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Überall in Europa erhalten ganze Stadtviertel einen neuen Flair, auch Istanbul, die an dritter Stelle unter den bevölkerungsreichsten Städten der Welt und an erster Stelle im Bevölkerungswachstum steht
Je größer die Stadt, desto augenfälliger sind Projekte, in denen finanzstarke Investoren das Stadtbild innerhalb weniger Jahre umgestalten. In Istanbul kommt noch hinzu, dass die Stadtverwaltungen von Fatih und Beyoğlu der Gesetzesvorlage vom 5. Juli 2005 zugestimmt haben und konsequent durchsetzen. Die Viertel Neslişah und Hatice Sultan (Sulukule) die in der Stadterneuerung Platz einnehmen, stehen nach Tarlabaşı, Fener-Balat, Süleymaniye und Ayvansaray als nächste vor der Klonisierung oder wie die in England beheimatete New Economics Foundation die Stadtkultivierung auch bezeichnet: Clone Town. Überall sprießen neue Einkaufsmeilen die sich einander gleichen und dabei altehrwürdige Kinos, Buchhändler, Goldschmiede oder Kleinhändler verdrängen. Schon heute ist der Mietpreis im Vergleich zu 2001 um 200 Prozent angestiegen. Kaum einer der nicht das nötige Kleingeld hat, kann es sich leisten, in diesen Vierteln zu wohnen.
Die Rechnung der Stadtverwaltung geht auf. Seit einigen Jahren breiten sich Multiplexkinos, Einkaufstempel, Bars, Restaurants, Clubs und Galerien aus und geraten dabei in überwiegend von Roma, anatolischen zuwanderern wie Türken und Kurden, aber auch von alteingesessenen Juden, Armenier, Griechen und Türken bewohnte Viertel wie in Tophane. Der Konflikt ist vorprogrammiert. Viele Menschen fühlen sich von den steigenden, oft unbezahlbaren Mieten überfordert und ziehen freiwillig oder durch Zwangsmaßnahmen aus. Ein Stück lebendiger Stadtkultur geht dabei verloren. Gentrifikation oder wie es in türkisch Soylulaştırma genannt wird, ist ein generelles Problem in allen größeren Städten der Welt. In Istanbul wird die Gentrifizierung offen und planerisch umgesetzt, mit Hilfe der Stadtverwaltungen und großzügiger Unterstützung durch nahmhafte international tätige Unternehmen. Kaum eine umstrukturierte Straße, die der anderen nicht gleicht; das ist die Konsequenz der städtisch verordneten Planung.
Erste Konflikte konnte man schon beobachten: September 2010 überfielen knapp 50 Jugendliche eine Vernissage im Stadtteil Tophane. Die Zeitungen machten daraus einen Akt religiös-bedingter Intoleranz. Laute Musik, Wein und Alkoholexcesse, pornografisch Kunst und Ausstellung von Aktfotografien hätten die Bewohner Tophanes aufgebracht. Dabei war der Beweggrund eine andere. Die Verdrängung alteingesessener Bewohner durch horrend teure Mietsteigerungen und die in diesem Zusammenhang durchgeführten Zwangsräumungen hatten die Kluft zwischen sozial Schwachen und der Künstlerelite im Rahmen der Kulturhauptstadt 2010 entfacht. Mittlerweile sind sich auch die Künstler uneins darüber, wie sie im Zuge der "Expansion" mit den Bewohnern leben können, ohne die Mietsteigerungen selbst zu verursachen. Der Spagat gelingt nicht immer, aber einzelne Ateliers haben sich mit Bewohnern arrangiert und helfen gleichzeitig, die Sorgen und Nöte der Menschen in ihren Künsten aufzunehmen.
Konterkariert werden die Bemühungen aber durch städtische Shopping-Festivals, in der sogar das türkische Kultur- und Tourismusministerium mit großzügigen Werbemaßnahmen den Städten unter die Arme greift. Der Kaufrausch wird dabei mit Hilfe internationaler Unternehmen angekurbelt. Überall monströse Einkaufstüten mit Markenemblemen etablierter Unternehmen, die den Weg zu den Konsumtempeln zeigen. Cafes und Restaurants die sich auch auf Gehwege breitgemacht haben, drängen die Fußgänger auf die Straßen; sarkastisch wird schon darüber gemunkelt, wann die nächste Straßenbahn oder ein PKW einen angelockten Konsumenten überfährt und sich Krankenwagen in den geklonten Straßen verirren. Vom einstigen Stadtbild der einst ältesten Siedlung wie die in Sulukule ist nichts zu sehen.
Gestaltungsmaßnahmen in Istanbul
Wachstumsraten der Städte
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