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Die Ereignisse im ostanatolischen Kahramanmaras zwischen dem 19. und 26. Dezember 1978
Die Ereignisse von 1978 sind bis heute nicht vollkommen aufgeklärt. Bis heute wird ein offizielles Untersuchungsergebnis über den Vorfall zurück gehalten. Und bis heute werfen sich alle beteiligten Parteien die Schuld gegenseitig zu. Von Annäherung und gemeinsamer Aufarbeitung, wenn es um diese oder ähnliche Vorfälle während dieser Zeit geht, keine Spur.
Das Kahramanmaras-Massaker wie es auch genannt wird, ereignete sich zwischen dem 19. und 26. Dezember 1978 und auch darüber hinaus sollten die Unruhen noch mehrere Wochen anhalten. Als am 25. Dezember Panzerwagen die Straßen auffuhren und blockierten, waren die heftigsten Kämpfe bereits abgeebt. Fazit: insgesamt an die 115 Tote, 360 Verletzte, darunter 138 Schwerverletzte. Unter den Toten befanden sich etwa 60 rechtsgerichtete sowie ca. 110 Verletzte, genauso viele linksgerichtete und Unschuldige, die zwischen die Fronten geraten waren. Die Lnychjustiz hatte aber bereits vor Monaten Formen angenommen. Der Ursprung liegt sogar viel weiter zurück. 1 2
So berichten damals die Tageszeitungen, das bereits im Januar des Jahres 1978, 46 Tote zu beklagen waren, die durch gegenseitige Morde innerhalb der rechten und linken Gruppierungen zustande kamen. Bis in den November hinein stieg die Zahl der auf Straßen regelrecht hingerichteten, durch Maschinengewehre durchsiebten und durch Bombenexplosionen zerfetzten Körper kontiunierlich an. Allein im November verzeichnete man 86 Tote, 10 weniger als im September. Insgesamt wurden im Jahre 1978 ca. 2600 Menschen zum Teil schwer verletzt und allein bis Oktober 680 Menschen ermordet. Bemerkenswert auch hier: innerhalb dieses Zeitraums wuchs die Anzahl der Strafdelikte sprunghaft an. Mehrere Dutzend Banken in Ankara, Istanbul, Bursa, Eskisehir, Izmir und einigen Kleinstädten wurden überfallen, so das die Regierung sich gezwungen sah, schwerbewaffnete Soldaten vor Banken zu postieren. Mehrere Geldboten wurden überfallen, die Gehälter von Angestellten, Lehrern oder Minenarbeitern mit sich trugen; wohl die Beschaffungskriminalität, mit der Waffen und Munition finanziert wurden.
Fast untergegangen ist auch die Politisierung unter den Sicherheitskräften und Staatsbediensteten wie der Polizei. So wurden nicht nur Aktivisten der jeweiligen Gruppen ermordet, sondern auch Lehrer, Hochschulprofessoren, Polizisten, Wärter und Richter. Die Mordinstrumente wurden während der Jahre immer raffinierter, Bomben in PKW´s, regelrechte Feuersalven auf Passanten die gerade ein Parteibüro verliesen oder betreten wollten; der Ideenvielfalt waren keine Grenzen gesetzt. Die Regierung die eine Unfähigkeit an den Tag legte, die bis heute in aller Munde ist, hatte die Kontrolle längst verloren. Selbstjustiz, Folter in Gefängnissen, verübt von politisch idealisierten Staatsbeamten gegenüber rechten und linken Gefangenenen oder Untersuchungshäftlingen, aus Gefängnissen entflohene Häftlinge beider Lager die nicht möglich erschienen; die Situation war völlig ausser Kontrolle geraten.
In diesem Kontext betrachtet, versetzte eine Schockgranate mitten in einer Kinoaufführung des Films "Güneş Ne Zaman Doğacak" in Kahramanmaras die Besucher in Aufruhr. Der Film, der über zwei Freunde handelt, die vor kommunistischer Unterdrückung und Last flüchten und auch in der Türkei keine Ruhe finden. Der Knall selbst verletzte niemanden im Kinosaal, erregte aber die Gemüter, die bereits durch mehrere Mordfälle in der Stadt und in den umliegenden Großstädten aufgeheizt war. Am nächsten Tag explodierte ein Sprengsatz in einem Cafe, dass als linker Szenetreffpunkt bekannt gewesen sein soll. Weitere gegenseitige Anschläge mündeten letztendlich im Tod von zwei Lehrern der Berufschule in der Stadt; der Ausgangspunkt der nachfolgenden Ereignisse.
