Agha oder Staat - 1937 wird die Entscheidung gesucht

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Atatürk mit Aga

In der Türkei wurde der Titel "Agha" im Jahre 1934 abgeschafft.

Nach der Republiksgründung wohl eines der schwerwiegendsten und einschneidensten Eingriffe in die traditionelle Gesellschaftsstruktur. Nur wenigen ist bewusst, weshalb der Titel abgeschafft wurde und welche Ausmaße die Abschaffung in den Folgejahren letztendlich annahm.

Besonders in der ländlichen Region herrschten Aga´s wie kleine Fürstentümer über ihr Land und das Leben das sich darauf bewegte. Der Istzustand der Großgrundbesitzer bis 1934 war unverändert: Bauern in Dörfern wurden in feudaler Manier beherrscht. Der Aga bestimmte über das Leben der einzelnen Individuen, über Heirat, Auszug, Wohlstand, Arbeit und "Lehnsgeld" eines einzelnen. Niemand konnte ihm widersprechen. So jedenfalls bis ins Jahr 1934. Erst da konnte sich das Parlament dazu durchringen - Aga`s waren auch im Parlament vertreten - den Titel* abzuschaffen um in Folge jedem einzelnem Individum die Selbstständigkeit staatlich zu garantieren und zu ermöglichen, die Staatsmacht über die der feudalen Herren zu erheben. Diese relevanten und überaus wichtigen Merkmale der türkischen Geschichte werden nicht angemessen berücksichtigt, wenn es um Themen aus der türkischen Geschichte geht. Eines davon, der Tunceli- oder Kocgiri-Aufstand, bekannt auch als Dersim-Aufstand, werden so zum Teil verklärt.

In der TARAF, der linksliberalen Zeitung zitierte die Autorin Ayse Hür in einem Artikel die sie eigentlich für die sogenannten "Massaker", insbesondere zu einem angeblichen Giftgas-Einsatz heranziehen wollte, einen kurdischen Mann, der in einer Audio-Aufzeichnung die Hintergründe mehr als verdeutlicht:  

...ein Mann sollte einen Herren haben. Ihr habt eine militärische Bewegung in Gang gesetzt. Dieser wird kommen und gehen. Danach wird alles wieder den kurdischen Aga´s gehören und die Unterdrückung wird sich fortsetzen. Uns kann man nicht befreien. Wenn Ihr Tunceli insgesamt bemächtigt hättet, die Authorität an euch gerissen hättet, wir würden nicht unter dem Einfluss der Aga´s stehen. Aber ihr seit nicht da, unsere Ansprechpartner sind die Aga´s. Nicht das was Ihr sagt wird getan, sondern das was die Aga´s sagen müssen wir befolgen...**

Diese Worte stammen von einem Kurden, der den Aufstand und die darauf folgenden militärischen Operationen erlebte. Sie zeigen auf, wie verwoben die gesellschaftlichen Strukturen bereits verankert waren und einzelne Menschen unter diesem Einfluss standen; die Selbstverständlichkeit der Situation und die Hinnahme dessen. Die Worte waren gerichtet an İhsan Sabri Çağlayangil, dem einstigem Richter im Gerichtsverfahren für die Angeklagten des Aufstands von 1937 bis 1938.

Der Aufstand war nicht die einzige, bereits 1925 hatte der Scheich-Said Aufstand für Unruhen im ganzen Land gesorgt. Banden, angestachelt und geführt von Aga´s, die sich aus den Dörfern heraus formierten, rebellierten gegen die Staatsmacht und der Staat ging rigoros und in weiten Teilen mit Unterstützung der Bevölkerung gegen die "Insurgenten" vor. Der Aufstand von damals konnte militärisch schnell beendet werden. Kurden verteidigten sich gegen die Rebellen in Städten, formierten Bürgerwehren um Ihre Stadt oder Dorf vor der Besetzung zu schützen. So konnten u.a. in Elazig mehrere Angriffe abgewehrt werden; was noch einmal verdeutlicht, dass der Einfluss der Aga´s zumindest in Großstädten geringer war, als in der ländlichen Umgebung und die Verfassungsgesetzgebung in der Gesellschaft zumindest hier angekommen war.

Aga´s, insbesondere kurdische konnten bereits in der Osmanischen Ära, eigene Belange auch gegenüber der Hohen Pforte durchsetzen, was sich im laufe der Zeit immer weiter verfestigte. Die Feudalstrukturen verhinderten eine Einflussnahme durch eine Staatsmacht wie die der Hohen Pforte oder der jungen türkischen Republik, insbesondere im Leben der Einwohner die unter der Egide des Aga´s standen. Noch heute sind einzelne Strukturen zu erkennen, Enkel von einstigen Feudalherren im Parlament vertreten.

