Integration: Aleviten hui, Sunniten pfui

Artikel »

welt online.jpg

Die Zeitung die Welt und ihre Sicht der Dinge.

Wir kennen mittlerweile die Zeitung und das Nachrichtenportal die Welt. Sie ist bekannt für ihre Artikel gegen die Türkei. Es vergeht kaum ein Tag, an dem kein Türke von der Zeitung schlecht dargestellt wird. Wir veröffentlichten schon vor nicht allzu langer Zeit einen Artikel und stellten die Frage, ob die Welt ein Türkenproblem hätte.

Die Welt und ihre Doppelmoral Autoren füttern Klischees und Vorurteile. Damit hält man ultrakonservative und all deren Auswüchse bei Laune. Komisch, dass sogar ein Autor in der Türkei lebt, sich von türkischen Spezialitäten den Magen füllt, die türkische Kultur und das schöne Wetter genießt aber hinter den Kulissen ein hinterhältiges Spiel betreibt. Statt konstruktiver Kritik oder wahrheitsgemäßem Journalismus liest man eher Artikel auf Bildzeitungsniveau.

Nun hat sich die Welt anscheinend etwas neues einfallen lassen. Denn dauernd von dem bösen zurückgebliebenen und integrationsunwilligen Türken zu schwadronieren, ist zwar nicht aus der Mode gekommen, wirkt aber auf Dauer etwas langweilig. Die Herde möchte eine Ernährungsumstellung. Also hat sich die Welt statt einer ethnischen Minderheit einfach mal die Religion als Angriffspunkt vorgenommen . Wir sprechen von Türken, die dem Alevitentum angehören. In der neuesten Ausgabe veröffentlicht Autorin Freia Peters den Artikel: "Aleviten - die anderen Türken in Deutschland".

Die anderen Türken also. Für mich als Türke ist es irgendwie neu, dass es unter Türken also nochmals andere Türken gibt. Nach zwei gelesenen Absätzen wurde mir unwohl. Hier ging es nicht darum, das Alevitentum vorzustellen. Das können in der Regel die religiösen Gruppen in Form von Veranstaltungen usw. am besten selbst. Hier wurde schlichtuntergreifend gehetzt. Ein ellenlanger Artikel gespickt mit Propaganda, zieht sich quer durch den Browser. Wer den ersten Absatz liest, wird schnell merken, dass Türken, die nicht dem Alevitentum angehören, indirekt diskriminiert werden.

Erwähnt wird, dass alevitische Frauen kein Kopftuch tragen und sich modisch aktuell kleiden, die sunnitische Türkin wird somit als eine zurückgebliebene Kopftuchtragende und unmodische Persönlichkeit dargestellt. Auch die Erwähnung, dass Kinder herumtollen und so etwas in einer Moschee nicht vorkommen würde oder Frauen in einer Moschee nicht neben Männern sitzen würden, ist für die Autorin ein weiterer Grund, Aleviten in den Himmel zu loben und Sunniten, in einem negativen, unsympathischen Licht darzustellen. Damit nicht genug, einen ganzen Absatz verwendet die Autorin darin, dass der Vizevorsitzende der Alevitischen Gemeinde Deutschland, Ali Ertan Toprak gerade eine Currywurst verspeist hat und geht dazu über, die Aleviten würden Weisungen im Koran nicht befolgen, Alkohol trinken und Schweinefleisch essen. Als wären die einzigen Weisungen im Koran diese zwei Verbote. Auch erwähnt sie, dass der Großteil der Aleviten sich vom Islam distanzieren würden und Sunniten, die "orthodox" wären, Aleviten als ungläubige beschimpfen würden.

Hier wird nicht objektiv berichtet. Ein Klischee folgt nach dem anderen. Fanatiker bezeichnen Aleviten durchaus als Ungläubige oder aber auch als Muslime und verweigern die Abspaltung der Alevitentums vom Islam. Allein die Tatsache, dass es genug Muslime gibt, die Alkohol trinken oder sich eben auch eine Currywurst reinziehen, wird negiert. Als wären Muslime Roboter, die alle das gleiche tun. Das Individuum an sich wird komplett ausgeblendet. Die Dame vergisst auch, dass selbst Türken die keine Aleviten sind und Alkohol trinken, auch von den gleichen Fanatikern schief beäugt werden oder aber es geschieht einfach gar nichts. Es ist nämlich jedem selbst überlassen, wie man seinen Glauben praktiziert.

Religiöse Meinungsverschiedenheiten gibt es auch unter sunnitischen Gelehrten, die sich mit alevitischen Gelehrten streiten, was denn nun historisch belegbar ist und was nicht oder ob Aleviten nun Muslime sind oder nicht. Das vermittelt die Autorin aber nicht, jeder Türke ,der kein Alevite ist, beschimpft und beleidigt die Aleviten, mag sie nicht oder meidet sie. So und nicht anders wird es im Artikel vermittelt.
Das Ali Ertan Toprak in der Opferrolle mit der Autorin gut harmoniert, liest man sehr deutlich heraus. So würden Aleviten Sunniten im Fastenmonat Ramadan beschimpft werden, weil sie nicht fasten würden und Aleviten, die kein Kopftuch tragen, würden als Schlampe bezeichnet. Auch hier wird der Eindruck vermittelt, dass Sunniten immer nur fasten würden und die sunnitische Frau immer ein Kopftuch trägt. Natürlich beschimpfen wir Sunniten jeden, der religiöse Gepflogenheiten nicht befolgt, ist doch klar, anders kann man sich laut der Autorin und Ali Ertan Toprak einen Sunniten nicht vorstellen. Hier wird bewusst verallgemeinert, Fanatiker die andere Menschen beschimpfen und deutlich in der Minderheit sind, werden auf einmal zur Mehrheit deklariert.