Am darauffolgendem Tag wurden die Leichen der Lehrer von einer linksgerichteten Gruppe mit Protesten untermalt zu Grabe getragen. Rechtgerichtete blockierten daraufhin den Weg. Nur mit Mühe wurde dann mit Anwesenheit des Landrats und der Polizei die Beisetzung zügig fortgesetzt. Gerüchte die in Kahramanmaras schnell die Runde machten, führten dazu, dass Teile der Bevölkerung sich bewaffneten oder bereits bewaffnet waren. Auf der einen Seite ging das Gerücht um, man werde die Moscheen stürmen, auf der anderen Seite wurden Warnungen ausgesprochen, Sunniten würden Aleviten aufsuchen und ermorden. Die Wirkung war ausserordentlich. Warnungen die an den Landrat und den Bürgermeister gingen, wurden an die Regierung in Ankara weitergeleitet. Nichtsdestotrotz wurde die Beihilfe nicht erwidert.
Am 23. Dezember, nach mehreren Vorfällen spitzte sich die Lage zu und eskalierte. Wohnviertel von Aleviten wurden aufgesucht und regelrecht zerstört, da sie als linksliberal galten. Die Übergriffe hielten drei Tage an, bis die Armee die Stadt besetzte und das Kriegsrecht ausrief, nach dem auch Soldaten das Ziel von verfeindeten Gruppen wurde. Im Zuge der aufflammenden Übergriffe in anderen Provinzen wurde in insgesamt 13 Provinzen der Ausnahmezustand ausgerufen. Ein Militärgericht befasste sich dann im Anschluß daran mit der Aufklärung der Morde und Hintergründe. Die Regierung entsendete eine Untersuchungskommission. In der Folge konnte aber weder das Militär effektiv gegen mutmaßliche Täter vorgehen, weil viele wichtige Dokumente, Unterlagen und Beweismittel unter Verschluß gehalten wurden oder mutmaßliche Täter nicht mehr auffindbar waren, noch die verfeindeten Parteien bis heute ihre Thesen und Behauptungen grundlegend untermauern. 3
Im Zuge des politischen Umbruchs, behauptete sogar Süleyman Demirel von der Gerechtigkeitspartei (AP) wenige Tage nach den Ereignissen, dass die Regierung über alles Bescheid gewusst habe. Linksgerichtete erklärten in der Folge, die Ereignisse seien sunnitisch-alevistischen Hintergrundes und Bildungsminister Necdet Ugur erklärte, rechte und linke Gruppen seien weiterhin damit beschäftigt, die Situation erneut eskalieren zu lassen. Nach Geheimdienstinformationen der MIT wurden Bülent Ecevit und Alparslan Türkes als dringend Tatverdächtige eingestuft. Aber auch hier wird spekuliert, dass Adnan Ersöz Paşa, der MIT-Direktor, beste Beziehungen zur Armee pflegte. In diesem Zusammenhang arf nicht ausser acht gelassen werden, dass zu jener Zeit die USA mit Präsident Jimmy Carter eine harte Linie gegenüber dem kommunistischen Staat UDSSR fuhr, nach dem die vorangegangenen Jahre eher friedlich verliefen. Mit der Bitte des afghanischen Nur Muhammad Taraki sollte die UDSSR in Afghanistan einmarschieren, womit auch die Interessen der USA stark gefährdet waren und die CIA ins Spiel kam.
Tage später versuchte die CHP-Regierung, in einer gemeinsam verfassten Note mit Beteiligung aller Parteien (MSP,MHP,AP) des Großen Nationalrats, die Bevölkerung zur Ruhe aufzufordern und die Ereignisse als eines der schlimmsten in der Geschichte der Nation zu bezeichnen. Den Militärputsch am 12. September 1980 4 sollte es aber dennoch nicht aufhalten.
Die Ereignisse von 1978 in Kahramanmaras und anderen Großtädten verurteilen und verurteilten nicht nur mitbetroffene Aleviten, sondern die gesamte Türkei und ihre Bevölkerung. In den letzten Jahren vor dem Militärputsch tobte eine blutige Auseinandersetzung zwischen linken und rechten Gruppen in der ganzen Türkei. Hunderte Menschen, meist Studenten, kamen in dieser unruhigen Zeit ums Leben. Die politische Auseinandersetzung gipfelte mit der militärischen Intervention am 12. September 1980. In diesem Kontext und in den jeweiligen historischen Konstellationen betrachtet, ist eine Aufarbeitung mehr denn je nötig, ohne die Ereignisse erneut politischen Interessensgruppen in die Hände zu spielen.
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