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Für die einen der Anfang vom Ende, für die anderen ein erster Schritt zur Versöhnung
Polarisierende Hetze zwischen "Feinden" mit gegenläufigen Meinungen verhindern Annäherung und Versöhnung. Versöhnungsabsichten werden ständig torpediert, oftmals von gewissen Teilen beider Parteien. Hier bezieht sich der Diskurs den ich führe, um Armenier und Türken in Deutschland.
Meine Aufmerksamkeit erregte diesmal nicht wie erwartet die angeblich nationalistisch-rassistisch ausgerichtete türkische Ideallistenvereinigung in Deutschland (ATIB) und deren Vertreter bzw. Sympathisanten mit einem Artikel (gibt es die überhaupt), sondern eine gewisse Madlen Vartian mit einem Artikel in Ihrem Blog und in der Die Achse des Guten. Sprecherin, Akteurin und Verfechterin mit eigenen Ansprüchen zur Versöhnung von Armeniern und Türken. Wir sollten hier aber unterscheiden. Es geht zum einen um Armenier, die in der Diaspora leben und um Armenier, die in der Türkei leben. Der Diskurs der hier geführt wird, bezieht sich ausnahmslos auf die Diaspora hier und in Europa, wobei auch hier Unterschiede ausgemacht werden können, sofern diese nicht bevormundet werden, was allerdings schwer nachzuweisen ist.
Madlen Vartian reflektiert ein Theaterworkshop mit renommierten Künstlern der europäischen Theater- und Literaturszene namens RECON - eine von der Europäischen Kommission, der Robert Bosch Stiftung und dem Deutsch-Französischem Jugendwerk gefördertes Projekt - das mittlerweile anläuft. Der Workshop ist Teil eines Theaterprojektes zwischen Frankreich, Deutschland, Armenien und der Türkei, welches das Thema Aussöhnung zwischen Frankreich und Deutschland sowie Armenien und der Türkei hat. Geleitet wird das Projekt unter dem Motto "Aussöhnung - über das Mitgestalten einer öffentlich geführten politischen Debatte und die Möglichkeiten der darstellenden Kunst" von den Künstlern Sedef Ecer (Türkei), Marilen Iglesias-Breuker (Deutschland), Bruno Freyssinet (Frankreich) und Serge Avedikian (Armenien), die auch die Theater-Inszenierung schreiben werden. Ziel: die in den Workshops fließenden Ergebnisse in eine mehrsprachige Bühnen-Inszenierung zusammenzufassen und anschließend in Armenien, Deutschland, Türkei und Frankreich aufzuführen. An den Workshops, die im Berliner Theaterhaus stattfinden sollen, werden Jugendliche zwischen 15 und 19 Jahren teilnehmen. Soweit so gut und man sollte annehmen, die anvisierten 30 Teilnehmer in Berlin wie auch die Kooperationsländer Deutschland, Frankreich, Türkei und Armenien könnten oder sollten die "Bedeutung und Zukunft der Aussöhnung" zumindest erahnen und folgerichtig angehen. Nicht so in den Augen von Madlen Vartian, die hierzu Stellung nahm.
Vorweg zum Thema Aussöhnung bzw. Versöhnung. In der Türkei finden Versöhnungsprojekte nicht seit gestern statt. Oftmals sind es Zivilgesellschaften, die diesen Prozess längst eingeleitet haben und auch selbst tragen. Zwischen griechischen und türkischen Bürgern bestehen ebenso zahlreiche enge Bindungen, wie auch zwischen zypriotischen Griechen und Türken, die die Bedeutung über die gut nachbarschaftliche Beziehung nicht nur im engen Rahmen sehen, sondern ausweiten. Mit gegenseitiger Unterstützung werden u.a. im Ägäis-Raum kulturelle Denkmäler und Häuser restauriert, familiäre Beziehungen geknüpft, die durch den Bevölkerungsaustausch nach 1923 gekappt waren. In Zypern und Nordzypern werden im Rahmen eines UN-Projektes, Massengräber ausgegraben, mit dessen Hilfe Vermisste beider Bevölkerungsgruppen ausfindig gemacht werden, wovon Initiativen sowie Hinterbliebene gemeinsam profitieren und auch gemeinsam unterstützen. Auch hier finden zahlreiche Restaurationsarbeiten statt. Auf der einen Seite wie auf der anderen Seite der Atilla-Linie werden Kirchen, christliche und muslimische Grabsteine, denkmalgeschützte Häuser, Moscheen sowie Medressen aufgebaut und restauriert. Es finden gegenseitige Besuche statt, Künstler und Handwerker treffen sich zu Workshops. Dieses Bedürfnis wird von den Zivilgesellschaften längst als überfällig empfunden und auch entsprechend vorgetragen. Versöhnung findet im gegenseitigen Respekt und Verständnis statt. Es bewegt sich etwas.
