nach Veröffentlichung des Morgenthau-Buches drei Pulitzerpreise erhalten sollte – einen für das Buch The Victory at Sea (Gewinner des Pulitzerpreises 1920 für Geschichte), das in Zusammenarbeit mit Admiral William S. Sims entstand, und zwei für Biographie: für sein 1922 erschienenes Buch The Life and Letters of Walter H. Page und 1928 für den zweiten Page-Band mit dem Titel: The Training of an American – war bereits 1918 ein bekannter Journalist, der zeitweilig als Leitartikelautor für The New York Evening Post, McCure's Magazine und The World's Work gearbeitet hatte. Mit den Worten des für die New York Times arbeitenden Verfassers seines Nachrufs entwickelte Hendrick in diesen Stellungen "einen guten Ruf für seine sorgfältige Gewissenhaftigkeit, aufrichtigen Ideen und Humor und entdeckte seine Freude an Nachforschungen über Themen von großem historischen Interesse." Die in der Times erschienene Todesanzeige führt weiter aus, daß "Kritiker seiner Biographien und historischen Darstellungen fast durchweg betonten, seine Frische und scharfsinnigen Analysen trügen das Merkmal seiner früheren journalistischen Ausbildung."
Ironischerweise empfand wenigstens ein Kritiker von Ambassador Morgenthau's Story -- ein W.W.K. — daß Morgenthau einen Mitarbeiter mit journalistischer Erfahrung gehabt haben muß. In der Ausgabe vom 5. Dezember 1918 schreibt er in den Detroit Michigan News:
... Henry Morgenthau, unser Botschafter in der Türkei während des ersten Kriegsjahres, ist entweder der geborene Journalist oder hat bei der Vorbereitung seines Bandes die Hilfe eines Journalisten gehabt; 'Ambassador Morgenthau's Story' ist nämlich reiner Journalismus...
Was wir vor uns haben, sind weniger die Memoiren eines Individuums - Botschafter Henry Morgenthaus - sondern ein Kollektivwerk des bereits erwähnten 'Teams'. Morgenthaus Istanbuler Notizen (sein "Tagebuch" und seine "Familienbriefe") sind zuerst von Morgenthau und Andonian zusammen mit Hendrick überarbeitet, von Schmavonian (im Auftrag des State Department) inhaltlich redigiert, dann von Secretary of State Robert Lansing (im Auftrag der Exekutiven) auf "Feinheiten" abgestimmt, und schließlich als Ambassador Morgenthau's Story von Burton J. Hendrick niedergeschrieben worden.
Wie unsere weitere Untersuchung zeigen wird, ist die Antwort auf die Frage, wessen Geschichte es wirklich ist, die, daß es sich um eine Kollektivgeschichte handelt, die nur in oberflächlicher Beziehung zu dem steht, was Henry Morgenthau tatsächlich während seiner Amtszeit in der Türkei erlebte.
II. Kapitel (ohne Fußnoten 12-46) aus Heath W. Lowry "Die Hintergrundgeschichte zu Botschafter Morgenthaus Memoiren", Istanbul 1991, Seite 8-27
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