Israels Armutszeugnis

Artikel »

Israel - Mavi Marmara

Der Vorfall auf der Mavi Marmara aber auch die vorherige Reaktion Erdogans in Davos, bezüglich des Gaza-Kriegs, hat die Völkerfreundschaft beider Länder in eine tiefe Krise stürzen lassen. Außer Acht gelassen werden dabei die Jahrzehntelange Freundschaft und eine gemeinsame historische Geschichte

Selbstbewusste türkische Außenpolitik

Während die immer selbstbewusstere türkische Außenpolitik ihr Recht durchsetzen möchte, dass kein Land der Welt türkische Staatsbürger ohne Konsequenzen töten und danach so tun kann als wäre nichts gewesen, möchte die israelische Politik ihren harten Kurs oder besser gesagt, die Situation im Nahen Osten beibehalten. Das hat sich zwar durch die Revolution im Nachbarland Ägypten merklich geändert und Israels Situation negativ beeinflusst, inwiefern das Verhältnis beider Seiten sich noch entwickelt, muss weiterhin beobachtet werden.

Erinnern wir uns an die Demütigung und das Verhalten Israels, als der türkische Botschafter Ahmet Oguc niedriger sitzen musste als seine israelischen Kollegen: man kann durchaus nachvollziehen wie überheblich die israelische Politik gegenüber der Türkei ist, vor allem dann, wenn man nicht so spurt, wie einem lieb ist. Das Bild ging durch die Welt. Damals ging es um eine Fernsehserie, die Israel nicht in den Kram passte. Auch hier zeigte Israel ohne Folgen handeln zu können und ihre Macht zu demonstrieren. In den Medien wurde es kontrovers diskutiert und auch die Frage gestellt, wieso die türkische Politik eine Fernsehserie im Interesse Israels hätte verurteilen, gar verbieten sollen, was demokratisch gesehen nicht haltbar gewesen wäre. Diese Vorgehensweise gab Israels Kritikern eher noch Munition und auch innerhalb der israelischen Politik wurden solche Vorgehensweisen in Frage gestellt, gar verurteilt.

Wenn man sich über die Hintergründe der Mavi Marmara informiert, so kann man Israel durchaus verstehen, wenn sie in der Solidarisierung etwas anderes sieht. Bei neun Menschen die getötet werden, jedoch nicht mehr. Die Verurteilung der türkischen Politik durch die Medien, die Türkei würde wegen ihrer derzeitigen Position (neuer UN-Bericht) nur den Beleidigten spielen, sind haltlos und ein Totschlagargument aus der rechtspopulistischen Ecke. Der Umstand ein Schiff in internationalen Gewässern zu entern und Menschen in den Rücken zu schießen oder am Boden liegende Zivilisten mit Kopfschüssen hinzurichten, sind durch nichts zu rechtfertigen. Auch nicht, wenn israelische Soldaten bei der Enterung verprügelt wurden. Diesem Umstand ist sich auch die israelische Politik durchaus bewusst. Eine Entschädigung und Entschuldigung ist aber nicht im Interesse der Ultras in der Knesset. Die türkische Politik hat hier richtig gehandelt und auch jedes andere Land hätte genauso reagiert. Kein Land, auch nicht Israel, darf ohne Konsequenzen Zivilisten ermorden. Da hilft keine Arroganz und Überheblichkeit, die dieses Verhalten durch die israelische Politik wiederspiegelt.

Bereits im Januar schikanierte die israelische Regierung über 800 türkische Arbeiter in Israel und wollte diese wegen politischer Probleme mit dem türkischen Verbündeten außer Landes verweisen. Undenkbar, wenn in der Türkei ebenso reagiert worden wäre. Der Vorwurf des Antisemitismus wäre definitiv in den Medien aufgetaucht und in den deutschen Medien wäre Erdogan der böse konservative Islamist gewesen.