Auf der anderen Seite wird diese Versöhnungspraxis regelrecht torpediert. Madlen Vartian schreibt dazu:
Ziel dieser Projekte ist es zumeist, die Auseinandersetzung mit dem Genozid an den Armeniern in den Hintergrund zu drängen, um der Türkei den Eintritt in den europäischen Diskurs zu eröffnen. Dabei bedarf es jedoch der Marginalisierung der armenischen Erinnerung in Europa. Der Fantasie und der Vielfalt der im Kern politischen Manöver zur Isolation und Ausgrenzung der armenischen Gemeinschaft aus dem öffentlichen Diskurs in Deutschland und Europa sind dabei keine Grenzen gesetzt. Am meisten schmerzt es, wenn armenische Akteure als „Kronzeugen“ gegen die armenische Diaspora – der Gemeinschaft der Überlebenden – vorgeführt werden. Karrieristen und Opportunisten werden nämlich gezielt in diese Projekte einbezogen
Den Hintergrund des Workshops mit der Einbeziehung der türkischen EU-Beitrittsambitionen bzw. deren Ansichten zum Thema zu verknüpfen? Die Marginalisierung durch Türken in Deutschland? Wie oft der Dialog- oder Diskurswunsch geäussert wurde, muss man nicht vortragen, wie auch den Wunsch, sich direkt mit der eigentlichen Frage auseinanderzusetzen, was ja schmerzhafter wäre aber dennoch von der Diaspora unerwünscht ist. Wer bisher wen vor etwas ausgeschlossen hat, ist ersichtlich. Wenn man in Anbetracht der Versöhnung Zivilgesellschaften, ob nun politisch motiviert oder gesellschaftlich als längst überfällig empfunden, zusammenbringt, ist es nicht nur ein frommer Wunsch der Türken. Da spielt es auch keine Rolle, wer von welcher Partei diesen Versöhnungsprozess einleitet und mitträgt. Es ist menschlich gesehen eine nicht zu verachtende Geste des guten Willens, dessen sich die Projektträger sicher sein können. Das in gewisser weise, bestimmte Gemeinschaften darüber nicht informiert wurden, ist nur ein weiterer Paukenschlag, mit der ein Nebenschauplatz erzeugt werden soll. Türken waren auch nicht informiert. Zivilgesellschaften, einzelne Individuen werden selbst entscheiden, ob Sie zur Versöhnung bereit sind und diesen Schritt wagen wollen oder Sie werden davon Kenntnis erlangen. Oftmals fehlte es bisher am gegenseitigen Respekt - wobei die Türken eher respektvoll umgehen - hörte nicht zu oder wurde von der Politik, der Mehrheitsgesellschaft ausgeblendet, daran gehindert. Der Diskurs der in Deutschland längst überfällig ist, könnte so angestoßen werden. Für viele ein Tabuthema, sofern es um die Durchsetzung eigener Interessen geht. Und die türkischen Interessen? Wieso fragt man Sie nicht einfach dazu, anstatt hier über Sie zu reden und Ihnen Worte in den Mund zu legen?
