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Jüngst hinterfragte man in einem Artikel der ZEIT, ob Griechenland die Wiege der abendländischen Kultur ist. Doch gab es diese abendländische Kultur, die sich von anderen Kulturen dadurch unterscheiden wollte?
Die ZEIT sieht die gewalttätigen Ausschreitungen, den Tod von mehreren Menschen und das verrückt spielen von Taxifahrern als ein Hinweis für die Suche nach einer neuen Identität, die der Vorhut avantgardistisch revolutionärer Ideen geschuldet wird. Im Vergleich dazu könnte man aber andere weitreichende Ereignisse aufzählen, so die zerbombten Städte, die durch die Trümmerfrauen Deutschlands auf radikalem Wege neu errichtet wurden oder die Türken mit dem Befreiungskrieg, die einen Neuanfang gewagt hatten. Hatte aber das Abendland je eine gemeinsame europäische Kultur, wann zeichneten sich Gemeinsamkeiten und wie drückten sie sich aus?
Europa unter den Griechen und Römern
Unter den Griechen und Römern verband man Europa im weitesten Sinne mit "Gesicht" und "Weite". Der gemeinsame Nenner beschränkte sich während dieser Ära zunächst im ägäischem Raum. Danach hörte man lange Zeit nichts mehr. Erst mit den Kreuzzügen legte Papst Urbans II. erneut den Grundstein für eine gemeinsame Idee, der rein weltlichen Machtinteressen geschuldet war. Nur kurze Zeit nach dem päpstlichen Aufruf, betraf es nicht nur die Muslime, die während der Verteidigung des Christentums zu Feinden erklärt wurden, auch das Byzantinische Reich oder die ketzerischen Völker litten unter der erbarmungslosen Verfolgung während der Kreuzzüge. Hinter der politischen Idee versammelte sich aber ein christliches Fußvolk, das Hunger und Dürre, Pest und Leibeigenschaft entfliehen wollte, weltliche Zustände, die keinesfalls als Idee für die europäische Identität herangezogen werden kann.
Was verband nun die "europäischen" Länder? Wenn man die 150 Kriege meint, die in den letzten 500 Jahren unter europäischen Völkern gegeneinander ausgetragen wurden, dann ist das keine kulturelle Errungenschaft und es findet sich kein gemeinsamer Nenner, bis eben auf die feindselige Haltung. Will man den dagegen die ökonomischen Errungenschaften und Leistungen der letzten 400 Jahre anführen, kommt man um die Kolonialzeit nicht umhin, die wie ein Schwarzes Loch alles um sich herum verschlang, um sich selbst zu erhalten. Es ist wie so oft, die Existenzfrage, die wie in vielen anderen Fällen, so auch in England, drastischen Maßnahmen Vorschub leistete. Die Briten trugen den Ersten und Zweiten Weltkrieg nur aus, um ihre Abhängigkeit von den Kolonien zu sichern, die durch Drittstaaten immer mehr in Bedrängnis geriet.
Existenzen die in Frage gestellt werden, Menschen die Angst um die Zukunft haben, wie in diesem Fall Griechenland. Es geht dabei nicht so sehr um die Idee Europas, sondern um die erhoffte Hilfe durch den Europäischen Völkerbund, das Hoffnungen weckt und scheinbar ein zusammenrücken der Völker in Europa suggeriert. Würde die versagt bleiben, wäre die Europäische Idee ein Angriffspunkt für die neue Avantgart der griechischen "Elite", die sich zur Zeit damit bedeckt hält. Griechenland macht etwas durch, was vielleicht vielen weiteren Europäischen Staaten noch bevor steht. Bereits jetzt ist absehbar, das gemeinsame Standpunkte im Bezug zur Hilfe nur dem politischen Selbsterhaltungstrieb der Europäischen Union geschuldet ist und durchgesetzt wird. Man erahnt wohl, was ein Versagen der Hilfsmaßnahmen bewirken könnte und setzt es durch alle Widerstände innerhalb der Nationalstaaten vehement durch. Das dabei die eigene Wohlstandsfrage in den Vordergrund nur widerwillig in Erscheinung tritt, ist der politischen Elite zu verdanken. Sie setzt den Hebel dort an, wo die Gesellschaft aufhorcht. "Ihre Existenz ist unsere Existenz..."
"Wir haben, was ja jeder weiß, vor 2500 Jahren Europa erfunden...."
