Der Holocoust für Armenier, Griechen, Assyrer und Kurden

Artikel »

Erzurum
Holocoust: Die Terminologie die gegen den Erzfeind herhalten soll. Armenier, Griechen, Assyrer und Kurden benutzen die Begriffe Genozid-Holocaust in Verbindung mit ihren verlorenen Ansprüchen und wie Pater Raniero Cantalamessa - päpstlicher Hofprediger des Vatikans - gegen die deutsche "Mißbrauchshysterie".
 
Pater Cantalamessa zitierte dabei einen Freund, der sich mit einem Brief an ihn gewandt hatte: "Die Verwendung von Stereotypen, die Übertragung der persönlichen Verantwortung und Schuld auf ein Kollektiv erinnert mich an die schändlichsten Aspekte des Antisemitismus". Die Antwort auf diese Predigt kam prompt. Stephan Kramer vom Zentralrat der Juden kritisierte diesen Vergleichsversuch. Kramer ging dabei konsequent und eigentlich auf die Unfähigkeit der Kirche ein, die Kritik nicht aufkommen lassen will. Die Kirche, so wollte wohl Stephan Kramer in aller Deutlichkeit klarstellen, werde mit Kritik überhäuft und nicht wie impliziert der Petersdom brennen oder aus den Brennöfen Rauchschwaden emporsteigen. Das Argument sollte gesessen haben, denn der Vatikan wollte und konnte die Predigt des Paters nicht als die eigene verteidigen. Das sehen Katholiken in Deutschland anders und empfinden die Aussagen Kramers als skandalöse Gewaltphantasien und sehen in ihm einen Konvertiten der "für seine antikirchlichen Ausfälle bekannt ist".
 
Ein anderer Vergleichsversuch hat dagegen in Deutschland Hochkonjunktur. Armenier, Griechen, Assyrer und mittlerweile auch Kurden nehmen den Holocaust in Anspruch, wenn es um die verlorenen Rechte und das Leid in Kleinasien geht. Kein Kurdistan, kein Großarmenien, kein Assyrien und auch keine Megali Idea. Wie der Osten Kleinasiens nach 1918 aufgeteilt werden sollte, wenn alle genannten Ethnien ihre Ansprüche geltend gemacht hätten und der Vertrag von Sevres in Kraft getreten wäre, das ist hingegen unklar. Ostanatolien, vom Schwarzen Meer bis Kilikien am Mittelmeer, von Sivas bis Dogubayazit an der Grenze zu Armenien und Iran. Ein Gebiet das von allen beansprucht wurde aber nie Staatssouveränität erhielt, weil der Streit um die Schnittpunkte vorprogrammiert gewesen wäre. Wohl deshalb kam der Sevres-Vertrag der mit der provisorischen Regierung in Istanbul unterzeichnet wurde, nie in Geltung. Sie hätte ein weiteres Krisengebiet geschaffen, wie die Orientfrage, die nach 1922 in Europa für erhebliche Anstrengungen sorgte um den Frieden zu sichern. Nach 1922 hatte sich die Frage in Ostanatolien und in Thrazien von selbst gelöst. Mustafa Kemal Pascha bescherte den Griechen die Kleinasiatische Katastrophe und im Osten leitete man das Ende der armenischen Expansionsgelüste in Aserbaidschan ein, wobei die russischen Bolschewiken tatkräftig mitwirkten und die neu entstandenen Republiken verschluckte. Die Kurden in Kleinasien kämpften hingegen mit den Türken im Befreiungskrieg und die Assyrer mussten feststellen, dass man auf das falsche Pferd gesetzt hatte. Die Engländer kamen trotz angekündigtem Beistand am Urmiasee nicht an und mussten sich vor der Übermacht der Türken retten. Welch eine Ironie, einen Kampf als Holocaust darzustellen.
 
Der Vergleichsversuch mit dem Holocaust hat einen wissenschaftlichen Ursprung. Hin und wieder werden Rezeptionen vorgestellt, in der man mehr oder minder versucht, den Holocaust mit der Armenier-Frage vergleichend zu hinterfragen. Sie scheitern bereits an den Anfängen. Das Steckenpferd bildet für die Armenophilen zumeist der Nationalismus. In der Türkei soll dieser Nationalismus mit den Jungtürken erwacht sein. Das mag wohl stimmen, doch erklärt es nicht, warum armenische Organisationen genauso unter den Jungtürken vor kamen, sie sogar vor den Schergen des Sultans schützten. Der Nationalismus hatte also nicht nur die Türken erfasst, sondern auch alle anderen Ethnien und diese richtete sich vorerst gegen den Osmanismus mit seiner zu der Zeit erdrückenden Politik, die auch durch die Großmächte verschärft wurde. Verschärft wurde dieser Nationalismus auch durch europäische Einflüsse, wo die Elite aus dem Osmanischen Reich genährt wurde. Die Ausbildung von ethnisch homogenen Nationalstaaten innerhalb dieser jungtürkischen Bewegungen differenzierte immer mehr. Es kristallisierte sich auch der ethnische Nationalismus. Daschnaken, Hindschaken, armenische Parteien, sie alle sind Produkte dieses Nationalismus, das zwischen 1918 und 1922 für einen kurzen Augenblick ausgelebt und ausgekostet werden konnte, mit all ihren Schattenseiten. Heute hält sie in Armenien an und die Geschicke des Landes werden nach dem Zusammenbruch der UDSSR von eben diesen Parteien gelenkt.
 