Erneute Eskalation

Israel legte jedoch nach und schikanierte jüngst türkische Touristen in Israel, als diese nach ihrem Urlaub zurück in die Türkei fliegen wollten. So wurden nach neuesten Medienberichten zufolge nur türkische Touristen während Passagierkontrollen abgeführt und in Verhörräume gebracht. Dort riss man ihnen gewaltsam die Kleider vom Leib, bis sie völlig nackt waren und wurden ohne Angaben von Gründen für mindestens 30 Minuten festgehalten. Die Türkei reagierte in der gleichen Art und setzte 40 israelische Touristen im Flughaften von Istanbul fest. Ausgang der israelischen Aktion waren die neuesten Entscheidungen der türkischen Regierung, die militärische Zusammenarbeit einzustellen und den israelischen Botschafter auszuweisen sowie die Ankündigung, Wirtschaftsverträge aufzukündigen.

Das Israel sich damit keinen Gefallen tut, hat sich bereits in der Türkei herumgesprochen und je mehr sich Israel mit solchen Aktionen zur Wehr setzt, desto mehr Zuspruch erhält Erdogan. Was aber wollte Israel mit der Demütigung türkischer Staatsbürger erreichen? Gestern der türkische Botschafter, heute türkische Staatsbürger? Es ist eher ein Zeichen der Hilflosigkeit, denn politisch ist Israel stark in Bedrängnis geraten und hat anscheinend keine anderen Mittel der Türkei zuzusetzen. Während die türkische Regierung auf legalen und diplomatischen Wegen Sanktionen und Entscheidungen trifft, wie es sich für ein gewachsenes und seriöses Land gehört, verhält sich Israel wie eine Bananenrepublik.

Die türkische Regierung unter Ministerpräsident Erdogan hingegen kann sich durch solche Patzer von Seiten der Israelis nur Zustimmung aus allen Teilen der Welt und aus allen politischen Lagern der Türkei ergattern und man muss sich langsam auch eingestehen, sogar zurecht.

Unrecht hatte die türkische Regierung jedoch was die Mavi Marmara betrifft und wer dahinter steckte. Auch wenn die Absichten des Hilfsschiffs durchaus verständlich sind, so ist die IHH eine dubiose Hilfsorganisation. Man kann aus regierungskritischen Kreisen vernehmen, Erdogan hätte die Menschen der Mavi Marmara bewusst wie blinde Schafe auf eine Klippe zulaufen lassen. Eine Art Bauernopfer. Dem ist durchaus zuzustimmen; ist aber kein Argument Morde durchgehen zu lassen. Der Umstand, dass Israel in internationalen Gewässern gepatzt und gemordet hat, ging dann doch zugunsten für die AKP auf und zeigte der entsetzten Weltöffentlichkeit, das Israel nicht nur Opfer ist, sondern auch Täter zugleich sein kann.

Tabuthema Wirtschaft

Verschwiegen wird auf beiden Seiten, dass die wirtschaftliche Zusammenarbeit, unabhängig der politischen Beziehungen beider Länder, Milliardenumsätze bringt. Die Türkei versorgt das israelische Militär seit jeher mit Uniformen und etlichen anderen Ausrüstungsgegenständen sowie lebenswichtigen Lebensmittellieferungen. Israel modernisiert Kampfflugzeuge des türkischen Militärs. Ein Umstand, welches Mavi Marmara Aktivisten wohl immer noch nicht wissen. Auch die größten Baufirmen in Israel sind türkische und so werden Krankenhäuser, Brücken, Hochhäuser oder gar Siedlungen von türkischen Holdings und dessen Arbeiter gebaut. Türkische Produkte stehen in Israels Supermärkten und auch in der Türkei sind israelische Firmen und Arbeiter keine Seltenheit.

Wie du mir, so ich dir

Die neuesten Demütigungen seitens Israels und die gleiche Reaktion auf der türkischen Seite scheinen kleine Machtspiele zu sein. Die Türkei täte gut daran ihren Kurs der selbstbewussten Außenpolitik beizubehalten. Wenn Israel meint türkische Bürger zu drangsalieren oder mit Mord davonkommen zu wollen, wäre die Türkei nicht besser als Ägypten. Dieses Land, welches seit Jahrzehnten eine Marionettenregierung auf Kosten der Bevölkerung hatte und sich von ihrem Peiniger endlich befreien konnte, blieb tatenlos, als das israelische Militär während einer Operation ägyptische Soldaten an der Grenze tötete und mit einer plumpen Entschuldigung den Ägyptern zeigte, dass man mit solchen Aktionen ewig durchkommen wird.

