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Bestandsaufnahme um den sogenannten 24. April, dem Tag an dem der Völkermord an den Armeniern in der Türkei nach eigener Lesart begann.
Hass und Wut regiert seit gestern die Straßen in Eriwan. Jugendliche marschieren in Richtung Tzitzernagaberd-Gedenkstätte, verbrennen dabei Fahnen, stimmen sich für den heutigen Tag ein.
Der 24. April kommt in Riesen Schritten und der Hass hat sich wie eine Flamme im ansonsten rationalen Denken der Menschen seit mehr als 90 Jahren fortgepflanzt. Flaggen-Verbrennen gehört am 24. April genauso zum Standardrepertoir, wie das Gebet am Mahnmal, in der die Flamme nie erlischt. Mehrere Tausend versammelten sich am Abend in den Straßen von Eriwan und marschierten und verbrannten auf dem Weg zur Gedenkstätte türkische Fahnen und Konterfeie türkischer Politiker.
Hass und Wut wird auch am gestrigen und heutigen Tag in aller Welt zur Schau gestellt. In Beirut empfingen armenischstämmige Libanesen türkische Geschäftsleute mit Eiern, die zu einer Wirtschaftskonferenz angereist waren und die in einem Hotel ausgetragen werden sollte. Annähernd 200 Diaspora-Armenier protestierten vor dem Hotel und bewarfen die Gäste mit Eiern.
Eine andere Beobachtung kann über die Meinung in Armenien und im Ausland nicht hinwegtäuschen. Der in den USA geborene und aufgewachsene Diaspora-Armenier Richard Giragosian wird in seinem Büro in Zeytun-Türkei interviewt. Er ist eine Schlüsselfigur in den Beziehungen zwischen Armenien und der Türkei, Direktor des armenischen Instituts für Strategieforschung.
Im Interview betont Richard Giragosian, das Armenien keine territorialen Ansprüche gegenüber der Türkei erhebt. Ob Obama das G-Wort aussprechen werde, fragt ihn der Journalist! Nein, er Glaube nicht daran, das sich Obama in dieser Frage politisch aus manövriert. Dagegen will er aber von einer Lösung der Frage um Bergkarabach durch mitwirken der Türkei nichts Wissen. Die Türkei habe in dieser Frage nichts verloren, betont er. Für eine historische Kommission ist Richard Giragosian dennoch zu haben, als er darauf angesprochen wird. Die Prioritäten müssten aber zuerst auf eine Normalisierung gesetzt werden, danach habe die Frage zu 1915 in gemeinsamen historischen Bewertungen eine Basis, auf die sich aufbauen lässt. Giragosian befürwortet aber einen Frieden, der erst gesichert werden kann, wenn die Beziehungen sozialer, wirtschaftlicher und kultureller Art, Früchte tragen. Seine Kollegen nicken dabei; wie gerne würden sie nach einer Grenzöffnung die Stätten besuchen, in denen Armenier leben und gelebt haben, der Vater oder die Mutter stammen. Der Frieden ist aber dennoch weit entfernt. Hass und Wut säumen die Straßen von Eriwan. Das Protokoll zwischen Armenien und der Türkei wird verteufelt. Die Dashnakzutjun (Armenische Revolutionäre Föderation), viertstärkste Partei in Armenien poltert seit gestern drauf los. Armenische Politiker werden kritisiert, die die Normalisierung befürworten. Die Beziehungen sollen beendet werden, rufen die Demonstranten in Sprechchören.
Was passiert dagegen in der Türkei? Die für den heutigen Tag angekündigte "Mahnwache" spaltet die Intellektuellen im Land. 65 Intellektuelle, Politiker und Künstler hatten zu der Mahnwache vor dem Haydarpasa-Bahnhof in Istanbul aufgerufen, um die "schreckliche Tat" nicht zu vergessen. Gegner halten fest, dass die "schreckliche Tat" ideologisch mit der Diaspora im Einklang steht. Das die Tat schreckliche Ausmaße angenommen habe, erklären mehrere Intellektuelle, leugne niemand. Es spreche aber vieles gegen die Mahnwache, da bewusst andere Opfer ausgeklammert werden, u.a. auch türkische. Ausserdem werde die Definitionsfrage und die Wortwahl mit dem juristischen Begriff Völkermord, dem ansinnen der Mahnwache nicht gerecht.
In Ankara stehen dagegen die Konferenzteilnehmer unter freiem Himmel. Das für das Wochenende geplante internationale Symposium "Initiative für Meinungs- und Forschungsfreiheit" kann nicht ausgetragen werden, weil sich keiner bereit erklärt hat, die Teilnehmer aufzunehmen, das Symposium austragen zu lassen. Kein Hotelgeschäftsführer, kein Parteivorsitzender, kein Geschäftsmann, der sein Gebäude für das Symposium vermieten, gar zur Verfügung stellen will, sofern sich niemand dazu bereit erklärt die Verantwortung zu tragen. Den gibt es zwar, doch einen gewalttätigen werde er nicht auch noch eine Plattform bieten. Der stellvertretender Parteivorsitzender der SP wollte sich für das Symposium stark machen und hatte bereits die rechtlichen und politischen Sicherheiten zugesichert und auf sich geladen; dann aber sein Angebot davon abhängig gemacht, das ein Redner in der Liste ausgeschlossen wird, das er kurz danach zu Gesicht bekam. Mustafa Kahya gab als Grund an, Sevan Nişanyan wäre kurz zuvor gegen die eigene Ehefrau sowie andere Historiker gewalttätig gewesen. Dies sei dem Veranstalter bereits einen Monat zuvor bekannt gewesen, sagte Kahya gegenüber der BIANET. Der Sprecher des Veranstalters (ADÖG) Sait Cetinoglu hatte zwar die Genehmigung nach §2911 eingeholt, um das Symposium austragen zu können, jetzt fehle aber der Austragungsort. Niemand wolle die Verantwortung dafür auf sich laden, erklärte Cetinoglu. An Sevan Nişanyan habe man festgehalten, weil er als Angehöriger der Opfer von 1915, als Redner von besonderer Bedeutung gewesen sei. So stehen sie nun vor verschlossenen Türen, wegen Gewalt und Ideologien , die im Spiel waren, schreibt Cemil Ertem in der TARAF.
Und was passiert in Deutschland? Prof. Dr. Halil Berktay nimmt am Donnerstag an einer Konferenz in Hamburg teil und findet das Einfrieren der Protokolle zwischen Armenien und der Türkei als traurige Entscheidung. Berktay findet, das sich die Türkei seit mehr als 10 Jahren sich kritisch mit der Frage beschäftigt und weiterhin daran arbeitet, so zu sehen an der Mahnwache in Istanbul, die am Wochenende stattfinden soll. Die Veranstaltung verläuft bis auf einen lauten Zwischenruf und einer kurzen Aufforderung, die Konferenz nicht zu stören, dennoch ruhig.
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