Es ist eines der hartnäckigen Märchen, es gebe so etwas wie ein "Europa" oder "abendländische Kultur". Ein bunter Haufen von vielen kleinen Völkern und Sprachen, mehr ist es nicht. Die Griechen und Römer redeten darüber, danach lange Zeit niemand. Angefangen hatte das Zusammengehörigkeitsgefühl mit dem 1. Kreuzzug, was eher die Folge der Feudalherrschaft war; Hunger und Perspektivlosigkeit bewegten die Massen in Richtung Jerusalem, nicht so sehr der Glauben. Es war auch nicht den Konfessionen geschuldet, wenn die Massen sich im 30-jährigen Krieg gegenüber standen, sondern Machtinteressen einzelner Herrschaften, die zum Teil im Phänomen "Magdeburgisieren" endeten. In den Kreuzzügen etablierten sich Kollektivbegriffe, um gegen die Opponenten im Osten sprich Byzanz und den Islam im Vorderen Orient anzugehen. Richtig durchgesetzt wurde dieses "Europa" und "Abendland" aber erst mit der Neuzeit, als Intellektuelle, Missionare, Forscher und Abenteurer, die Grundlagenarbeit für die Politik greifbar machten.
So wussten sich die Franzosen damit zu helfen, in dem sie ihre Geschichte Frankreichs neu konstruierten. Dazu ging man weit in die Vergangenheit zurück, um die keltische Kultur für die nationale Identität wieder zu entdecken. Während des Widerstands gegen die Römer - Julius Cäsar, Asterix und Obelix sind wohl ein Begriff - hätten sich diese tapfer gewehrt und verloren. Jedoch sah man das als den "Anfang" der französischen Geschichte. Wahrscheinlich fanden sie die Zeitspanne vom Sohn und Enkel Karls dem Großen noch für verfrüht. Also vertiefte man die Suche und ging weitere 1000 Jahre zurück.
Aber auch Deutschland machte es nach. Bis kurz vor der entscheidenden Proklamation im Spiegelsaal von Versailles, gab es in dem besagtem Gebiet einen regelrechten Kulturkampf. Der Süden gegen den Norden oder je nach Machtpoker mit oder gegen die Franzosen. Erst der Kampf gegen Napoleon im Deutsch-Französischem Krieg vereinte die bunte Kulturvielfalt, die sich bis dato gegenseitig bekriegte. Die Germanen waren somit plötzlich Deutsche! Noch immer schreiben "seriöse" Zeitschriften hierzulande, "Die Germanen - Die ersten Deutschen." Die Italiener machten es noch besser, gingen sogar weiter und dachten, ihr Land wäre immer noch das uns bekannte Römische Reich.
Als man auf die Idee kam, zur gleichen Zeit aber in eigenem Interesse die Welt plündern zu müssen, damit der Selbtserhaltungstrieb nicht in einem Sodom und Gomorrha endet, da dachte noch niemand an das Europa, worüber man sich heute Gedanken macht. Heute ist der "Kontinent" gesichert, der Wohlstand wird erhalten, aber um welchen Preis, mit welchen Konsequenzen, daran will niemand erinnert werden. Sollte sich Griechenland, ein selbst erklärter Eckpfeiler dieses identitätsstiftenden Sammelsuriums von Völkerstaaten, als Gefahr für Europa erweisen, wird sie wie eine heiße Kartoffel fallen gelassen. Bereits jetzt munkelt man über einen Ausschluss aus der Eurozone. Was würde wohl passieren, wenn die 750 Milliarden EUR nicht das erhoffte mit sich bringt, das man als einen gemeinsamen Schritt gegen alle Widerstände, auf den Weg brachte? Was in Griechenland als finanzieller Kollaps mit eigenem Zutun angepriesen wird, kann sich in weiteren Europäischen Staaten wiederholen. Dann sind Ausschreitungen und verrückt spielende Taxifahrer nur noch eine Frage der Zeit, die nicht nur den Griechen vorbehalten ist. Dann ist Europa das was es schon immer war: ein Kontinent, nicht mehr und nicht weniger.
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Re: Abendländische Kultur - Europa
Du hast dich leider ein wenig verschrieben, vertippt oder um den Faktor 100 verrechnet [;o)]:
Es sind nicht 750 Millionen, sondern 750 Milliarden.
Re: Abendländische Kultur - Europa
das habe ich tatsächlich. Wurde berichtigt, danke.
Ercan Tekin ist 32, in einem Angestelltenverhältnis und frisch verheiratet. Lebt seit der Geburt in Nordrhein-Westfalen und fühlt sich dem Geburts- (BRD) und Vaterland (TR) gleichermaßen verbunden.
Re: Abendländische Kultur - Europa
Es ist viel wahres dran an dem Artikel und der Autor zeugt von immerhin "guter" Geschichtskenntnis.
Aber ich denke schon, dass man von einer europäischen Identität sprechen kann, auch wenn vielleicht nicht mehr von einer abendländischen Kultur in einer säkularen Welt.
So trugen z.B. Griechen wie Plato, Sokrates zur Herausbildung des heutigen humanistischen Weltbildes bei, welches heute überall in Europa gilt, egal ob in Portugal oder in Polen.