Obwohl nicht als historische Quelle zu deuten und rein fiktiv zu bewerten, wird auch der Roman "Die vierzig Tage des Musa Dagh“ von Franz Werfel für die historische Nähe zum Holocaust immer wieder verwendet. Werfel war bei Reisen, die er in den zwanziger Jahren nach Palästina unternommen hatte, über die Wellblechhütten geschockt, in denen Kugelrunde Augen auf ihn blickten. Der Schock des Gesehenen habe, so legt es zumindest die Einleitung des Romans nahe, in ihm den Wunsch keimen lassen, "das Verbrechen dieses Genozids in Form eines großen Romans ins dauernde Bewusstsein der Europäer zu bringen". Dass er dabei mit seiner Erzählung über die gelungene Rettung von mehreren Tausend Widerständlern ein ausgesprochen untypisches Ereignis wählte, darf wohl auf das dramaturgische Gespür des Autors zurückgeführt werden. Der Roman erschien im November 1933. Wohl nicht nur, weil Werfel früher Jude gewesen war, wurde die Erzählung über den heroischen Widerstand schon zwei Monate nach seinem Erscheinen in Nazideutschland verboten und sogar öffentlich verbrannt. Der Erfolg blieb dennoch nicht aus. So soll Werfels Buch zusammen mit Tolstois "Krieg und Frieden" zu den meistgelesenen Werken in den osteuropäischen Ghettos gezählt haben, auf das sich auch vermehrt Armenophile berufen und eine Singularität sehen.
 
So plump wie man diesen Roman als etwas historisches darzustellen versuchte oder wie Pater Cantalamessa die Mißbrauchsbeschuldigungen mit einem Vergleich mit dem Holocaust bewerkstelligen wollte, genauso ging auch der wohl berüchtigste armenisch-stämmige Historiker Vahakn N. Dadrian zu Werke, als er es erwiesen sah, das osmanische Behörden die Armenier während des Ersten Weltkrieges vergast hätten. Die Türken wären somit die Erfinder der deutschen Gaskammern. Einen Beweis dafür gab es zwar nicht, die Diskussion wurde dennoch entfacht und als etwas gesichertes angesehen. In neuen Rezeptionen werden die deutschen "Zeugen" des sogenannten Völkermordes an den Armeniern als Ideengeber für Hitlers millionenfachen Massenmord gehandelt. Immer wieder trifft man dabei auch auf die sogenannte Rede Hitlers in Obersalzberg, in der er von "wer spricht heute noch von der Vernichtung der Armenier?" oder aber in einer anderen Version "wer erinnert sich heute noch an das armenische Blutbad?" gesagt haben soll. Wie auch immer die Vergleichsversuche mit benennen dieser Punkte ausfallen, sie sind höchst umstritten und bilden weiterhin die Grundlage für die historische Forschung für alle "Menschheitsverbrechen", mit Ausnahme letztgenannter Dichtungen. Forschungen in diesen Fragen in Verbindung mit dem Holocaust bedeuten, Erklärungen anhand von angrenzenden Ereignissen zu finden, die unter anderem in der Armenier-Frage weder abgeschlossen noch obsolet sind. Das ständige heranziehen des Holocaust als Träger für die eigenen Ansichten, wird aber weder der Historie gerecht, noch ist sie der übergreifenden Wissenschaft dienlich. Sie bildet nur einen weiteren Horizont zur Klärung. 
 