Hier sehe ich das größte Hindernis auf die ich nur kurz eingehen will. Der Diskurs um die Vorfälle zwischen 1915 und 1917 im Osmanischen Reich, die fanden in Deutschland bisher nicht statt. Mittlerweile wollen andere Gesellschaften, Minderheiten in diesen oftmals einseitigen Diskurs miteinbezogen werden, mit gleichen Zielen wie Sie Madlen Vartian vertritt. Gerade deshalb sind auch ziemlich viele Verbände, die in diesem Zusammenhang genannt werden, in der Nähe der Armenischen Gemeinde anzusiedeln und auch zu beobachten. Ziemlich einseitig befand man sehr schnell, dass die türkische Sicht in keinem Fall zum tragen kommen darf, wenn es um Geschichtsbewältigung geht. Begründet wird das mit der angeblich vorherrschenden Politik der Türkei, die aufgrund ihrer jüngsten Geschichtsschreibung, Armenier und sonstige Minderheiten auszuklammern versuche oder versuchte. Dass dem nicht so ist, kann man in Europa kaum unter die Leute bringen. Weder die noch herrschenden Minderheiten, nicht die kulturellen und sozialen Beziehungen die vorherrschen. Es wird auch keinem abgenommen, dass die armenische Minderheit auch nach 1923 Schulen betrieb, Vereine unterhielt, Musiker, Künstler und Schauspieler aufstellen konnte und innerhalb der Mehrheitsgesellschaft Akzeptanz fand, bis hin in der Politik. Es wird auch keinem abgenommen, dass die in der Türkei lebenden Armenier gerne in der Türkei leben, nicht nur weil Sie das aus Selbstschutz heraus sagen müssen. Klar wird vieles kritisiert und werden womöglich Rechte nicht bewilligt oder zugestanden. Die Gründe hierfür sind aber vielfältig und können nur bedingt im Diskurs in Europa verwendet werden. Der Dialog würde bereits zu Anfang verhindert werden. Die "andere Seite der Medaille" ist in einem Diskurs ebenso wichtig und sollte zur Aussprache kommen, wie auch der Respekt, der einem bezeugt wird, wenn man in einen gemeinsamen Dialog tritt. Natürlich setzt es Schritte voraus. Konzepte zur Versöhnung, wie sie auch Madlen Vartian in ihrem Artikel anspricht, können nicht von anderen Ereignissen herangezogen werden. Darin stimme ich mit ihr zumindest teilweise überein, sofern es um grundlegende Ziele geht, unabhängig davon, wie die Positionen zueinander sind oder welcher historische Moment dazu beitrug. Der Wille dazu und der Lernprozess wird insofern von beiden Parteien abhängig sein. Da die Versöhnung erst den offenen Dialog ermöglicht, ist der Inhalt, der danach folgenden Gespräche weniger in den Vordergrund zu stellen. Bestes Beispiel dazu:
Jitzchak Rabin, der ehemalige Hardliner, Generalstabschef der israelischen Streitkräfte sowie Verteidigungsminister und Ministerpräsident Israels, der bei einer Friedenskundgebung durch einen Fundamentalisten und Rechtsextremisten ermordet wurde, stand in gewisser weise distanziert gegenüber dem palästinensischem Führer Jassir Arafat. Unabhängig seiner persönlichen Haltung gegenüber dem Palästinenserführer, schüttelte Rabin im Zuge des Oslo-Friedensprozesses am 13. September 1993 die Hand von Jassir Arafat. Bill Clinton, der damalige US-Präsident, hatte die Geste angeregt und auch durchsetzen können. Diese Geste nahmen fundamentalistische und rechtsextremistische Gruppen dem israelischen Ministerpräsidenten sehr übel. So sehr, dass die losgetretene mediale Hetze gegen Rabin, in einem Attentat mündete. Rabin starb und mit ihr auch der langersehnte Friedensprozess. Erst mit Rabin war es möglich geworden, Respekt und den guten Willen innerhalb der beteiligten Parteien salonfähig zu machen. Jassir Arafat und viele Führer der arabischen Welt, die bis dahin in Israel einen Erzfeind sahen, bekundeten ihre Trauer über den Tod von Rabin und zeugten Respekt. Arafat besuchte die Witwe unter Ausschluss der Öffentlichkeit in Israel. Unabhängig der konfliktträchtigen Geschichte, hatten zwei Parteien den Weg zumindest für einen Augenblick gesehen, der sie zu einer Versöhnung geführt hätte. Wie gesagt, hätte, hat es aber nicht, weil Hardliner am Zug waren.