Oder es entwickelten sich auch dort viele Sportarten der heutigen Welt oder das Theater, welches lange Zeit nur in Europa eine Rolle spielte.
Oder die alten Römer mit ihrer lateinischen Sprache, die das Fundament für viele heutigen europäische Sprachen gelegt und sogar auf das Deutsche oder Russische oder Türkische Einfluss genommen hat.
Auch die griechische und römische Baukunst und Bäderkultur wurde mehr oder weniger europaweit übernommen.
Oder vergessen wir auch nicht das Mittelalter und die frühe Neuzeit, als es noch keine Nationen als solche in Europa gab, damals war es Gang und Gebe, dass ein Franzose über England regierte oder ein Spanier über das Heilige Römische Reich Deutscher Nation oder ein Deutscher über Polen oder Russland. Die Nationalität spielte einfach keine Rolle, so waren europäische Gelehrte unterschiedlichster Herkunft auf allen Höfen in Europa vertreten und haben die dortige Kultur und Politik geprägt. Auch fand eine starke Vermischung der Völker statt.
Oder erinnern wir uns an den Bauernkrieg im 13. Jh., der europaweit zeitgleich stattfand, die blutige französische Revolution mit der Erhebung der demokratischen Wertevorstellung auf die europäische Bühne oder die nationalistischen Bewegungen im Europa des 19. Jh. oder die Reformation.
Oder erinnern wir uns an Leibnitz, Charles Darwin, Beethoven, Bach, Keynes, Rousseau, Kant, Goethe, Martin Luther, Marx, Vivaldi, Archimedes, dass waren alles Philosophen oder Künstler oder Wissenschaftler, deren Wirken die gesamte europäische Kultur entscheidend geprägt haben (und oft später auch die Welt).
Außerdem gibt es auch eine gemeinsame ethnische Herkunft zwischen den Europäern. Slawen, Germanen und Latiner, alle stammen vom selben Vatervolk ab, den Indogermanen, deshalb spricht man auch von der indogermanischen Sprachfamilie. (Ausnahmen sind Finnen und Ungarn). Dieses alte Volk hatte sich mit den europäischen Ureinwohnern vermischt und so sind die heutigen europäischen Völker entstanden...
Auch gilt fast überall das lateinische Alphabet.
Und, dass muss man leider auch erwähnen, das Christentum, was zumindest früher integrierend gewirkt hatte. Natürlich, da hat der Autor vollkommen recht, werden und wurden Kriege nur selten aus religiösen Gründen geführt, sondern ist die Religion meist nur der Vorwand eines Krieges, auch wenn es letztlich immer nur um Macht und Wohlstand geht. Das war im 30 jährigen Krieg so und das war auch bei den Kreuzzügen so. Aber es hatte auch nicht nur seine Schattenseiten, so half es den Balkanvölkern, nicht ihre eigene Identität zu verlieren oder half es den Franken und Spaniern, sich der arabischen Eroberung ihres Landes zu wiedersetzen, in dem plötzlich langjährige Feinde zu Verbündeten wurden. Wie z.B. auch bei der Belagerung Wiens, als deutsche und polnische Truppen gemeinsam die Osmanen aus dem Reich vertrieben. Das alles sind deutliche Anzeichen dafür, dass es schon sowas wie ein europäisches Zusammengehörigkeitsgefühl gibt, nur in Zeiten des Wohlstands und des Friedens, wo man nicht so stark aufeinander angewiesen ist, gibt es auch öfters Streitigkeiten.
Europa ist ein kleiner Kontinent, auf dem viele sich voneinander unterscheidende Kulturen auf engsten Raum zusammenleben. Es stimmt, dass wir uns alle in Sprache und vielleicht auch in der Religion unterscheiden, aber wir haben ein gemeinsames Wertebild und eine gemeinsame Geschichte, die oft tragisch war, aber auch legendär. Jeder der das leugnet, brauch sich nur mal umsehen. Der heutige Straßenbau und Kanalisierungen stammen in Grundlagen aus dem Römischen Reich. Die Badezimmer, eine osmanische Errungenschaft. Das Christentum, der Islam, beide Religionen würde es heute nicht geben ohne das jüdische Volk. Man kann diese Liste noch endlos fortführen, wenn man will...
