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Kirchen lamentieren über die Religionsfreiheit in der Türkei. Dabei geht es eigentlich nur um die Ausweitung der Rechte einer Kurie, die in Europa über die Strenge schlägt, eigene Prinzipien verfolgt und Gesetze links liegen lässt.
Was haben wir all die Wochen aus Europa nicht vernommen: Schüler die "belästigt" wurden, Geheimniskrämerei, Vertuschungsgerüchte etc.. Es ist schon frappierend, in welcher Art und Weise man in Deutschland gewisse Sachverhalte wahrnimmt. Insbesondere, wenn es um fremde Belange geht. Doch genug der Schelte. Eigentlich geht es um die Religionsfreiheit, die ständig der Türkei an den Kopf geworfen wird. Dabei sind die Kirchen nicht minder schwer beteiligt. Das Verfassungsprinzip in der Türkei, das auf den Laizismus aufbaut, ist für Deutsche genauso wenig zu verstehen, wie dem Franzosen zu erklären ist, das Deutschland die Kurie finanziert und für sie die Steuern eintreibt.
Manch ein deutscher Politiker findet sodann besonnene Worte, klopft den Bestrebungen der türkischen Regierung munter auf die Schultern, wenn diese erneut gegen die laizistischen Regeln anrennt, hier und da neue Vorstöße in Richtung Christenheit verkündet. Andere laufen in Höchstform auf und verkünden das Aussterben der christlichen Minderheit. Bestimmte Minderheiten oder Religionsgemeinschaften in der türkischen Gesellschaft Scheibchenweise zu bevorzugen, damit wollte die junge Republik brechen. Deshalb nahm es zum Teil die Verfassungsprinzipien einiger europäischer Staaten in seine Rechts- und Verfassungsbücher auf, baute sie sogar fortschrittlich aus.
Und was will der Klerus in Deutschland von der Türkei? Genau, sie will diese Prinzipien verwässern, nach eigenen Maßstäben umformen. Sie sieht eine Adelung religiöser Kollektive ähnlich der Regelung in Deutschland vor. Nicht anderes. Es gibt in der Türkei keine Körperschaften Öffentlichen Rechts, wie es in Deutschland der Fall ist, und das ist gut so. Es gibt nur eine oberste Instanz, die sich Staat nennt und seine Regeln definiert. Dies ist darin begründet, dass der Staat neben sich keine Körperschaften auf Augenhöhe duldet. In dieser Frage ist der Artikel 9 der EMRK auch eindeutig, die in Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit, klar definiert wird und auch die Türkei gewährleistet. Es handelt sich schlicht und einfach um ein Menschenrecht, um die Religionsfreiheit, um ein sogenanntes Individualrecht.
Wie kommt man also zu der Annahme, dass die Türkei der Kurie Rechte einräumen müsse, die selbst der Muslimischen Bevölkerungsmehrheit seit Jahrzehnten nicht mehr eingeräumt wird? Man kommt nicht darauf, man will es auf Umwegen aus dem Weg räumen, wie es zuvor schon von der muslimischen Seite versucht wurde. Vergessen? 1960? Was führte dazu, das Heybeliada sowie alle anderen zivilen Theologischen Schulen geschlossen wurden, auch muslimische? Bewegen wir uns also nicht auf dünnem Eis, wenn man der Türkei Sachen vorwirft, die nicht einmal ansatzweise richtig wiedergegeben oder bewusst falsch interpretiert werden. Außerdem sei die Frage in den Raum gestellt, wieso die Kurie oder die Kirchen nicht an eine Stiftung oder einen Trägerverein denken und etablieren, um den Kirchenbau zu forcieren? Wieso fechtet man dieses Verfassungsprinzip nicht vor dem EGMR an?