Das Massaker von Sivas findet als Nazikeule auch noch Verwendung. Anschließend folgen höchste Lobgesänge der Autorin, schließlich seien die Aleviten in Deutschland mit der deutschen Gesellschaft längst verwoben, während die sunnitischen Türken in ihren Ghettos verrotten und natürlich keine intellektuellen oder erfolgreichen Menschen vorzuweisen hätten. Das wird auch noch mit ein paar prominenten alevitischen Persönlichkeiten als "Beweis" geschmückt. Ich wusste gar nicht, dass deutsche Autoren die Menschen nach ihren Glaubensbekenntnissen separieren um somit den Grad der Bildung herauszulesen. Erinnert mich irgendwie an Thilo Sarrazin.

Dabei hat die Autorin doch gänzlich vergessen objektiv zu bleiben. Erschreckend ist auch, wie versucht wird, zu separieren und die Türken zu spalten. Die Realität sieht Gott sei Dank anders aus. Die Türken, egal welcher Konfession oder Glaubensrichtung, sind miteinander befreundet, miteinander aufgewachsen, verheiratet oder pflegen ihr nachbarschaftliches Verhältnis. Eigentlich selbstverständlich, aber ich muss das hier wohl leider niederschreiben.

Fanatiker gibt es in beiden religiösen Gruppen, sogar richtige Hetzer. Die Autorin und die deutschen Politiker haben nur vergessen, dass es diese in beiden Lagern gibt. Zwangsheirat, Gewalt und all die Probleme, die in sunnitische Familien vorkommen, gibt es genauso in alevitischen Familien. Da macht es keinen Unterschied welche Religion oder Konfession man angehört. Es gibt genug alevitische Familien, die es niemals zulassen würden, einen Christ oder einen Sunniten in die Familie einheiraten zu lassen. Es gibt eben auch genauso viele, die es zulassen würden. Das ist bei Sunniten nicht anders und auch unter Christen gibt es diese Probleme. Die Autorin aber, hat all diese Aspekte bewusst herausgelassen, nicht mal erwähnt, all diese Probleme gibt es anscheinend nur unter Sunniten.

Am lustigsten ist auch das Märchen, welches genauso im Artikel Platz finde. Die Türkei sei für Aleviten eher negativ behaftet. Als würden Türken ihre eigene Heimat nicht lieben, nur weil sie der alevitischen Glaubensgemeinschaft angehören. Die dreiste Lüge, im Staat würden nur Sunniten arbeiten ist ebenso haltlos und mit keinem einzigen Beweis zu untermauern. Es muss auch klar gestellt werden, dass Türken egal welcher Religionsgemeinschaft angehörig, patriotisch eingstellt sind, ihr eigenes Volk und ihr Land lieben. Im Artikel wird es anders dargestellt. Ein plumper Versuch ,Aleviten und Sunniten gegeneinander auszuspielen. Sie vergisst ebenso, dass es unter Aleviten einen großen Streit gibt, ob man zum Islam gehöre oder nicht. Das ist nur ein Beispiel, in der Regel gibt es in jeder Religionsgemeinschaft innere Diskussionen bezüglich der Geschichte. Es gibt genug Vereine in Deutschland, die allein aus diesen Gründen nichts miteinander zu tun haben wollen. Das Thema ist so komplex und Umfangreich, aber unsere Starautorin von "die Welt" hat natürlich den Durchblick.

Die überwältigende Mehrheit der Türken in Deutschland sind keine Mitglieder in einem religiösen Verein. Wir Türken haben keine Lust auf billige Hetze seitens der Medien und Politik. Auch sind Vorsitzende, wie es Ali Ertan Toprak und andere (egal aus welcher Richtung) uns immer wieder beweisen, nicht ernst zu nehmen. Das hat uns Türken in Deutschland gerade noch gefehlt. Mit Religion Politik zu betreiben und eine Autorin hilft auch noch dabei kräftig mit. Bravo!

Allein die Tatsache, dass Aleviten und Sunniten Brüder sind, untrennbar in ihrer Geschichte und Herkunft, lässt die Autorin und all die Hetzer in ein schlechtes Rampenlicht rücken. Ich bin sehr froh über diese Demaskierung in der Öffentlichkeit und kann nur jedem raten, sich auf solche Spielchen nicht ein zu lassen. Treten wir den Gegenbeweis ein, geht auf YouTube und schaut auch türkische Hochzeiten, Geburtstagsfeiern, Folkloretänze und etliche andere Veranstaltungen an. Da tanzen und singen Türken zusammen, mit oder ohne Kopftuch, Aleviten mit Sunniten mit viel Spaß. Eine Gemeinschaft, die man nicht trennen kann.

Also lasst uns weiterhin feiern
 

Re: Integration: Aleviten hui, Sunniten pfui

Bild von Levent

die sache mit dem "currywurst" begann schon unter rtl zum thema "schnitzlekrieg", wo im kontext den zuschauern "ganz unauffällig"  die botschaft mitgeteilt wurde: "sieht her, es gibt auch gute, gut integrierte türken (aleviten), die schweinefleisch verzehren und alkohol trinken".... ;-)

Loading