Verzerrte Wahrnehmung: Islam, Ehrenmord, Rassismus

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Marwa El Sherbini

Etwa 200 Menschen haben in Dresden am Donnerstag an die Ermordung der Ägypterin Marwa El-Sherbini vor einem Jahr erinnert.

Etwa 200 Menschen, darunter Lokalpolitiker, der Bürgermeister von Dresden sowie der Justizminister Martens waren am Donnerstag in Dresden zusammen gekommen, um eine Botschaft zu senden: Migranten müssen als eine Selbstverständlichkeit wahrgenommen werden. Bei der Kundgebung zum ersten Jahrestag der Ermordung von Marwa El-Sherbini vor dem Rathaus, bezeichnete der Generalsekretär des Zentralrats der Muslime, Aiman Mazyek, die islamfeindlich motivierte Tat als eine "Schande", forderte zugleich auch die höchste politische Ebene auf, sich klar zu bekennen. Bei den Teilnehmern bedankte sich Mayzek für die Anteilnahme. Vor dem Landgericht hatte zuvor der sächsische Justizminister Jürgen Martens eine Gedenktafel enthüllt, wo die 31-jährige schwangere Ägypterin während einer Gerichtsverhandlung von einem Mann ermordet wurde. Der Russlanddeutsche wurde zu lebenslanger Haftstrafe verurteilt, der Revisionsantrag des Angeklagten vom Bundesgerichtshof Mitte Juni verworfen.

Dresden ist eine Insel der Mahnung geblieben. Inmitten einer insgesamt problematischen Region, versucht sich Dresden von der Schandtat zu distanzieren, stand aber weiterhin hinter dem Opfer. Bewilligte Fördergelder gegen den Rassismus, ein Mahnmal am Tatort, die eindringliche Botschaft des Oberbürgermeisters Helma Orosz (CDU), die Arbeit des Vereins "Bürger Courage" und die Justiz gehen Hand in Hand, aber eben lokal. Die Teilnehmeranzahl spricht Bände. Etwa 200 Menschen, genauso viele Journalisten, Fotografen und Kameramänner der Medien waren anwesend. Hingegen ist im sächsischen Landtag, in Berlin weiterhin stillschweigen und aussitzen angesagt. Die Stadt steht alleine da. Sachsen entsendete den Justizminister, wohl um dem Tatort gerecht zu werden und Berlin beliess es dabei, bei einer Preisverleihung in der Frankfurter Paulskirche vor 4000 geladenen Gästen mit der Integrationsbeauftragten der Bundesregierung Maria Böhmer und Bundestagspräsident Norbert Lammert (beide CDU) aufzutreten, die vom Ehemann Elwy Okaz nicht persönlich in Empfang genommen wurde.

Anlass des Gerichtsverfahrens, in dessen Verlaufe Sherbini ermordet wurde, waren die Beschimpfungen als "Terroristin“ und „Islamistin“, mit denen der 28-jährige Alexander W. die Apothekerin im vergangenen Jahr auf einem Dresdener Spielplatz überzogen hatte. Während der Gerichtsverhandlung in Dresden hatte Alexander W. die Mutter eines dreijährigen Sohnes erneut verbal angegriffen, bevor er schließlich unvermittelt mit einem Messer auf sie los ging und sie mit mehreren Messerstichen tötete. Auch der Ehemann E. Okaz wurde bei dem Angriff durch Messerstiche schwer verletzt – wobei er zudem durch den Schuss eines Polizisten, der ihn fälschlich für den Angreifer hielt, am Bein getroffen wurde. Angesichts der Umstände des Mordes erschien es aus Sicht mancher umso unverständlicher, dass die rassistischen Motive des Täters in der Berichterstattung nur am Rande oder überhaupt nicht erwähnt wurden. Hinzu kam, dass die Gesellschaft und vor allem die Politik tagelang zum Vorfall schwieg.

Die Reaktionen entsprachen nicht ganz der Erwartungshaltung der Muslime in Deutschland und sie war überaus bescheiden, würde man sie mit anderen Mordfällen vergleichen, die im Namen der Ehre oder Zwangsheirat begangen und den Muslimen bzw. Migranten insgesamt angelastet wurden. Kein anderer Mordfall hat in diesem Zusammenhang die klaffende Schere der moralischen Ansprüche innerhalb der Politik und Gesellschaft deutlicher aufgezeigt, wie der Mord an der bekennenden Kopftuchträgerin und Muslimin Marwa El- Sherbini. Noch immer suchen Menschen in Deutschland paradoxerweise die Schuld und Verantwortung für den Mordfall nicht bei dem Mörder, sondern in der Politik, bei der Ermordeten und in der Gesellschaft. Die Gesellschaft sei nicht per se islamfeindlich. Integration sei auch keine Einbahnstraße, wo Muslime nur fordern aber nichts liefern müssten. "Deutschland" und "Europa" sei insgesamt gesehen nicht ausländerfeindlich, aber ein Zuzug weiterer Menschen aus anderen "Kulturkreisen" müsse aus gutem Grund kontrolliert stattfinden, die hier lebenden Muslime aus ihrer "Steinzeitreligion" geheilt werden. Das sind Argumente, die wohl Alexander W. verinnerlichte und sprichwörtlich umsetzte. Es fehlt eigentlich nur noch, das man Marwa unterstellt, als Opfer zur Eskalation beigetragen zu haben. Tatsächlich hat Marwa El-Sherbini dazu beigetragen, dass der Täter vor Gericht stand, nach dem sie rassistisch und religiös beleidigt wurde. Marwa wollte etwas unternehmen, ihre Rechte wahrnehmen. Es kommt der Verdacht auf, das Alexander W. mit der Situation, von einer Muslimin, einer Migrantin angezeigt zu werden, nicht klar kam. Der entscheidende Punkt ist aber, das weder ein moralischer, politischer, rechtlicher noch ein menschlicher Anspruch ihn daran hindern konnte, die Tat zu vollziehen. Nicht nur die Politik hat es jahrelang versäumt, der aufkeimenden Gefahr rechtzeitig zu begegnen und ein Signal zu setzen, auch die Gesellschaft wiegte sich in Unschuld und sah in der "Islamisierung", dem "islamischen Terror" eine viel größere Gefahr. So lange dieses verzerrte Weltbild weiterhin gepflegt wird, so lange werden auch Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe, Religion, Kleidung, Kultur, Ethnie, Aussehen oder Ideologie nachgestellt, verfolgt, erniedrigt, beleidigt und im schlimmsten Fall ermordet.

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