Re: Abendländische Kultur - Europa
das stimmt tatsächlich und man könnte meinen, es waren allesamt revolutionäre Ansichten, die aber auf den Grundsätzen des jüdischen Glaubens dennoch festhielten, zumindest rückblickend nicht verleugnet wurden. Sehen wir doch das ganze etwas nüchterner. Man gibt vor, etwas besonderes zu sein, aber die Geschichte hat uns gelehrt, das nichts auf Grundlage einer eigenen vollkommen isolierten Idee heraus entstand, sondern Merkmale anderer Kulturen, Religionen, regionalen Gegebenheiten angepasst übernommen wurden. So auch die griechischen Sagen und Mythen, die über das arabische ins lateinische über Spanien gelangten und auch hier Juden, Muslime und Christen ineinandergreifend die Übersetzungen vornahmen. Wo soll also der grundlegende Unterschied sein? Demokratieverständnis ist relativ, kann nicht als absolute Größe angepriesen werden, dazu gehören viele anderen Faktoren hinzu. Ein Nomade in der Wüste hat andere Verhältnisse als ein Europäer in einem Wald- und Seenlandschaft. Ich setze hier an und sage: würden diese Grundlagen den Europäern entzogen werden, wäre das Demokratieverständnis und alles was damit in Zusammenhang steht, keinesfalls anders. Das beziehe ich auch auf Griechenland. Mag sein das in Mitteleuropa die Verhältnisse ruhig sind und die Menschen in vernünftigen Maßstäben leben, aber das ist solange der Fall, wie der Wohlstand beibehalten wird. Es würde sich ein anderes Bild ergeben, sollte der Wohlstand nicht mehr gewährleistet werden. Man geht doch hier nicht davon aus, das dies ewig so anhalten wird. Reiche kamen und gingen, Europa in seiner jetzigen Form wird es irgendwann auch nicht geben und da werden Demokratie und Recht zu allererst auf dem Kicker stehen als es vielen lieb sein kann.
Ercan Tekin ist 32, in einem Angestelltenverhältnis und frisch verheiratet. Lebt seit der Geburt in Nordrhein-Westfalen und fühlt sich dem Geburts- (BRD) und Vaterland (TR) gleichermaßen verbunden.
Re: Abendländische Kultur - Europa
Da gebe ich dir zu 100 Prozent recht. Europa ist da keine Ausnahme. Demokratie ist ein Luxus und ein Geschenk, für welches Völker meist mit viel Blut bezahlt haben. In Zeiten von Krisen und Schwächephasen eines Staates, ist es deutlich leichter für Populisten oder für Machtpolitiker, das Volk aufzuhetzen oder ein Land zu entdemokratisieren ohne das es die Mehrheit wahrnimmt oder wahrnehmen will. Die Demokratie ist nicht perfekt, auch sie hat ihre Schattenseiten (allein schon deshalb, weil die Mehrheit auch nicht immer recht haben muss), aber verglichen mit den anderen Staatsformen, ist bei ihr das Risiko von Machtmissbrauch am Geringsten, weil das Volk Rechte hat und nicht von der Willkür seiner Führer abhängt.
Was der fundamentale Unterschied ist? Keine Ahnung. Heute, im Informationszeitalter verwischen die geistigen Unterschiede immer mehr. Ich glaube, das ist der Grund, weshalb sich viele Menschen zwanghaft abzugrenzen versuchen. Es braucht einfach Zeit, denke ich. Schließlich haben Juden jahrtausendelang unter Muslimen und Christen gelebt, weshalb ihnen vieles leichter fällt, auch wenn es gerade in Israel auch mittlerweile einen ausgeprägten Fundamentalismus gibt, der den Frieden in Nahost unmöglich macht. Der Unterschied zwischen christlichen und muslimischen Gesellschaften, der teilweise noch besteht, liegt vor allem daran (wenn man die Türkei und Albanien mal ausklammert), dass man fälschlicherweise davon ausgeht, dass die europäischen Zivilisationserrungenschaften wie z.B. Demokratie oder Menschenrechte (in der europäischen Interpretationform) allgemeingültig auf alle anderen Kulturen übertragen werden können. Das ist aber nicht so. Selbst im christlichen Europa hat diese Entwicklung Jahrhunderte gebraucht und auch in der Türkei dauert sie schon fast 100 Jahre. Demokratie setzt eine Individualgesellschaft voraus, die es so in einer clanorientierten und tiefreligiösen Gesellschaft nicht geben kann. Doch wie alles in der Welt, hat auch diese ausgeprägte Individualgesellschaft ihre Schattenseiten, weil Menschen in ihr oft egoistischer, wenn auch kreativer, sind und es in Krisenzeiten (z.B. durch den zunehmenden Druck auf die Wirtschaft und damit auf den Arbeitsplatz aufgrund der Globalisierung) oft zu weniger Familiengründungen kommt... Diesbezüglich sind religiöse und clanorienterte Gesellschaften weniger betroffen, weil bei ihnen die Familie meistens an erster Stelle steht und man sich in Krisenzeiten auf die Familie stützen kann und man eher bereit ist, dafür auch Armut in Kauf zu nehmen.