Der Träger, Inbegriff des Leids, hat in vielen Formen Einzug in der Armenier-Frage erhalten. Vahakn Dadrian bildete den Zusammenhang. Richard Hovannisian führte diese fort, in dem er seinen Buchtitel mit "The Armenian Holocaust..." begann. In der Neuzeit geht man mit dem Begriff Genozid und Holocaust auch nicht gerade sparsam und sorgsam um. Der aktuellste Dokumentarfilm der ARD (Der Schleier der Dunkelheit), die am 9. April ausgestrahlt wurde, ging mit einem massiven Werben auf Kosten des Holocausts einher. Die Doku wurde dabei mit erschreckenden Bildern untermalt. Ob sie die Wirkung erreichen konnte, die man dabei erzielen wollte, darüber kann man streiten. Die Gleichsetzung mit dem Holocaust in Verbindung mit Bildern dürfte aber bescheiden ausgefallen sein. Zieht man die dokumentierten "Menschheitsverbrechen" des Ersten Weltkrieg an allen Kriegsschauplätzen heran und vergleicht sie mit dem im Dokumentarfilm gezeigten Bildern, wobei hier erst einmal gesichert sein muss was sie suggerieren, so wird einem schnell bewusst, dass das Leid der Armenier im Bezug auf andere Leidgenossen in der damaligen Zeit kaum höher zu bewerten ist. Ob das nun im Balkan, in England, in Griechenland, im Kaukasus, Russland oder anderen Schauplätzen mit ähnlichen Vertreibungen und Massakern der Fall ist, unabhängig davon wie viele letztendlich davon betroffen waren. Das gilt insbesondere auch für religiöse Minderheiten und Ethnien. Es sind Türken aber auch Juden und Albaner, Mazedonier und Bulgaren, die aus Griechenland während der Unabhängigkeitsbestrebungen oder innerhalb der Balkanstaaten hin und her getrieben und massakriert wurden. Es sind Muslime und Juden, Tscherkessen und Aserbaidschaner, die aus dem Kaukasus in das Osmanische Reich flüchteten oder in anderen Regionen angesiedelt wurden. Es sind Kurden wie Araber, die von der herannahenden Front im Sinai bis hinein nach Kilikien flohen und dabei unendliches Leid erfahren hatten. Demografische Wandlungen im Zuge eines Krieges fanden in der ganzen Welt mehr oder minder statt, mit den gleichen Erfahrungen und dem gleichen Leid. Will man in diesem Kontext verfahren, dürfen Türken die vor und während dem Ersten Weltkrieg eine ähnliche Erfahrung gemacht haben, nicht aus diesen Vergleichsversuchen ausgeklammert werden. Sie werden aber konsequent ausgeklammert.
 
Konnten Sie dieses Trauma verarbeiten? Mit Sicherheit dürfte die Antwort ein Ja sein. Es ist weder eine Belastung, noch eine Pflicht, immer wieder Zeugnis ablegen zu müssen, über ihre ermordeten, geschundenen Angehörigen, damit diese nicht endgültig vergessen werden. Sie sind ein Teil der Geschichte, über die sich der Leichentuch der Zeit gelegt hat. Weshalb sich die armenische Diaspora virulent dafür einsetzt, dies "unvergessen" zu machen, verstehen zum einem die Türken selbst nicht, zum anderen werden eben diese eigenen "vergessenen" Angehörigen erneut in Erinnerung gerufen. Auch sie bilden ein Teil der ineinander verwobenen Geschichte.
 
Genau das aber bildet das Rückgrat der Armenier. Opfer können nicht zugleich Täter sein, wenn es im Vergleich mit dem Holocaust des Zweiten Weltkriegs konkurrieren will, denn eins ist wohl unbestritten: Juden hatten nicht den Nationalismus gehegt und waren auch sonst nicht, weder einzeln noch als Gemeinschaft, aktiv gegen einen Staat vorgegangen. Griechen können nicht zugleich Vertreiber und Nationalisten sein, wenn es um Pontus-Griechen geht, die durch die kleinasiatische Katastrophe betroffen, eine neue Heimat fanden. Assyrer können nicht Opfer sein, wenn sie sich auf die Seite der Alliierten schlagen und bei einem Konflikt, Heimat und Souveränität verlieren. Die Türkei mag wohl mit einem erstarktem Nationalismus Kleinasien zusammengehalten und letztendlich behalten haben; sie haben sich aber über ihre Opfer weltweit niemals beklagt und schon gar nicht Vergleichsversuche unternommen. Sollte das mal der Fall sein, müssten Abermillionen muslimische Türken auf dem Kerbholz einiger Ethnien, Stämme, Völker, Staaten und Reiche verewigt werden. Das dieses Bewusstsein für das eigene Leid noch unterbewusst wahrgenommen wird, bedeutet noch lange nicht, das man sich nicht am Beispiel einer Erika Steinbach orientiert und ein Zentrum für Erinnerungskultur wie in Berlin in Erwägung zieht. Vorstellbar und überaus realistisch ist es: Der Holocaust an Türken.
 
 
 
Loading