Nicht der richtige Weg

Der diplomatisch legitime Weg, Protest zu üben ist eine beispielhafte Vorgehensweise der türkischen Außenpolitik. Die Reaktion 40 israelische Zivilisten festzusetzen, wie es zuvor in Tel Aviv mit türkischen Touristen getan wurde, ist durchaus verständlich, jedoch nicht in Ordnung. Auf die selbe Stufe wie die der israelischen Politik sollte sich die Türkei nicht stellen. Viel lieber hätte man weiterhin auf diplomatische Maßnahmen zurückgreifen sollen. Auch wird vergessen, das neben der vertretbaren Außenpolitik, die AKP selbst Politik betreibt und bis heute vom Tod der neun Aktivisten profitiert, u.a. wegen der aufflammenden PKK-Frage. Davon profitieren auch rechtspopulistische Gruppierungen und Parteien aus Europa, insbesondere in Deutschland.

Armutszeugnis für Israel

Israels Aktionen gleichen einem Armutszeugnis. Die Frage, wie sich Israel hätte verhalten sollen, könnte man am Beispiel von Seepiraten an Afrikas Küsten beschreiben. Fast täglich gibt es gewaltsame Entführungen von Handelsschiffen. Kriegsschiffe aus diversen Ländern sind komischerweise kompetent genug, schwerbewaffnete Banden zu entwaffnen, die Geiseln zu befreien und kein Menschenleben zu gefährden, nicht einmal Piraten. Das wurde oftmals unter Beweis gestellt. Weshalb die hochmoderne israelische Armee auf der Mavi Marmara so vorgegangen ist, wird wohl nie wahrheitsgetreu beantwortet werden können. Vielleicht möchte man das auch gar nicht. Mit der Berufung des Existenzrechts hat sich Israel einen internationalen Freifahrtschein ergattert. Diesen lösen sie seit Jahrzehnten (meist zurecht) bei den arabischen Nachbarn ein. Das israelische Militär dachte diesen Schein auch bei den Türken einlösen zu können. Aus dem Freifahrtschein wurde eine kostspielige Angelegenheit. Die Türkei war nie ein Feind Israels und wird es auch nie werden. Israel benimmt sich jedoch so, als wäre die Türkei ein verfeindetes Land, nur weil ihr die Regierungspartei nicht passt.

Auch sind die Reaktionen und die Vorgehensweise der israelischen Regierung durchaus bedenklich, denn diplomatisch handelt Israel nicht. Das Land ist auf Export angewiesen und würde bei wirtschaftlichen Sanktionen gegen die Türkei sich mehr Schaden als der Türkei. Die Hardliner-Mentalität gegen Schurkenstaaten und deren terroristische Vereinigungen sind nachvollziehbar, deren Konsequenzen und ob das ewig so weitergehen kann, ein politisches Problem Israels. Wenn Israel meint, das jeder ein Feind ist, der Kritik übt und nicht dort sitzt, wo es die aktuelle israelische Regierungspartei möchte, dann ist das ein hausgemachtes Problem und kein Problem der Türkei.

Freundschaft

Die neuesten Ereignisse ließen jedoch auch zum Vorschein bringen, welches beide politischen Lager anscheinend kaschieren möchten. Bürger beider Länder genießen ihren Urlaub in der Türkei bzw. in Israel. Firmen beider Länder machen miteinander gute Geschäfte, pflegen somit auch ihre Freundschaft. Kulturelle und historische Gemeinsamkeiten sind ebenso Aspekte, die stärker wiegen als die Politik.
 

Verfolgen Sie TURKISHPRESS auf Facebook

Loading