In Anbetracht der Tatsache, dass solche Momentaufnahmen den Dialog ermöglichen, Versöhnungsprozesse einleiten, ist es denn dann so abwegig, 15- und 19-jährige für einen Workshop heranzuziehen, deren Aufgabe es ist, die Bedeutung einer Aussöhnung in einem Bühnenauftritt zu vermitteln? Sollte man sich vor einem Theaterauftritt mit dem Ergebnis eines Workshops durch Jugendliche verschließen oder gar Angst haben? Wie kritisch und ängstlich muss man dieses Theaterworkshop denn sehen und welche Beweggründe führen dazu, Workshops zu kritisieren, deren Aufgabe es ist, Jugendlichen die Möglichkeit zu geben, die Bedeutung der Versöhnung nach ihrer Sicht darzustellen? Wer ernsthaft darüber nachdenkt, welcher Zweck noch dahinter steckt oder welche politischen Hintertürchen damit aufgetreten werden, dem ist auch mit Versöhnungsabsichten nicht beizukommen. Der Sinn und Zweck verschließt sich demjenigen, der die eigenen Interessen gefährdet sieht. Welche Interessen das sind, darüber kann man spekulieren.
Wer es noch nicht verstanden hat. Mit einem Versöhnungsdiskurs oder Dialog ist nicht ein Diskurs über Verdrängung oder die Schuldfrage gemeint. Da die Vorstufe im Dialogprozess zwischen Armenien und Türkei in den Kinderschuhen steckt, geht es hierbei um den Versöhnungsdiskurs der auslotet, wer der andere ist und wie man gegenseitige Wertschätzung erreicht, Respekt zollt. Dabei ist eine angemessene Diskursform ebenso erforderlich, wie auch die niedrigere Erwartungshaltung, die man von einem Gegenüber erwartet. Workshops die diesen Diskurs ermöglichen, sind daher zu begrüßen, zumal die ersten Schritte auch über Erfolg und Nichterfolg entscheiden. Erst wenn diese Schritte gemeistert sind, geht es um essentielle Fragen. In diesem Fall die Frage über die Schuld oder Sühne, was ja Madlen Vartian alles andere als nur beschäftigt. Insofern möchte ich auch Madlen Vartian beruhigen. Sofern Sie weiterhin die Diskursform mit nicht realitätsangemessener Berichterstattung bevorzugt, wird die Eigendynamik früher oder später sowieso zu einem Zusammenbruch des Versöhnungsprozesses führen. Nicht so sehr durch die türkischen Bürger oder Verbände und Vereine in Deutschland, die sich in dieser Frage eher bedeckt halten, sondern durch die Armenische Gemeinde und im Schlepptau mit ihr neuerdings auch die Alevitische Gemeinde, die die AABF vereinnahmt hat und anderes Allerlei.
Wie beide Verbände mitsamt ihren Assyrischen- und Griechischen- und jüngst zwielichtigen Kurdischen-Vereinen zur Türkei stehen, braucht man wirklich nicht mehr breitzutreten. Auffällig ist nur, dass die in der Türkei lebenden Minderheiten weder zwischen den oftmals behaupteten guten oder schlechten, liberalen oder national eingestellten Türken unterscheiden. Oftmals finden sich Minderheiten sogar in Parteien, die nationalistischer nicht sein können. Die Türkei, wie sie in Europa gesehen wird, ist verklärt, unnatürlich und völlig aus dem Zusammenhang gerissen. Daher ist auch der Diskurs der im Blog von Madlen Vartian geführt wird, rein dem Alleinunterhaltungswert dienlich. Da sich Madlen Vartian im Artikel u.a. auch darüber beschwert, wie kemalistisch die Türkische Gemeinde in Deutschland (TGD) ist - mit Ihr noch alle anderen Vereine und Verbände - , lege ich Ihr auch nahe, sich von der Türkische Gemeinde in NRW e.V. als Förderer und Unterstützer der Christlich-Alevitischer Freundeskreis der CDU (CAF) zu trennen oder zu distanzieren, deren Sprecherin sie gleichzeitig ist, da diese direktes Mandat im TGD inne hat. Ebenso prekär wäre es, wenn die TG-NRW oder deren Mitgliedervereine bei so ziemlich vielen türkischen Themen Partei ergreift, wie z.B. beim Hakan Kivanc Fall. Ansonsten kann man an der Glaubwürdigkeit Ihrer Person stark bezweifeln, wie auch an Ihren hehren Zielen. Aber wie schon angedeutet, ist die politische Hurerei innerhalb der Verbände und Vereine in solch einem Ausmaß, dass die eine oder andere Verbindung übersehen, Abgeordneten-Ambitionen während der anstehenden Parlamentswahlen in der Türkei verschwiegen werden kann. Jetzt weiß man es und kann reagieren.
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