Den Türken geht ein Licht auf - wieder einmal zu spät

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Integrationsgipfel

Der einst hoch gewürdigte Integrationsgipfel scheint sein Zenit erreicht zu haben. Unter den Kritikern befinden sich nun auch Teilnehmer des Gipfels selbst

Kenan Kolat, Vorsitzender der Türkischen Gemeinde, zieht einen Schlußstrich unter den vorerst letzten Integrationsgipfel (nächster ist für 2013 geplant) und das Resümee, auch wenn er diplomatisch ausfällt, ist eher vernichtend. Jahrelang wurden die kritischen Stimmen innerhalb der türkischen Gemeinde durch die TGD (Türkische Gemeinde Deutschland) selbst geflissentlich ignoriert. Woher nun der Sinneswandel?

Kolat muss um seine Schäfchen fürchten, die seit geraumer Zeit immer mehr Eigeninitiative entwickeln und damit die Daseinsberechtigung der TGD in Frage stellen. Erste Interessenskonflikte machten sich bereits im Süden und in Berlin bemerkbar. Weitere; in NRW wo personelle Streitereien die türkische Gemeinde gänzlich geschwächt haben oder in Rheinland-Pfalz, wo der Alleingang längst Gang und Gebe ist, setzen der Zentrale in Berlin weiterhin zu. Kolat muss handeln, um die Gemeinde überhaupt zusammenzuhalten und während des Integrationsgipfels als Gesprächspartner mit Gewicht zu präsentieren. Das wird schwierig, zumal die türkischstämmige Gesellschaft nach 50 Jahren Gerede um die Integration und seit kurzem auch um die Zugehörigkeit des Islams in Deutschland die Nase gestrichen voll haben. Die Mitgliederzahlen schwinden, auch weil in den angeschlossenen Vereinen Kritik gegenüber der TGD nicht erwünscht ist oder nur auf umwegen gelangt. Die heile Welt die die TGD dabei in Szene setzt, hat spätestens mit dem 5. Integrationsgipfel aber einen Dämpfer erhalten.

Kenan Kolat muss sich nun eingestehen, dass die Integrationsdebatte die man selbst bereitwillig mitangestoßen hatte, eine Einbahnstraßegeworden ist. Auch nach der fünften Sitzung im Bundeskanzleramt ist kein Licht am Ende des Tunnels zu sehen. Wie denn auch? Der jetzt neu vorgestellte Nationale Aktionsplan "Integration", der allen als eine Art Navi dienen soll, ist eher als eine standartisiert-technisierten "Willkommenskultur" zu verstehen, die allen Migranten als Handbuch gereicht werden soll. Dabei wird die Vielfalt und eine echte "Willkommenskultur", die durch jeden Einzelnen in unserer Gesellschaft stattfinden muss, vollkommen unberücksichtigt gelassen.

Mehr Migranten im öffentlichen Dienst – das ist ein richtiger Ansatz. Aber das löst das eigentliche Problem nicht. Es ist versäumt worden, in Deutschland eine echte Willkommenskultur zu entwickeln. Wir benötigen in Deutschland mehr Teilhabe, mehr Empathie für Migranten
Kenan Kolat, Vorsitzender der TGD

Dabei sind ganz gewöhnliche, geradezu unterschätzte oder gar kritisierte Gesten die einen Willkommen heißen, rar. Bundespräsident Wulff hatte während seiner Rede zum zwanzigsten Jahrestag der Deutschen Einheit mehr Herzen mit türkischem Migrationshintergrund erreicht, als all die Gipfel der vergangenen Jahre oder ein Kenan Kolat von der TGD, der die Interessen derer vertritt. Wulff war zwar nicht der einzige, dafür aber auch derjenige der dafür durch die Mehrheitsgesellschaft in vielfältiger Art gerügt wurde. Damit enthüllte man, wenn auch unbewusst, das Verständnis zum Zusammenleben.

