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Günter Grass sprach und im Sommerpalais des deutschen Botschafters in Tarabya am Bosporus hörten die Türken zu, so wie in alten Zeiten. Die anwesenden Türken sind wohl in die Wilhelminische Zeit zurückversetzt worden, liest man sich die mediale Inszenierung hierzulande durch, wo Besuchsprotokolle noch monarchistisch abgehalten wurden, Ja und Amen, Ehre und Jawohl im Kaiserreich obligatorisch waren.
Zurück zum Pontifex Maximus, dem Brückenbauer, der am Freitag auf Einladung des deutschen Botschafters Dr. Eckart Cuntz im Sommerpalais vor sprach. Weitere Anwesende der Runde waren die Goethe Institutsdirektorin Claudia Hahn Raabe, der Vorsitzende der Kulturstiftung der türkischen Industriellen Yekta Kara, Schriftsteller Yasar Kemal sowie Ertugrul Günay, Kulturminister der Türkei. Merkwürdigerweise sprach Grass nicht während der Anwesenheit Günays, sondern erst in einer Pressesitzung, wo der Kulturminister bereits durch abwesend glänzte.
Dann die Rede, über die deutsche Medien seit Freitag begeistert berichten... "Die Türkei muss sich ihrer Vergangenheit stellen" und "von höchster Stelle ist eine Entschuldigung fällig" sagt Grass weiter. Dazwischen Willy Brands Kniefall in Warschau, seine eigene Vergangenheit im Bezug zum Nazireich und seine anhaltende Amnäsie als Beispiel der Vergangenheitsbewältigung; hatte er nicht gerade erst Zeugnis abgelegt und was hat das mit der Türkei zu tun? Jedenfalls hörte man von seiner Vergangenheit in der Rede nichts, ausser das er 17 Jahre alt war und nach dem Fall des Dritten Reiches an die Unschuld Deutschlands lange Zeit geglaubt hat.
Immerhin, Grass hat ja etwas gewagt, was in der Türkei nicht für möglich gehalten wurde, aber ist das tatsächlich so, wie es uns hier glaubhaft gemacht wird? Erinnern wir uns doch an Hrant Dink, der sehr wohl als eine kritische Stimme wahrgenommen wurde, seine Herkunft die Kritik nicht minderte, sondern verschärfte und wohl deshalb mehrere Hunderttausend auf die Straße gingen, um seine Stimme am Leben zu erhalten, nach dem er von einem jungen Mann nieder gestreckt wurde, nicht so sehr, weil er die Vergangenheitsbewältigung kritisiert hatte, sondern weil er heimtückisch und ohne Grund ermordet wurde. Dann gibt es Journalisten und auch Historiker die kritisch über die Hintergründe im 1. Weltkrieg berichten, unabhängig davon ob sie nun angezeigt und vor Gericht gezerrt werden, weil andere moralische Instanzen wie Günter Grass sich im Recht sehen. Sie gibt es wie Sand am Meer.
Auf der anderen Seite hat Grass aber gekonnt agiert, als er das berüchtigte Wort nicht über die Lippen brachte. Er wusste wohl oder wurde bewusst darauf aufmerksam gemacht, was man in der Türkei nicht sagen darf, weil Türken es verletzend empfinden könnten. Er forderte lediglich die Türkei auf, sich bei den Armeniern für das Leid und Geschehen zu entschuldigen. Wenn das alles ist, habe die meisten Türken keine Probleme damit. Ist ja nicht so, dass den Türken nicht bewusst ist, das Leid und sehr viel Unrecht im Spiel war. Damit könnten sich sehr viele Türken arrangieren und über ihre eigenen Opfer hinwegsehen, aber mit einem G... davor, dass wird auch ein Pontifex Maximus nicht einfordern können, auch nicht in der Rolle der "moralischen Instanz" die ihm jetzt zu gedichtet wird.
Günter Grass bleibt was er ist: er gefällt sich wie jeder anderer, der die Völkermordthese an den Mann bringen will, in der Rolle des Lichtes, das zur vermeintlichen Erleuchtung der Unwissenden dient. Und genau da spürt man die selbstgefällige und überhebliche Art der Europäer, andere wegen ihrer vermeintlichen Unwissenheit zu berichtigen und mit Schuldkomplexen zu beladen. Das sich kein Türke im Presseraum und darüber hinaus aufgeregt hat, mag wohl an der Gastfreundschaft der Türken liegen, die schon bei Zeiten Wilhelminischer Besuche, parierten wie der Vollblutaraber im spanischen Reitstall. Das wird dann als vermeintliche Einleitung zur Entschuldigung und Anerkennung verkauft und der moralische Sieg medial ausgekostet. Michael Thumann macht es in der ZEIT vor und interpretiert eine Kolumne des HÜRRIYET-Journalisten (Dogan Hizlan) so: Grass habe "seine Erfahrungen" darüber offenbart, wie "die Menschheit in Frieden leben könne". Dabei bezog sich Hizlan lediglich auf die Rolle der Schriftsteller in den bilateralen Beziehungen. Für Dogan Hizlan werde damit die Freundschaft zwischen der Türkei und Deutschland gestärkt. Nichts über die Presseerklärung, nichts über die Armenier oder die Forderung Günter Grass. So kann man einen Schriftsteller auch ins Rechte Licht rücken und eine andere Meinung (die eines Türken) als Anerkennung für seine Äusserungen ausgeben.
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