Genau auf diese Art und Weise werden doch Moscheen in Deutschland gebaut und betrieben. Wirft man Deutschland etwa vor, aufgrund dieser Praxis gegen die Religionsfreiheit zu verstoßen?! Die Türken wollen keine Strukturen auf Augenhöhe des Staates sehen. Das betrifft religiöse Strömungen genauso, wie ideologische Strömungen, die die Einheit sowie den gesellschaftlichen Frieden stören könnten. Jedwede konfessionelle Richtung die sich neben den Staat stellen und Ihr eigenes Süppchen kochen will, wird in der Türkei keinen Erfolg haben. Das garantiert die Verfassung. Keine Klerikalen die in Gremien innerhalb der öffentlich rechtlichen Sendeanstalten sitzen und über Sinn und Unsinn des Lebens sinnieren, kein Klerus das der Regierung vorschreibt, wie sie die Menschen erziehen und bilden soll. Einzig die Religionsbehörde hat die Macht und die Befugnis, über religiöse Fragen, Antworten zu liefern und auch nur über diese Institution wird es möglich sein, Priester, Imame oder Rabbiner auszubilden. Was der individuelle Religiöse macht, interessiert den Staat nicht, sofern er die Verfassung achtet, sei es in einer Stiftung oder in den eigenen vier Wänden.
Das Patriarchat in der Türkei hat bisher alle Vorschläge im Hinblick auf das Priesterseminar in Halki abgelehnt. Der Grund dafür liegt in dem Umstand dass er offenkundig aus "Theologischen Gründen" dazu nicht in der Lage ist. Der faire Vorschlag der Türkei zur Gründung einer Theologischen Fakultät in Istanbul wurde vom Patriarchat abgelehnt. Der Patriarch hat als türkischer Staatsbürger jedoch keine Sonderrechte, nur weil er ein Klerikaler ist, was ja so schon ein Problem darstellt, wenn außer Landes dieser Klerus sich im Namen der Türkei berufen will. Das mag in Deutschland anders sein, in der Türkei ist es aber eben nicht so. Das Patriarchat hat keine Sonderstellung und ebenso sein Klerus.
Das funktioniert aber, ohh Wunder, bei den Imamen und Rabbinern sehr gut. Imame werden in Theologischen Fakultäten ausgebildet, Rabbiner sind in Stiftungen aufgehoben und Assyrern sowie anderen christlichen Minderheiten gewährt man trotz dieser Prinzipien mit einem zugedrücktem Auge immer noch die Ausbildung und die Lehre des Christentums. Es ist einfach nur infam, wenn man im Hinblick auf das Laizitätsprinzip in der Türkei so gebiert, als gäbe es dort keine Religionsfreiheit in der Türkei. Deutschland ist ein eingeschränkt säkularer Staat, indem der Volkssouverän zum Erfüllungsgehilfen eines oder mehrerer religiöser Kollektive gemacht wurde, siehe Kirchensteuer. Das bedeutet dann aber auch, das sich die Kanzlerin bei einer kritischen Äußerung gegenüber dem Klerus, alsbald Abstand davon nehmen muss und deshalb auch tunlichst vermeidet.
Die Kirchen insbesondere in Deutschland haben sich bitteschön mit dem Laizistischen Verfassungsprinzipien der Türkei abzufinden. Diese Gesetze und Regelungen sind vom Volkssouverän verabschiedet worden und stehen für mich und viele andere Türken über jeder Kirche und jeder Religionsgemeinschaft. Es dürfte für jeden nachvollziehbar sein, dass die Türkei besseres zu tun hat als sich den Wünschen der Kurie und Ihrer Advokaten im Hinblick auf deren seltsame Vorstellung von Religionsfreiheit zu beugen. Herr Lammert oder andere Politiker sollten sich besser mal die eigenen Bischöfe ins Gewissen reden und zusehen dass die Kirche sich endlich mal dazu herablässt, den eigenen Laden SAUBER zu halten und die Menschenwürde die im Menschenrecht verankert ist, wieder ÜBER das Bestreben zu stellen, das Ansehen des eigenen Vereins auf biegen und brechen zum Primaten zu machen.
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