Die türkische Gemeinde hat längst erkannt, dass die Befürworter und Vertreter einer gleichberechtigten Zivilgesellschaft kaum Chancen haben, auch weil die Gleichberechtigung nicht gewollt ist. Das fängt mit dem Islam an, die seit Jahrzehnten weiterhin in Hinterhofmoscheen festgehalten wird, auch wenn manch eine repräsentative Moschee mit viel politischem Getöse mitten in einer Großstadt aus dem Boden gestampft wird. Noch ist der Islam als Religion nicht anerkannt und es sieht nicht danach aus, als würde sich daran in den nächsten Jahrzehnten etwas gravierendes ändern, auch wenn Kanzlerin Merkel das in der Vergangenheit in aussieht stellte. Das alleine bereitet den türkischen Migranten kein Kopfzerbrechen, obwohl es verfassungsrechtlich kein Gegenargument gegen die Anerkennung gibt; der Glaube wird auch heute als etwas normales betrachtet, die man trotz der widrigen Bedingungen ausüben oder nachgehen kann. Die kurz geführte Debatte um einen Euro-Islam führte auch dazu, dass die türkischen Migranten sich damit weiterhin zurückhalten. Was würde passieren, wenn man sich nicht zurückhält? Die TGD und die Bundesregierung sind sich dessen sehr wohl bewusst und arbeiten eigentlich Hand in Hand, auch wenn die TGD sich selbst als rein gesellschaftlicher Zusammenschluß sieht und dabei den Islam vollkommen ausschließt.

Es wird sicherlich die zukünftige Aufgabe sein, die wir mit großem Respekt vor der Religion, aber auch großem Nachdruck durchsetzen müssen, zu sagen: Ein Islam, der mit der Religionsfreiheit in Deutschland natürlich hier willkommen ist, muss ein Islam sein, der sich unseren Grundwerten verpflichtet fühlt. Darüber muss gesprochen werden. Ansonsten würden Ängste zunehmen, und das kann nicht unser Ansinnen sein.
Bundekanzlerin Merkel, Rede anlässlich der Vorstellung des Buches „Konservativ“ von Ministerpräsident a. D. Roland Koch in Berlin

Die Politik sorgt seit Jahren dafür, dass die türkische Gemeinde sich mit ihren "Defiziten" O-Ton beschäftigen muss. Dabei hilft man ihr mit unzähligen Statistiken und Gesetzen. Diese Sonderbehandlung führt zu paranoiden Diskussionen innerhalb der Gesellschaft und zu mehr Statistiken und Gesetzen. Manchmal werden auch Defizite wie in der Bildung, z.B. geringe Unigänger oder überproportionale Schulabbrecher mit guten Beispielen begegnet; alles will man eben auch nicht unterschlagen, dass würde auch keiner mehr abnehmen. In die unendlichen Debatte greifen seit jeher "Experten" aus dem "eigenem Hause" ein, Menschen mit Migrationshintergrund, die doch am besten Wissen müssten, wie es um die "Migranten" und ihren "Willen" zu mehr "Integration" steht. Die türkische Gemeinde fühlt sich dadurch gleich von allen Seiten ertappt. Eigentlich müssten sich die "Ertappten" zusammenschließen; um sich zu beraten, neue Aktionspläne zu schmieden, dem entgegen zu wirken. Aber man ist davon weit entfernt, auch Dank der TGD, die nicht im stande war, die türkische Gemeinde anzuführen, ein Sprachrohr zu werden.

Mich ärgert, dass immer nur über Defizite gesprochen wird
Kenan Kolat, Vorsitzender der TGD

Vielmehr führte es dazu, dass innerhalb der türkischen Gemeinde kein Konsenz mehr darin bestand, wie man reagieren soll. Die Paranoia hatte längst auch hier Einzug erhalten. Der Totalausfall realistischer Selbstwahrnehmung setzte unzähliche Initiativen in Richtung "Integration" in Gang, die in sich nicht schlüssig waren und erst recht nicht in Absprache mit den Gemeinden stattfand und deshalb keine Unterstützung erfuhr. Auch wenn die strittigen "Defizite" zum Teil ihre Berechtigung haben, die systematische Selbstsezierung wurde von der Bunderegierung in keinster weise gewürdigt. Die türkische Gemeinde steht nun mit heruntergelassener Hose da und muss weiterhin Häme über sich ergehen lassen.

Je öfter die Debatte angestoßen wird, desto mehr Diskussionspartner wollen im Integrationsgipfel ihr Ständlein einbringen und zur Zeit nimmt die gesamte Republik daran teil, teils von der Politik gewollt, teils von den Medien getragen. Bereits jetzt ist jeder Stammtischbesucher in der Lage, über den Islam zu philosophieren oder den Nachbarn von nebenan bis in seine Gedanken hinein interpretieren zu können, obwohl man ausser über "Hallo" und "Guten Abend" hinaus nicht kam. Deshalb ist es heute auch eine Selbstverständlichkeit, wenn jeder Dorftrottel als Orientalist oder Islamwissenschaftler im Internet seine Extremhaltung an den Mann bringen kann, gleichzeitig aber an einem Döner herumkaut. Das ist wohl die Integration, mit der man Vorlieb nehmen will.

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