Atatürk, anfangs vorsichtig und um eine Gemeinsamkeit mit allen Vertretern des einstigen Osmanischen Reiches bemüht, danach entschiedener gegen diese verkrusteten Strukturen, setzte mit dem Gesetz von 1934 und vielen anderen Reformen zuvor ein Zeichen.  Atatürk suchte die Entscheidung und die Aga´s die sich in ihren angestammten feudalen Strukturen gestört und beschnitten fühlten, agierten. Die Abschaffung des Titels "Aga" sollte in der Folgezeit zu den blutigsten Ereignissen in der noch jungen türkischen Republik führen, die im Grundsatz die verfassungsgemäße Ausübung eines jeden einzelnen Bürgers garantieren wollte. Der Aga verlor danach seine materielle und immaterielle Position innerhalb des Staates, zumindest gesetzlich verankert. Die feudalen Strukturen durchschritten danach die Schwelle der Zivilisation allmählich aber stetig, die Wandlung war nur noch eine Frage der Zeit.

Die Boden- oder Landreform ist aber bis heute ein heißes Eisen geblieben. Historisch waren die türkischen Bauern unabhängig von Grundherren. In seiner Anfangszeit hielt der Osmanische Staat den meisten Boden im Staatsbesitz und verpachtete ihn zu relativ günstigen Bedingungen an die Bauern; er sorgte dafür, dass Landstücke stets groß genug blieben, um eine Familie und zwei Ochsen zu ernähren, und unterband die Entstehung einer „Landeigentümer-Klasse“. Später wich er von dieser Politik ab, sodass bis 1923 der Landbesitz auf wenige Personen mit großen Ländereien übergegangen war. Seit der Ära Atatürks wurden verschiedentlich Landumverteilungen zwecks Förderung der ländlichen Entwicklung propagiert, was aber kaum zur Umsetzung gelangte.

Mehr zu den Aufständen und den Aga´s finden Sie unter HISTORY.

 

*) Am 21. Juli 1934 wurde mit der Veröffentlichung der Gesetzesänderung 2525 im türkischen Staatsanzeiger, neben der Betitelung mit dem Vornamen, ein Nachname gesetzlich angeordnet. Jeder Staatsbürger sollte demnach zusätzlich zu seinem bisherigen Vornamen, der bis dato in Verbindung mit der vaterschaftlichen Beziehung ergänzt wurde, einen Nachnamen tragen. In der Folge wurden auch die Namenstitel Hodscha, Bey, Aga, Hafiz, Haci, Efendi, Pascha und Mullah abgeschafft.

**) Frei übersetzt aus der TARAF-Zeitung

 

Re: Agha oder Staat - 1937 wird die Entscheidung gesucht

Bild von Serhat

Die Bodenreform der jungen türkischen Republik war im westen des Lands (dazu zähle ich auch Schwarmeer-Küste) durchgesetzt, alte Strukturen zerstört, jedoch nicht im Osten. Das Osmanische Reich kannte meines Wissens kein Erbadel. Demnach gab es gewisse feudale Strukturen, wie es im mittelalterlichen Europa gab,nicht in dem Maße im Osmanischen Reich. Ich bin kein Histroriker, kein Geschichtswissenschaftler. Deshalb bin ich über jede Korrektur dankbar. Im Osten des Osmanischen Reichs (dazu zähle ich auch Arabien) gab es solche Erbadel (Aghas, Sheichs, religiöse Sektenführer) die Leibeseigenen etc. hatten. Nach der Gründung der Türkischen Republik wurden solche soziale Strukturen im Osten geduldet. Aghas wurden plötzlich zu Abgeordneten (Mebus). Man hat lieber einen Stammesführer (Asiret lideri) gewonnen und ihm Privilegien gegönnt, anstatt hier Bodenreform durchzuführen. Im Westen wurden religiöse Persönlichkeiten verfolgt, im Osten waren sie willkommen,, solange sie mit dem Staat kooperierten. Man hat so versucht zu verhindern, dass nationalistische Ideen dort gedeihen, welche die Modernisierung und Einführung kapitalistische Strukturen mit sich bringen würden. 
Meine Tante, ihres Zeichens Republikskind und eifrige Kemalistin, die als Ärztin in den 60´er Jahren in den Ostprovinzen diente, erzählte mir oft genug, dass man dem Volk im Osten (Dogululara) die Zivilisation gebracht hat, Türkisch beigebracht hat. 
Aber was 1937/1938 in Dersim geschach war keine Akt der zivilisierten Menschlichkeit. Und die Aghas, die damals kooperiert hatten, blieben auch Aghas. In Tunceli starb der letzte Agha Anfang 90´er. 
Der Staat und der Agha, der Staat und der Korucubasi ... 
1937 hat man eine andere Entscheidunggesucht! 
Die Hohe Pforte hat einiges besser gemacht. 

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